14 Aug

Bücher vs. Zigaretten

Von Felix Lüttge

Der Monat ist erst zur Hälfte rum und das Geld schon wieder weg. Eltern oder gewitzte Nichtraucherfreunde raten dann hämisch, mit dem Rauchen aufzuhören, das käme einen nicht nur billiger, sondern sei obendrein gesund.  Mitbewohner oder die anderen Freunde, die zwar rauchen, aber nicht viel lesen, schlagen – ähnlich hämisch – vor, man solle weniger Bücher kaufen, das käme einen nicht nur billiger, sondern spare obendrein viel Arbeit beim nächsten Umzug. Mal angenommen, man entschließe sich nun, einen dieser Ratschläge zu befolgen: Welcher spart wirklich mehr Geld?

Bei der Entscheidungsfindung hilft George Orwell. Der hat 1946 im Tribune einen kleinen Essay mit dem Titel Books v. Cigarettes geschrieben, in dem er die Ökonomien des Lesen und des Rauchens miteinander vergleicht. Seinen humanistischen Zeigefinger, der über den Köpfen der Fabrikarbeiter schwingt, die zwar einige Pfund für einen Tagesausflug nach Blackpool, aber keine zwölf Pence für ein Buch ausgeben wollen, sparen wir uns hier und rechnen einfach mal, seinem Beispiel folgend, nach.

Die Bücher, die Orwell zählt und einrechnet, sind die in seiner Wohnung. Ungefähr die gleiche Menge hat er anderswo gelagert, er will also das Ergebnis seiner Rechnung verdoppeln, um seine ganzen Ausgaben zu erhalten. Orwell berechnet nur die Bücher, die er freiwillig gekauft hat oder gekauft hätte. Belegexemplare, völlig zerfledderte Ausgaben, billige Taschenbücher, Pamphlete oder Magazine lässt er raus. Auch alte Schulbücher und ähnliche Textsammlungen, die in dunklen Schrankecken vergammeln, bleiben bei der Rechnung außen vor. Übrig bleiben 442 zu berechnende Bücher in folgender Aufstellung:

Gekaufte Bücher berechnet Orwell mit dem vollen Kaufpreis. Gleiches gilt für geschenkte, geliehene und nie zurückgegeben Bücher, die er aufrechnet mit solchen, die er selbst verschenkt, verliehen oder nie zurückbekommen hat. Rezensions- und Gratisexemplaren misst Orwell den halben Preis zu, denn so hoch schätzt er ihren antiquarischen Wert. Und wenn überhaupt, hätte er diese Bücher gebraucht gekauft.

Mit gelegentlich geschätzten Summen kommt er damit auf folgende Positionen (»s.« steht dabei für Shilling (= 12 pence) und »d« für Pence):

Seine eingelagerten Bücher gleich berechnet und addiert, kommt Orwell am Ende auf ein Buchvermögen von ca. £165 15s. bei ca. 900 Büchern. Er veranschlagt 15 Jahre für das Sammeln dieser Bücher und errechnet so ein Mittel von £11 und 1s. pro Jahr. Als exzessiver Zeitungsleser, der Orwell ist, addiert er £8 pro Jahr für mehrere Zeitungsabonnements und weitere £6 für Bücher, die er jährlich kauft, aber verliert oder aus anderen Gründen nicht berechnen kann. Ungefähr £25 sind es schlussendlich, die George Orwell von 1931 bis 1946 im Schnitt im Jahr fürs Lesen ausgibt.

Für Tabak und ein Bier pro Tag berechnet Orwell £40 jährlich, was wohl auch mengenmäßig eine ganze Menge ist, aber völlig im Durchschnitt des englischen Alkohol- und Tabakkonsums der 1940er Jahre liegt.

Man kann Orwells Rechnung auch heute machen, nur müssen darin geringe Veränderungen vorgenommen werden. Die Buchzahl wird halbiert, wir rechnen mit 442 Büchern, denn den Luxus, dieselbe Menge nochmals an einem anderen Ort zu verwahren, dürften sich die wenigsten Leser leisten können. Die Buchpreise müssen ebenfalls angeglichen werden. Für neue Bücher wird hier ein Durchschnittspreis von 13 Euro angenommen, für antiquarische ein Preis von 6 Euro. Rezensionsexemplare bekommen viel zu wenige, wir lassen sie deshalb weg. Auch rechnen wir nur mit einem Zeitungsabonnement, das, angelehnt an das Studentenabo einer großen deutschen Tageszeitung, bei ca. 5,40 Euro pro Woche liegt.

Das ergibt die Rechnung

Das Zeitungsabo (280 Euro/Jahr) addiert, liest man in 15 Jahren für ungefähr 8 969 Euro (Was noch günstig gerechnet ist. Wer studiert schon 15 Jahr lang?), das sind jährlich im Schnitt ca. 598 Euro, die man für Buchstaben auf Papier ausgibt.

Die Zigarettenrechnung geht schneller. Wir lügen uns selbst in die Tasche und behaupten, eine halbe Schachtel am Tag zu rauchen, die uns jedes Mal 4,60 Euro kostet. Das macht nicht ganz 183 Schachteln im Jahr und somit 841,80 Euro für Tabak. Die Sache ist eigentlich schon entschieden. Der Vollständigkeit halber addieren wir aber noch den deutschen Durchschnittsbierkonsum der, wie eine Studie kürzlich feststellte, bei 500 Flaschen pro Jahr liegt. Den halben Liter kann man in einer Berliner Kneipe mit einem Preis von 3 Euro veranschlagen, was 1 500 Euro Jahresausgaben für Bier ergibt.

Noch einmal in aller Deutlichkeit:

Jahresausgaben für Vielleser: 598 Euro

Jahresausgaben für Raucher: 841,80 Euro

Jahresausgaben für Trinker: 1 500 Euro

Wir kommen also zum selben Ergebnis wie George Orwell. Lesen ist das billigste Vergnügen.

Foto: cell105

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2 Reaktionen zu “Bücher vs. Zigaretten”

  1. peter

    hinweis: staat.de ist eine trackback-schleuder, die versucht, mit rückverlinkung den eigenen marktwert zu steigern. würd ich blockieren.

  2. Felix Lüttge

    Danke, Peter. Wie Du siehst, ist das geschehen. Dafür wahrscheinlich Dank an Florian.