15 Nov

17. open mike — so war’s

Von Anne-Dore

open-mike_logoEigentlich haben wir dieses Mal alle gewonnen. Ursula Krechel, Sprecherin der Jury, schickte nämlich eine Belobigung vorweg: An uns. Das Publikum. Wir hätten nicht unter Niveau gelacht, seien aufmerksam und kultiviert gewesen. Da lachten wir doch alle erfreut (natürlich nicht unter Niveau).

Die offiziellen Preise der Jury, dieses Mal gleichrangig vergeben, gingen an:

1. Konstantin Ames (Lyrik, z.B. “leipziger langhaariges”): Der Wortalchimist, der mit seiner Lyrik den großen Wortweltraum entdeckte, Urs Engeler lobte den “hohen Ton” und die Auf-, Ab- und Umbrüche, außerdem “den Witz, der sitzt”.

2. Matthias Senkel (Prosa, “Peng. Peng. Peng. Peng.”): Der kürzeste Gabriel Garcia Marquez, dessen weltumspannende Familiengeschichte die Jury an Endler und Kluge erinnerte. (Matthias Senkel gewann außerdem den taz-Publikumspreis, von dem er sich zwar nix kaufen kann, aber immerhin wird er in der taz gedruckt und bekam zwei Mal eine Laudatio: Die taz-Publikumsjury bescheinigte ihm überraschende, junge Literatur, die beim Lesen und Hören gleichgut funktioniere und beim Wiederlesen noch besser werde.)

3. Inger Maria Mahlke (Prosa, “3. Kapitel: Potulski I”): Sie las aus einer klugen und dichten Milieustudie über die Störung einer Ordnung. Der Schauplatz: eine Wohnung. Die Figuren: Hermann, ein Sonderling, der Regen fotografiert und sich beim Betrinken langweilt, und Frau Potulski, die unvermutet in seine Wohnung einzieht und alles durcheinanderwirft. Ein Ausschnitt aus einem Roman, der bereits fertig ist. Den wollen wir bitte lesen!

Ansonsten, sagte Ursula Krechel, sei die vorgestellte Literatur insgesamt welthaltiger geworden, sie habe sich in diesem Jahr von Befindlichkeiten entfernt.

Ganz anders bewerteten das die sechs Lektoren, die sich durch insgesamt 700 eingeschickte Manuskripte zu arbeiten hatten. “Viel Ich, viel Beziehung, relativ wenig Welt und erstaunlich wenig Experiment” schreibt Wolfgang Hörner im Vorwort zur Anthologie. Und Klaus Siblewski sagte: “Die Beziehungen waren oft so groß, dass an Literatur gar nicht mehr gedacht werden konnte”. Die 20 ausgewählten Texte, da waren sich alle Lektoren einig, seien die Spitze des Eisbergs, bei den anderen Manuskripten sei noch weniger Politik und soziales Engagement vorhanden gewesen.

Ein Wochenende also mit vorwiegend inneren Zuständen, psychologischen Vorgängen, Menschlichem, Allzumenschlichem. Schönem. Blödem. Ärgerlichem. Beeindruckendem. Viele Omas, viele klingelnde Handys. Männer auf Brücken, Männer, die auf Mäntel pinkeln, segelnde Geschwister, Erdbeeren und Bierflaschen – und Einige haben auf der Bühne zwar nicht zur Rasierklinge gegriffen, aber gesungen oder den Takt geklopft. Erstaunlich viele, übrigens, trugen rote Rollkragenpullover.

Vielleicht ist ja endlich die Zeit der schwarzen Autorenrollis vorbei?

(Wer uns noch preisverdächtig aufgefallen ist: Anne Krüger (Lyrik) mit schnellen, gereimten, aber unkonventionellen rappigen Rhythmen (da gab’s sogar Zwischenapplaus); und Marie T. Martin mit “Nachmittag”, die bewies, dass handlungsarm alles andere als langweilig sein kann: Ein Ich und ein Du sitzen im Café, Du kauft Ich sieben Nelken, sonst gibt es keinen vordergründigen Plot. Aber hintergründig, da packte die Autorin die ganze Welt in ihren Text, die Gleichzeitigkeit von allem, eine Diagnose unserer Generation: Während wir einen flavoured Cappuccino bestellen, wird anderen anderswo der Kopf weggeschossen. Die Spitze des Eisbergs.)

Presseschau: So fanden’s Elisabeth Grün vom Börsenblatt, Christoph Schröder von der Frankfurter Rundschau und Wolfgang Schreiber von der FAZ.

3 Reaktionen zu “17. open mike — so war’s”

  1. Tom Müller

    Anmerkungen zur Klage der Lektoren,
    es würde zu wenig experimentiert, es würde zu wenig Welt vorkommen.

    Zunächst die Gegenklage:
    Wie kann es sein, dass die Wiener Lektorin es geschafft hat, aus den anonymen Texten einen Autor aus Wien auszusuchen?

    Was hat sich Herr Paschedag dabei gedacht, den Text “Alles auf ein Karte” von Pola Pulver einzuladen. Das war bestenfalls Lesebühnenniveau, also gut, weil nach drei Bier noch verständlich.
    Authentsich war der Text, ja, aber bei so geringen Ambitionen fällt es auch nicht schwer, sich selbst treu zu bleiben. Ihr Name jedenfalls war das Beste am ganzen Text.

    Jetzt die Anmerkung:
    Wer mehr Experiment will, muss mehr Experiment zulassen, d.h. auch mal einen Text annehmen, der seinen Ton nicht immer durchhält, aber dafür große Momente hat.

  2. uberVU - social comments

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  3. Lyriost

    Lieber Tom Müller, in den Texten finden sich deutliche Signale an die Wiener Lektorin: Wir sind Österreicher! Das war also nicht schwer. ;-)

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