Thomas Mahler – Die Treppe
Der ausführende Justizrepräsentant, Mittelschichtkind, verurteilt den gescheiterten Juwelendieb, Migrantenkind, zu zwei Jahren Haft. Zwei getrennte Welten mit Kindheitskontakt: Richter und Räuber sind in derselben Wohnsiedlung aufgewachsen. Ersterem, dem Ich-Erzähler, sind die eigenen sozialen Vorteile bewusst, aber unhinterfragt hält er sie für verdient, denn der Migrant hätte sich geweigert, „einen bürgerlichen Weg einzuschlagen“. „Sie hatten ihre Chance“, lautet das Verdikt. Abgeurteilt nach Akten-, nicht nach sozialer Lage. Man wünscht sich nach den ersten Absätzen eine Textinstanz, die den Ich-Erzähler beurteilt, diese erkenntnisresistente Jusitz-Entität. Der Text: Ein etwas blasses Bild deutscher Untertanenmentalität und Selbstgerechtigkeit.
Verquerste Raumsymbolik: „Ein einfacher Stuhl und ein strukturiertes Holzpodest waren vielleicht genauso weit voneinander entfernt wie zwei gegenüberliegende Balkons einer westdeutschen Siedlung.“
19. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 15.11.2009 – 14.45 Uhr