Alle Beiträge in: „Literaturbetrieb“

09 Okt

Ein Kalender rettet die Hochkultur

Von Felix Lüttge

Gottseidank, das wurde aber auch Zeit! Darf ich vorstellen, die Helden der Stunde: Verlag Heye, “Top Fotograf” J. Konrad Schmidt, Buchhändlerin Simone Pfeifer. Diese mutigen Menschen haben sich vorgenommen, mit dem negativen Image der Berufsgruppe der Buchhändlerinnen aufzuräumen. Die stünde nämlich, so sagen sie, in dem Ruf, altbacken und verstaubt zu sein. Heye & Co. wollen beweisen, dass “kluger Kopf und verführerische Attraktivität” keine Gegensätze sein müssen — wie wir bis vor kurzem alle noch angenommen hatten. Den ganzen Beitrag lesen »

08 Okt

Am Nullpunkt der Literaturvermittlung

Von Elena

Ein Stück über einen Literaturnobelpreisträger, den ich nicht angemessen gelesen habe oder: Ein Plädoyer für’s Selberlesen

“Wahrscheinlich gewinnt wieder jemand, vom dem niemand von uns je etwas gelesen hat”, prophezeite einer von uns als dunkel gestirntes Orakel noch vor einer Woche, als wir überlegten, wie wir unsere scharfsinnigen Leserinnen und Leser mit soliden Informationen zum diesjährigen Gewinner des Literaturnobelpreises versorgen könnten. (Natürlich gar nicht, das war uns schnell bewusst.) Mit Mario Vargas Llosa hat nun ein Autor gewonnen, den man gelesen haben sollte, ganz eindeutig. Ein “weltberühmter Romancier” (Klappentext). Aber wie mit so vielen dieser Sollte und Müsste, die mich und uns alle tagtäglich belagern (Sport, Fünf-Elemente-Küche, Kanon dies und Kanon das), ist auch aus diesem Muss noch kaum ein Ist geworden. (Immerhin gestehen auch 50 Prozent derjenigen, die auf den Seiten des Nobelkomitees abstimmten, dass sie noch nichts von Vargas Llosa gelesen haben.) Den ganzen Beitrag lesen »

03 Okt

Banned Books Week 2010

Von Felix Lüttge

In den USA ist gestern die Banned Books Week 2010 zu Ende gegangen. Jedes Jahr feiern Leser und Buchbranche in der letzten Septemberwoche den ersten Artikel der amerikanischen Verfassung, der die Meinungsfreiheit garantiert. Dieses Fest der Meinungsfreiheit, die in den USA sehr viel weiter geht als in Deutschland (wo sie ihre Grenze in »den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre« – Art. 5 Abs. 2 GG – findet), ist zugleich natürlich eine Kampfansage an jegliche Form der Zensur.

Überall im Land finden während der Banned Books Week Veranstaltungen wie Lesungen oder Diskussionen in Bibliotheken oder Buchhandlungen statt. Oder es werden Listen mit den irgendwo zensierten oder verbannten Büchern aufgehängt.

Für den von Europa aus Beobachtenden ist eine Einschätzung dieser Festwoche nicht ganz leicht. Den ganzen Beitrag lesen »

25 Sep

Ein angenehmer Abend mit Daniel Kehlmann

Von Hannes Bajohr

Daniel Kehlmann trägt ein schwarzes T-Shirt und eine von diesen Hosen, die so ungemein praktisch aussehen, weil sie mehr Taschen haben als man, steht man nicht gerade einem Handwerksbetrieb vor, eigentlich braucht. Das ist nicht unsympathisch, genauso wie die Tatsache, dass die Wahl seiner Abendgarderobe so gar nicht die Inkongruenz zwischen der jugendlichen Schlankheit seines Pressefotos und der leichten Moppeligkeit seines Auftritts in der Wirklichkeit zu verschleiern versucht. Daniel Kehlmann fühlt sich offensichtlich wohl an diesem Abend im Deutschen Haus der Columbia University in New York.

Zur Gelassenheit Kehlmanns trägt vielleicht auch bei, dass Mark Anderson, Professor für deutsche Literatur, ihn nicht etwa zur Lesung geladen hat, sondern zu einem lockeren Gespräch. Eigentlich macht das gar keinen Unterschied, denn Kehlmanns neuestes Buch, der Essayband Lob. Über Literatur, ist von einem Plausch über eben jenes Thema gar nicht so weit entfernt. Und auch dieser Plausch lässt Kehlmann sympathisch erscheinen – belesen, ohne allzu verbissen, eloquent, ohne auftrumpfend zu sein, bestreitet er ohne Probleme auf Englisch den Abend.
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24 Sep

Das Zeitalter des Zitats

Von Felix Lüttge

»Die Welt wird an dem Tag im Arsch sein, wenn die Menschheit erster Klasse reist und die Literatur im Gepäckwagen.«

– Gabriel Garcia Marquez, Hundert Jahre Einsamkeit

Ich muss mich entschuldigen. Denn ich stehe im Begriff einen kapitalen Fehler zu machen. Ich werde nämlich Bezug nehmen, auf diesen zugegebenermaßen sehr willkürlich ausgewählten Satz von Gabriel Garcia Marquez, den ich diesem Artikel vorangestellt habe. Ich werde verraten, was er mit diesem Text zu tun hat. (Nichts nämlich, zumindest inhaltlich. Formal immerhin, dass Epigraphen, wie man diese Zitate vor Texten auch nennt, hier Thema sein sollen.) Und ich werde womöglich den Namen Marquez noch einmal erwähnen. Entschuldigung.

Das klingt gar nicht so übel? Es klingt vernünftig, sinnvoll gar? Ach was! Es geht weit vorbei an aller Subtilität, die diese unsubtile Form des Zitierens zum Ziel hat. So sieht es jedenfalls David Orr, der am vergangenen Wochenende mit Hilfe Gérard Genettes’ ein paar Gedanken zur Praxis des Epigraphierens in der New York Times angestellt hat. Orr hat nämlich festgestellt, dass zeitgenössische Gedichtbände immer häufiger mit einem Epigraph beginnen. Die letzte Veröffentlichung einer Liz Waldner zum Beispiel beginnt mit Zitaten von Lewis Caroll und Karl Marx, unter deren Motto wohl das gesamte Buch stehen soll, es folgt ein Zitat von Samuel Johnson, in dessen Schuld der erste Gedichtzyklus steht und schließlich darf Platon nicht fehlen, der dem ersten Gedicht vorangestellt wird. Erst nach vier Zitaten ist das erst Wort der Autorin zu lesen. Das ist übrigens unter deutschen Dichtern nicht viel anders, wie ein Blick ins eigene Bücherregal zeigt: Den ganzen Beitrag lesen »

19 Sep

Der Besen im Archiv

Von Felix Lüttge

Das ging ziemlich schnell. Und wir sind gute fünf Tage zu spät, was uns als Fans von David Foster Wallace auch persönlich sehr Leid tut. Weil aber in Deutschland alle geschlafen haben, sehen wir es als unsere Pflicht, auch verspätet zu berichten. Denn für die, die schon jede Zeile von Wallace gelesen haben, gibt es jetzt noch ein bisschen mehr DFW.

Anfang der Woche ist zwei Tage nach seinem zweitem Todestag das David Foster Wallace Archiv des Harry Ransom Centers der University of Texas für Forscher zugänglich gemacht worden. Es enthält seine Manuskripte, die Brief- und E-Mail-Korrespondenz und die Bücher seiner Bibliothek. Die sind in seinem Fall besonders interessant. So exzessiv wie Wallace hat kaum jemand seine Bücher mit Anmerkungen versehen. Auch die Unterrichtsmaterialen, die Wallace für seine Creative Writing Kurse verwendet hat, sind im Archiv enthalten.

Interessierte sollten unbedingt auf den folgenden Seiten weiterlesen:

Das Bild zeigt David Foster Wallaces Ausgabe von Edwin Williamsons Jorge Luis Borges Biografie (Bild: Harry Ransom Center).

18 Jul

Ransmayrs Reisen

Von Elena

Peter Szondi-Vortrag 2010 – Christoph Ransmayr schultert in „Atlas eines ängstlichen Mannes“ die Welt

Die Welt ist für Christoph Ransmayr eine unendliche Anhäufung von Geschichten. Zwischen (Ant)Arktis und Äquator findet der österreichische Autor den Stoff für seine Prosaminiaturen, die er im “Atlas eines ängstlichen Mannes” gesammelt hat. “Bilder der Welt” nennt Ransmayr die Episoden, deren Reihenfolge immer neu zusammengeschüttelt werden kann. Mit einer Lesung aus dem noch unveröffentlichten Manuskript bestritt der 56-Jährige den Peter Szondi-Vortrag 2010 an der Freien Universität Berlin. Den ganzen Beitrag lesen »

21 Jun

Faltbuch

Von Nikolai Preuschoff

Neues aus der Reihe: Bücher im Digitalen Zeitalter

In Wahrheit ist das Medium Buch ja noch lange nicht ausgereizt. Das obige Beispiel stammt aus dem französischen Verlagshaus éditions volumiques, das sich die Erforschung neuer Buchformen unter Berücksichtigung der Technologien des Digitalen Zeitalters zur Aufgabe gemacht hat.

Das Besondere an diesem Prototyp eines Buches ist seine sich beim Lesen ergebende, labyrinthische Struktur: Aus jeder neuen Seite ergeben sich drei Möglichkeiten, insgesamt gibt es, sagen sie, 3 hoch 6 = 729 Varianten.

Andere Ideen der éditions volumiques umfassen ein Buch, das nach dem Öffnen unlesbar wird, und eines, das von alleine umblättern kann.

(Via Papier Gaché)

05 Mai

Beweis: Arbeiterliteratur ist möglich!

Von Nikolai Preuschoff

Nagut, man könnte jetzt diskutieren, ob die Gedichte von Lorine Niedecker und Emily Dickinson, die Bill Murray dem guten Dutzend verblüffter Bauarbeiter im Rohbau des Poet’s House in Manhattan, Battery Park, vorträgt, strenggenommen tatsächlich in die Kategorie “Arbeiterliteratur” fallen. ABER: Sieht es nicht verdammt nach Arbeiterliteratur aus? Und schafft es der unübertreffliche Murray nicht am Ende, den zunächst abweisenden Gesichtern der Arbeiter ein Zeichen der Zustimmung zu entlocken? (Jedenfalls suggeriert die Kamera das.)

Wer die Gedichte nachlesen möchte, findet hier die Texte zu Niedeckers “Poet’s Work” und Dickinsons “I dwell in possibility“.

Via Galleycat

05 Feb

Berliner Wissenschaftsverlage mit Literatur im Frühjahrsprogramm

Von Nikolai Preuschoff

Zwei Verlage machen noch keinen Trend, aber bemerkenswert ist es schon: Eine zunehmende Zahl Berliner Wissenschaftsverlage nimmt Belletristik ins Frühjahrsprogramm.

Gut, im Falle der populärwissenschaftlichen Berlin University Press (“intelligent-leichte Wissenschaftsliteratur”) ist weniger verwunderlich, dass sie nun mit drei literarischen Titeln herauskommt. Verlags-Chef und ehemaliger Suhrkamp-Lektor Gottfried Honnefelder hat sich einer offenbar gewichtigen Martin Walser-Novelle versichert (Mein Jenseits), und dieser stellt er zwei ähnlich unaufgeregt klingende Debuts an die Seite: das der jungen Mirja Klein, namens Schonung, und das des bereits reiferen Norbert Holl, Titel: Normans Geheimnis.

diaphanes gibt dagegen bereits seit Herbst 2008 ein kleines literarisches Programm heraus, das bisher allerdings ausschließlich aus Übersetzungen bestand. Mit Angelika Meiers England hat der Kreuzberger Verlag, der sonst vor allem mit Ausgaben feingeistiger französischer Theoretiker von sich Reden macht, nun erstmals einen Titel einer deutschsprachigen Autorin im Programm. Dieses soll, wie die diaphanes-Seite ankündigt, “nach und nach zu einer weiteren tragenden Säule des Verlages werden”.

Foto: Curious Expeditions