Alle Beiträge in: „18. open mike“

14 Nov

18. open mike 2010 – Zweiter Tag

Von goldmag

Der zweite Tag des open mike wirkt abwechslungsreicher. Thematisch sind die Beiträge breitgefächert, der Gemütsballast, der die gestrigen Texte prägte, ist abgeworfen. Die Protagonisten sind quirliger, sie lassen sich nicht in Gedankenkäfigen und Wohnungen gefangen halten, sie lauern, phantasieren, gehen über Bord, reisen, beobachten, baden oder springen Seil.

Die drei Gewinner haben dennoch am ersten Tag gelesen: Janko Marklein, Jan Snela und Levin Westermann. Nur der taz-Publikumspreis wurde an einen Autor des zweiten Tages verliehen: Sebastian Polmans.

Gesamteindruck der beiden Tage: Handwerklich hohes Niveau, wenig begeisternde, überraschende Texte und ebenso wenig geht-gar-nicht-Beiträge. Insgesamt dadurch recht homogen. Schade eigentlich.

Diensthabende GOLD-Redakteurinnen: Anne-Dore, Elena, Marijke, Vanessa

14 Nov

Andreas Lehmann – Alles klar?

Von goldmag

Eine normale Ehe, routiniert und ohne Überraschung. Doch dann sieht Er “eines Nachmittags” seine Frau Julia im Kaufhaus, alleine Torte essen, obwohl sie “den Süßkram“ sonst nicht mag. Seine Frau, eine Unbekannte? Das erregt ihn, er folgt ihr unauffällig, und in seiner Phantasie blüht die Beziehung neu und anders wieder auf. “‘Warum siehst Du mich so an?’ ‘Nichts’, sagte er, aber es fiel ihm schwer, seinen Blick von ihr zu wenden.” Das ist genau erzählt, schön im Spannungsaufbau, inhaltlich aber so interessant wie ein Kassenbrillengestell. Die verborgen-verklemmten Lüste des kleinen Mannes.

Schwelendstes Unwohlsein: “Aber es blieb ein Rest von Beunruhigung, der umso unangenehmer war, als er ihn sich selbst nicht recht erklären konnte.”

13. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 12.15 Uhr

14 Nov

Katharina Hartwell – Göteborg

Von goldmag

Lobend erwähnt

Aus der Perspektive eines Mädchens ist die Welt eine große Verschwörung: Ihr Bruder fährt bestimmt mit ihr nach Schweden, sagt aber nichts, um sie zu überraschen. Die Nachbarin hat ihren Stundenplan auswendig gelernt, um sie vor dem Haus abzufangen: “Sag mal, ist der Simon wieder in der Klinik?” Simon ist depressiv, aber Louise verdrängt das und flüchtet sich in die „Göteborg“-Illusion. Im zweiten Teil der dysfunktionalen Familiengeschichte kontrastiert Katharina Hartwell Louises Perspektive mit der von Simon: „Manchmal reißt die Welt auf, dazu braucht es bloß einen Menschen, krank oder allein, eine tote Katze, dann stülpt sich der Raum um und ist fremd, und man kann nicht glauben, dass es irgendwann irgendwo wieder gut geht, das kann man nicht.“ Gelassen und genau erzählt, überträgt sich beim Hören und Lesen die Hilflosigkeit der Geschwister angesichts einer zerscherbten Welt. Von der Autoren-Jury wird der Text lobend erwähnt, und wir finden ihn auch ganz gut.

Unbeschwerteste Überzeugung: “Weiterwissen ist doch ganz einfach; Morgen ist Montag und dann Dienstag, und am Mittwoch haben wir Projekttag, da komme ich erst spät am Abend nach Hause.”

14. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 12.30 Uhr

14 Nov

Christian Schich – Wenigstens starb ein Teil von mir

Von goldmag

Auf hoher See, ein Mann gegen das Meer und die Crew und das Leben an sich. Als Deckhand auf einem Containerschiff von Hamburg nach Kuba, am Limit, drei Nächte ohne Schlaf. Doch Mann, merke: “Schwäche zeigen? Aufgeben? Wie geht das?” Christian Schichs Text ersäuft in Testosteron. Sogar die Kaffeebecher dampfen mit Druck. Bis ein Arbeitsunfall dem Protagonisten seine Grenzen zeigt. Er geht über Bord. “Und über mir schimmerte mein Leben, stahlgrau, durch eine Schicht aus unüberwindbarer Dunkelheit, ein Leben, auf das ich in diesem Moment wirklich keinen Bock mehr hatte.” Drown-Out statt Burn-Out? Aufgeben oder was? Christian Schich knallt beim Lesen die Wörter raus wie Kirschkerne beim Weitspucken. Bleibt unironisch kernig selbst dann, als sein Protagonist absäuft. Für Steuermann Vitali – Ex-Soldat, “ein Riese und dazu hart und kalt wie ein Stück Fels” – mimt er einen ukrainischen Akzent. Das ist wie Kasperletheater. Für richtige Kerle, versteht sich. Nix für uns.

Endgültigster Anfang: “In der ersten Nacht, schon nach den ersten Stunden, war es bitterkalt zwischen uns gewesen.”

15. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 12.30 Uhr

14 Nov

Tom Müller – Himmel und Fleisch

Von goldmag

Ein Roadmovie: Ins australische Outback, vom Schlachthof aus. “Es war die gottgewollte Ordnung, [...] Schenkel und Keulen wurden nach links – von Brat aus gesehen -, Lende, Schulter und Nacken nach rechts gegeben.” Dann lieber ein paar Lendchen im Kofferraum, und ein Stück Fleisch auf dem Beifahrersitz. Er nennt es Christiane. Tom Müller klemmt seinen Protagonisten zwischen “Himmel und Fleisch”. Ficken im “Hyperraum”, einem Klohäuschen an der Straße; das Kondom fliegt wie ein Propeller in die Wüste. Auf dem Rücksitz zwei Abiturienten mit identischen T-Shirts: “Abi-rigines”. Komisches Coming of Age. Die Reise läuft ins Leere, das Benzin geht zur Neige, ‘Christiane’ steigt zu einem Fettwanst ins Auto. Into the Wild II? Zwischen der Prophezeiung einer Sintflut und dem Rest Lende im Sand versickert der Text. Schon wieder eine ‘Ja-aber’-Erfahrung.

Bemühteste Coolness: “sag ich: che c’è? / sagt sie: erst mal nen Kaffee, wa / sag ich: dschäzzz / sagt sie: che c’è? / sag ich: erst mal nen Kaffee, wa”

Skurrilster Unsterblichkeitsversuch: “Aber in dem Latexschlauch würde unsere Spur noch eine Ewigkeit überdauern.”

16. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 12.45 Uhr

14 Nov

Sebastian Polmans – Über Peanuts, mich und andere Sachen

Von goldmag

Gewinner des taz-Publikumspreises

Kobe Bryant wartet auf den Bus, 15 Minuten bis die 3 kommt. Neben ihm eine Nonne, die Erdnüsse isst. Um den Hals ein Jesus am Kreuz mit leuchtendem Heiligenschein. “Bling, bling … Damit wahrscheinlich keiner mehr Angst hat”. Wenig geschieht, außer Warten, Beobachten, Denken. Die Nonne mit der souligen Stimme wippt “so ganz smooth” im Rhythmus des Kauens. “[W]enn ich meinen Arm ausstrecke, würde meine Hand ungefähr auf ihrer Schulter liegen. Natürlich mach ich das nicht. Can’t touch this…” Songtexte durchschießen den Text, die Erinnerung an den Tod der Mutter. Wortlose Annäherung, bis der Bus kommt. “Und ich sehe die Nonne, wie sie wie so ein Monstermagicmushroom auf den Gehweg und hinaus in diesen Höllenguss tippelt und verschwindet.” Den Kontrast zwischen der nervösen Spannung im Inneren Protagonisten und der ruhigen, fast statischen Situation lobte auch der Lektor. Respekt vor Sebastian Polmans, der in einem so winzigen Stück Welt eine so komplexe, eigenständige Figur schafft. Noch ein GOLD-Favorit.

Existentiellster Wortwitz: “Weißwaschschiss”

Sehnlichster Wunsch: “Und jetzt weiß ich auch, was ich sie fragen will, nämlich ob sie mir nicht auch eine Erdnuss unter ihrer Kutte hervorzaubern kann.”

17. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 14.15 Uhr

14 Nov

Anne Krüger – Schaumbad

Von goldmag

Von Sebastian Polmans Peanuts zu den Erdnüssen. Dieses Mal werden sie allerdings im Nebenzimmer gegessen, von Paul, oder Klaus, oder Karl, ihrem Mann. Oder Freund? Wie eine “übermüdete Göttin” liegt sie in der Badewanne und denkt nach. “Seit drei Tagen haben wir nicht miteinander gesprochen. Ich glaube, wir lieben uns nicht mehr.” Statt mit Türen zu knallen, verspeist sie lieber ein paar Pillen und steigt ins Badewasser. “Träume sind Schäume”, alles gut, aber irgendwie telefoniert Paule zu laut. “Was hat der.” Keine Ahnung. Vielleicht ein paar Pillen zu viel, hm. Das “Schäfchen macht mäh”, und wir machen “hä?”.

Banalstes Selbstbild: “Ich bin auch nett. Meine Figur ist top und ich kann Klavier spielen.”

18. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 14.45 Uhr

14 Nov

Philip Maroldt – Zwischen den Nullen und Einsen

Von goldmag

Interessant sind die Querverbindungen, die Maroldt zur Einleitung zwischen den Wettbewerbstexten zieht: Während bei Anne Krüger die Schafe blöken, werden sie in seinen Gedichten zu Labortieren, beim Autorenkollegen Tom Müller schließlich geschlachtet. Bemerkenswert. – Aber nun zum Text.

Routiniert gereihte Wortkaskaden, vertikal getürmte Wortungetüme. “& du, meine tandaradeimaschine, ihr / schlagt eure körperöffnungen auf / einander, jetzt kommt gesang – ich hör es genau / mit der wunden mundschlucht”. Je fremder ein Wort, desto sicherer ist’s gesetzt in Philip Maroldts Gedichten. Bedeutung? Überschätzt. “1 1 / strom”, sinn sinn los, in allerdings glasklarem Vortrag. Man hört es deutlich, nur verständlich wird das Sprachgehäufe nicht. “eden dekontaminieren / & andere worthülsen”.

Mühsehligstes Hobby: “ich-reste auflesen”

19. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 14.45 Uhr

14 Nov

Jennifer de Negri – Zwischen den Blättern der Platanen

Von goldmag

Madame Perignan, die Lehrerin, steht am Fenster, “da strömten die Kinder in den Hof, übergossen die Pflastersteine mit ihrem Geschrei”. Es ist heiß, es ist Sommer, von Beginn an kündigt sich etwas an, “etwas Anderes, Neues, Fremdes”. Was, ahnt man, sobald Claire vorgestellt wird, die als einziges Mädchen bei den Jungs steht. Jennifer de Negri beschreibt ein Schulhofritual: Die Jungs picken sich ein Mädchen heraus, das schließlich im Kreis der Mädchen den Namen ihres Liebsten preisgeben muss. “Kinderspiel, gleichzeitig Spaß und Ernst”. Ein stampfender Tanz (“Sacre du printemps” lässt grüßen), und Marie-Luise gesteht: “Claire!” Keine Reaktion im Publikum auf das schwülstig auserzählte Coming Out. “Der Rock rutschte nach oben, feingliedrige Knie” – in der Geschichte verrutscht das Sujet wie ein Toupé.

Abgenudeltstes Heile-Welt-Bild: ”Claire war anders als die anderen Mädchen, sie dachte nicht an ihr Haar und machte sich nichts aus den neuesten Pferdebildern, sie wollte rennen und raufen und zeigen, wie stark sie war, und dabei war sie so fröhlich und liebenswert, dass Madame Perignon sich bemühen musste, das Lächeln hinter ihrer Strenge zu verbergen.”

20. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 15.15 Uhr

13 Nov

18. open mike 2010 – Erster Tag

Von goldmag

Zwanzig Autorinnen und Autoren unter 35 Jahren lesen beim diesjährigen open mike der Literaturwerkstatt Berlin. Aus 700 Einsendungen hatten fünf Lektorinnen und Lektoren die Finalisten ausgewählt, die an zwei Tagen je 15 Minuten Zeit haben, ihre Texte vorzustellen. Wie in den Vorjahren, platzt die Wabe aus allen Nähten – an Publikum mangelt es dem Nachwuchswettbewerb wahrlich nicht. Agenten auf der Suche nach Talenten, Verleger, die sich informieren, Schreibende, die ihren Kollegen die Daumen drücken. Den ganzen Beitrag lesen »