“Sein bisher persönlichstes Werk”
Ein Gastbeitrag von Jasper Nicolaisen
„Sie schläft ist Dietmar Daths bisher persönlichstes Werk“, schrieb der Rezensent. Das war gleich doppelt behämmert; einmal so für sich genommen als unsägliche Floskel und dann auch literaturdings, theoretisch. Es war schließlich auch nach der Revolution am Ende der Geschichte nicht de rigeur, die Person des Autors in die Werkbetrachtung mit einzubeziehen. Im Gegenteil, heute weniger denn je. Müde ironischer Realismus stand im Tausendjahresplan, immer von Bedeutung, nie von Konsequenz, razinkel, razunkel, razoing.
Aber da war der Dath ja immer ein unsicherer Kandidat gewesen. Hatte auf den letzten Metern der Geschichte noch rumgemöhrt von wegen Marxismus und Heavy Metal, und dann, als die neu vereinten Sozial-Liberal-Christbaumgrünen die Revolution über die Bühne gebracht hatten, war’s ihm auch wieder nicht recht gewesen. Hatte sich sang- und klanglos abgesetzt, in Alaska Militäreinrichtungen gekapert, sich genetisch zum Nasenbären aufpimpen lassen und zwischen Orgien in Israel und Kunstgemache im Kammerflimmer-Land auf irgendwie alles geschimpft.
Und jetzt das neue Buch: Überraschung, ganz anders. Der bekannte Dath-Sound, okay. Aber fast von Anfang an war es ein überaus komisches Buch, das sich z.B. über die weltweit geachteten Kultur- und Medienschaffenden des Deutschland sehr lustig machte, indem es beständig so tat, als könnten sie gar nicht richtig deutsch oder überhaupt irgendwie sprechen (denken? handeln?). Ein älterer Kollege hatte dem Rezensenten gesteckt, das sei von einem gewissen Eckhard Henscheid inspiriert; dessen Figur des „Kerzenhändlers Lattern“ spuke da „durch jeden geistverachtenden Wortschwall“, so der Kollege. Lustig wäre es aber auch so gewesen, ohne den Henscheid-Background, nichts Elitäres. Soweit also unbedenklich.
Nur, zweitens, und das wog schwerer, war dieser neue Dath auch eine waschechte Liebesgeschichte. Die Hauptfigur des kleinen Buches, ein Deutscher indischer Herkunft namens Ramji Iwein, arbeitete, von lauter Schwulen und Lesben umgeben, in einem hochalternativen Filmdings, Museum, Online-Irgendwas, das aus undurchsichtigen Gründen nie Geld hatte. Schon das schmeckte irgendwie konterrevolutionär, fand der Rezensent, Dath schien ungeheuerlicherweise andeuten zu wollen, dass diese Randexistenzen im weltoffenen Herzen des alten Europa nicht vollkommen willkommen wären. Aber es waren keine Skinheads oder ungenügend integrierte Zuwanderer, die sie verkloppten, sondern ganz normale Leute. Dass eine Kultureinrichtung kein Geld haben sollte, das war natürlich angesichts der Vollverstaatlichung der Kulturbetriebe durch die Größte Koalition aller Zeiten (GröKoZ) grotesk. Wieder mal eine dieser geistreichen dath’schen Schnurren, freute sich der Rezensent. Aber zurück zur Liebesgeschichte, der höchst bedenklichen.
Dieser Ramji Iwein verliebt, nein, verknallt sich, verfällt, vergeht fast vor einer Frau, und es ist wie Oper, nur noch schöner und schrecklicher. Das ganze Leben dieser beiden Menschen ist in Frage gestellt, es gibt Mann und Kind bei der Frau, es gibt gutes Herz bei Ramji, und doch können sie nicht voneinander lassen. Der Rezensent blätterte heimlich in den neusten „Empfehlungen für ordnungsgemäß mittelmäßiges Kulturschaffen“ der GröKoZ nach, ob so was in zeitgenössischen Büchern eigentlich erlaubt war. War es natürlich nicht. Einfach die Liebe als etwas schildern, was einem ungefragt ins Leben knallt, alles vollkommen ergreift, ungewiss macht und neu. Und wo man gar nicht weiß, wohin jetzt und was das soll und ob man sich von dem alten Partner trennen soll oder nicht oder ewiges Dreieck und ob man eifersüchtig sein soll. Man weiß nur: Es geht nicht ohne einander, man muss die Rede ergänzen und per Hautkontakt in große Geheimnisse vordringen, die die Sprache sprengen und als Seufzen und süßesten Unsinn zurück lassen.
Der Rezensent kratzte sich am Kopf. Unverständlich. Zumal sich die Frau dann auch noch als diejenige entpuppte, die die ganze Romanwelt träumte, inklusive sich selbst, denn wenn sie nicht vorkäme, würde sie ja nicht wirklich alles träumen. Klar. Logisch Dathman. Äußerst sehr gar nicht ging es dieses Mal um alles, worum es sonst bei Dath immer ging (Marx und die Welt, großes Ganzes an und für sich, Buffy), nur um Film ziemlich viel. Im Zusammenhang mit Frau/Liebe auch darum, warum und wofür man diese ganze Kunst eigentlich produziert. Auch darauf war die Antwort erwartbar unkorrekt, aus Liebe nämlich, so der Dath des Buches. Weil er aber schließlich der Dath war und blieb, le Dath, el Datho, ging es dann doch noch ansatzweise um Hirnforschung, Träumen, Bilder vs. Sprache, ein bisschen griechische und indische Mythologie, Kunst und Schaffensprozesse und die Natur der Realität, also ziemlich niedrig gehängt, vergleichsweise. Blieb auch mehr Zeit für die durch und durch verbotene Liebesgeschichte, was dem Buch, fand der Rezensent heimlich, schrieb es aber nicht, eigentlich auch ganz gut tat.
Irgendwie hatte er den Eindruck, dass es trotz oder wegen der Abwesenheit fast aller dath´scher Lieblingsthemen diesmal immer nur um Dath selbst ging. Der hatte in verschiedenen Kassibern über das Pheromonnetz verlauten lassen, er habe eine schwierige Zeit hinter sich gebracht, beruflich und privat, und der Rezensent spekulierte versonnen, ob jemand Tolles vielleicht die Kunstgaben des Dath nicht hatte annehmen wollen, dass der sich so wunderzarte und brachiale Liebestrouble aus dem Herz reißen musste. Nur schreiben durfte man das nicht, wussten die GröKoZ-Richtlinien, denn Autoren gab es ja gar nicht mehr, nur noch Texte. Zur großen Freude des Rezensenten hatte sich aber der Dath, Träumer der Träumerin, selbst ins Buch geschrieben, als DER Dietmar Dath, alberner Besserwisser und Feuilletonhecht, ewig nervender Marxologe und Lakai finsterer Mogule. Und damit war der strenge Textbezug ja wieder vollrohr gegeben, fand der Rezensent, und schrieb frohgemut-verzottelt, dies sei Daths bisher persönlichstes Werk.
Dietmar Dath: „Sie schläft“, Edition Phantasia 2009, 256 Seiten, 20,– Euro
Am 24. Februar 2010 um 00:04 Uhr
bissel weniger klamauk das nächst mal bitte.
Am 13. März 2010 um 14:37 Uhr
@peter: Versteh’ ich nicht.
Am 13. März 2010 um 14:58 Uhr
Ich wollt´s ja nicht laut sagen, aber: ich auch nicht. Klamauk?