Alle Beiträge in: „Literarische Dinge“

22 Jun

Es reimt ein Mann in Wimbledon

Von Felix Lüttge

Über James Joyce sagte man, er sei ein großer Fan des Sports gewesen. Auch von Samuel Beckett weiß man das, er spielte recht passabel Cricket. Beide haben dann aber lieber mit dem Dichten angefangen. Übrigens hat Beckett niemals und Joyce nur am Rande über Sport geschrieben.

Intensiver verbindet Matt Harvey die Disziplinen und schreibt seit gestern und bis zum 4. Juli jeden Tag ein Gedicht über das Tennisturnier in Wimbledon. Die Süddeutsche Zeitung hat Harvey interviewt, der, wie man in der heutigen Ausgabe lesen kann, auch schon über Liebe, Teebeutel, Tomaten und Nacktheit gereimt hat und jetzt offizieller Wimbledon-Poet ist. Auf ›Wimbledon‹, sagt Harvey, reime sich ›simpleton‹, »wenn man es weich ausspricht.« Mit ›Roger Federer‹ sei das schwieriger, für ihn, den Profi, aber kein Problem. Reimproblemen begegnet Harvey abgebrüht: »Es ist nicht unbedingt nötig, dass ich einen Reim finde. Wenn nicht, pack ich den Namen in die Mitte einer Gedichtzeile, das geht auch.« Und er ist obendrein ein Kenner der modernen Lyrik, scheint aber kein Freund davon zu sein: »Viele moderne Gedichte reimen sich heute ja gar nicht mehr, aber ich bin da ein bisschen altmodisch.« Außerdem reimt er, ganz in der Tradition der viktorianischen Schriftsteller, lieber über die einfachen Leute beim Turnier als über die Tennisprofis. Susanne Klaiber, die Harvey interviewt hat, entlockt ihm denn auch die ersten beiden Verse eines Gedichtes über Balljungen:

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Dafür musste Klaiber übrigens Harveys Agentin überreden, denn die wollte erst nur eine Zeile zur Veröffentlichung freigeben. Aber dann wäre ja der Reim dahin gewesen.

21 Jun

Faltbuch

Von Nikolai Preuschoff

Neues aus der Reihe: Bücher im Digitalen Zeitalter

In Wahrheit ist das Medium Buch ja noch lange nicht ausgereizt. Das obige Beispiel stammt aus dem französischen Verlagshaus éditions volumiques, das sich die Erforschung neuer Buchformen unter Berücksichtigung der Technologien des Digitalen Zeitalters zur Aufgabe gemacht hat.

Das Besondere an diesem Prototyp eines Buches ist seine sich beim Lesen ergebende, labyrinthische Struktur: Aus jeder neuen Seite ergeben sich drei Möglichkeiten, insgesamt gibt es, sagen sie, 3 hoch 6 = 729 Varianten.

Andere Ideen der éditions volumiques umfassen ein Buch, das nach dem Öffnen unlesbar wird, und eines, das von alleine umblättern kann.

(Via Papier Gaché)

18 Mrz

Bücherturm

Von Nikolai Preuschoff

Neues aus der Reihe: Bücher im Digitalen Zeitalter

In der kunsthistorischen Kategorie der Akkumulation gibt es sicher interessantere Dinge, die man anhäufen kann: Uhren z.B. oder Rasierapparate. Bücher hingegen hat man ja schon immer irgendwie angehäuft und gestapelt.

Etwas Besonderes gibt es dennoch am Bücherturm, der vor einiger Zeit in der Kreuzberger Graefestraße aufgetaucht ist: Neben dem Umstand, dass die wacklig aussehende Konstruktion noch nicht umgefallen ist — steht er im Freien. Das wirft Fragen auf (was ein gutes Kunstwerk ja auszeichnet), Fragen, wie sie uns hier in der Reihe “Bücher im Digitalen Zeitalter” beschäftigen.

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21 Feb

“Kanikōsen” — japanische Arbeiterliteratur auf der Berlinale

Von Nikolai Preuschoff

Im “Forum” der heute zu Ende gegangenen Berlinale lief die Neuverfilmung eines Klassikers der japanischen Arbeiterliteratur: Takiji Kobayashis Krabbenfischer, von 1929.

Wie oft passiert das schon: Ein Buch wird zum Bestseller, 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung. So geschehen mit Takiji Kobayashis Kanikōsen (dt.: Krabbenfischer). In der grassierenden Wirtschaftskrise des Jahres 2008 war Kobayashis Revolutions-Parabel plötzlich so gefragt wie nie. Mit ausgelöst hatte das späte Revival ein Artikel in der Mainichi Shimbun vom 9. Januar 2008, der Kobayashis Aktualität beschwor. Etliche Medien zogen nach, und so wurde ein regelrechter “Kanikōsen-Boom” ausgelöst. (Vgl. hier.) Bis Mitte 2008 musste die Shinchosha Publishing Company daraufhin unerhörte 50000 Exemplare der Krabbenfischer nachdrucken, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Dieser Erfolgsgeschichte, die sich selbst liest wie eine kleine Revolution, trägt nun eine Neuverfilmung von Kanikōsen Rechnung. Nachdem der Roman erstmals 1953 verfilmt und 2006 eine Manga-Version publiziert wurde, stellte Regisseur Hiroyuki Tanaka, genannt Sabu, seine Version Anfang der Woche im “Forum” der diesjährigen Berlinale vor. (Ein kurzer Trailer findet sich hier.)

Die somit nun in Berlin angelangte Ereigniskette tangiert unmittelbar eine vor kurzem auf Gold aufgeworfene Frage: Ob in Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise und der stetigen Abnahme klassischer Arbeit wir nicht eine neue Arbeiterliteratur bräuchten, und wenn ja, wie diese aussehen und welche Formen diese annehmen könnte. In Japan scheint diese Frage bereits beantwortet: Den ganzen Beitrag lesen »

22 Jan

Gilles Deleuze: Die neuen Becketts

Von Hannes Bajohr

28 Dez

Restoring Equilibrium

Von Hannes Bajohr

equilibrium /iːkwɪˈlɪbɹɪəm/ n., pl.equilibria /iːkwɪˈlɪbɹɪə/ or equilibriums Gleichgewicht, das

Ein Hinweis für das in mentaler wie physischer Hinsicht das Gleichgewicht sehr herausfordernde Zwischen-den-Jahren: translationparty.com. Die alleinige Bestimmung dieser Seite besteht darin, in feinster Zen-Manier so lange einen einmal eingegebenen englischen Satz ins japanische und wieder zurück zu übertragen, bis beide Sprachen in ein Übersetzungsgleichgewicht eintreten. Dieser Zustand zeichnet sich dadurch aus, dass der sonst so gewalttätige und verstümmelnde Prozess der Übersetzung keinen Schaden mehr anzurichten im Stande ist, das Englische wie das Japanische einander entsprechen, und semantische Harmonie wie konnotative Windstille endlich für Ruhe im Karton sorgen. Den ganzen Beitrag lesen »

14 Dez

Für eine neue Arbeiterliteratur!

Von Nikolai Preuschoff

Wir leben in einer Zeit ohne Arbeit und ohne Arbeiter! Wohin man schaut, überall sind nur noch Dienstleister, Studenten und Arbeitslose. Die Fabrik, die Zeche, das Werk — wo gibt es sie noch? Längst schwächeln die Gewerkschaften und ist der Begriff des Proletariers zum Schimpfwort verkommen und hat seine einst revolutionäre Strahlkraft eingebüßt. Aber was ist mit dem Arbeiter? Und was mit seiner Literatur? Wo sind die 70er Jahre? Und wo sind die Wissenschaftler, die sie untersuchen? (Vergessen etwa Rüdiger Safranskis Dissertation Studien zur Entwicklung der Arbeiterliteratur in der Bundesrepublik!) Kurz: Wird es nicht Zeit für eine neue Arbeiterliteratur?

Ja, hat die Arbeiterliteratur nicht gerade heute, wo sie frei des Verdachts ist, eine politisch oktroyierte zu sein, eine neue Chance verdient? Gerade weil die ‘echte’ Arbeit heute eine Seltenheit geworden ist? Weil es den ‘echten’ Arbeiter, die ‘echte’ Arbeiterin nicht mehr gibt? Und verkörperte er/sie nicht als einzige(r) glaubhaft den “Kleinen Mann”? Wo ist die Stimme des Kleinen Mannes? Wer arbeitet heute noch mit den eigenen Händen? Wer hat noch Dreck unter den Nägeln? Wer noch Ruß Den ganzen Beitrag lesen »

22 Nov

Notizen im Buch im digitalen Zeitalter: Warum sie verschwinden und was sie uns sagen können

Von Nikolai Preuschoff

knolleary_15528875a8Es ist ja allen klar, dass es in den USA mal wieder schneller abläuft. Und dass der Fortschritt mal wieder mit 1-2 Jahren Verspätung in Europa und dann noch später in Deutschland ankommen wird. Hier nämlich wird erstmal oberkritisch alles beäugt, bis man sich dann auch endlich traut. Das war ja schon immer so. Mit den Video-Kassetten. Mit den Comics. Mit den Mobiltelefonen. Mit den Social Networking-Plattformen. Und jetzt halt mit den E-Books. Zu allem Überfluss haben wir ja noch den Buchdruck erfunden, deshalb werden wir sie noch später bekommen. Aber egal. Irgendwann sind die E-Bücher da, und dann gewöhnen sich plötzlich alle daran, und viele werden ihre ollen, vergilbten Bücher auf den Kompost werfen. Oder halt beim nächsten Umzug auf der Straße stehen lassen.

Alle wissen auch, dass dann so was ähnliches passieren wird, wie mit den Schallplatten: Irgendwann wird es ein Buchdruck-Revival geben, und die Zahl der Gedrucktbuchliebhaber wird wieder zunehmen. Kleine Independent-Verlage werden aus dem Boden schießen und alte, verrostete Druckerpressen vom Schrottplatz holen, wieder flott machen und damit bibliophile Ausgaben im Tiefdruck-Verfahren ins handgeschöpfte Papier prägen, und die Seiten wird man seitlich aufschneiden müssen, um sie lesen zu können. Es wird wieder sein wie früher, nur irgendwie elitärer, luxuriöser und nosthalgischer.

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Was dann aber verschwunden sein wird, oder nur noch bei einer Handvoll Sammlern die Runde macht, ist eine Kategorie Buch, der heute kaum jemand Beachtung schenkt: das Buch mit alten Notizen darin. Ein besonderes Beispiel hält der Blogger Nick O’Leary schon jetzt bereit: eine Ausgabe des Spionage-Thrillers Den ganzen Beitrag lesen »

18 Nov

Die kleinen Schwarzen

Von Marijke

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Bücher aus dem hochroth Verlag kauft man am besten abends

Die schlanken Büchlein, auf deren schwarzen Covern durch einen ausgestanzten Kreis das Logo des hochroth Verlags zu sehen ist, haben Wiedererkennungswert – die meisten der Autorennamen sind eher unbekannt. Der junge Verlag, der im Oktober 2008 von Marco Beckendorf (27, Regionalwissenschaftler) gegründet wurde, hat sich Zweierlei zum Ziel gesetzt. Nachdem große Verlage ihre Lyrikreihen eingestellt haben, möchte er für Nachwuchspoeten eine Plattform jenseits der Literaturzeitschriften sein. Den Sprung in das hochroth-Programm geschafft haben bereits Sven-André Dreyer oder Konstantin Hanack. Aber auch verstorbene und bereits in Vergessenheit geratene – vor allem expressionistische – Autoren wie Alfred Lichtenstein oder Albert Ehrenstein sollen hier wieder dem Leserpublikum zugänglich gemacht werden. Den ganzen Beitrag lesen »

08 Nov

Kick it! – Für mehr Raps von Frauen!

Von Günne

Nina Sonnenberg, toll.


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