Alle Beiträge in: „17. open mike“

15 Nov

17. open mike — so war’s

Von Anne-Dore

open-mike_logoEigentlich haben wir dieses Mal alle gewonnen. Ursula Krechel, Sprecherin der Jury, schickte nämlich eine Belobigung vorweg: An uns. Das Publikum. Wir hätten nicht unter Niveau gelacht, seien aufmerksam und kultiviert gewesen. Da lachten wir doch alle erfreut (natürlich nicht unter Niveau).

Die offiziellen Preise der Jury, dieses Mal gleichrangig vergeben, gingen an:

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15 Nov

17. open mike — zweiter Tag

Von goldmag

open-mike_logoBerlin, 15.11.2009 – WABE, 12:00 Uhr. Der 17. open mike geht weiter. Zwei Leseblöcke, acht Autorinnen und Autoren. Die Beiträge in der Lesereihefolge, kommentiert von GOLD.

Alle Wettbewerbstexte zum Nachlesen in der Anthologie des allitera-Verlags.

Diensthabende GOLD-Redakteurinnen: Vanessa, Marijke, Elena

15 Nov

Marie T. Martin – Nachmittag

Von goldmag

„Man kann eine Geschichte nicht überblicken, in der man nur eine Figur ist.“ Ein Kaffeehaustisch und das Leiden der ganzen Welt. Man isst ein Eis, und anderswo wird „jemandem jetzt der Kopf weggeschossen“. Überempfindsamkeit, der die alltäglichen Schrecken ganz nahe kommen: „ich möchte sofort eine Haut bestellen, keinen flavoured Cappuccino“. Ein verzweifeltes Wundern über die unentrinnbare Beschaffenheit des Seins. „Alles flirrt, alles ist sich ähnlich, der Tisch unterscheidet sich nicht wirklich von deiner Hand und nicht wesentlich von dem Mobiltelefon, und im Allerinnersten ist es hauptsächlich: Nichts.“

Ein dichter dichterischer Text, den Lektor Wolfgang Farkas einen „Gesang“ nennt. Weit von der plotbestimmten Gattung der Kurzgeschichte und nahe dran an Marie T. Martins Können, der Kurzprosa. Splitter von Gedanken, Einsichten, Assoziationen, Erinnerungen. Immer wieder Gemmen: „Ich glaube, es gibt den Kern nicht, nach dem wir suchen, es gibt nur eine Farbe vielleicht, die immer auftaucht, Schicht um Schicht ist alles übereinandergelegt in uns wie eine Lasur, es gibt keinen wahren Grund, denn alle Schichten leuchten zusammen, es gibt viele Stimmen und keine eigene.“ Konzentrierte Stille im Publikum. GOLD-Favoritin.

Ruhigste Selbstdistanz: „Und die immergleiche Ellipse der Tauben in dem Dorf, in dem jemand aufwuchs, der aussah wie ich als Kind, ein Mädchen, das mit mir zu tun haben musste, diese immergleiche Bewegung, die ich vom Küchenfenster aus sah, und wie die Vögel in einem bestimmten Moment, einer unbestimmten Drehung unsichtbar wurden vor dem Himmel.“

13. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 15.11.2009 – 12:15 Uhr

15 Nov

Greta Granderath – To go, went, gone.

Von goldmag

A auf den Spuren ihres toten Bruders/lebendigen Ex-Freundes in New York. Einen Foto-Spot im Central Park aufspüren, seine Pose einnehmen – und ein Lachen wie Weinen. „[S]chau hin, denk an ihn, denk nicht an B, dann geht der Plan auf, ich gehe auf, in diesem Bild“. Auf der Suche nach Perfektion, aber Perfektion ist Stillstand. Der Film läuft weiter, Klack, Close-Up, Close-Up und Mo, ein neuer Mensch im Leben: Mo.

- Keine Wertung aufgrund institutioneller und persönlicher Befangenheit. – d. Red.

Weitestes Wortspiel: „Here, everywhere, und öffnet die Arme als wolle er etwas umarmen oder vermessen, vermessen umarmen.“

14. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 15.11.2009 – 12:30 Uhr

15 Nov

Alexander Gumz – Gedichte

Von goldmag

3 AM: DRUNK, HEARTBROKEN AND HORNY

das seltsame an unseren spielen: die regeln.
das bekannte: der ausgang. wer mitmacht,
an welchem ufer man am ende sitzt.

lass uns mit kreide auf den tafeln
in unseren jackentaschen notieren: ich war dumm,
aber etwas in mir hatte recht. und zieht vor.

hol noch mal ratschläge ein: die reihe rum
vom bauern, dem könig, der dame, dem turm.
alle wissen was anderes vom geschlagenwerden.

keiner verrät, wie lange es dauert bis sich seine narben
öffnen. die haut des schachbretts
schlägt wellen.

– Keine Wertung aufgrund institutioneller und persönlicher Befangenheit. – d. Red.

Dienlichster Ratschlag: „wer zum flug ansetzt, hört er, muss wissen, / dass ihn der wind vergessen kann.“

15. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 15.11.2009 – 12:45 Uhr

15 Nov

Konstantin Ames – Gedichte

Von goldmag

„Wir befinden uns jetzt auf Seite 19 der Anthologie“, leitet Ames das Publikum an. Blättern. Und weiter. Neue Live-Gattung: Die Mitlesung.

Ein wenig mittelalterliche Sentenz im Alltagssprachwitz, schräg gesägte Viertelbilder, virtuose Halbzitate. „a e o u o schrammer geist! komm und füll mich auch! / weitgehend unbegründeter wurm“. Buchstabenumdrehe. Schreibspreche-Sprechschreibe, verklingelklüngelt: „3u muueiner groszen / Tjreude stehje ich aljo mieder einwal iw Rerichjt“

Flapsigste Reklame: „Zeugma her: ‚Hier geht es heiß und günstig zu!’“

16. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 15.11.2009 – 13:00 Uhr

15 Nov

Inger-Maria Mahlke – 3. Kapitel: Potulski I

Von goldmag

Frau Potulski, seltsam und in misslicher Lage, eignet sich die Wohnung des älteren Sonderlings Hermann an, der Regen fotografiert, das Saufen versucht und es aus Langeweile wieder aufgibt. Haptische Prosa, man meint die stickige Luft zu riechen in der raufasertapezierten Wohnung, in der die Dinge konkreter leben als die Menschen. Unvermutet und etwas angewidert kostet Hermann Verbotenes: Frau Potulski bietet ihm ihre Brüste, zwei „Schläuche”, „völlig zerstört …. gut gefüllt”. Eine kurze Berührung, die sich mit geschlossenen Augen „[b]litzschnell und aus der Tiefe richtig” anfühlt. Doch mit offenen Augen „das weiße Regal wie immer, die Ohrenstäbchendose wie immer, die Schläuche fremd”. Lektor Andreas Paschedag nennt die Konstellation ein „doppelbödiges Kammerspiel” in zwielichtiger Atmosphäre. Wir finden’s gut gearbeitet und trotzdem langweilig.

Intimster Moment: „‚Stettin’, sagte er und berührte mit der Hand den dunklen Holzrahmen, ‚dort bin ich geboren’, er fühlte ein kleines, besitzstolzes Lächeln in seinen Mundwinkeln.”

17. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 15.11.2009 – 14:15 Uhr

15 Nov

Carolin Dabrowski – Gedichte

Von goldmag

Dinggedichte. Unheimliches Wesen widerständiger Worte und befremdlicher Vorgänge. „*unterdeck: melichtern, / nässt die pomade & schuhbrämatur* & / grind: du riechst nach kartoffeln* &“. Genäht, gelötet wird in den GeBILDen, die keine einsinnige, fassbare ‚Wirklichkeit’ kennen. Vorgelesen leider stumpfer als durchgelesen.

Klassischstes Bild: „nicht mehr als deine handvernähten lippen“

18. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 15.11.2009 – 14:30 Uhr

15 Nov

Thomas Mahler – Die Treppe

Von goldmag

Der ausführende Justizrepräsentant, Mittelschichtkind, verurteilt den gescheiterten Juwelendieb, Migrantenkind, zu zwei Jahren Haft. Zwei getrennte Welten mit Kindheitskontakt: Richter und Räuber sind in derselben Wohnsiedlung aufgewachsen. Ersterem, dem Ich-Erzähler, sind die eigenen sozialen Vorteile bewusst, aber unhinterfragt hält er sie für verdient, denn der Migrant hätte sich geweigert, „einen bürgerlichen Weg einzuschlagen“. „Sie hatten ihre Chance“, lautet das Verdikt. Abgeurteilt nach Akten-, nicht nach sozialer Lage. Man wünscht sich nach den ersten Absätzen eine Textinstanz, die den Ich-Erzähler beurteilt, diese erkenntnisresistente Jusitz-Entität. Der Text: Ein etwas blasses Bild deutscher Untertanenmentalität und Selbstgerechtigkeit.

Verquerste Raumsymbolik: „Ein einfacher Stuhl und ein strukturiertes Holzpodest waren vielleicht genauso weit voneinander entfernt wie zwei gegenüberliegende Balkons einer westdeutschen Siedlung.“

19. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 15.11.2009 – 14.45 Uhr

15 Nov

Pola Pulver – Alles auf eine Karte

Von goldmag

In der Bar, auf der Suche. Im nächtlichen Standardinventar tätowierter und gelangweilter Tresenkräfte findet SIE eine kompliziert schöne SIE mit „Zenaugenbrauen“. Geheimnis: Die Bar scheint – wie das Bermudadreieck Schiffe – Gäste zu verschlucken (metaphorisch: eben noch da, schon wieder weg). Ein philosophischer Taxifahrer kreuzt auf, es kreuzen sich die betrunkenen Wege der mäandernden Individuen, kreuzbrav ist Pola Pulvers Text. Wodkaselige Windungen. Der Text stülpt sich um und verschwindet unfreiwillig in der peripheren Welt, die er beschreibt: im Bermudadreieck.

Spiegelverkehrteste Überleitung: „[M]ir wurde dort regelmäßig schlecht, nicht nur durch den Wodka, den ich trank, auch weil die Luft dünn war. Dünn war auch das Mädchen, das sich hinter der Bar stehend eine Zigarette drehte.“

20. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 15.11.2009 – 15.00 Uhr