Alle Beiträge in: „LAN09“

26 Mai

Das Ich als Bilderbeute

Von Elena

Thomas von Steinaecker holt das Bild in den Text

Foto: Joachim UnseldEin Bildabnehmer direkt im Hirn – das ist der diffus personale Erzähler, der die Figuren in Thomas von Steinaeckers Debütroman Wallner beginnt zu fliegen begleitet. Drei Generationen, drei Menschen, die sich auf ihrem Lebensweg in Illusionen verstricken: Der Mittelständler Stefan Wallner, der von seinem Kompagnon aus der gemeinsamen Landmaschinen-Firma gemobbt wird und sich in Wahnvorstellungen verliert; sein jugendlich als Popstar gecasteter Sohn Costin, der als  früh alternder Aufmerksamkeitsjunkie durch Reality- und Talkshows tingelt; und Wendy, von Costin mit einem One-Night-Groupie gezeugt, die als Gender-, Medien- und Postkolonialismusforscherin den akademischen Trends folgt. Wendy scheint „ihrer ganz persönlichen postadoleszenten Wendy-Welt“ zu entkommen, als sie in die Familienhistorie einsteigt und – im Jahr 2070 – ein Buch über die Wallners verfasst, das genauso beginnt wie Steinaeckers Roman: Mit dem Unfalltod ihres Urgroßvaters Günter.

Keine der Figuren hat ein nennenswertes Innenleben – und das ist Programm. Steinaeckers Thema ist die Auflösung der individuellen Handlungssouveränität. Nicht Gedanken, Emotionen oder Willensentscheidungen, sondern mediale Versatzstücke prägen die Persönlichkeit seiner Protagonisten. Alles Echte ist im post-authentischen 21. Jahrhundert in Vorgeformtem erstickt. Costin erscheinen Ereignisse oft wie Szenen aus einem Comic. Als er seine Tochter kennen lernt, spulen die beiden ein Gesten- und Sprachprogramm ab, das Annäherung simuliert. Sex ist in Wallner beginnt zu fliegen ebenso wie im Nachfolger Geister eine Körperübung, in der es pornographische Posen einzunehmen gilt. Den ganzen Beitrag lesen »

25 Mai

Was Sie schon immer über Jochen Schmidt wissen wollten (aber bisher nicht zu googeln wagten)

Von Anne-Dore

Wie man über Jochen Schmidt schreiben kann, obwohl man keinen Milchkaffee mit ihm getrunken hat

jochen-schmidtJochen Schmidt sieht aus wie einer, mit dem man gut Kaffee und noch besser Rotwein trinken kann. Eigentlich hatte ich ihn im Vorfeld von LAN um ein Treffen bitten wollen, er wohnt ja nur drei Bezirke weiter, und wenn man Porträts schreiben will, kann es ungemein hilfreich sein, den Porträtierten irgendwie getroffen zu haben. Selbst bei Masseninterviews kann man danach Sachen schreiben, die so klingen, als würde man jemanden kennen, Sätze wie „Beim Lachen zieht er nur den einen Mundwinkel nach oben, aber die Augen funkeln mit“, oder „Wenn er nachdenkt, weicht er Blicken aus, nimmt mehrere schnelle Schlucke von seinem Milchkaffee und sieht hinaus durch das Caféfenster auf die Straße, auf der die Bionade-Bohème gerade ihren Nachwuchs nach Hause zerrt.“ Im Idealfall erzählt der Porträtierte während so eines Treffens noch irgendwas echt Persönliches, zum Beispiel, dass er mal eine Freundin hatte, die in den aktuellen Harry Potter Band verliebter war als in ihn.

Das mit der Freundin stimmt wirklich. Es gab mal eine, die Rowling lieber hatte als ihn, obwohl er ihr (der Freundin) hunderte von Kilometern hinterhergereist war. Wie Jochen Schmidt allerdings lacht und wie er aussieht, wenn er nachdenkt, das weiß ich nicht. Den ganzen Beitrag lesen »

24 Mai

„Ich bin nach Berlin gekommen und war hier“

Von Nikolai Preuschoff

Kathrin Röggla führt Interviews, schreibt Rückwärtstagebücher und nutzt den Essay für die Prosa

roeggla_katrin_kleinInterviews macht sie ja selbst viele. „Nimmst Du mich auf?“, will sie zu Beginn gleich wissen. Kathrin Röggla steht in ihrem nordneuköllner Hinterhof-Atelier vor einem Schreibtisch, an den Wänden Spuren wiederfreigelegter, blauer und roter Ziertapete. Die Sonne bricht sich in den etwas belegten Fensterscheiben. Sie muss eben noch telefonieren und organisieren, wie sie das mit ihrem kleinen Sohn jetzt macht.

In Japan hat sie z. B. letztens einen Richter interviewt, wegen dieses Privatschuldnerthemas, an dem sie damals arbeitete. Auch in Los Angeles hat sie dafür recherchiert und etliche Privatschuldner-Selbsthilfegruppe besucht. Oder, ein anderes Thema, die NGO‘s, da habe sie die Frage interessiert, wie das sei, das Zurückkommen, aus Afrika, aus Zentralasien aus den Krisengebieten. Die Interviews brauche sie, sagt Röggla, Den ganzen Beitrag lesen »

23 Mai

Weniger ist Meer

Von Andreja Andrisevic

Der Lyriker Christian Schloyer über Spieluhren, gebrochene Poesie und „politisches Posing“

Foto: Roland ReichenGriff zum Telefon, Nürnberger Vorwahl. Die eher zarte, leise Stimme am anderen Ende der Leitung erinnert unwillkürlich an eine seiner Gedichtzeilen: „melodie im verletzungszustand“. Christian Schloyer ist freundlich und entgegenkommend, wir verabreden uns zum Telefoninterview in zwei Stunden, um 22h –  dann schläft sein 3-jähriger Sohn. Noch ein wenig Begeisterung über die frühkindliche Sprachentwicklung, dann legen wir für’s erste auf. In der Zwischenzeit: Nochmals ein Blick in das Lyrikdebüt „spiel · ur · meere“ des Leonce-und-Lena-Preisträgers, das in der Presse hoch gelobt wurde. Die Gedichte handeln von Liebe, Triebhaftigkeit, Zerfall, Verzweiflung und der Suche nach einem Urzustand. Eine Lyrik, die brodelt und wogt vor Sinnlichkeit und Intellektualität, und die vielsagend ist ohne viele Worte zu machen. Das liegt an den Umbrüchen, die permanent Gegensinn erzeugen: In der einen Zeile beginnt ein Satz, bricht abrupt ab und wird erst in der nächsten Zeile oder Strophe weitergeführt, wo dann unvermittelt ein neuer Gedanke, Satz oder Bildreiz anschließt. Diese Gedichte wollen nicht nur von links nach rechts, sondern auch von rechts nach links gelesen werden. Die Möglichkeiten Sätze, Zeilen, Strophen, Wörter, Wortteile aufeinander zu beziehen sind reich. Wie in einem fein gewobenen Netz hängt hier alles miteinander zusammen. Die Assoziationen hätten freien Lauf, wäre es nicht schon – 22h. Also: Wahlwiederholung.

GOLD: Deine Lyrik ist schlank, gebrochen und dabei vieldeutig. Was für ein Programm steckt hinter dieser Vieldeutigkeit?

Schloyer: Ich habe eine große Allergie gegen Eindeutigkeit und gegen jede Art der Ökonomisierung von Sprache. Die Sprache wird krank, wo Den ganzen Beitrag lesen »

22 Mai

Die Erotik des Matrosenanzugs

Von Felix Lüttge

Judith Schalansky macht ein Kleidungsstück vom Forschungsgegenstand zum Romanhelden

Foto: Janna BeckmannJudith Schalanskys Debütroman hat ganz schön Furore gemacht. Martin Walser fand „Blau steht dir nicht”, das Schalansky als Matrosenroman untertitelt hat, „erstaunlich” und meinte, es sei „Poesie pur”. Die Süddeutsche und die Frankfurter Allgemeine Zeitung feierten das Buch in hohen Tönen und für Denis Scheck, der nicht gerade für zimperliche Kritik bekannt ist, scheint es das Buch zu sein, was er sich seit langem gewünscht hat: „Literatur im Optimalfall”.

Schalanskys Sehnsuchtsbuch hat offensichtlich die Sehnsucht der deutschen Literaturkritiker gestillt.

Judith Schalansky ist 1980 in Greifswald geboren und studierte später Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign in Berlin und Potsdam. Aus ihrer Diplomarbeit, die den Titel “Der Matrosenanzug. Eros in 1000 Formen” trug, hat sie ihren ersten Roman gemacht. Weil ihr Bruder zur Marine ging und sie dagegen war. Als der im Matrosenanzug vor ihr stand, waren die Gedanken an den Krieg vergessen, Judith Schalansky sah nur den Mann in Uniform. Wenn sie das heute öffentlich erzählt, nicken die Frauen im Publikum. Den ganzen Beitrag lesen »

20 Mai

Paradiso liegt näher

Von Vanessa

Thomas Klupp erzählt von einem Einzelkämpfer auf der Suche nach dem Maximalertrag des Moments

„Der Klupp ändert sich nicht leicht“, sagt einer am Nachbartisch auf der Terrasse des Literaischen Colloquiums Berlin. Seltsame Feststellung über jemanden, der an diesem Abend aus seinem Debütroman vorlesen wird, denkt man, gerade noch rechtzeitig bevor die Erkenntnis dämmert, dass nebenan von dem Club, dem 1. FC Nürnberg, die Rede ist. Ob es richtig ist, dass der sich nicht ändert, könnte man, die Überleitung bietet sich an, Thomas Klupp einmal fragen, der kennt sich bestimmt aus, er spielt nämlich in der Autoren-Nationalmannschaft mit. Dies nur am Rande.

Thomas Klupp ist gemeinsam mit Svealena Kutschke im LCB geladen um in der Reihe „Debütanten“ aus seinem Erstling Paradiso zu lesen. Und er tut es nicht ohne Den ganzen Beitrag lesen »

18 Mai

„Formulierungswut“

Von goldmag

Ein Gastbeitrag von Kati Sprung

Helene Hegemanns Blick auf die Erwachsenenwelt

Foto: R.C. Holger„Würdest du mir bitte eine reinhauen?“, sagt Mia zu dem Mann mit Hut, auf dessen Auto sie gerade eben herumgetrampelt hat. Der Anfang des Films „Torpedo“ von Helene Hegemann zeigt bereits das Wechselspiel aus Alltagsrealität und grotesker Überhöhung an, in das der Zuschauer für traurig-komische 45 Minuten geworfen wird. Durch lose Szenen begleiten wir die traumatisierte 15-jährige Mia, die nach dem Selbstmord der Mutter bei ihrer neurotischen Tante in Berlin wohnt. Wieso sie zu Beginn versucht, wie ein Vergewaltigungsopfer auszusehen und warum sie sich später an dem Mann mit Hut für den eingeforderten Schlag rächen wird, ist eine von vielen Fragen, die sich der Zuschauer selbst beantworten muss. Der Film liefert kaum Erklärungen und wenn doch, werden sie sofort ironisch gebrochen. Den ganzen Beitrag lesen »

15 Mai

Das Autobiographische gibt es nicht

Von Felix Lüttge

Bei Martina Hefter entstehen die Geschichten aus dem Text heraus

1240932504martina-hefterImmer, wenn ein neues Buch von Martina Hefter erscheint, muss sie sich wehren. Nicht so sehr gegen feindliche Kritik, sondern gegen die Vermutung, sie schreibe autobiographisch. Ein bisschen, kann man sagen, ist sie daran selber schuld. Die Ich-Erzählerin in ihrem Roman Die Küsten der Berge (Wallstein 2008) kommt aus einer Stadt im Allgäu, hat zwei Töchter, die zur Schule gehen, und lebt in Leipzig. Martina Hefter ist 1965 in Pfronten/Allgäu geboren und 1997, nachdem sie eine Weile als Tänzerin in Berlin gearbeitet hat, ans Literaturinstitut nach Leipzig gegangen, wo sie auch heute mit ihrer Familie lebt. Auch Marlen, die Erzählerin aus Hefters Roman Zurück auf Los (Wallstein 2005), lebt im und kommt aus dem Allgäu und Helen, die in Hefters Debüt Junge Hunde (Alexander Fest 2001) erzählt, kommt aus Süddeutschland nach Leipzig, um dort zwar nicht Literatur, aber immerhin Tanzpädagogik zu studieren. Den ganzen Beitrag lesen »

14 Mai

Niete in Sachen Gleichgewicht

Von Hannes Bajohr

Tina Ilse Gintrowski schreibt Texte, die in keine Bücher passen werden

1240932810tina-gintrowskiSo weit und wenig einheitlich das Feld der so genannten »Jungen Literatur« ist, so einfach lässt es sich in zwei Hälften teilen, die etwa gleich groß sind: In jene, die eigene Buchveröffentlichungen vorzuweisen haben, und jene, bei denen noch auf ein Debüt zu hoffen ist. Wer früh ein eigenes Buch veröffentlicht, scheint dazu zu neigen, weniger Texte an anderen Stellen herauszubringen, höchstens vielleicht im Vorabdruck. Oder es wird gar nichts veröffentlicht und die Buchpremiere soll als Donnerschlag erfolgen. Dahinter mag die Vermutung stehen, dass ein in Scheiben genossenes Werk weniger sättigt als ein literarisches Hauptgericht.

Und es gibt die andere Seite: die Gruppe derer, die vermeiden, allzu schnell zwischen Buchdeckeln Gesammeltes in die Welt zu lassen, und sich stattdessen in der steten Vorläufigkeit zuhause fühlen. Diese Autoren lassen ihre Texte sparsam aber dauerhaft an die Öffentlichkeit sickern. Einer solchen anhaltenden Präsenz haftet immer der entschuldigende Schein des Unvollständigen an: Was gezeigt wird, sind nur Splitter eines Werks, dessen Ausmaß man noch nicht erahnen kann. Andersherum verlangen diese Einzelstücke aber auch besondere Konzentration, vom Leser und vom Autor: Ein allein stehendes Gedicht muss stark genug sein, um allein glänzen zu können. Den ganzen Beitrag lesen »

13 Mai

Hundert Jahre Gartenarbeit

Von goldmag

Ein Gastbeitrag von Philipp Weber und Anne-Dore Krohn

Warum man bei Jenny Erpenbeck keine Stereotypen findet, es aber in ihrem Roman „Heimsuchung“ am Ende trotzdem der Gärtner war

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Am Ende ist es ja schon oft der Mann mit der Gartenschere gewesen. Oder der Mann mit den Pflanzkübeln oder der mit der Harke. Der Mann mit dem kalten Zigarrenstummel im Mund, der mit Gummistiefeln durch die Erde stapft, und dort unter den Fenstern, draußen vor der Tür, viel mehr vom Leben innerhalb des Hauses mitbekommt als die meisten seiner Bewohner. Der Gärtner eben.

Stereotypen jeder Art sucht man in Jenny Erpenbecks Büchern vergeblich, und daher kann ein Gärtner in ihren Texten natürlich auf keinen Fall die Rolle des Mörders einnehmen. In ihrem jüngsten Roman „Heimsuchung“ hält der Gärtner nicht nur den Garten des Hauses zusammen, sondern gleich den ganzen Roman: Er kehrt immer wieder zurück, ein Leitmotiv in einem Buch, das wie eine Opernkomposition zwischen Pro- und Epilog eingerahmt Geschichten aus dem 20. Jahrhundert entfaltet. Der Schauplatz bleibt dabei statisch: Ein Haus in der märkischen Provinz. Die Bewohner aber wechseln und mit ihnen die Schicksale und Lebensläufe. Den ganzen Beitrag lesen »