“It is a truth universally acknowledged that a zombie in possession of brains must be in want of more brains.”
Hallo, du olle Postmoderne! Beim Lesen der “9th Annual Years In Ideas” der New York Times – die Ideen des immer noch nicht ganz verflossenen Jahres würdigt, wie die zukunftsweisende Batterie aus Papier oder den nur für PeTA-freie Nachbarschaften tauglichen Glow-In-The-Dark-Dog – traf ich auf ein Phänomen, das mir beim Vorbeigehen an einem Schaufenster eines englischsprachigen Buchladens schon einmal ein verwirrtes Runzeln auf die Stirne trieb: B-Movie-Jane-Austen-Mash-Ups. Dabei scheint es sich, so vermutet die Times, um einen Marketingtrick der die Napster-Panik der frühen Nullerjahre in der eigenen Sparte durchlaufende Buchbranche zu handeln: Man nehme einen Jane-Austen-Roman, der, so das Klischee, eher von Frauen (und da wohl auch eher in Filmform) goutiert wird, und vermische ihn (früher hieß das Cut-Up, dann irgendwann Mash-Up) mit dem laut Statistik eher männerdominierten Genre des Zombie-Splatter-Gore-Formats und mache hernach einen Reibach. Zum Beispiel: “Pride and Prejudice and Zombies” oder “Sense and Sensibility and Seamonsters”. Zu 85 Prozent Austen, wird der gemeinfreie Text mit 15 Prozent von flink daherfabulierter Monsterkolportage verschnitten.
Diese “Quirk Classics” genannten Verwurstungsexperimente haben folgenden Zweck: “Our Mission: To enhance classic novels with pop culture phenomena.” Wobei natürlich der Nachdruck auf “enhance” zu liegen scheint, also verbessern oder aufwerten. Das scheint stillschweigend vorauszusetzen, dass die Klassiker ohne solche Galvanisierung ohne Leser blieben, die ja ohnehin weniger als Buchverehrer, denn vor allem als Fernseherseher oder Computerspielespieler gedacht werden.
Aus der Schirrmacherperspektive ist das natürlich furchtbar, von einem ähnlich unangenehmen Deutschlehrerstandpunkt gesehen dann wieder pädagogisch die geringere Katastrophe (“immerhin liest der Junge was!”). Als post-ideologischer Goldmensch jedenfalls begrüße ich diese Entwicklung – schließlich haben sowohl Jane Austen als auch Zombies ihren je eigenen, je nicht unberechtigten Reiz – sehe aber vor allem ein unausgeschöpftes Potenzial: Die ungemeine Gemeinfreiheit einer wachsenden Anzahl von Werken macht da eine ganze Menge möglich! Shakespeares pathetische Tragöden (gemeinfrei seit 1686, rechnet man 70 Jahre Urheberrecht) könnten sich vor den guten Cowboys bei Karl May (seit 1982) entleiben, die Irren Dostojewskijs (1951) sich in den Amtskasernen Kafkas (1994) langweilen und Horváths Spießer (dieses Jahr) bei Freud auf die Couch (dito).
Interessant wärs. Ob sich aber damit genausoviel Geld verdienen ließe wie mit Zombies, weiß ich nicht. Ich schätze mal: nein.
Am 12. Dezember 2009 um 10:36 Uhr
Ich find das mal eine gute Idee! Zumal Totenbeschwörung (Neuauflagen, Schiller-Jahr!) und Leichenfledderei (Plagiarismus!), doch lange üblich sind im Literaturbetrieb… Gerade erst wurde Nabokov aus dem Grab geholt, um ihn auf wunderbare Weise noch einmal als publizierender Autor zu wirken zu lassen! Ihm hat allerdings keiner irgendwelche Gore-Zeilen in die “Laura” reingeschrieben, insofern wäre er so der A-Movie Edel-Zombie. Vielleicht zeigt “Pride and Prejudice and Zombies” nur in groben Zügen, wie Literatur und Markt funktionieren –> perfide Gesellschaftskritik!
Am 12. Dezember 2009 um 12:39 Uhr
Eigenartig auch, dass das Mash-Up nur komisch in eine Richtung ist, oder nicht? Wenn man 15 Prozent “Pride and Prejudice” in “I am Legend” einwurstet, ist es wohl nur doof.
Am 14. Dezember 2009 um 08:42 Uhr
Was das angeht, wäre ich mich nicht so sicher: Da will man entspannt eine Vampirklamotte lesen, und plötzlich heißen alle Darcy. Schockierend.
Am 28. Dezember 2009 um 02:50 Uhr
[...] “It was a pleasure to burn” – ist selbst schon gleichgewichtig. Aus dem besprochenen ersten Satz des Jane-Austen-Zombie-Mashups hingegen entsteht das verrätselt lakonische: “If my brain is a universal truth that is [...]
Am 7. August 2010 um 10:56 Uhr
[...] heißt der Fake-Trailer, den Emily Janice Card und Keith Paugh gedreht haben. Wie schon bei den Zombie-Mash-Ups der Jane-Austin-Verfilmungen musste Austins Roman Stolz und Vorurteil (1813) für die [...]