»Ich«-Sagen als privilegierte Ausdrucksform
Eine Anthologie baut Brücken in die jüngere Vergangenheit
Kinder, wie die Zeit vergeht! Neunzehnhundertneunundneunzig: Deutschland wird von Basta!-Kanzler Gerhard Schröder und den Grünen regiert; in den USA legt sich langsam die Aufregung um einen Fleck auf Frau Lewinskys Kleid; die später sogenannten »westlichen Werte« scheren sich einen Dreck um die Taliban, weil die Twin Towers noch stehen und Terrorismus überhaupt allerhöchstens ein tschetschenisch-russisches Problem ist. Musik wird im Geschäft gekauft oder illegal bei Napster runtergeladen, an WLAN und YouTube ist noch nicht zu denken, zu Google gibt es Alternativen. Erinnert sich jemand?
Auch 1999 gründet Krystian Woznicki in Berlin das Mini-Feuilleton »Berliner Gazette« und zeigt dabei einen sicheren Blick für Zukünftiges: Als andere Zeitungen gerade erst anfangen, über eine eigenständige Internetpräsenz nachzudenken, verzichtet die Gazette ganz auf Papier und erscheint ausschließlich im Internet. Woznicki hat im letzten Jahr von der Chefredaktion des Blattes in den Vorstand des dahinterstehenden Vereines (»Berliner Gazette e.V.«) gewechselt. Zum Abschied gab er noch eine Anthologie heraus, die unter dem Titel Vernetzt Beiträge aus zehn Jahren Gazettengeschichte versammelt. Die Texte sind kurze Ich-Erzählungen, Antworten auf eine meist per E-Mail gestellte Frage (die den Lesern allerdings verborgen bleibt), und so unterschiedlich wie ihre Autoren. Graffitisprühende oder Counterstrikezockende Teenager, deren erstes Ausdrucksmedium offensichtlich nicht die geschriebene Sprache ist, berichten ebenso aus ihrem Lebensalltag wie Schriftsteller oder Professoren, die in der Schrift zu Hause sind. Immer um Aktualität bemüht, tun die einzelnen Beiträge kund von einer Zeit, in der Privatpersonen mit Boris Becker das Internet entdeckten und manchmal jemand vorbeikam, um seine E-Mails zu checken.
Diese Zeugenschaft ist zugleich Stärke und Schwäche des Bandes. Denn was vor zehn Jahren aktuell war, ist es heute nicht notwendig auch noch. Kann sein, dass die meisten Texte lustig sind. Vielleicht sind sie sogar gut. Dann jedenfalls, wenn man sie als Kolumnen in einer Zeitung liest, als flotte Gegenwartskritik (»Kapitalismus!« »Neoliberalismus!« »Egoismus!«) zwischen längeren Artikeln. Wenn aber 45 von ihnen gesammelt in einem Band auftauchen und weniger Momentaufnahmen aus dem Jetzt sind als Relikte einer Zeit, an die wir uns heute ein wenig spöttisch erinnern, wirken sie schnell öde. Doch wird man den Texten damit nicht gerecht. Sicherlich, einige sind fürchterlich schlecht geschrieben. Aber vielleicht ist das gerade Ausdruck der von Frau Hegemann postulierten Echtheit (auch hier entpuppt sich die »Berliner Gazette« in gewisser Weise als visionär). Denn in allen Texten teilt sich ein Autor mit, vernetzt seine Lebenswelt mit denen seiner Leser, erklärt sie ihnen ein bisschen. Wie steht man zu der Heimat, aus der man vor einem Völkermord geflohen ist (Hok Dany), welche Rolle spielt Nationalität für einen Jugendlichen, dessen Vater aus einer französischen Kolonie stammt (Paul Thérésin), oder, ganz banal: Wie sieht ein Philosoph die Welt (Jean-Luc Nancy)? Keine dieser Antworten wird direkt und abstrakt erteilt, vielmehr liegen sie unter den Texten und zeigen sich darin, wenn es um Kulturvereine, Rapmusik oder Aquariumsbesuche, kurz: ein Stück Alltag, geht.
Der jüngste Text ist vom Januar 2009. Langsam nähern sich Beiträge also der Gegenwart, verlieren an zeitlicher Exotik, sind engmaschiger verknüpft mit dem Leben der Leser von heute. YouTube taucht doch noch auf, das Internet wird vom Spielplatz für Technikabenteurer zum nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil des Alltags.
Am besten liest man Vernetzt vielleicht so wie einem die Texte in ihrer Erstveröffentlichung begegnet wären – nicht am Stück, sondern immer mal wieder einen zwischendurch; nicht von vorn nach hinten, sondern ohne System. Und wenn man dann an einen schlechten gerät, darf man sich damit trösten, dass er nur kurz und der nächste vermutlich wieder besser gelungen ist.
Krystian Woznicki (Hg.): Vernetzt, Verbrecher Verlag 2009, 176 Seiten 14 €.
Am 23. April 2010 um 07:29 Uhr
[...] Es kommt nicht häufig vor. Insofern ist Felix Lüttges Besprechung von VERNETZT, die kürzlich im goldmag erschien, eine erfreuliche [...]
Am 29. April 2010 um 06:46 Uhr
[...] Den Preis begreifen wir als Ansporn, unseren “sicheren Blick für Zukünftiges” (Felix Lüttge) fortan zu schärfen. Krystian Woznicki · 29.04.2010 Keine Kommentare Share [...]