Hegemann/Airen – Skandal oder normal?
Unter den vielen, vielen Beiträgen zu den Plagiatsvorwürfen gegenüber Helene Hegemann fand ich vor allem zwei Interviews interessant:
- Helene Hegeman im Interview bei Welt-Online
- „Strobo“-Verleger Frank Maleu im Interview bei Spreeblick
Beim Lesen sind mir zwei Sachen aufgefallen: Frank Maleu ist alles in allem sehr entspannt und würde gerne „die Kirche im Dorf lassen“. Und Hegemann verzieht sich nicht reuig in die Ecke, sondern verteidigt recht selbstbewusst, warum ihre Art, mit anderer Leute Texten umzugehen, für sie selbstverständlich ist (von der fehlenden Quellenangabe einmal abgesehen):
Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, so ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.
Sollten die beiden Parteien das Thema ohne Anwalt, Textschwärzungen und böse Worte regeln, wäre das ein auffälliger Kontrast zur laufenden Urheberrechtsdebatte, wo manche am liebsten die Verwendung jedes Halbsatzes mit einem Aktenzeichen versehen würden.
Die Frage an die mitunter erstaunlich diskussionsfreudigen Goldleser: Ist der Fall Hegemann/Airen ein Skandal – oder eher ganz normal?
Fröhliches Diskutieren!
Am 9. Februar 2010 um 21:50 Uhr
Ich finde, ab und zu ein Skandal ist eine feine Sache. Irgendwie müsste ein Skandal im Literaturbetrieb aber auch mal was anderes sein als immer nur Plagiatsvorwürfe und Persönlichkeitsrechtsverletzungen, das ist dasselbe wie Flugaffären oder Waffenschieberei im echten Leben, das kennt man.
Am 10. Februar 2010 um 08:14 Uhr
Hier noch der Link zu dem Blog mit dem Vergleich: http://www.gefuehlskonserve.de/axolotl-roadkill-alles-nur-geklaut-05022010.html
Am 10. Februar 2010 um 08:58 Uhr
Er ist vor allen Dingen faszinierend. Dass erst jetzt auffällt, dass sie sich bei Kathy Acker bedankt, dass erst jetzt auffällt, dass sie lauter Filme und Lieder mit einbezieht – und dass dieses “Sampling” bei vielen automatisch mit einem schlechten Buch gleichzusetzen ist. Das deutet für mich alles darauf hin, dass viele die Autorin vorher als eine Art Biografin der jungen Generation gesehen haben und nun enttäuscht sind, dass die Jugend doch nicht so wild und gefährlich ist wie wir es nie waren.
Ich bin auch gespannt auf die Nominierungen morgen (beim Leipziger Preis wird die Longlist nicht veröffentlicht).
Am 10. Februar 2010 um 10:06 Uhr
Und von wegen Abschreiben: In den letzten Tagen hat das gesamte Feuilleton bei einem Blogger abgeschrieben!
(Wenngleich sie die “Gefühlskonserve”, wie die FAZ, auch ordentlich genannt & verlinkt haben.)
Jenseits der ganzen rechtlichen Ziseleihen würde ich sagen: Das ist ein willkommener Skandal, über den sich alle freuen können. Dass es der Hegemann wirklich schadet, glaub ich nicht.
(Letztens gab’s doch bei Uwe Tellkamps “Turm” eine ähnliche Geschichte… da soll er so eine Buchladen-Beschreibung in Teilen kopiert haben… aber wer erinnert sich da noch dran.)
Am 10. Februar 2010 um 10:16 Uhr
Der FAZ-Artikel, den Katy auf ihrer Seite erwähnt, ist auch lesenswert: http://tinyurl.com/y8trp4r
Am 10. Februar 2010 um 10:26 Uhr
Wo kann man denn das mal vernünftig nachlesen, was der Unterschied zwischen Plagiat und Nichtplagiat ist?
Am 10. Februar 2010 um 10:35 Uhr
Duden:
“Pla|gi|at, das; -[e]s, -e [frz. plagiat, zu: plagiaire = Plagiator < lat. plagiarius = Menschenräuber, zu: plagium = Menschenraub] (bildungsspr.): a) unrechtmäßige Aneignung von Gedanken, Ideen o. Ä. eines anderen auf künstlerischem od. wissenschaftlichem Gebiet u. ihre Veröffentlichung; Diebstahl geistigen Eigentums: ein P. begehen, aufdecken; jmdn. des -s bezichtigen; b) durch Plagiat (a) entstandenes Werk o. Ä.: das Buch ist ein P."
Und die ersten hundert kostenlosen Worte des Encyclopaedia-Britannica-Eintrags:
"Plagiarism – the act of taking the writings of another person and passing them off as one’s own. The fraudulence is closely related to forgery and piracy—practices generally in violation of copyright laws. If only thoughts are duplicated, expressed in different words, there is no breach of contract. Also, there is no breach if it can be proved that the duplicated wordage was arrived at independently."
Ob das hilft?
Am 10. Februar 2010 um 10:43 Uhr
Das find ich gut: duplizierte Wort äh dings, zu der man unabhängig kommt, und das kann man auch beweisen!
Am 10. Februar 2010 um 10:52 Uhr
Als Germanist würde ich ja noch darauf hinweisen, dass hier auch, zumindest implizit, eine Debatte um Autofiktion geführt wird. Denn wenn sie abschreibt, heißt das ja vor allem, dass sie den ganzen Kram im Berghain (oder was da noch so vorkommt) nicht selbst erlebt hat, was aber von allen (dem sog. Feuilleton) angenommen wurde und wohl auch den Reiz des Buches ausmachte – das Versprechen, hier werde Authentisches aus dem Leben einer Minderjährigen berichtet.
Vielleicht ist das auch der Grund, Niko, dass über die Abschreiberei Tellkamps im “Turm” inzwischen wieder Gras gewachsen ist. Denn obwohl Tellkamp einen biographischen Bezug zu der Dresden-Bourgeoisie hat, die er in seinem Buch beschreibt, ist es eben als Fiktion ausgestellt, während bei Hegemann angenommen wurde, hier gebe es was “Echtes”. Insofern ist der Vorwurf des Plagiats vielleicht nur die Oberfläche der Enttäuschung über das fälschliche Echtesiegel irgendwelcher Intimgeschichten. (Aber das hat Katy ja schon gesagt)
Autofiktion ist darüber hinaus aber auch eine spezielle Art von Literatur mit eigener Existenzberechtigung, die eben gerade damit spielt, dass das Verhältnis von Autor und Protagonist zwischen Identität und Nichtidentität oszilliert. Das wäre dann der positive Aspekt des Ganzen und man hat der 17jährigen eben nicht mehr zugetraut als nur Tagebuch zu machen und ist jetzt entsetzt, dass es im wahrsten Sinne des Worten doch nur Literatur ist.
Am 10. Februar 2010 um 10:58 Uhr
Danke, Hannes. Jedenfalls versuche ich jetzt, bis heute abend nicht mehr dran zu denken. Und dann tue ich mir Harald Schmidt an, denn dort ist Helene Hegemann zu Gast.
Am 10. Februar 2010 um 11:01 Uhr
Ah, guter Fernsehtipp!
Am 10. Februar 2010 um 19:23 Uhr
Und Thomas von Steinaecker tells it like it is:
“Rezeptionsästhetisch … hat der Umgang mit dem Roman »Axolotl Roadkill« das Potenzial, Geschichte zu schreiben: als vorläufiger Höhepunkt einer vor allem durch außertextliche Faktoren bestimmten Lektüre.
So wurde in den Kritiken, von denen ein Großteil den Charakter einer Homestory besaß, gar nicht erst versucht, den Anschein sachlicher Unbestechlichkeit zu erwecken. Stattdessen standen das jugendliche Alter der Autorin, ihr blondes Haar, ihr Wohnort Berlin und ihr Vater im Mittelpunkt, mit dem der eine Rezensent, wie er unumwunden erklärte, bekannt ist beziehungsweise an dessen Stelle der andere gern wäre.
All dies bildete die argumentative Basis für die dann konstatierte Qualität des Textes, den unverwechselbaren Sound einer Generation. Gerade aber diese immer wieder betonte Authentizität droht nun durch die Plagiatsvorwürfe ad absurdum geführt zu werden, genauso wie die romantisch anmutende Sehnsucht der Rezensenten nach ein bisschen Echtheit in einer durchinszenierten Welt.”
http://www.boersenblatt.net/sixcms/detail.php?id=357038
Rein empirisch betrachtet ist eh alles hinüber für Hegemann (wenn nicht finanziell, so doch moralisch): In einem “Opinion-Poll” auf Welt.de wird aufgefordert, Stellung zu beziehen (Optionen: “In Ordnung”, “Nicht so schlimm” und ein super formuliertes “Eine Frechheit! Hegemann sollte sich schämen!”). 80% von 1178 abgegebenen Stimmen teilten die letzte, vernichtende Meinung (Stand: jetze). http://www.welt.de/news/article6329610/Axolotl-Roadklau.html
Am 10. Februar 2010 um 22:55 Uhr
Wer liest schon auf Welt.de bzw. kann deren Leser ernstnehmen?
Und wen interessiert die Gefühlswelt oder angebliche Authentizitäts-Sehnsucht von Rezensenten?
Ick sachet ma so: Wer mitbekommen hat, wie sich Hegemann auf dem LAN ’09 von einer Schauspielerin hat lesen lassen, dem wäre nie in den Sinn gekommen, dass hier irgendwas authentisch ist (wogegen ja nichts einzuwenden ist).
Am 10. Februar 2010 um 23:13 Uhr
Welt-Leser kann grundsätzlich niemand ernstnehmen, das stimmt.
Was der Steinaecker sagt, ist trotzdem eine richtige Beobachtung. Dass ein Text, der so sehr vom “Tod des Autors” (gähn) lebt, derart auf die Autorin hin rezipiert wird, ist schon amüsant, v.a. was das jetzt stattfindende Zurückrudern der Rezensenten betrifft.
Abschließend bleibt zu sagen: Bizarr, der ganze Zirkus. Wegschauen kann irgendwie trotzdem nicht.
Trotzdem noch ein Update (via lovegermanbooks): http://www.viceland.com/blogs/de/2010/02/10/hegefeuer-der-eitelkeiten/
Am 11. Februar 2010 um 12:13 Uhr
Wir können als nächstes ja Hegemanns Schmidt-Auftritt (übrigens heute Abend) diskutieren!
Am 11. Februar 2010 um 12:33 Uhr
Genau! Oder wir könnten darüber spekulieren, ob Hegemann Airen mit zur Verleihung des Leipziger Buchmessenpreises nimmt, sollte sie ihn denn gewinnen. Die Chancen dafür stehen immerhin 1:5 (dass sie den Preis gewinnt, nicht dass sie Airen mitnimmt…).
Am 11. Februar 2010 um 22:45 Uhr
Also – was sind die Eindrücke? War ja gar nicht kontrovers. Oder?
Am 12. Februar 2010 um 11:03 Uhr
Mein Eindruck: Harald und Helene haben sich ganz doll lieb, da kann Harald ihr doch keine bösen Fragen stellen.
Ansonsten faszinierend, wie ihre Selbstreflexion sich im Buch spiegelt. Oder andersrum.
Am 12. Februar 2010 um 19:02 Uhr
Kontrovers war’s nicht, aber wenn ich gewusst hätte, dass da so schlimme Worte und Dinge drin vorkommen in dem Buch, hätte ich mir während der Sendung die Ohren zugehalten.
Am 12. Februar 2010 um 21:05 Uhr
Goldig.
Am 15. Februar 2010 um 14:16 Uhr
Ich warte schon längst darauf, dass im Jahre 2012 ein wissenschaftlicher Aufsatz erscheint, der exakt (wortwörtlich identisch) schon um 1893 geschrieben wurde — aber der Autor von 2012 dies gar nicht bemerkt hat, weil er nicht mehr weiss, was schon alles publiziert worden ist.
- Darum: nur der Google-Roboter wird dann im Jahre 2012 wissen, dass es fast nichts neues unter der Sonne gibt…
- Zwar nimmt der Papierausstoss gigantisch zu (Publikationswut), aber leider erscheint ja keine neue wissenschaftliche Idee (nur immer neue Techniken: iPhone, iPad, Google Books, etc.)…
Am 15. Februar 2010 um 19:06 Uhr
Das könnte passieren!
Komischerweise dachte ich früher immer was Ähnliches: Jemand würde ein Lied schreiben mit genau der Meldodie, die jemand anderes bereits Jahre zuvor komponiert hätte, ohne jedoch davon zu wissen. Gerade bei so einfacheren Radio-Melodien erschien mir das sehr plausibel.
Aber was diese neuen Techniken angeht, könnte man es doch leicht auch andersherum betrachten: Das wären alles nur immer neue Ideen, um Menschen irgendwie an irgendwas zu binden und abhängig und zu Konsumenten zu machen, und gleichzeitig merkt nur keiner, das gerade irgendwo jemand wirklich etwas Neues geschrieben hat, das auch kein Verleger für verlegbar hält, und dann geht es halt irgendwann verloren. (Das wäre natürlich ein sehr romantischer Gedanke.)
Am 15. Februar 2010 um 21:37 Uhr
Ach, übrigens, lustige Bildstrecke bei der taz: “Wir haben abgeschrieben”:
http://www.taz.de/index.php?id=bildergalerie&tx_gooffotoboek_pi1fid=1&tx_gooffotoboek_pi1srcdir=Wir-haben-abgeschrieben&tx_gooffotoboek_pi1func=combine&no_cache=1
Mit dabei: “Tony Blair, Hanswurst” (“Ich dachte, das macht man so”) und “Wladimir Putin, Russe” (“Warum langweilige Sachverhalte neu formulieren? Habe ich nichts Besseres zu tun?”).
Am 17. Februar 2010 um 19:05 Uhr
egal wie mans findet: es wird immer normaler! Stichwort google….
Am 19. Februar 2010 um 07:25 Uhr
Man beachte auch den Gold-Beitrag von Mai 2009:
„Obwohl man sich in diese Kinderspiel-Unbeschwertheit nicht mehr zurückversetzen kann, kann man in der Kunst die Haltung haben, dass einfach alles erlaubt ist und man absolut nichts einem bestimmten Handwerk oder bestimmten Standards unterwerfen muss. Es ist erlaubt, alle klassischen Formen innerhalb der inhaltlichen Problematik, alle moralischen Gesetze und jede Art von Technik zu missachten. Plötzlich ist man wieder fünfzehn Monate alt und grade in seiner frühkindlichen Allmachtsphase, das ist doch wirklich geil.“
Am 20. Februar 2010 um 10:51 Uhr
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Am 10. Oktober 2010 um 11:25 Uhr
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