31 Dez

Jahresrückblick auf das Westberlin der späten 80er, geschrieben von einem Österreicher

Von Nikolai Preuschoff

hermann-konstruktioneinerstadtDas Material, das Wolfgang Hermann in seinem dünnen Prosaband vor dem Leser ausbreitet, ist, glaubt man der kursivgesetzte Vorrede, bereits in den späten Achtzigern, im alten Westberlin entstanden. Heute, gut zwanzig Jahre und einen Staatspreis für Literatur später, gibt der Autor seine frühen literarischen “Versuche” (so der Untertitel) nun im kleinen österreichischen Limbus-Verlag heraus. Willkommener Anlass dürfte der kaum jüngere Jahrestag des Mauerfalls gewesen sein. Den unterschiedlichen Texten nimmt man ihr frühes Entstehungsdatum durchaus ab. Die lose in Kapiteln geordneten Prosaminiaturen, -fragmente, dazu ein “Gedicht” und ein abschließender “Brief aus einer Winterstadt”, bilden keineswegs eine formale Einheit. Was damals schlicht unfertig liegen geblieben sein mag, wird nun Programm: Der Stadt kann man nicht habhaft werden, sie nicht begreifen, deshalb müssen wir uns mit Annäherungen und Fragmenten begnügen. Getragen werden sie von einer verbindenden, melancholischen Stimmung. Einer, möchte man fast sagen, typischen Achtzigerjahre-Innerlichkeit. Mal überzeugt sie und mal gerät sie etwas überzeichnet. Man muss sich wohl — gerade als Berliner! — auf diese subjektiv-melancholischen Bilder und das mitunter surrealistische Pathos einlassen (und manche emphatische Überzeichnung überlesen), will man mit das Buch mit Gewinn lesen.

Dieses Buch schrieb ich im Bauch von Berlin, als die Stadt noch ein ummauertes, gefesseltes Tier war. Wenn man die Augen schloss, konnte man sein trauriges Knurren hören. Wenn ich an meine Berliner Winter denke, umschließt mich ein körperloses Grau, in dem nichts leichter fällt als sich zu verlieren. Was ich schrieb, waren wohl Protokolle des Verlusts. […] Ich veröffentliche meine tastenden Protokolle vom Nichtbegreifen des Tiers der Stadt mit großer Verspätung, jetzt, wo das alte Westberlin als Chimäre am Horizont verdämmert.

Zu Beginn also diese doppelte Verlustbeschreibung: das (körperlich empfundene) Verlorenheitsgefühl im deprimierenden Vorwende-Berlin zunächst, dann der Verlust der damals gekannten Stadt selbst, die solche Verlustgefühle auszulösen vermochte. In derartig melancholischer Konsequenz versammelt Konstruktion einer Stadt lose Eindrücke, Erinnerungen, Träume; und so sind die “Konstruktionen” dann auch eher zu verstehen: nicht als etwas Konkretes, Geplantes, Organisiertes, eher als Wolken, die sich um etwas legen. Die Eindrücke sind in altbewährter Flaneur-Manier von der Peripherie, jenseits der Touristen-Pfade her geschrieben. Wohl deshalb fallen inhaltlich manches Mal — gerade dem Berliner Leser? — die Spree-Metropolen-Trübsal-Klischees auf, bekannt “aus Filmen und Fotobänden”, wie es im Text selber heißt: die unzähligen Krähen, das ewige Dunkel des Kanals, das ferne Kinderlachen und der “tiefgraue Wolkenhimmel”, der durch die Kriegsbrachen schneidende Wind, die vergessenen Alten vor ihren Fernsehern, die Enten, die kahlen Bäume und Hochhaussilhouetten, nachts leuchtende Fenster, der “Wind in den Weiden und Pappeln”.

Aber, vieles von dem nimmt man dem inzwischen etablierten, hierzulande aber noch eher unbekannten Vorarlberger Autor ab (und will manches auf den Jugend-Text schieben). Das Bekannte mischt sich mit dem Unbekannten, Befremdlichen. Beeindruckend ist das Traum-Stück in der Mitte des Buches namens “Draußen”, das die Unzugehörigkeit des Autors in der ihm fremden Stadt und so auch das Suchen und Mäandern des Textes aufzugreifen scheint. Es endet:

Ist dort draußen? Ich bin einer von draußen, nicht wahr, sagt mir, bin ich einer von draußen, komme ich von draußen, sagt sagt sagt

Und so schwankt auch Hermanns Stil beständig suchend, experimentierend zwischen solch impulsiver Innerlichkeit und nüchterner Außenbetrachtung. Die zahlreichen kurzen, sachlichen Sätzen beginnen etwa: “Der Postbote stellt sein Rad ab…”, “Der Fischverkäufer kommt aus seinem Geschäft…”, “Ein Alter stieg zu…”, “Das Schiff teilt jetzt den kleinen See…”, “Eine verschleierte Frau öffnet…”, “Ein dunkler Hund streckt…”, und so weiter. Andere Sätze greifen dagegen munter in den Farbkasten der Adjektive: “die bunten Abendlichter mit den Bildern der eilig flatternden Wildenten”, “der plätschernde Brunnen”, “im letzten, schon milchweißen Grau des Abendhimmels…” Die Unsicherheit, das Suchen und Schwanken zwischen Innen und “Draußen” wird so nicht retuschiert, sondern offen und mit Mut zu einer — für Berlin mittlerweile völlig atypischen — Uncoolness ausgestellt. Das ist gut. Das ist lesenswert.

Abschließend bleibt noch die Frage, die man sich beim Lesen immer wieder stellt: Ist das alles wirklich so von gestern? Verdämmert das alte Westberlin wirklich schon als Chimäre? Oder ist Berlin — ein paar Orte im Zentrum mal abgezogen — nicht immer noch genau so? Eine deprimierende Insel? Auch was das alte Westberlin angeht, es ist, glaube ich, vielerorts immer noch da.

Wolfgang Hermann: Konstruktion einer Stadt. Versuche, Limbus Verlag 2009, 111 Seiten, 14,90 €.

(Kleiner Zusatz: Für den Titel verwendete der Limbus-Verlag, wie ich zufällig entdeckte, ein Flickr-Foto. Es wirkt vielleicht etwas zu farbig, zu poliert für Hermanns Texte. Lustig aber ist, dass man die Freude des Fotografen darüber noch auf seiner Flickr-Seite nachlesen kann.)

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