Alle Beiträge in: „Literaturbetrieb“

26 Jul

Mit Erinnerung die Gegenwart bekämpfen

Von Felix Lüttge


Seit gestern nicht mehr bei Arte+7, seit einer knappen Woche bei YouTube zu sehen: Die Dokumentation Romane made in New York. Die Post-9/11-Literatur, die hier gleichsam als Post-Lost-Generation-Literatur erscheint, kommt darin in Gestalt von fünf AutorInnen zu Wort. Jonathan Franzen, Rick Moodey, Nicole Krauss, Jonathan Safran Foer und Marisha Pessl werden, so die Programmankündigung, als Gefolgsleute Jay MacInerneys und Breat Gaston Ellis’ zur Tradition amerikanischer Literatur, zum Verhältnis von fact und fiction und natürlich zum 11. September befragt. Dass es um all diese Fragen selten geht, dass New York nur im Titel und als Kulisse vorkommt und dass eigentlich nur Jonathan Franzen etwas Interessantes zu sagen hat, sei als Korrekturhinweis wenigstens erwähnt. Aber zumindest Letzteres kann ja auch ganz heilsam sein.

13 Mai

13. Lange Buchnacht in Kreuzberg

Von Nikolai Preuschoff

Wer es noch nicht weiß und auch in Berlin ist: Jetzt am Samstag, 14. Mai 2011, findet in der Kreuzberger Oranienstraße die 13. “Lange Buchnacht” statt. Hurrah! Denn wieder mal gibt es viel zu sehen und zu hören: Ausstellungen, Lesungen und Gespräche, und das ganze ist wieder mal kostenlos. Um die 50 Orte in und um die Kreuzberger Oranienstraße machen mit.

Das Plakat zur Langen Buchnacht stammt übrigens von Rafael Varona, der an der UDK Berlin Illustration studiert. Das Programm und weitere Infos gibt es unter www.lange-buchnacht.de

19 Mrz

Auch nicht mehr ganz aktuelle Informationen zum Buchgewerbe

Von Hannes Bajohr

17 Feb

Mal so als Idee für Schönefeld: Flughafen-Bücherei

Von Nikolai Preuschoff

Der Amsterdamer Schiphol Flughafen hat eine Bücherei. Nein, nicht noch eine Ketten-Buchhandlungs-Parzelle. Eine echte Bücherei! Fluggäste und andere können dort kostenlos in niederländischer Literatur, Bildbänden usw. herumlesen. 1200 sind es zur Zeit, übersetzt in 29 Sprachen. Die Idee: Anstatt in sterilen Fluren rumzugammeln und sich über 5-Euro-pro-Minute WLAN zu ärgern, sollen sich Reisende, wie sie zu dutzenden Millionen jährlich durch den Flughafen geschleust werden, lieber mal über niederländische Kultur informieren. Zumal knapp die Hälfte dieser Passagiere sonst überhaupt nichts von Holland sehen würde. Was für ein sinnvoller Gedanke und was für eine  gigantischer PR-Maschine! Die niederländische Regierung lässt sich das 2008 gestartete Projekt wohl zwischen 250 und 400 000 Euro jährlich kosten. Klingt bei diesen Zahlen jetzt erstmal okay. Und geklaut wird auch nicht so viel.

25 Jan

Betrübliche Zahlen

Von Hannes Bajohr

Die englischsprachige Welt hat einen Buchmarkt, so groß, dass einem schwindlig wird. Allein in den USA wurden 2008 275.232 Bücher veröffentlicht, mehr als irgendwo sonst. Mit 206.000 Publikationen kommt an zweiter Stelle Großbritannien, wobei hier wohl auch für den Export produziert wird; Deutschland steht erst auf Platz fünf mit vergleichsweise bescheidenen 96.000 Titeln. (Die faszinierende Statistik gibt es hier.)

Eigentlich genug, sollte man meinen, und eigentlich dürfte es kein Buch geben, dass ich mir nicht auf Englisch bestellen könnte. Weit gefehlt. Der Anteil von übersetzen Titeln beträgt ganze 3% des amerikanischen Buchmarkts. Drei. Das ist so wenig, dass sich das übersetzter Literatur gewidmete Portal Three Percent glatt nach diesem Misstand benannt hat. Und selbst diese magere, einstellige Ziffer ist auch noch fast gelogen. Denn: Den ganzen Beitrag lesen »

08 Dez

Wir müssen reden (ab 18)

Von Felix Lüttge

Wir müssen reden. Über Sex. Und zwar schnell, bevor ein neuer Jugendmedienschutz-Staatsvertrag die deutsche Bloglandschaft in einen Schilderwald mit lauter Altersbeschränkungen verwandelt.

In der letzten Woche hat Rowan Somerville den ›Bad Sex in Fiction Award‹ bekommen, den das Literary Review in London alljährlich verleiht. (Diese Preisverleihung ist so ziemlich das Einzige, mit dem die Zeitschrift auf sich aufmerksam macht.) Nach der Verleihung wird in Großbritannien immer wieder über Sex in der Literatur diskutiert. Das sollten wir auch tun!  Den ganzen Beitrag lesen »

29 Nov

Preisgekrönte Insektenmetaphorik

Von Felix Lüttge

Nicht auf alle Preise kann man stolz sein. Der irische Autor Rowan Somerville hat heute so einen Preis bekommen. Er ist der Sieger des Wettbewerbes um den »Bad Sex in Fiction Award«, den die Literary Review aus London jedes Jahr verleiht. Verdient hat er sich diesen Preis mit unpassender Insektenmetaphorik in seinem Roman The Shape of Her. Besonders beeindruckt zeigten sich die Juroren von einer Passage aus dem Buch, die Sex mit einem Schmetterlingsforscher verglich, der ein hartschaliges Insekt aufsteckt (»a lepidopterist mounting a tough-skinned insect«).

Somerville setzt sich damit durchaus gegen namhafte Konkurrenz durch. Nominiert für den Preis war unter anderem auch Jonathan Franzens viel gefeierter Roman Freiheit.

Der »Bad Sex in Fiction Award«, der zu allerlei Freud’schen Verschreibern einlädt, wird seit 1993 vergeben, um auf den angeblich groben, geschmacklosen und häufig lieblosen Gebrauch von Sexszenen in zeitgenössischen Romanen hinzuweisen. Preisträger im letzten Jahr war Jonathan Littell mit seinem Roman Die Wohlgesinnten. Ihm wurden die Sätze »Ich kam plötzlich. Es war ein Stoß, als ob jemand das Innere meines Kopfes mit einem Löffel auskratzen würde wie ein weichgekochtes Ei« zum Verhängnis. John Updike wurde 2008 von der Jury für sein Lebenswerk geehrt.

Rowan Somerville, in England geboren, nahm seinen Sieg mit Humor. Es sei eine Ehre, sich die Shortlist mit Autoren wie Jonathan Franzen und Christos Tsiolkas zu teilen. Und außerdem, fügte er hinzu, “gibt es nichts Englischeres als schlechten Sex.”

Na dann: Herzliches Beileid.

01 Nov

Herbst = Zeit der Links!

Von Nikolai Preuschoff

Während in Kalifornien noch die Sonne scheint, wie man auf dem obigen Bild deutlich sehen kann, ist es in Berlin schon grau und finster geworden. Jedenfalls nach allem was man so hört, hier in Ann Arbor, Michigan, wo es mit den milden Spätsommertagen allerdings genauso vorbei ist. Die geschnitzten Kürbisse faulen bereits vor sich hin, und die Eichhörnchen haben sich fett gefuttert. Allerorten ziehen bedrohlich die Herbstdepressionen auf, denen wir heute, wie gewohnt, mit neuen und alten Links begegnen wollen.

  • Beginnen wir mit der schönsten Geschichte der Woche: In einer norditalienischen Kirche wurde in einem Marmorstein ein jahrmillionenalter Dinosaurierschädel entdeckt. Eine Paleontologin bestätigt den Fund. Ein H.P. Lovecraft hätte sich das, da stimmen wir dem bldgblog zu, nicht besser ausdenken können. Für die Evolutionsleugner in den USA wäre dieses Gebäude gewissermaßen vertrackt, wie auf dem bldgblog ein anonymer Leser anmerkt: “A building standing as a dedication to their god, the creator of all life, holding evidence of a contradictory theory of creation – evolution.”
  • Klicken Sie hier, und schauen Sie sich die alten Atlanten an.
  • Klicken Sie hier, und schauen Sie sich die schönen, alten Groschenheft-Cover an. Die Seite trägt den sehr guten Namen Monsterbrains, und die Groschenhefte der Reihe The Beyond haben damals wirklich nur einen Groschen bzw. 10 Cents gekostet. Gut ist auch, wie auf dem Titel bereits in die Geschichte eingeführt wird: “I shall add years to your sick wife’s life flame, John Arno”, sagt da z.B. eine Hexe, “but in return you must find me other victims. You have made a bargain with DEATH.” Da ist man natürlich gespannt, wie es weitergeht.
  • Paris Review-Interviews — Wie unsere Namensvetterin Lisa Gold berichtet, hat Lorin Stein, die neue Chefredakteurin des Paris Review, kürzlich das Interview-Archiv 1953-2010 freigegeben. Darunter findet sich, neben hunderten Autoren, Cineasten, Dichtern, Dramatikern dieses (jüngst erschienene) Interview mit dem Comic-Übervater Robert Crumb. Das Archiv kann per Name oder Jahr durchsucht werden.
  • Etwas umsonst gibt es auch beim Spike Magazine: Spike Magazine: The Book — ein 600 Seiten PDF mit “Spike’s best interviews, features and reviews”. Darunter JG Ballard, Douglas Coupland, William Gibson, Will Self (interviews) und Maurice Blanchot, EM Cioran, Derek Jarman, Bruce Chatwin, WG Sebald, Thomas Bernhard (features).
  • Schließlich noch eine Meldung, vor der wir nur erblassen können: Der mächtige Übervater der Online-Rezension, M.A. Orthofer, hat ein Buch herausgebracht: The Complete Review. Eleven Years, 2500 Reviews (2500:11 sind übrigens 227,27). Das Buch beinhaltet “a descriptive site history, a longer essay On reviewing in general, twelve representative reviews (one from each year the site has been in operation), a Literary Saloon dialogue, and diverse other odds and ends.” Großartig.

Foto: naslrogues

18 Okt

Verlage im Internet: Unendliche Zettel

Von Felix Lüttge

Als vor einem guten Jahr David Foster Wallaces Unendlicher Spaß auf Deutsch erschien, war die Vorfreude groß. Der Verlag hatte ein Blog eingerichtet, 100 Tage wollten ausgewählte Autoren das Buch lesen, jeder bloggte irgendwas: Manche hatten ihr Lesepensum nicht erfüllt und schrieben drüber, andere durften mehrmals ran, das Prinzip war klar: 100 Tage lang wird gelesen und geschrieben und hoffentlich viel Undendlicher Spaß gekauft.

Am 1. Oktober 2010 sollte Arno Schmidts Zettel’s Traum erscheinen. Das Buch galt bis dahin als unsetzbar, war nur als unleserliches Faksimilie für viel Geld erhältlich, selbst die Raubdrucke waren schweineteuer. In der Bargfelder Ausgabe des Suhrkamp Verlages war nun ein lesbares Buch angekündigt worden, der krönende Abschluss der Werkausgabe. Die Vorfreude auf Zettel’s Traum dürfte die auf Unendlicher Spaß um vieles übertreffen. Große Buchhandlungen bekamen das Buch freilich erst Tage später, bei Nachfragen wurden Erwartungsfrohe immer wieder auf “Morgen” vertröstet. Oder aufs Internet: Auch über Zettel’s Traum wurde und wird gebloggt. Den ganzen Beitrag lesen »

09 Okt

Balkongespräche: Inger-Maria, ein Jahrzehnt später

Von Anne-Dore

Es war im letzten Jahrhundert, Inger-Maria Mahlke trug jedenfalls noch Pferdeschwanz. Wir waren noch nicht lange aus der Schule raus, Anfang 20 oder so, und wir trafen uns auf einer Schreibwerkstatt der Neuen Gesellschaft für Literatur. Tagelang saßen wir im Freizeiterholungsheim Wuhlheide herum, rauchten, redeten, tranken viel und schliefen wenig, es war herrlich. Danach schrieb ich darüber mein erstes, wirklich gedrucktes Artikelchen für eine Berliner Tageszeitung, es hatte den grauenhaften Titel “Die Schmerzen der ersten Kritik”. Ich hatte Inger-Maria dafür befragt. Sie ist und bleibt, so kann man das wohl sagen, damit meine allererste Zeitungsheldin:

(…) Die Lübeckerin Inger-Maria Mahlke war am Freitag Abend noch sehr unsicher, wie ihre Texte ankommen würden. „Bisher haben nur Freunde und Familie meine Sachen gesehen“, sagte die Politikstudentin der FU Berlin, „die finden eigentlich immer alles gut.“ Von den Gleichgesinnten erhoffte sie sich dagegen konstruktive Kritik. Positiv fand sie, dass sie keinen näher kannte: „Es ist bestimmt leichter, jemanden zu kritisieren, zu dem man keine enge Bindung hat. (…) Den ganzen Beitrag lesen »