22 Nov

Notizen im Buch im digitalen Zeitalter: Warum sie verschwinden und was sie uns sagen können

Von Nikolai Preuschoff

knolleary_15528875a8Es ist ja allen klar, dass es in den USA mal wieder schneller abläuft. Und dass der Fortschritt mal wieder mit 1-2 Jahren Verspätung in Europa und dann noch später in Deutschland ankommen wird. Hier nämlich wird erstmal oberkritisch alles beäugt, bis man sich dann auch endlich traut. Das war ja schon immer so. Mit den Video-Kassetten. Mit den Comics. Mit den Mobiltelefonen. Mit den Social Networking-Plattformen. Und jetzt halt mit den E-Books. Zu allem Überfluss haben wir ja noch den Buchdruck erfunden, deshalb werden wir sie noch später bekommen. Aber egal. Irgendwann sind die E-Bücher da, und dann gewöhnen sich plötzlich alle daran, und viele werden ihre ollen, vergilbten Bücher auf den Kompost werfen. Oder halt beim nächsten Umzug auf der Straße stehen lassen.

Alle wissen auch, dass dann so was ähnliches passieren wird, wie mit den Schallplatten: Irgendwann wird es ein Buchdruck-Revival geben, und die Zahl der Gedrucktbuchliebhaber wird wieder zunehmen. Kleine Independent-Verlage werden aus dem Boden schießen und alte, verrostete Druckerpressen vom Schrottplatz holen, wieder flott machen und damit bibliophile Ausgaben im Tiefdruck-Verfahren ins handgeschöpfte Papier prägen, und die Seiten wird man seitlich aufschneiden müssen, um sie lesen zu können. Es wird wieder sein wie früher, nur irgendwie elitärer, luxuriöser und nosthalgischer.

o-williams-signature

Was dann aber verschwunden sein wird, oder nur noch bei einer Handvoll Sammlern die Runde macht, ist eine Kategorie Buch, der heute kaum jemand Beachtung schenkt: das Buch mit alten Notizen darin. Ein besonderes Beispiel hält der Blogger Nick O’Leary schon jetzt bereit: eine Ausgabe des Spionage-Thrillers The Content Assignment, von Holly Roth (Penguin Books, 1954). Die Handlung ist im Kalten Krieg angesiedelt und erzählt aus Perspektive des britischen Reporters John Terrant wie er der mysteriösen Ellen Content (haha!) auf der Spur ist, mit der er zuvor eine kurze Affaire wo hatte? Genau: in Berlin! O’Leary sagt, er hätte das Buch über seine Eltern von seiner Großmutter bekommen, und vorher habe es einer (ihm unbekannten) Gwladys O Williams gehört. Schon diese ‘Genealogie’ ist toll (und bei einem E-Book kaum vorstellbar), aber noch besser wird es, weil Ms. O Williams mit Kugelschreiber verstreut im Buch eine Menge Anmerkungen und Kommentare hinterlassen hat…
knolleary_48ac218394
… die aus dem schnöden Thriller nun ein wertvolles, zeitgeschichtliches Dokument voller Ambivalenzen machen! Und hat Gwladys O Williams nicht recht mit ihren Anmerkungen?
knolleary_de34ddbb25
“Fools” und “insulting” notiert Ms. Williams auf anderen Seiten (“no-one is safe from her pen”, merkt dazu wiederum O’Leary in seinem Blog an), verteidigt auch die “Russians”, die vor allem unfair dargestellt seien, um schließlich den Satz “the Americans are our friends” mit den Worten zu kommentieren: “Now I wonder”! Das Beste aber ist ein empörtes Zwischenfazit: “Oh Scottland Yard what a disgrace to Britain you are!” steht da und ist — wie zur Bekräftigung — unterzeichnet mit: “O. Williams”.
knolleary_a160ccd6aa

Die Geschichte geht aber noch weiter und nimmt an Dramatik zu! Nachzulesen bei Nick O’Leary, hier. Toll!

Wer hat auch so ein Buch zu Hause?

Fotos: knolleary

Verwandte Artikel:

7 Reaktionen zu “Notizen im Buch im digitalen Zeitalter: Warum sie verschwinden und was sie uns sagen können”

  1. Tweets die goldmag.de » Blog Archiv » Notizen im Buch im digitalen Zeitalter: Warum sie verschwinden und was sie uns sagen können erwähnt -- Topsy.com

    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von goldmag, Streiflichter erwähnt. Streiflichter sagte: RT @goldmag: Was E-Books nicht können: Über Notizen in einem Cold-War-Thriller von 1954 http://tinyurl.com/yd69r5f [...]

  2. Simon

    cooler Text. Das wäre mal ein Thema für die Büchersammlung! ABER (muss ich jetzt mal altklug anmerken) im Kindle kann man ja auch Kommentare speichern! (aber es ist natürlich fraglich ob die fünfzig Jahre später jemand finden wird).

  3. Nikolai

    Danke! — vielleicht wird “mit Stift lesen” ja nochmal ein großer Trend! Bei den digitalen Kommentaren glaub ich’s aber eher nicht: Doch eher unwahrscheinlich, dass jemand in ferner Zukunft mal über die Eltern von der Großmutter einen Memory-Stick bekommt, auf dem ein gebraucht erworbenes E-Book mit Anmerkungen einer unbekannten Vorbesitzerin gespeichert ist! Aber wer weiß… bestimmt gibt’s da irgendwann ein passendes Widget und so.

  4. Thomas

    Das die Zeit gedruckter Fachzeitschriften vorüber ist, das wird wohl kaum jemand bestreiten. Romane und vielleicht auch Fachbücher werden aber noch längere Zeit digital und in Papierform nebeneinander existieren.

    Im angloamerikanischen Raum geht der Trend dahin als Zimmerdekoration Bücherrücken aus Pappe zu verwenden, die aber keinen Inhalt haben. Warum also nicht gleich die echten Bücher behalten?

  5. Simon

    übrigens gibt es in der arabistik an der uni leipzig ein, glaube ich einzigartiges, historisch-anthropologisches forschungsprojekt, das u.a. leserkommentare und kritzeleien in den bänden einer alten arabische familienbibliothek aus damaskus, die in der albertina liegt, untersucht…
    die sogenannte refaiya wird jetzt auch digitalisiert und die historisch interessanten leserkommentare ins papierlose zeitalter gerettet…
    http://refaiya.dl.uni-leipzig.de/content/below/index.xml

  6. Susanne

    Henry Thomas Buckles Bericht über das legendäre Alter indischer Herrscher wird in einer Ausgabe seiner “History of civilization in England” mit trockenem British humour quittiert. Das sieht so aus:
    Buckle

  7. goldmag.de » Blog Archiv » Bücherturm

    [...] wirft Fragen auf (was ein gutes Kunstwerk ja auszeichnet), Fragen, wie sie uns hier in der Reihe “Bücher im Digitalen Zeitalter” [...]