02 Aug

Brandenburger Fliegensäulenkrüppel

Von Hannes Bajohr

Es gibt Dinge, deren Vorhandensein man glaubt als einziger Mensch auf der Welt entdeckt zu haben, bis man sich die Mühe macht, mal wen anders darauf anzusprechen. Dann merkt man schnell, dass man eben nicht der einzige war, der es bemerkt hat, sondern vielmehr einer unter vielen, die glaubten, die einzigen zu sein.

Ein Beispiel sind die Mouches volantes (»fliegende Fliegen«) genannten »Bazillen«, die man manchmal auf seinem Auge wahrnimmt, wenn man ins Licht schaut: Wie Geißeltierchen huschen sie dem Blick fort und ziehen langsam die Netzhaut entlang. Weil sie einem so nah sind, sozusagen in einem selbst, kommt man erst spät dazu, andere zu diesem Phänomen zu befragen. Tut mans, dann ist man nicht mehr der einzige und freut sich entweder über die unverhoffte Kameradschaft oder ist betrübt, die Erfahrung teilen zu müssen.

Nicht ganz so nah, also auf der Netzhaut (aber fast) ist ein anderes vor dem Auge Flimmerndes, das mich jetzt bestimmt schon seit zwei Jahren sehr viel mehr ärgert, als so ein paar eingebildete Fliegen. Es ist die sogenannte »Anti-Scratching-Foil«, die auf den Fenstern der Berlin U-Bahnen angebracht ist. Scratching, lieber unurbaner Leser, ist in diesem Fall keine Schallplattenkunst, sondern die Freizeittätigkeit verschiedentlich Gelangweilter, mit einem Glasschneider oder den roten, Nothammer genannten, für Havariefälle vorbehaltenen Glaszertrümmerungswerkzeugen aus Bussen die Fenster von Bahnen mit Tags zu versehen. »Scratchiti« heißt das laut Wikipedia, was ich ihr nicht glaube. Jedenfalls ist das Ganze strafbar nach § 303 und § 304 StGB und die Ersetzung kostet eine Menge Geld, weshalb die BVG dazu übergegangen ist, Schutzfolien auf die Fenster aufzukleben, so dass nicht mehr das Glas, sondern nur noch die Folie ersetzt werden muss.

Weil aber auch die BVG etwas auf sich hält und eine Grafikabteilung hat, wurden die Folien per Aufdruck verschönert. Zur WM waren es, viele erinnern sich, Fußbälle. Die nächste Generation zierten Brandenburger Tore. Womit wir endlich beim Punkt wären. Sieht man nun beim U-Bahn-Fahren aus dem Fenster, schweben einem wie Fliegen stets die Tore vor der Fresse rum. Was nicht weiter schlimm wäre, begänne man sich nicht in die grafische Gestaltung des abgebildeten Objektes zu vertiefen. Dann nämlich fällt einem auf, dass die Grafikabteilung der BVG wohl doch eher aus dem sechzehnjährigen Sohn des Direktors zu bestehen scheint, jedenfalls über keinerlei Ahnung von Perspektive verfügt. Von den sechs Säulen des Brandenburger Tores sind sage und schreibe vier falsch gezeichnet: Am schlimmsten bei der zweiten Säule von links (siehen oben), aber auch die beiden mittleren Säulen, deren Unterkanten eigentlich nur aus einer graden Linie bestehen müssten, wurden grotesk und eklatant schief gemalt.

Schlimm dabei ist vor allem, dass es nicht nur um ein Tor geht, sondern um Myriaden davon: Denn pro Fenster sind etwa 30 dieser Tore aufgeklebt; eine Bahn des Typs HK-06 hat 24 Fenster (die auch beklebten Türen nicht mitgezählt), was bei nur einer einzigen Bahn 2880 falsche Säulen macht! Hochgerechnet auf die 1288 Fahrzeuge der BVG macht das 3.709.440 perspektivisch mißgebildete Pfeiler, woraufhin man sich erstmal setzen muss.

Die Sache nun ist, dass ich immer der Meinung war, diese Inkongruenz sei nur mir aufgefallen. Was natürlich nicht stimmte. Aber als ich darüber neulich mit einer Bekannten sprach, in einer dieser Bahnen sitzend, war mir, als würde ich ein gut gehütetes Geheimwissen teilen – eben wie das der Augentierchen, das eigentlich jedem bekannt sein dürfte. Wir jedenfalls nickten uns wissend einander zu und blickten weiter durch die mit Brandenburger Fliegensäulenkrüppeln vor Vandalismus geschützten Scheiben, von denen unsere Mitreisenden vielleicht alles, vielleicht aber auch nichts wussten.

Bild via: stadtbahn-blog

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Eine Reaktion zu “Brandenburger Fliegensäulenkrüppel”

  1. Nikolai

    Mir hat letztens jemand erzählt, diese mouches volantes wäre sich ablösende Netzhaut — eine beunruhigende Vorstellung!

    Und zu den BVG-seitig vollgeschmierten Schutzfolien: Gut, dass das mal klargestellt wurde.