Ransmayrs Reisen
Peter Szondi-Vortrag 2010 – Christoph Ransmayr schultert in „Atlas eines ängstlichen Mannes“ die Welt
Die Welt ist für Christoph Ransmayr eine unendliche Anhäufung von Geschichten. Zwischen (Ant)Arktis und Äquator findet der österreichische Autor den Stoff für seine Prosaminiaturen, die er im “Atlas eines ängstlichen Mannes” gesammelt hat. “Bilder der Welt” nennt Ransmayr die Episoden, deren Reihenfolge immer neu zusammengeschüttelt werden kann. Mit einer Lesung aus dem noch unveröffentlichten Manuskript bestritt der 56-Jährige den Peter Szondi-Vortrag 2010 an der Freien Universität Berlin.
Jede der Geschichten im Atlas beginnt mit der Formel “Ich sah…”, die den radikal subjektiven Blick des Erzählenden markiert. Einen einsamen Golfer am Nordpol stellt Ransmayr den Zuhörern in eineinhalb Stunden ebenso vor wie eine US-amerikanische Christensekte, die in New Mexico jeden Karfreitag eines ihrer Mitglieder kreuzigt – falls es den Cops nicht gelingt, sie davon abzuhalten. Ransmayrs Reisen führen ihn an die Flüsse Indiens, zur Buckelwal-Beobachtung siebzig Seemeilen vor die Dominikanische Republik, zum Stierkampf nach Sevilla.
Unzählige Episoden, beobachtend herausgetrennt aus dem Gewebe der Welt. Der Blick des Erzählenden schweift ab. Authentisch und unmittelbar wirkt dadurch das Geschilderte. Verfolgt der Erzähler in Indien anfangs noch den Kampf zweier Hunde, wird er einen Moment später vom Anglerglück eines kleinen Mädchens abgelenkt. Als er sich wieder den Tieren zuwenden will, sind sie verschwunden. Die Fülle des Geschehens überfordert, der allmächtige Erzähler ist Vergangenheit.
Mit einer zweiten, gegenläufigen Textbewegung schafft der Autor einen weiteren Abstand zum unmittelbaren Geschehen: Der als subjektiv inszenierte Blick wird durch Faktenrecherche und Fachtermini objektiviert. Wenn der Erzähler die rituelle indische Totenverbrennung beschreibt – das Aufplatzen der Gedärme, das Absprengen der Gliedmaßen – steigert sich der Text in einen Furor der Details, der das Gesehene im Nachhinein präzisiert und überformt erscheinen lässt. Der Atlas wird so auch zum Lehrbuch.
Neben Beobachtung und Beschreibung tritt im “Atlas eines ängstlichen Mannes” auch die Bewertung. Ransmayr schildert einen Tauchgang nahe der dominikanischen Silver Bank. Die “weißen Wolkenfäuste der Tropen” korrespondieren mit der “schneeigen Gischt”, der Erzähler wird zum epischen Heros, wenn er um sich “fünf schnorchelnde Schwimmer, meine Gefährten” weiß. Statt einer Schlacht hat der Held eine Begegnung mit ‘dem Anderen’ zu bestehen: Neben ihm taucht eine Walkuh zum Luftholen auf.
In den Augen des gigantischen Säugetiers, das dem auf der Wasseroberfläche treibenden Winzling mit einer kaum merklichen Bewegung ausweicht, meint die Autorfigur eine “tiefe Gleichgültigkeit” zu erkennen. Sie vermittelt ihm das “Gefühl, ich müsste mich auflösen”. Demütig erkennt er, dass die Welt auch ohne ihn vollständig ist. Das Subjekt ist verzichtbar. So bricht bei Ransmayr das Zentrum zusammen, von dem das Erzählen ausgeht – und paradoxerweise ist dem Interpretierenden die Welt genau in diesem Moment vollständig verfügbar. Es ist noch immer das Textsubjekt selbst, das seine Verzichtbarkeit behauptet. Eine souveräne Geste der Entmachtung.
Der Erzähler, überforderter Chronist und kosmische Randerscheinung, schultert seine unbewältigbare Aufgabe wie der Titan Atlas das Gewicht der Welt. Vielleicht lädt er sich dabei manches Mal zu viel auf. Wer eine Corrida in Sevilla beschreibt, misst sich mit einem literarischen Vorgänger wie Hemingway. Ransmayr, um die originelle Perspektive auf einen kulturellen Topos bemüht, findet Erwartbares. Er konstruiert auch hier wieder eine Konfrontation zwischen Mensch und Tier, die er effektvoll auf dem Höhepunkt abbricht: Der Stier, “unaufhaltsam”, rennt ein letztes Mal gegen den berittenen Rejoneador an, der die Lanze zum Todesstoß erhoben hält.
Vor das Bild schiebt sich, fast penetrant, immer wieder die Erzählerstimme. Sie imaginiert für den Bullen ein “friedvolles Dasein auf den Weiden seiner Herkunft” und seziert die strenge, tänzerischen Regeln gehorchende Todesarbeit des Torero, bis für die Vorstellungskraft des Zuhörenden kaum mehr Raum ist. Alles ist ausbuchstabiert, die hermeneutische Arbeit wir dem Lesenden abgenommen.
Berührend hingegen ist die Prosaminiatur über den Insassen einer Irrenanstalt in Griechenland, der vielleicht verrückt, vielleicht aber auch ein Opfer der Militärdiktatur ist, das die Junta im Hospital verschwinden ließ. Der Mann schreit, wimmert, lallt in unverständlichen Lauten und verstummt in einem offenbar genau festgelegten Rhythmus, dessen Gestaltungsregeln dem Erzähler verborgen bleiben. Das befremdliche Ritual ist der kleine, komprimierte Rest Leben, den sich der Gefangene bewahrt.
Übersetzt hat sich die Isolierung des Individuums auch in eine körperliche Bewegung: Der Gefangene sitzt in einer kleinen Schatteninsel. Fast automatisch rutscht er dem Schatten nach, der Sonne ausweichend und ihr zugleich gehorchend wie der Zeiger einer Sonnenuhr. Immer näher rückt er so an das Gebäude der Heilanstalt heran, bis sein Schattenfleck mit dem Dunkel um den Bau herum verschmilzt. Entsetzt hebt das verstörte Wesen zu schreien an, schreit unaufhörlich, bis zwei Pfleger es ins Gebäudeinnere schleifen. Der Erzähler kann nur vermuten: Der Gefangene hat den eigenen Schatten verloren, “fühlte sich in Ewigkeit gefangen”. Dem zerscherbten Individuum mag nun “alles für immer”, ausweglos erscheinen.
Hier findet Ransmayr eine Ebene, die das Erlebte zwischen Sehen und Verstehen in der Schwebe hält. Der Verlust der Identität wird in ein eindringliches Bild gebannt, vorsichtig und einfühlsam umkreist. Dieser Mensch ist nicht interpretierbar, seine radikal subjektive Geschichte will sich nicht mitteilen. Die Schilderung ist von staunenswerter Komplexität, hallt lange nach. Abseits der gängigen Reiseziele findet sich das Unerhörte, der unbekannte Text. Davon, so wünscht man sich, soll der ‘ängstliche Mann’ beherzt noch viel, viel mehr auflesen.
Bild: © wuestenfux / PIXELIO