Orhan Pamuk im Audimax
Gestern las Orhan Pamuk im Rahmen der Berliner Mosse-Lectures (“Dichter und ihre Ortschaften”) im Audimax der HU. Aber es konnten, wie mir auch aus Kreisen der Gold-Redaktion bekannt ist, nicht alle den Worten des Nobelpreisträgers lauschen, zumal der Saal bald aus allen Nähten platzte. Und wer wollte sich schon mit einer im Nebenraum installierten Video-Live-Schaltung abspeisen lassen oder sich mit den Sternburg-Pils trinkenden Studenten auf den eilig herbeigeschafften Matratzen lümmeln (siehe obere Bildmitte)? Daher nun ein kurze Zusammenfassung des Geschehens.
Ich beginne vielleicht mit den drei deutsch-türkischen Schulmädchen, die neben mir saßen und ganz aufgeregt waren. Sie seien extra aus Tegel und Spandau angereist, erklärte eine von ihnen, und ganz entsetzt über den hier oben auf der Empore (wohl von den protestierenden Studenten) zurückgelassenen Müll. Sie habe auch schon etwas von Pamuk gelesen, aber auf Deutsch, sagte sie, weil sie das besser spreche als Türkisch. Alle drei kreischten beinahe auf, als Orhan Pamuk den Saal betrat, und tatsächlich gab es so einen kurzen Star-Moment, während dem sich die Fotografen und Kameraleute dicht um ihn drängten. Da wurde man schon ein wenig angesteckt von der Euphorie. Leider hatten die Mädchen nicht damit gerechnet, dass Pamuk auf Englisch vortragen würde, weshalb sie dann auch früher gingen. Das war schon etwas tragisch, da Pamuk anschließend, also nach seinem Vortrag mit dem Titel “What happens to us as we read novels?”, dann tatsächlich noch einige Seiten aus seinem jüngsten Buch Das Museum der Unschuld auf Türkisch vorgelesen hätte.
Nach einer Reihe von obligatorischen Vorreden (HU-Präsident Christoph Markschies, einer Gesandten Rätin der us-amerikanischen Botschaft sowie Mosse-Lecture-Mitorganisator Joseph Vogl) fasste sich Andreas Huyssen (Columbia University, links oben im Bild) mit seiner Einleitung recht kurz und verwies, neben ein paar persönlichen Bemerkungen darauf, dass man über den Nobelpreisträger auch alles im Internet fände. (Was natürlich stimmt.) Pamuks Vortrag handelte dann, wie gesagt, weniger von “Ortschaften” wie Istanbul oder New York (wo er das Museum der Unschuld zuende geschrieben hat), auf die man sicherlich gespannt gewesen wäre, sondern kreiste um eine Art Phänomenologie des Lesens, wobei die Aussagen, die Pamuk über das Lesen machte, zugleich poetologisch als die eines Autors über sein Schreiben zu verstehen waren.
Um es kurz zusammenzufassen: Es ging um so konservative Anschauungen wie die vom Zusammenhang von Romane-Lesen und Träumen, das Übersetzen von Wörtern in Bilder, das Buch als Landschaftsbild, in das man eintreten könne, die Bedeutung des Bildungsromans und die Unterschiede des “naiven” und des “reflektierten” Lesens (mit dem Pendant des “naiven” und “reflektierten” Schreibens), die Pamuk sich aus Schillers Abhandlung Über naive und sentimentalische Dichtung lieh. Die Folgerung lautete, dass der Romancier, also er, Pamuk, beides können müsse, die naive wie die reflektierende Herangehensweise, weil er wolle, dass auch ungebildete Leser seine Bücher verstehen. Dass jeder gute Roman ein geheimes Zentrum (“secret center”) habe. Und dass Tolstois Anna Karenina das beste Buch auf Erden sei. Diese Einfachheit und Schlichtheit (am Ende zählte er unter der Überschrift “reading a novel means…” genau acht Punkte auf) war wohl das Gewinnende an Pamuks Vortrag; weshalb auch das “konservativ” oben gar nicht negativ gemeint sein sollte. Gerade weil Pamuk von Dingen sprach, bei denen man in den meisten germanistischen Proseminaren wohl müde abgwunken hätte, diese dann aber doch klar und überzeugt-überzeugend anbrachte, dass man sich — für einen Moment — zurücklehnen konnte und sagen: “Ah ja, so ist es.”
Weitere Fotos und einen Veranstaltungsbericht auf Türkisch gibt es hier.
Foto: N.P.