28 Aug

Listige Sprachen?

Von Hannes Bajohr

Does Your Language Shape How You Think? In einem sehr schönen Artikel versucht das New York Times Magazine in seiner letzten Ausgabe diese Frage zu beantworten und kommt zu interessanten Ergebnissen. Unsere Auffassungen von Geschlecht, Zeit, sogar von Orientierung werden durch den Rahmen der Sprache geprägt, in dem wir diese Dinge das erste Mal erfahren. Der Autor, komischerweise ein Guy Deutscher, meint nicht, dass unsere (Landes-)Sprache unser Denken determiniert – schließlich können wir genauso Konzepte verstehen, für die es im Deutschen kein Wort gibt, wie wir die eine Zeitform durch eine andere ausdrücken können. Deshalb gibt es Fremdwörter und deshalb irritiert es niemanden, wenn ich sage: »Ich besuche dich morgen.« Aber auch wenn wir alle die Beschränkungen unserer Sprachen umgehen können, sorgen diese doch dafür, dass sich unsere Sicht der Welt in gewissen Bahnen bewegt.

Deutscher zitiert dabei aber zwei Studien, deren Ergebnisse mich mächtig irritieren. Dort wurden Deutsche, Franzosen und Spanier gebeten, unbelebten Gegenständen männliche oder weibliche Eigenschaften zuzuweisen. Tatsächlich beurteilten die Probanden die Gegenständen entsprechend ihres grammatischen Geschlechts: Die Deutschen fanden die Brücke elegant und weiblich, die Spanier el puente kraftvoll und männlich. Darauf zieht Deutscher (und wahrscheinlich auch die Studien) den Schluss, dass wir Sprecher solcher Sprachen mit Generaobjekten von Kindesbeinen an in einer ganz schön wilden Welt voller männlicher und weiblicher Sachen leben, während der arme Brite in einer »einfarbigen Wüste voller ›its‹ gefangen ist.« Haben diese Zuweisungen einen Einfluss auf unser Verhalten? Deutscher kann sich nicht ganz dazu durchringen, das rundheraus zu behaupten, legt es aber nahe: »It would be surprising if they didn’t.«

Ich habe mit amerikanischen Bekannen gelegentlich darüber gestritten, ob die deutsche Sprache weniger oder mehr sexistisch ist als die englische. Wenn man im Englischen sagt (das ist das Beispiel im Text): »I spent yesterday evening with a neighbor«, dann weiß man nicht, welches Geschlecht diese/r Nachbar/in hat – anders als im Deutschen oder Französischen. Das stimmt. Allerdings heißt das noch nicht, dass das Englische besonders genderneutral ist und sich einfach fein mit der Zuweisung von Geschlechtern zurückhält. Denn stellt man sich wirklich, solange man keine weiteren Informationen hat, jemanden eine Person als geschlechtslos vor? »Das Nachbar«, bis auf weiteres? Oder gibt es nicht eher ein »default gender«, ein Standardgeschlecht, das man, unbewusst vielleicht, im Sinn hat? Beim Nachbarn mag das noch nicht so auffallen. Aber was ist mit: »Yesterday, I went to the doctor’s«; »the boss fired me«; »the university’s president gave a speech«? Ist da das Deutsche nicht neutraler, weil klarer, und das Englische – sexistischer, weil es Rollenbilder listig hinter Neutra versteckt?

Aber natürlich gibt es das im Deutschen auch. Etwa, wenn ich sage »Frau Müller ist mein Nachbar« oder »die Kongressteilnehmer sind Germanisten« (auch, wenn Frauen darunter sind). Man nennt das »generisches Maskulinum«: Der Genus (grammatisches Geschlecht) sticht den Sexus (natürliches Geschlecht) aus. Das ist tatsächlich sexistisch (eindeutig im ersten Fall, im zweiten weniger, aber immer noch). Die Sache ist nur: Im Deutschen haben wir die Wahl. Deshalb auch die ganze Aufregung um Binnen-Is und allgemeines Durchgegendere. Wir können uns aussuchen, ob wir wert darauf legen, Geschlecht deutlich zu machen, oder nicht. (Übrigens ein gutes Beispiel für das versteckte Geschlecht im Englischen ist die Tatsache, dass es auch dort Versuche gibt, Sprache genderneutraler zu machen: Statt »he« oder »she« heißt es dann »they«, was manchmal zu ähnlich merkwürdigen Satzstellungen führt, wie das Gendern im Deutschen Texte vor lauter Schrägstrichen unlesbar macht.)

Natürlich ist Deutscher sehr dafür, die eigene Sprache nicht als Gefängnis anzusehen, wie das jahrzehntelang immer wieder am Beispiel der Indianersprachen, die nicht zwischen Subjekten und Verben unterscheiden, getan wurde. Trotzdem scheint er zu meinen, dass Sprachen Neigungen haben, die uns weniger bewusst sind als uns lieb sein sollte. Das ist sicher etwas dran – aber bin ich der (oder die) Einzige, der sich unwohl beim Gedanken fühlt, das sollte so sein?

Bild: Wikipedia, Lizenz: GNU FDL

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3 Reaktionen zu “Listige Sprachen?”

  1. Sondergleichen

    Die feministische Sprachwissenschaft hat schon in den 1970er Jahren herausgearbeitet, wie stark die Sprache unser Denken und unsere Sicht der Welt beeinflusst. Was damals zunächst Abwehr und Empörung hervorrief, wird heute wissenschaftlich nicht mehr angezweifelt. Wenn ich der obigen Darstellung folge – den Originalbeitrag kenne ich nicht -, widerspricht Deutscher sich, wenn er einerseits unzutreffenderweise behauptet, unsere Muttersprache präge unser Denken nicht, und gleichzeitig feststellt, dass das grammatische Geschlecht von Objekten höchstwahrscheinlich unser Verhalten beeinflusst.

  2. Hannes Bajohr

    Ja, er ist da nicht ganz konsistent. Einerseits argumentiert er gegen eine völlig konstruktivistische Auffassung, andererseits scheint er aber implizit zuzugestehen, dass es die genannten Einflüsse gibt.

  3. Felix Lüttge

    Hier: Die Süddeutsche hat der Sache eine ihrer doofen Bildergalerien gewidmet: http://www.sueddeutsche.de/kultur/sprache-ohne-sexismus-geschlechtergeraecht-1.995244