23 Jan

Taktvoll Vermischtes

Von Hannes Bajohr

Katrin Marie Mertens Gedichtband Salinenland versammelt gekonnt Klassisches.

Merten, SalinenlandKatrin Marie Mertens Gedichte soll man laut lesen. Die je sechs bis acht Zeilen in ihrem Debütband »Salinenland«, mehr sind es meist nicht, stehen auf dem Papier wie die Meldungen unter »Vermischtes« in einer Lokalzeitung, jene lakonischen Marginalien, die Neuigkeiten zusammenfassen, denen nicht zugetraut wurde, genug für eine ganze Spalte herzugeben. Es gibt keine Titel, stattdessen sind nur einzelne Satzteile in Kapitälchen hervorgehoben; sie dienen bloß zur Orientierung und Identifizierung im Inhaltsverzeichnis. Man muss sie laut lesen, damit sich einem ihr Rhythmus erschließt, der wichtiger ist als das Marginale ihres Inhalts. Die Musikalität, die in diesen wenigen Zeilen liegt, ist bemerkenswert, und zweifellos steckt viel Arbeit in ihnen, die darauf aus gewesen sein muss, immer weiter zu reduzieren, immer mehr von dem abzuschaben, was vielleicht aus der Meldung eine Story und aus den wenigen Zeilen die vollen fünf Spalten der Seite drei gemacht hätte.

Im Zimmer streun wir den Zimt aus
und warten.
So saßen wir abends und aßen das Dörrobst,
Müttern zündeten Kerzen an, brühten den Tee.
So sitzen wir abends an Tischen vor Tassen
und lauschen, denn immer weiß einer die alten
Geschichten, wir lauschen dem Knistern
und streichen einander die Häute so glatt.

Merten beherrscht Metrik und Rhythmus, lässt sich von ihnen aber nie ganz ihr Schreiben vorschreiben. Sie spielt mit den Erwartungen an das Versmaß, lässt eine Folge von locker traben Amphibrachen abrupt ins Straucheln kommen, vermeidet geglückte Reime zugunsten von verfehlten und bringt so eine eigentümliche Form der Abschweifung zustande, in der Syntax und Semantik sich voneinander verabschieden: Während der Takt der Sprache in eine Richtung fortläuft, erkundet der Inhalt des Textes seinen Gegenstand in einer anderen Geschwindigkeit. Wo dieses Verfahren gelingt, ist es erstaunlich, verwirrend und auf eine unaufdringliche Weise großartig.

»Takt« heißt auch der dritte Teil des Bandes, aber dieses Bewusstsein der eigenen Fähigkeiten steht nicht im Mittelpunkt, so wie der Titel den Gegenstand der Zyklen nur andeutet und nicht vorschreibt. Die anderen vier Teile des Bandes heißen »Stadt«, »Schlaf«, »Raum« und »Wach«; diese Übertitel sind nicht zwingend, und so wie der letzte als Adjektiv aus der Reihung von Substantiven ausbricht, so könnten die Gedichte jedes Teiles gut in andere einbrechen.

»Oder sei Katze, / die schleicht und sich leicht schmiegt, gleich / sträubt, schreite aufrecht und auf / deinen eigenen Linien, komm und geh / lautlos, verrate dich nicht.«

Was nicht heißen soll, dass egal sei, wovon die Texte handeln. Denn es geht genau um solche auseinanderstrebenden Bewegungen wie die von Inhalt und Form, es geht um Wahrnehmungsfallen, das Problem festzustellen, wo Objekte im Raum beginnen und die eigene Haut endet, um Hoffnungen auf »greifbare Stoffe« und »dass sich etwas fügt und sich festsetzt, / wie unter den Nägeln die Reste vom Tag«. Das titelgebende »Salinenland« ist eine bezeichnende Metapher für diesen Ort voller flackernder Eindrücke und schwer feststellbarer Dinge: In einer Saline wird Salz gewonnen, durch verdunsten oder verkochen von Sole; sie ist bereits ein Übergang, nicht mehr nur Salzwasser und noch nicht Salzkristall, ein reines Zwischenstadium: »Etwas bleibt offen am Ende«.

»Leise, du kennst / doch die Nachbarn und langsam, du weißt um das Schallen / in allen Etagen beim schnellen Betreten der Stufen«

Mertens Texte haben etwas Klassisches in ihrer Zurückhaltung, ihrer reinen Verdichtung und dem Verzicht auf jene alten Spielereien, mit der die Vertreter der »Lyrik von jetzt« sich voneinander abzuheben versuchen. Schön daran ist, dass das Ergebnis nicht konservativ sein muss – sondern einfach gekonnt. Merten verzichtet auf jeglichen revolutionären Gestus, eben, weil sie es sich leisten kann. Ihre taktvollen Marginalien sind ein überaus gelungenes Debüt.

(Ein Wort noch zur Ausgabe: Der Band erscheint in der Lyrikedition 2000, die von Heinz Ludwig Arnold gegründet wurde und schon über 150 Titel zu verzeichnet hat. Besonders ist an dieser Reihe aber nicht allein die Auswahl der Autorinnen und Autoren, sondern auch das Erscheinungsmodell: Alle Ausgaben werden im Digitaldruckverfahren erstellt und auf Bestellung produziert – keine Ausgabe wird je vergriffen sein. Vielleicht ist das ein Modell, das zwischen den finanziellen Nöten der Kleinverlage und der technischen Unzulänglichkeit von eBooks vermitteln könnte.)
Beitrag über die Lyrikedition 2000 im Deutschlandfunk

Katrin Marie Merten: Salinenland. Gedichte, Lyrikedition 2000, München 2009, 80 S., 8,50 Euro.

Eine Reaktion zu “Taktvoll Vermischtes”

  1. Peter

    “Während der Takt der Sprache in eine Richtung fortläuft, erkundet der Inhalt des Textes seinen Gegenstand in einer anderen Geschwindigkeit.”

    das klingt sehr vielversprechend!

Einen Kommentar schreiben