Alle Beiträge in: „Literarische Dinge“
Etwas sehr kleines
Eine Gast-Observation von Jasper Nicolaisen
Alle sprechen immer vom Mars. Gerade jetzt, wo Mondjubiläum ist. Aber es gibt viel kleinere Planeten. Sie sind näher dran. Sozusagen unter uns. Und spannender sind sie auch. Leider sieht sie aber niemand. Die Politik versagt! Und die Wissenschaft! Jetzt, wo bald wieder Wahl ist, können wir auf die nächste Legislaturperiode warten. Jetzt passiert sowieso nichts mehr. Dabei gibt es auf diesen kleinen Planeten alles. Gold, Edelsteine. Überreste jahrmillionenalter Alienkulturen, an denen man mit Zahnbürsten rumkratzen kann. Bier. Schnaps.
Hier ist ein Bewohner dieser sehr kleinen Planeten, ein Reisender, ein Forscher, ein Kara ben Nemsi der Mikroplanetenszene. Er heißt Girx. Das ist dort ein ganz normaler Name, wie hier Frank-Walter Steindingens, Girx gibt uns ein Interview. Er beißt dem Interviewer den Kopf ab und verknuspert die Kamera. Das ist dort ein ganz normales Verhalten, wie hier Lächeln und Auskunft geben. Girx ist sehr klein. Es wird noch Milliarden Jahre dauern, bis er den Interviewer gefressen hat. Und das Universum ist schon längst verglüht Den ganzen Beitrag lesen »
Das Frugos-Gotherp-Phänomen
Wer keine Bücher liest, kennt es nicht. Auch nicht, wer sie nur ausleiht, bei Freunden oder aus Bibliotheken. Oder sie, das soll es geben, nach der Lektüre gar wegschmeißt. Man muss schon Bücher sammeln, um in den Genuss des Frugos-Gotherp-Phänomens zu kommen. Und man sollte sie in Regalen lagern, nicht wild verteilt auf dem Fußboden, in dunklen Kisten oder in der Garage. Dann nämlich, auf Augenhöhe mit seinen Büchern, kann es vorkommen, dass sie mit einem zu sprechen anfangen und Geschichten erzählen, die gar nicht in ihnen stehen, und Figuren erfinden, die es noch nicht gibt. Zum Beispiel Frugos Gotherp. Den ganzen Beitrag lesen »
Mein Vorbild: Reiner Speck
Portrait eines Kölner Sammlers, wie es nur wenige gibt
Vor Tagen las ich in der Zeitung über Reiner Speck. Seitdem geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. Schon die Fotografie (die wir nebenstehend reproduziert haben) hatte es mir angetan. Dr. Speck, in einem karierten Sakko, sitzt in einer geräumigen Bibliothek (nicht auf dem Bild), in einem Leder-Fauteuil. Die rechte Hand in einem Buch. Zu seinen Füßen: ein großer Dobermann/ Dogge/ Gefährlicher Schlosshund (da kenne ich mich nicht so aus). Beide blicken lässig, Speck aber auch irgendwie unsicher in die Kamera (der Hund an ihr vorbei, vielleicht auf eine Wurst). Specks Augen sind, auf diesem Foto, bemerkenswert schwarz, und er trägt einen Schnurrbart wie Marcel Proust. Und das ist kein Zufall. Speck ist Sammler — Sammler und Publizist. “Gleich zwei Traumberufe”, dachte ich mir.
Reiner Specks Bibliothek, soweit auf dem Foto zu sehen (bzw. auf unserer Reproduktion leider nicht zu sehen — wir müssen sie uns vorstellen), enthält große Bildbände, edel gebundene Prachtausgaben und Den ganzen Beitrag lesen »
Schrumpfschreib
In den Zwanzigerjahren wettete der junge Journalist und Schriftsteller Ernest Hemingway um zehn Dollar, dass er eine Kurzgeschichte mit nur sechs Worten schreiben konnte. Der Text, mit dem er die Wette gewann, ging so:
„For sale: baby shoes, never worn.”
Im November 2006 griff das amerikanische Magazin Wired diese Idee auf und ließ 35 Autoren in ebenfalls nur sechs Worten eine Science-Fiction-Geschichte schreiben.
Diese Sorte von Kürzestprosa hat, wenn nicht gerade von Magazinen eingefordert, ein gewisses Problem, veröffentlicht zu werden. Für ein Buch viel zu kurz, für eine Anthologie irgendwie auch: Wer druckt schon ganze Bücher mit Texten, die noch kürzer sind als Haikus? Jetzt, fast neunzig Jahre nachdem Hemingway seine Wette gewann, scheint es, ist das Medium für Literatur dieser Art geschaffen: Twitter. Den ganzen Beitrag lesen »
Seelenfänger
Schrecken des Alltags (2)

Es war letzten Sommer, und es müssen wohl ähnlich schwüle Tage gewesen sein wie die heutigen, als sich mir beim Spazieren nahe des Urbanhafens plötzlich ein unheimlicher Anblick bot. Auch jetzt noch, ein Jahr später, weiß ich nicht, wie ich diese seltsamen Zeichen einordnen oder benennen soll, in deren Bannkreis ich geraten war. Spaziergänger, Jogger und Radfahrer haben die besagte Stelle wohl einfach passiert, ohne sich Gedanken zu machen oder auch nur das Geringste bemerkt zu haben. Wer dagegen die Kronen der Bäume aufmerksamer betrachtete, wurde unweigerlich von einem sich plötzlich Den ganzen Beitrag lesen »
Nichts als Lesergespenster
Der Berliner Autor Giwi Margwelaschwili las aus “Der Kantakt”
Er beugt sich beim Lesen nach vorne und stützt sich mit den Ellbogen ab, als würde der schwere Stoff auch auf seinen Schultern liegen. “Der Kantakt”, sein jüngstes Buch, ist 800 Seiten dick, ein Wackerstein in zartgrünem Einband, der sich da vor ihm auf der Tischplatte erhebt. Ein Monument wie sein Autor.
Giwi Margwelaschwili, der Sohn eines georgischen Intellektuellen, hat 18 Jahre in Berlin gewohnt, dann wurde er vom Sowjetischen Geheimdienst nach Tiflis verschleppt. Nach über vier Jahrzehnten zog er wieder zurück in seine Sprachheimat. Margwelaschwili ist jetzt 81 Jahre alt, er wohnt im Wedding, und als er das erste Mal im Club Monarch am Kottbusser Tor stand, in dieser raumgewordenen Definition des Wortes “trashig”, hat er gesagt: “Tollen Jazzclub habt ihr hier”. Den ganzen Beitrag lesen »
Proust und Pasteten
Sonntag Abend. Helene Hegemann ist in ein Taxi gestiegen. Wolfgang Müller steht auf der Bühne und singt. Einige der LAN-Veranstalter sitzen im Restaurant WAU und essen endlich mal was. Jochen Schmidt signiert, stehend, im Foyer.
Jochen Schmidt ist alle. Total alle.
Es gibt zwei Frauen, die wissen das. Katja Weber und Jessica Ebert der Kreuzberger Buchhandlung ebert und weber standen drei Abende lang am Büchertisch, am Stimmungsknotenpunkt des LAN-Festivals. Während sie zusammenpacken, was übrig ist, fassen sie zusammen, was sie nicht mehr einpacken können.
Was Sie schon immer über Jochen Schmidt wissen wollten (aber bisher nicht zu googeln wagten)
Wie man über Jochen Schmidt schreiben kann, obwohl man keinen Milchkaffee mit ihm getrunken hat
Jochen Schmidt sieht aus wie einer, mit dem man gut Kaffee und noch besser Rotwein trinken kann. Eigentlich hatte ich ihn im Vorfeld von LAN um ein Treffen bitten wollen, er wohnt ja nur drei Bezirke weiter, und wenn man Porträts schreiben will, kann es ungemein hilfreich sein, den Porträtierten irgendwie getroffen zu haben. Selbst bei Masseninterviews kann man danach Sachen schreiben, die so klingen, als würde man jemanden kennen, Sätze wie „Beim Lachen zieht er nur den einen Mundwinkel nach oben, aber die Augen funkeln mit“, oder „Wenn er nachdenkt, weicht er Blicken aus, nimmt mehrere schnelle Schlucke von seinem Milchkaffee und sieht hinaus durch das Caféfenster auf die Straße, auf der die Bionade-Bohème gerade ihren Nachwuchs nach Hause zerrt.“ Im Idealfall erzählt der Porträtierte während so eines Treffens noch irgendwas echt Persönliches, zum Beispiel, dass er mal eine Freundin hatte, die in den aktuellen Harry Potter Band verliebter war als in ihn.
Das mit der Freundin stimmt wirklich. Es gab mal eine, die Rowling lieber hatte als ihn, obwohl er ihr (der Freundin) hunderte von Kilometern hinterhergereist war. Wie Jochen Schmidt allerdings lacht und wie er aussieht, wenn er nachdenkt, das weiß ich nicht. Den ganzen Beitrag lesen »
One should keep away from idol worship
Die Metapher der Vergänglichkeit in Ben Katchors Berliner Vortrag über Fotografien, Götzen und den Halbton-Druck

Ben Katchor spricht langsam, mit Theaterstimme; dazwischen wohldosierte Pausen. Das Publikum ist sofort gewonnen; viele — möchte man meinen — trotz des etwas speziellen Vortragstitels: “Halftone Images in the Yiddisch Press and other Objects of Idol Worship”. Vor sieben Jahren war er schon einmal in Berlin, als Fellow der American Academy. Jetzt, das heißt Anfang letzter Woche, steht Katchor am Rednerpult des Jüdischen Museums; anschließend wird er noch seinen jetzt auf deutsch im avant-verlag erschienenen Comic Der Jude von New York vorstellen (die Originalausgabe erschien bereits vor 11 Jahren). Der Saal ist, trotz Hitze, gefüllt. Von weitem, wenn er sich bewegt, erinnert Katchor ein wenig an Inspektor Columbo.
In jeder Ausgabe der Morgen Freiheit, beginnt Katchor mit lauter Stimme, Den ganzen Beitrag lesen »