Alle Beiträge in: „Literarische Dinge“

08 Mai

Detroit in Büchern

Von Nikolai Preuschoff

Detroit Book Store 2011 NP

Viele Gold-Autoren halten sich ja zur Zeit an den verschiedensten Orten in der Welt auf. Das wissen viele unserer Leser vielleicht noch gar nicht. Umso wichtiger, darauf einmal hinzuweisen. Denn von so anderen Kontinenten fällt es natürlich schwerer, über Berlin und junge Literatur und all diese Themen zu schreiben, die vor gar nicht langer Zeit noch so wichtig waren, aber nun so weit entfernt liegen. Ich finde das mal eine nicht irrelevante Mitteilung.

Dazu kommt natürlich, zumindest in meinem Fall, dass es ausserhalb Berlins mit der akademischen Leichtfüßigkeit auf einmal vorbei ist. In Amerika weht z.B. ein ganz anderer Wind. Das ist tatsächlich so: Da wird Arbeit und kapitalistische Ökonomie und so noch großgeschrieben, und zum bloggenden Müßiggang fehlt die Zeit und die Kraft, wenn man am Ende des langen Tages erschöpft, mit rotgeränderten Augen und zu keiner Regung mehr fähig in seinem winzigen Kämmerchen auf die Schlafstätte sinkt.

Das einzige, was ich gerade so verfolge, sind eigentlich Nachrichten aus und über Detroit (also die Stadt, in der die Allheilkraft des Marktes immer noch großgeschrieben wird, aber niemand mehr Arbeit hat). Ich wohne zwar nur in der Nähe von Detroit (mit Gerhard Seyfried gesagt: ganz nah dran, aber gottlob nicht mittendrin), fühle mich aber doch so als Nachbar. Deswegen, als Start einer, äh, Reihe zu Detroit und Literatur hier zunächst mal zwei sehr gute Beiträge über Detroit in der Literatur, gefunden auf One More Spoke, einem “Detroit-based blog”:

Detroit In Books, Part I—Roberto Bolaño’s 2666

The first in a, most likely, annoyingly sporadic series about the portrayal of Detroit in literature and other published works.

Detroit In Books, Part 2—Henry Miller’s The Air-Conditioned Nightmare

Foto oben: Niko Preuschoff, Foto unten: One More Spoke

17 Feb

Mal so als Idee für Schönefeld: Flughafen-Bücherei

Von Nikolai Preuschoff

Der Amsterdamer Schiphol Flughafen hat eine Bücherei. Nein, nicht noch eine Ketten-Buchhandlungs-Parzelle. Eine echte Bücherei! Fluggäste und andere können dort kostenlos in niederländischer Literatur, Bildbänden usw. herumlesen. 1200 sind es zur Zeit, übersetzt in 29 Sprachen. Die Idee: Anstatt in sterilen Fluren rumzugammeln und sich über 5-Euro-pro-Minute WLAN zu ärgern, sollen sich Reisende, wie sie zu dutzenden Millionen jährlich durch den Flughafen geschleust werden, lieber mal über niederländische Kultur informieren. Zumal knapp die Hälfte dieser Passagiere sonst überhaupt nichts von Holland sehen würde. Was für ein sinnvoller Gedanke und was für eine  gigantischer PR-Maschine! Die niederländische Regierung lässt sich das 2008 gestartete Projekt wohl zwischen 250 und 400 000 Euro jährlich kosten. Klingt bei diesen Zahlen jetzt erstmal okay. Und geklaut wird auch nicht so viel.

30 Dez

Wandliteratur

Von Felix Lüttge

Es ist alles eine Frage der Größe. Zweier Größen, um genau zu sein. Ob ein ganzes Werk – und ein richtiges ›Werk‹ muss es schon sein – auf eine einzige Seite passt, hängt von der Größe des Papiers ab, auf das man es druckt. Und von der Schriftgröße. Das Papier sollte dabei natürlich nicht unhandlich groß und die Schrift nicht unleserlich klein werden. Geht das?

Diese Frage stellte sich der Grafiker Ian Warner von blotto design. Er druckte den Ulysses von James Joyce (1040 Seiten in der Ausgabe von Penguin Classics) auf ein Papier und hängte es in seinem Büro an die Wand. Das Ergebnis war ein grauer Block. Den ganzen Beitrag lesen »

01 Nov

Herbst = Zeit der Links!

Von Nikolai Preuschoff

Während in Kalifornien noch die Sonne scheint, wie man auf dem obigen Bild deutlich sehen kann, ist es in Berlin schon grau und finster geworden. Jedenfalls nach allem was man so hört, hier in Ann Arbor, Michigan, wo es mit den milden Spätsommertagen allerdings genauso vorbei ist. Die geschnitzten Kürbisse faulen bereits vor sich hin, und die Eichhörnchen haben sich fett gefuttert. Allerorten ziehen bedrohlich die Herbstdepressionen auf, denen wir heute, wie gewohnt, mit neuen und alten Links begegnen wollen.

  • Beginnen wir mit der schönsten Geschichte der Woche: In einer norditalienischen Kirche wurde in einem Marmorstein ein jahrmillionenalter Dinosaurierschädel entdeckt. Eine Paleontologin bestätigt den Fund. Ein H.P. Lovecraft hätte sich das, da stimmen wir dem bldgblog zu, nicht besser ausdenken können. Für die Evolutionsleugner in den USA wäre dieses Gebäude gewissermaßen vertrackt, wie auf dem bldgblog ein anonymer Leser anmerkt: “A building standing as a dedication to their god, the creator of all life, holding evidence of a contradictory theory of creation – evolution.”
  • Klicken Sie hier, und schauen Sie sich die alten Atlanten an.
  • Klicken Sie hier, und schauen Sie sich die schönen, alten Groschenheft-Cover an. Die Seite trägt den sehr guten Namen Monsterbrains, und die Groschenhefte der Reihe The Beyond haben damals wirklich nur einen Groschen bzw. 10 Cents gekostet. Gut ist auch, wie auf dem Titel bereits in die Geschichte eingeführt wird: “I shall add years to your sick wife’s life flame, John Arno”, sagt da z.B. eine Hexe, “but in return you must find me other victims. You have made a bargain with DEATH.” Da ist man natürlich gespannt, wie es weitergeht.
  • Paris Review-Interviews — Wie unsere Namensvetterin Lisa Gold berichtet, hat Lorin Stein, die neue Chefredakteurin des Paris Review, kürzlich das Interview-Archiv 1953-2010 freigegeben. Darunter findet sich, neben hunderten Autoren, Cineasten, Dichtern, Dramatikern dieses (jüngst erschienene) Interview mit dem Comic-Übervater Robert Crumb. Das Archiv kann per Name oder Jahr durchsucht werden.
  • Etwas umsonst gibt es auch beim Spike Magazine: Spike Magazine: The Book — ein 600 Seiten PDF mit “Spike’s best interviews, features and reviews”. Darunter JG Ballard, Douglas Coupland, William Gibson, Will Self (interviews) und Maurice Blanchot, EM Cioran, Derek Jarman, Bruce Chatwin, WG Sebald, Thomas Bernhard (features).
  • Schließlich noch eine Meldung, vor der wir nur erblassen können: Der mächtige Übervater der Online-Rezension, M.A. Orthofer, hat ein Buch herausgebracht: The Complete Review. Eleven Years, 2500 Reviews (2500:11 sind übrigens 227,27). Das Buch beinhaltet “a descriptive site history, a longer essay On reviewing in general, twelve representative reviews (one from each year the site has been in operation), a Literary Saloon dialogue, and diverse other odds and ends.” Großartig.

Foto: naslrogues

24 Sep

Das Zeitalter des Zitats

Von Felix Lüttge

»Die Welt wird an dem Tag im Arsch sein, wenn die Menschheit erster Klasse reist und die Literatur im Gepäckwagen.«

– Gabriel Garcia Marquez, Hundert Jahre Einsamkeit

Ich muss mich entschuldigen. Denn ich stehe im Begriff einen kapitalen Fehler zu machen. Ich werde nämlich Bezug nehmen, auf diesen zugegebenermaßen sehr willkürlich ausgewählten Satz von Gabriel Garcia Marquez, den ich diesem Artikel vorangestellt habe. Ich werde verraten, was er mit diesem Text zu tun hat. (Nichts nämlich, zumindest inhaltlich. Formal immerhin, dass Epigraphen, wie man diese Zitate vor Texten auch nennt, hier Thema sein sollen.) Und ich werde womöglich den Namen Marquez noch einmal erwähnen. Entschuldigung.

Das klingt gar nicht so übel? Es klingt vernünftig, sinnvoll gar? Ach was! Es geht weit vorbei an aller Subtilität, die diese unsubtile Form des Zitierens zum Ziel hat. So sieht es jedenfalls David Orr, der am vergangenen Wochenende mit Hilfe Gérard Genettes’ ein paar Gedanken zur Praxis des Epigraphierens in der New York Times angestellt hat. Orr hat nämlich festgestellt, dass zeitgenössische Gedichtbände immer häufiger mit einem Epigraph beginnen. Die letzte Veröffentlichung einer Liz Waldner zum Beispiel beginnt mit Zitaten von Lewis Caroll und Karl Marx, unter deren Motto wohl das gesamte Buch stehen soll, es folgt ein Zitat von Samuel Johnson, in dessen Schuld der erste Gedichtzyklus steht und schließlich darf Platon nicht fehlen, der dem ersten Gedicht vorangestellt wird. Erst nach vier Zitaten ist das erst Wort der Autorin zu lesen. Das ist übrigens unter deutschen Dichtern nicht viel anders, wie ein Blick ins eigene Bücherregal zeigt: Den ganzen Beitrag lesen »

17 Sep

Aus der Wildnis in die Wildnis

Von Günne

Gerade war ich auf einer Hütte im Urlaub und hatte kein Buch dabei. Nicht gerade der beste Ort, um sich im Nachhinein mit Lesestoff zu versorgen. Aber der Besitzer war ein guter Geist und hatte im Kaminzimmer ein Bücherregal mit ausgesuchter (Urlaubs-)literatur und dabei fiel mir die Geschichte von Chris McCandless in die Hand:

Sie ist in einem kurzen Abriss folgende:
Sohn aus mittelständischem Elternhaus beschließt nach erfolgreichem Uniabschluss alles hinter sich zu lassen, seine Familie, seine Ausbildung usw. und entscheidet sich für das Laben eines Tramps, der mit keinem Geld durch das Land zieht und sich durch die Wildnis schlägt. Sein großer Traum ist es eine Zeit in Alaska zu leben und sich nur davon zu ernähren was ihm die Natur bietet. Das ganze endet tragisch, weil er in der Wildnis stirbt. Ob er verhungert ist oder sich aus Versehen vergiftet hat, ist nicht klar. 19 Tage nach seinem Tod im August 1992 wird seine Leiche in dem ausrangierten Omnibus, in dem er über 100 Tage gelebt hat, gefunden.

So weit die Geschichte. Jon Krakauer hat sie aus der Zeitung erfahren, erst einen Artikel über geschrieben und dann ein Buch. Dieses Buch wurde verfilmt und so kam es, dass genau dieser junge Mann, über den Eddie Vedder sagt:

If you read the book, you know, one of the things that come screaming through is that this young man is probably the last guy that ever would want a movie made about him.

im Internet dermaßen weite Spuren gezogen hat. Aus der Wildnis Alaskas in die Wildnis des Webs: Den ganzen Beitrag lesen »

03 Sep

dick flicks

Von Felix Lüttge

Wir schalten jetzt Werbung. Zum Beispiel für AT&T, das amerikanische Pendant zu T-Mobile (sc. Knebeltarifanbieter von iPhone-Verträgen). Und natürlich für dieses Buch, von dem man leider immer wieder sagen muss, dass es kein Kinderbuch ist. Sondern, siehe unten, ganz großes Kino.

14 Aug

Bücher vs. Zigaretten

Von Felix Lüttge

Der Monat ist erst zur Hälfte rum und das Geld schon wieder weg. Eltern oder gewitzte Nichtraucherfreunde raten dann hämisch, mit dem Rauchen aufzuhören, das käme einen nicht nur billiger, sondern sei obendrein gesund.  Mitbewohner oder die anderen Freunde, die zwar rauchen, aber nicht viel lesen, schlagen – ähnlich hämisch – vor, man solle weniger Bücher kaufen, das käme einen nicht nur billiger, sondern spare obendrein viel Arbeit beim nächsten Umzug. Mal angenommen, man entschließe sich nun, einen dieser Ratschläge zu befolgen: Welcher spart wirklich mehr Geld? Den ganzen Beitrag lesen »

17 Jul

Dichten mit Google?

Von Nikolai Preuschoff

was sagte

was sagte anelka
was sagte anelka zu seinem trainer
was sagte anelka zu domenech
was sagte nicolas anelka
was sagte materazzi zu zidane
was sagte rene zu daniel
was sagte horst köhler
was sagte köhler
was sagte anelka in der kabine
was sagte der franzose zum trainer

*

Dieses Gedicht war heute eine echte Entdeckung für mich. Es gefällt mir sehr gut. Es ist ein Fussball-, ein WM-Gedicht, voller Tragik, Verzweiflung, großer Gefühle und Aktualität. Man könnte es auch “Fragen eines zweifelnden Fans” nennen, z. B. Es hat einen eigenen Rhythmus. Genial ist, wie beiläufig, spielerisch die Politik in die Welt des Sports hineingebracht wird (“was sagte horst köhler / was sagte köhler”).

Das Gedicht ist sozusagen von Google. Generiert aus Suchanfragen, die Google beim Eintippen der eigenen dann vorschlägt. Die Frage des Urheberrechts stellt sich hier natürlich ganz neu. A propos Urheberrecht: Auf dDie Idee, auf diese Weise Verse zu generieren, stammt von brachte mich Matthew Simmons, der am gestrigen Freitag einen ähnlichen Versuch unter der Überschrift “A Friday Poem?” bei den Htmlgiants vorstellte. Den ganzen Beitrag lesen »

01 Jul

Neues vom Bücherturm

Von Nikolai Preuschoff

Aus der Reihe: Bücher im Digitalen Zeitalter

Wie versprochen bringt goldmag exklusive Neuigkeiten vom Bücherturm, der in der Kreuzberger Graefestraße vor dem Antiquariat Umbras Kuriositätenkabinett der Witterung ausgesetzt ist. Aufnahmen von Februar und März dieses Jahres sind weiterhin hier zu begutachten.

Inzwischen ist es grün geworden um den Bücherturm. Ranken ziehen sich an den Buchrücken hinauf, und die Baumkrone spendet jetzt Schatten, wodurch mögliche Schäden durch das dieser Tage stark einfallende Sonnenlicht verringert werden. Dennoch zeichnen sich auch die Verfallsspuren immer deutlicher ab: Alle Bücher sind von Feuchtigkeit mehr oder weniger aufgedunsen. Die Deckel der mittig ausgestellten Folianten wölben sich und fallen ab. Schwarzer Schimmel ist an vielen Schnittkanten deutlich auszumachen. goldmag fragt: Wie ernst ist die Lage der Bücher?

Überhaupt nicht ernst, das ist die gute Nachricht: Der Turm steht weiterhin sicher auf seinem Zementsockel, die Bücher halten zusammen.

Fotos: N. Preuschoff