28 Jan

Gefangen im Roggen

Von Felix Lüttge

Als Claude Lévi-Strauss vor drei Monaten im Alter von 100 Jahren starb, nölte die FAZ, “die Welt von Twitter und Youtube, die sich an Michael Jacksons Tod entflammte, hat den großen Anthropologen nicht mehr erreicht.” Unmittelbar nach der heutigen Tagesschau, in der Jerome D. Salingers Tod verkündet wurde, häufen sich die deutschen Tweeds darüber, schnell steht “RIP JD Salinger” auf dem dritten Platz der populärsten Twitterthemen. Auf der Website der FAZ dauert es ein wenig länger. Offenbar erfuhr man auch hier erst aus der Tagesschau von Salingers Tod.

Aber es geht nicht um die FAZ, sondern um J.D. Salinger. Um den Autor, der mit Der Fänger im Roggen (engl. The Catcher in the Rye) den Prototyp des Adoleszenzromans geschrieben hat und dessen Buch seit den Fünfziger Jahren fast überall auf der Welt in den Regalen von Teenagern steht. Gestern ist er mit 91 Jahren gestorben.

Ihn hat die Welt von Twitter und YouTube erreicht, wie es die Popkultur schon länger tat. Die Liste der Filme und Songs, die auf das Buch anspielen ist lang, hierzulande haben sich 2008 zuletzt die Berliner Elektroniker Bodi Bill mit ihrem Song „I Like Holden Caulfield“ zu ihm bekannt. Auch Mark David Chapman, der 1980 John Lennon erschoss, berief sich auf das Buch. Er unterschrieb sogar mit dem Namen des Erzählers aus Salingers Roman. 2010 erweist ihm die Blogosphäre virtuell die letzte Ehre und Urban Outfitters verkauft  angeblich schon T-Shirts mit dem Design der Erstausgabe von The Catcher in the Rye.

Nach dem Erfolg vom Fänger im Roggen, dessen deutsche Erstausgabe von Heinrich Böll übersetzt wurde und noch auf einer zensierten Ausgabe beruhte, in der das Wort „fuck“ gestrichen worden war, obwohl es nur ein einziges Mal vorkommt und bei Holden den gleichen Ekel hervorruft, den man bei den Zensoren vermutet, floh Salinger bald vor der neu gewonnen Aufmerksamkeit aus New York in die Einöde von New Hampshire. Ganz verwirklichte er den Traum seines Erzählers Holden nicht, sich „irgendwo eine kleine Blockhütte“ zu bauen und „keine verdammten, nutzlosen, blöden Gespräche mit irgend jemand” führen zu müssen. Sein gelegentlich als neurotisch beschriebenes Bedürfnis nach Privatsphäre wurde dort immer wieder durch Gerichtsprozesse gestört, die Salinger selbst anstrengte, um Veröffentlichungen von Biographien, Verfilmungen seiner Bücher und eine angebliche Fortsetzung vom Fänger im Roggen zu verhindern. Je mehr er sich versteckte, desto größer wurde die Neugierde von Journalisten und Lesern und Salinger konnte es nicht verhindern, 1961 auf dem Titelbild des Time Magazins zu landen. Bücher von verflossenen Geliebten und seiner Tochter, die erkennbar von der Bekanntschaft ihrer Autorinnen mit Salinger profitieren, heizten Gerüchte um Macken und Marotten des Schriftstellers weiter an.

Viele Bücher publizierte Salinger von New Hampshire aus nicht mehr. Auf den Fänger im Roggen folgten 1953 die Neun Erzählungen, die von manchen Kritikern noch höher gelobt wurden als Salingers Debüt, Franny und Zooey, die Saga der Famlie Glass, erschien 1961. Salingers letzte Veröffentlichungen waren Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt (1963) und Hapworth 16, 1924 (1965). Aufgehört zu schreiben hat er aber nie, wie in einem seiner seltenen Interviews der New York Times verriet:

“Darin, nicht zu veröffentlichen, liegt ein wunderbarer Friede. Es ist friedlich. Veröffentlichen ist eine fürchterliche Verletzung meiner Privatsphäre. Ich mag das Schreiben. Ich liebe das Schreiben. Aber ich schreibe nur für mich selbst und zu meinem eigenen Vergnügen.”

Salinger bekommt kein öffentliches Begräbnis und keinen Trauergottesdienst. Und wer wie der Autor dieser Zeilen das Lesen erst so richtig mit einer Penguinausgabe von The Catcher in the Rye begann, erinnert sich an die Worte Holden Caulfields: “Who wants flowers when you’re dead? Nobody.”

Foto: andthenpatterns

3 Reaktionen zu “Gefangen im Roggen”

  1. Felix

    Update

    Caulfield’sche Trauer bei The Onion:

    “In this big dramatic production that didn’t do anyone any good (and was pretty embarrassing, really, if you think about it), thousands upon thousands of phonies across the country mourned the death of author J.D. Salinger…”

  2. Tweets die goldmag.de » Blog Archiv » Gefangen im Roggen erwähnt -- Topsy.com

    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von goldmag, A* und bestatter_rt, bestatter_rt erwähnt. bestatter_rt sagte: RT: @goldmag: Gefangen im Roggen. Zum Tod von J.D. Salinger: http://www.goldmag.de/2010/01/gefangen-im-roggen/ #Salinger #Nachruf [...]

  3. günter

    Großartiger artikel! Danke

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