22 Mrz

Ein Brief vom damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff

Von Michael Duszat

Liebe Mitbürger, Gefängnisfilme sind ein schönes Genre, eine Mischung nämlich aus Action und Kammerspiel, wie ich finde. Ich erinnere mich noch genau an den Fall Marco W., der völlig unschuldig war wie auch seine Mutter Veronika Ferres. Die saß im heute abend versendeten Sat1 Eventfilm mit Vater Herbert Knaup am Strand, während der Sohn, der 17 ist, mit jungen Mädchen flirtet. Das Drama nimmt seinen Lauf, als Caroline, ein blondes Girl aus Manchester, mit Marco bekannt wird. Sie sagt, sie sei 15, was ein Problem ist, wie die Musik anzeigt. Aber sie legt es drauf an. Denkt man jedenfalls, aber dann ist doch nichts passiert. Denkt man jedenfalls, da nichts gezeigt wird. Am Morgen aber, es ist der letzte Urlaubstag, gibt es Ärger. Polizisten nehmen Marco mit auf die Wache. Keiner weiß so richtig, warum. Veronika und Herbert sind sichtlich nervös. Irgendwie hat Marco wohl was gemacht mit Caroline. Es stellt sich jedenfalls heraus, dass die erst 13 war, was mit dramatischer Musik quittiert wird, also ein noch größeres Problem darstellt als 15 jemals darstellen könnte. Als nächstes kommt Marco ins Gefängnis. Herbert packt abends die Sachen ein zur Abreise, denn der türkische Hotelier hat ihm noch mal versichert, dass die Türkei ein gutes Land ist. Der will natürlich die Gäste nicht noch mehr verunsichern. Aber wieder kann man nicht anders als die Musik zu bemerken, jetzt nämlich haben wir auch Klavier und Synthesizergeigen. Marco geht zum offiziellen Verhör und erzählt die ganze Geschichte der Nacht, während die Eltern zuhören. Jeder weiß eigentlich, Marco hat nichts gemacht, denn die ganze Initiative ging von Caroline aus, die wir überhaupt nicht mehr sehen, und schlimm ist es eigentlich auch nicht gewesen. Ich meine, was Teenager heute so tun, das ist wohl alles sehr anders da. Der türkische Dolmetscher übersetzt alles übertrieben und verfälscht, und die Richterin schaut streng und stumm zu und schickt dann Marco erstmal ins Gefängnis. Schlaginstrumente werden der Musik hinzugefügt, die Asthmamedizin wird durchs Gitter gereicht, aber die türkischen Wächter lässt das alles kalt. Im Gefängnis angekommen, erzählt Marco aus Vorsicht, dass er einen verprügelt hat, was zu großem Gelächter führt. Veronika will Marco frische Handtücher bringen, Herbert denkt an Rechtschutzversicherung. Man besorgt 1 Anwalt. Beim Besuchstag ist die Scheibe so dreckig, dass man eigentlich gar nicht durchkucken kann. Kein Wunder, dass allen ein bisschen die Stimme stockt. Zustände sind das. Man hat vor allem den Eindruck, dass das da System hat im Gefängnis. Die hygienischen Verhältnisse sind insgesamt auch nicht toll. So geht es immer weiter und weiter, kurz gesagt, der Gefängnisaufenthalt dehnt sich weiter aus. Das kennt man zum Teil aus diesem Film, Midnight Express, der bis in die 90er hinein, ich glaube zu Weihnachten immer, im deutschen Fernsehen lief. Da ging es aber um Haschisch, da konnte man sich immer von distanzieren, wenn man selbst nie Haschisch schmuggelte. Der Witz beim Fall Marco W. ist aber eben, dass es jedem von uns passieren könnte. Marco denkt gezwungenermaßen über sein Leben nach. Die Presse daheim kriegt Wind von der Sache und stürzt sich auf die Familie, schmierige Medienberater und ungebetene Fotografen inklusive . Im Gefängnis erfährt man, warum Marcus da ist, was bekanntermaßen bei diesen Jungs nie gut ankommt, da haben die so eine Art Gerechtigkeitssinn. Der Richter ist alte Schule und lässt sich nichts sagen, nicht mal klare Beweise von einem Gynäkologen lässt er zu. Die weinende Veronika wird von einer unbekannten Türkin getröstet. Marco bekommt einen handgeschriebenen Brief vom damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff. Er rettet einen drogensüchtigen Mithäftling vor dem Drogentod und bietet einem hustendem Mithäftling sein Bett an. Er setzt sich für einen angeblich homosexuellen Mithäftling ein, der trotzdem verprügelt wird. Der Richter regt sich über irgendwas auf, keiner versteht mehr, warum Marco immer noch sitzt. Der Außenminister setzt sich ein. Am Ende ist es so weit, ein ehrwürdiger Tourismusvertreter der Türkei kommt aus Deutschland und macht irgendwie seinen Einfluss geltend. Die Zeitungen im ganzen Land haben alle nur noch eine Schlagzeile: Marco W. wieder frei. Eltern überglücklich. Am Ende gab es noch ein paar stumme Zeilen, die sagen wie es weiterging. Hinterher gab es auch noch eine Doku zum Thema, die die gleiche Musik benutzt. Den Film gibt es auch auf DVD und Bluray, wie einem die Werbung zwischendurch gesagt hat, falls Euch das hier nicht überzeugt, dann schaut es Euch halt selbst an, das geht bestimmt auch im Internet. Ich weiß jedenfalls langsam echt nicht mehr, woran ich noch glauben soll. Ich meine, ich liebe die Türkei, mein eigenes Land und Manchester, aber das ist auch schon alles, was ich dazu noch sagen kann.

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2 Reaktionen zu “Ein Brief vom damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff”

  1. Nikolai

    “Jetzt nämlich haben wir auch Klavier und Synthesizergeigen”. Wunderbar. Hey Michael, also mir gefällt der neue Schreibstil. Lag das am Film? Sonst warst Du doch immer die Ruhe selbst! Aber gut, Veronika Ferres als Mutter von Marco…

  2. Michael

    Ich bin nur Chronist, Protokollant, Medium, und habe daher keinen eigenen Stil. Es lag also am Film, ja!