21 Feb

“Kanikōsen” — japanische Arbeiterliteratur auf der Berlinale

Von Nikolai Preuschoff

Im “Forum” der heute zu Ende gegangenen Berlinale lief die Neuverfilmung eines Klassikers der japanischen Arbeiterliteratur: Takiji Kobayashis Krabbenfischer, von 1929.

Wie oft passiert das schon: Ein Buch wird zum Bestseller, 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung. So geschehen mit Takiji Kobayashis Kanikōsen (dt.: Krabbenfischer). In der grassierenden Wirtschaftskrise des Jahres 2008 war Kobayashis Revolutions-Parabel plötzlich so gefragt wie nie. Mit ausgelöst hatte das späte Revival ein Artikel in der Mainichi Shimbun vom 9. Januar 2008, der Kobayashis Aktualität beschwor. Etliche Medien zogen nach, und so wurde ein regelrechter “Kanikōsen-Boom” ausgelöst. (Vgl. hier.) Bis Mitte 2008 musste die Shinchosha Publishing Company daraufhin unerhörte 50000 Exemplare der Krabbenfischer nachdrucken, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Dieser Erfolgsgeschichte, die sich selbst liest wie eine kleine Revolution, trägt nun eine Neuverfilmung von Kanikōsen Rechnung. Nachdem der Roman erstmals 1953 verfilmt und 2006 eine Manga-Version publiziert wurde, stellte Regisseur Hiroyuki Tanaka, genannt Sabu, seine Version Anfang der Woche im “Forum” der diesjährigen Berlinale vor. (Ein kurzer Trailer findet sich hier.)

Die somit nun in Berlin angelangte Ereigniskette tangiert unmittelbar eine vor kurzem auf Gold aufgeworfene Frage: Ob in Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise und der stetigen Abnahme klassischer Arbeit wir nicht eine neue Arbeiterliteratur bräuchten, und wenn ja, wie diese aussehen und welche Formen diese annehmen könnte. In Japan scheint diese Frage bereits beantwortet: Ja! Wir brauchen, und wenn es keine neue Arbeiterliteratur gibt, nehmen wir die alte!

Takiji Kobayashi (1903-1933) gilt als Held der japanischen Arbeiterliteratur, Puroretaria bungaku. Seine Revolutionsgeschichte erzählt von einer Gruppe Arbeiter, die auf einem Krabbenkutter ausgebeutet und von ihrem Kapitän sadistisch misshandelt werden. In sowjetischen Gewässern (natürlich!) organisieren sich die Arbeiter und revoltieren — mit Erfolg. Später wird der Aufstand jedoch von Soldaten niedergeschlagen. Kobayashi ist der damals verbotenen Kommunistischen Partei Japans später selbst, allerdings erst nach Erscheinen der Krabbenfischer, 1931, beigetreten. 1933 wurde er von der Geheimpolizei Tokkō in eine Falle gelockt, gefoltert und ermordet.

Man kann nur hoffen, dass die bei uns nach wie vor vergriffenen Krabbenfischer (nur von Zeit zu Zeit für über 100 Euro bei Ebay zu haben) demnächst neu übersetzt und herausgegeben werden. Solange muss sich der des japanischen Originaltextes nicht mächtige Leser an die deutsche Online-Version halten, die Nemesis, ein sozialistisches Archiv für Belletristik, hier bereitstellt. Dort findet sich auch Kobayashis Erzählung Der 15. März 1928, in der Übersetzung eines deutsch-japanischen Kollektivs von 1931.

Foto: Takiji Kobayashi (1903-1933)

2 Reaktionen zu ““Kanikōsen” — japanische Arbeiterliteratur auf der Berlinale”

  1. “Kanikōsen” — Takiji Kobayashis Revolutionsparabel neuverfilmt

    [...] wie beispiellose Erfolgsgeschichte und die im Berlinale-Forum gezeigte Neuverfilmung gibt es hier zu lesen. Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Berlin, Literatur und getagged Beri, Berlinale, [...]

  2. Nikolai

    Eine gutgemachte dreiteilige Hintergrund-Reportage über Kobayashi und seine Wiederentdeckung in Japan habe ich hier noch gefunden:
    http://www.youtube.com/watch?v=mx5lgtgns3A

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