Alle Beiträge in: „17. open mike“

14 Nov

17. open mike – Erster Tag

Von goldmag

open-mike_logoBerlin, 14.11.2009 – WABE, 14:00 Uhr. Der 17. open mike beginnt. Drei Leseblöcke, zwölf Autorinnen und Autoren. Die Beiträge in der Lesereihefolge, kommentiert von GOLD.

Alle Wettbewerbstexte zum Nachlesen in der Anthologie des allitera-Verlags.

Diensthabende GOLD-Redakteurinnen: Elena, Marijke, Vanessa

14 Nov

Juliane Liebert – [lugdunam]

Von goldmag

Nachrichten ins Leere: Zu Beginn des Textes werden der Leser und der Protagonist im Chat „disconnected“. Einstieg in ein Roadmovie auf Droge light. „Wir tranken Kaffee“, nebenbei vergiftet Jazz ihren boyfriend Karl, bis sein Urin burgunderrot wird. Cool = hier im Prinzip alles, wenn: man nackt ist, irgendetwas brennt und man von Einhörnern angegriffen wird. Knallbunt und von so künstlicher Süße wie der titelgebende chemische Süßstoff Lugdunam.

Belangloseste Beschäftigung: „ich aß kinder pinguin und arbeitete an meiner liste-der-dinge-die-ich-noch-kündigen-muss.“

1. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2009 – 14:00 Uhr

14 Nov

Sebastian Th. Lollschied – meros_3

Von goldmag

Ein vielstimmiges Gedicht. Die Story: Ein Mordkomplott des Merowingerkönigs Theuderich an seinem Bruder Chlotachar. Im Bunde: Der Königssohn Theudebert, denn „[i]n solchen Ränken war Theudebert sehr bewandert.“ Nebenhandlung: Ein Sohnes- und Selbstmord, Jetztzeit. Umrankt von Werbeslogans, Assoziationen, Sprachmüll. „Preis gut, alles gut. Eine Aktion der / katholischen Kirche und RTL.“ Fugenartig ineinander geschoben. Im Druck normal, fett, kursiv. Aber vorgelesen? Lollschied tauscht Halbsatzstellungen, wiederholt, improvisiert. Sprachjazz. Lesestoff.

Am leichtesten auswendig zu lernender Vers: „Yippie, Yeah, Yeah, Schweinebacke“

2. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2009 – 14:15 Uhr

14 Nov

Matthias Senkel – Peng. Peng. Peng. Peng.

Von goldmag

Lektor Andreas Paschedag hält eine Laudatio vorweg. Matthias Senkel liest trocken, mit pergament-rauchiger Stimme. Krachend leiser Humor (ja, paradox; aber gelungen!), ein magisch realistisches Familienpanorama. Eine „Zauberkiste“, dieser „Mikroroman“„auf nicht einmal sieben Manuskriptseiten“ (Zitate Paschedag). Im Zentrum: Eine Pistole, ihre vier Opfer und die Beziehungen drumherum, mehr als hundert Jahre Geschichte, von Kaiserlich Deutscher Marine und Samoa über Zweiten Weltkrieg, Nordafrikakorps und Festung Europa bis DDR, UdSSR und Subbotnik.

Senkel erntet den allerersten Publikumslacher des Tages und schließt mit einer Meta-Pointe: „Onkel Leonhard: Jetzt mach mal einen Punkt! Wenn permanent neue Gegenstände immer weitere Verzweigungen auslösen – wie hört der Roman dann je auf?“ Ich: ‚Et cetera, et cetera.’“ Spritzig, komplex, überraschend, gewitzt. Früher Favorit!

Außergewöhnlichste Protagonistenbeschreibung: „Die Pistole meines Urgroßvaters Franz Gründel war bisher in den Tod folgender Personen verwickelt:

Jeremiah Regoldt, Handelsvertreter (1933),
Felicité Samoa Rötschke, mutmaßliche Spionin (1944),
Sarkis Karabekian alias Sergej Karabekow, Frontaufklärer (1945),
und Wolfgang Plöthner (1945).“

3. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2009 – 14:30 Uhr

14 Nov

Jenny Kau – Brückenwärts

Von goldmag

Die Personen: Ein Er und ein Ich. Er steht auf einer Brücke. Ich fürchtet, Er wird springen und stellt sich daneben, „wie gebannt“. Zwanghaft! Der Schweiß läuft in Sturzbächen. Seelenvorgänge, Er rettet Ich: „Noch heute denke ich oft an diesen Mann und hoffe, dass er an diesem Tag ebenso viel gelernt hat, wie ich selbst: Auf einer Brücke zu stehen und sich fallen lassen zu können, in der sicheren Gewissheit, dabei nicht in die Tiefe zu stürzen.“ Keiner springt oder fällt, nur die Prosa schmiert ab. Schund (sagt die Nachbarin). Augenrollen.

Verjammertestes Klischee: „Die schwere Kindheit, als mein Vater uns verließ und nur das alles erstickende Gefühl des Versagens zurückließ.“

4. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2009 – 14:45 Uhr

14 Nov

Pyotr Magnus Nedov – Maxime # 209

Von goldmag

Suuper Vortragsstimme: knatter-ratter-rollendes Osteuropa-R (Brronislava hat ein Brrobleem), weeicher Wiiener Zuungenschlaag, heiser unterspannt. Die Stimme des Autors liest eine Künstlergeschichte: Enfant terrible Capek hat ein Problem – es geht auf die dreißig zu und ist weder reich noch berühmt. Die Chance: ein Filmdreh zu La Rochefoucaulds Maxime # 209 (ein bisschen Verrücktheit = wahrhaft weise); Capek als FREAK. Erzählprinzip: Charmante Häufung von Unwahrscheinlichkeiten. Das enfant „war mit einer bisexuellen Ägyptologin verheiratet, die Schlangen züchtete und eine Vorliebe für kleine Rucksäcke in Sargform mit verkehrtem Kreuz hatte“. Ausgeflipptheit als Pose. Ah, geh …

Sympathie heischendste Phrase: „Hinzu kam noch die altersbedingte Streichung der Familien- und Studienbeihilfe, was Capek dazu zwang, Umfragen für Joghurtsorten zu machen, verschiedene Allergiestudien im Wiener AKH über sich ergehen zu lassen und sogar als Bürokrat in der Zahnarztordination seiner Mutter auszuhelfen, was so ganz und gar nicht zu seinem Lebensstil ‚à l’enfant terrible’ passte.“

5. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2009 – 16:00 Uhr

14 Nov

Anne Krüger – Gedichte

Von goldmag

Lektor Urs Engeler hat Anne Krüger ausgewählt „wegen dreier böser Zeilen“. Welche wohl? Vielleicht: „alle Männer sind so sexy, bloß du gefällst mir nich. / rosenblüten regnen auf alle brustbehaarungen herab, / bloß dir scheiß ich ins grab.“

Der Rhythmus rappig, das Auftreten peppig. Mutta im Kummakittel, ein Frauenleben: „dernächstebitte, brustkrebstitte, anstandundsitte, ordnungundsaubakeit, / immabereit, immaperfekt, leistungsdefekt, ein gläschen sekt, stößchen“. Das ist richtig schön böse, mit Möse und ohne die alten Rockschöße. „buchstabensuppe, brainbarbiepuppe“. Szenenapplaus!

Ermutigendster Imperativ: „gebär dich selbst, melonenbaby, spuckkotzwürg dich raus ins LEBEN“

6. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2009 – 16:15 Uhr

14 Nov

Ondrej Cikán – Die Gruppe

Von goldmag

Cikán arbeitet als Dichter, Übersetzer, Regisseur – im eingereichten Gedicht setzt sich sein Job als Fiaker durch: Eine lyrische Kutschfahrt im Wild-West-Setting. Genre, gereimt. Kaiserschmarrn-Western, in nuce: „Wen haben sie wohl ausgelacht? / Ich hab sie alle umgebracht.“ Nix Peng. Peng. Peng. Peng. wie bei seinem Vorgänger. Höchstens: Peng. Peng.

Pragmatischste Antwort: „Warum die Sterne schon das Bett verließen? / Ich kann halt nicht auf jeden schießen.“

7. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2009 – 16:30 Uhr

14 Nov

Vea Kaiser – Segel auf Butterfly

Von goldmag

„Wir dachten immer, unsere Großeltern wären unkaputtbar“, doch dann: „Totalschaden an Auto und Großeltern“. Oh. „Ihre Tränen rutschten über die glatten Beine, frisch rasiert von ihrem pflaumenfarbenen Apparat.“ Soso. „Wir waren zwei Emo-Kids … und unsere Eltern waren ein Kriegsfeld.“ Ah, deshalb. „Dann überlebte ausgerechnet das Boot die Großeltern“. Bruder und Heldin in einem Boot – „die hätten sicher gewollt, dass wir das gemeinsam tun“ – beider Freundin (girl friend) Ina dazu und fertig pappt das Dreiecksverhältnis. „Es war überaus intensiv, ihre kleinen, harten Brustwarzen auf meinen zu spüren“, ja, „ich war sauer, weil ich von ihm eine Vorwarnung erwartet hätte, dass sein bester Freund Mädchen nach der Entjungferung gerne stehen lässt. Meist sogar noch blutig“, da schau her. „Vielleicht segeln wir ja wieder, wenn es nicht mehr weh tut“. Den Wecker, den Wecker! „[U]nd platsch“. Durchgefallen.

Kriminalistischste Metapher: „Richtig cool fanden wir das nie, sondern enttarnten im Rummelplatz Großeltern eine Geisterbahn.“

8. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2009 – 16:45 Uhr

14 Nov

Claudine Muller – Erdbeerenzeit

Von goldmag

Tochter, Mutter, Opa – und die polnische Haushaltshilfe Ivona, die Opa versorgt, damit er nicht alleine ist nach Omas Schlaganfall. Opa, der „kleine Spitzbube“, Geschichtenerzähler und Clown, sagt ‚Drei Liter’ statt ‚Heil Hitler’ und erntet Prügel. Ivona tanzt. Und Mutter weint. Die „Erdbeerenzeit“: Fülle und eine leise Traurigkeit. „Menschen kommen und gehen, das Leben geht weiter, auch ohne sie“. Die Schwester kam bei einem Autounfall um, zur Erntezeit. Seitdem ist Erdbeerenessen Aufarbeitung. Diese Leben sind ein langer, ruhiger Fluss. Mullers Stimme auch. Schlicht, konzentriert, bodenständig – Bratkartoffelprosa im besten Sinn.

Gegensätzlichste Gefühle: „Wenn Ivona viel lacht, dann muss sie immer weinen.“

9. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2009 – 18:00 Uhr