Alle Beiträge in: „Literaturbetrieb“

25 Mai

Was Sie schon immer über Jochen Schmidt wissen wollten (aber bisher nicht zu googeln wagten)

Von Anne-Dore

Wie man über Jochen Schmidt schreiben kann, obwohl man keinen Milchkaffee mit ihm getrunken hat

jochen-schmidtJochen Schmidt sieht aus wie einer, mit dem man gut Kaffee und noch besser Rotwein trinken kann. Eigentlich hatte ich ihn im Vorfeld von LAN um ein Treffen bitten wollen, er wohnt ja nur drei Bezirke weiter, und wenn man Porträts schreiben will, kann es ungemein hilfreich sein, den Porträtierten irgendwie getroffen zu haben. Selbst bei Masseninterviews kann man danach Sachen schreiben, die so klingen, als würde man jemanden kennen, Sätze wie „Beim Lachen zieht er nur den einen Mundwinkel nach oben, aber die Augen funkeln mit“, oder „Wenn er nachdenkt, weicht er Blicken aus, nimmt mehrere schnelle Schlucke von seinem Milchkaffee und sieht hinaus durch das Caféfenster auf die Straße, auf der die Bionade-Bohème gerade ihren Nachwuchs nach Hause zerrt.“ Im Idealfall erzählt der Porträtierte während so eines Treffens noch irgendwas echt Persönliches, zum Beispiel, dass er mal eine Freundin hatte, die in den aktuellen Harry Potter Band verliebter war als in ihn.

Das mit der Freundin stimmt wirklich. Es gab mal eine, die Rowling lieber hatte als ihn, obwohl er ihr (der Freundin) hunderte von Kilometern hinterhergereist war. Wie Jochen Schmidt allerdings lacht und wie er aussieht, wenn er nachdenkt, das weiß ich nicht. Den ganzen Beitrag lesen »

08 Mai

One should keep away from idol worship

Von Nikolai Preuschoff

Die Metapher der Vergänglichkeit in Ben Katchors Berliner Vortrag über Fotografien, Götzen und den Halbton-Druck

ben katchor vortrag 2009

Ben Katchor spricht langsam, mit Theaterstimme; dazwischen wohldosierte Pausen. Das Publikum ist sofort gewonnen; viele — möchte man meinen — trotz des etwas speziellen Vortragstitels: “Halftone Images in the Yiddisch Press and other Objects of Idol Worship”. Vor sieben Jahren war er schon einmal in Berlin, als Fellow der American Academy. Jetzt, das heißt Anfang letzter Woche, steht Katchor am Rednerpult des Jüdischen Museums; anschließend wird er noch seinen jetzt auf deutsch im avant-verlag erschienenen Comic Der Jude von New York vorstellen (die Originalausgabe erschien bereits vor 11 Jahren). Der Saal ist, trotz Hitze, gefüllt. Von weitem, wenn er sich bewegt, erinnert Katchor ein wenig an Inspektor Columbo.

In jeder Ausgabe der Morgen Freiheit, beginnt Katchor mit lauter Stimme, Den ganzen Beitrag lesen »

21 Apr

Seth Harwoods Podcast-Karrieresprung

Von Florian

Während sich ein großer Teil des Kulturbetriebs angesichts der Bedrohungen aus dem Internet irgendwo zwischen Reaktion und Hysterie zu orientieren versucht, betrachten immer mehr findige Geister neue Entwicklungen als Chance — und kommen damit auch noch durch! openculture.com schreibt über den Autoren Seth Harwood, der seinen Debut-Roman als Podcast in 19 Episoden veröffentlichte:

After Seth Harwood got his MFA at the Iowa Writers’ Workshop, he began publishing in traditional magazines and journals, as most young writers do. But those publications were slow to launch his career. Things changed, however, once he started publishing online.

Wie man’s macht, erklärt er in einem kurzen Video:


via openculture.com

15 Apr

Zum Heidelberger Appell

Von Florian

Zwei Gespenster geistern gerade durch die deutschen Feuilletons, mit Namen “Google Books” und “Open Access”. Das erste dreht sich um das die massenhafte Digitalisierung von Büchern und deren Veröffentlichung im Netz; das zweite um eine relativ neue wissenschaftliche Publikationsform. Beide haben eigentlich gar nicht viel miteinander zu tun, sind aber ein gemeinsamer Dorn im Auge des Literaturwissenschaftlers Roland Reuß, der sie in seinem — momentan viel besprochenen — “Heidelberger Appell” vehement verurteilt. Der Appell ist, besonders was die Fakten zu Open Access angeht, ziemlicher Murks. Den ganzen Beitrag lesen »

14 Apr

LAN 09. Drei Tage junge Literatur und Musik.

Von Florian

Es wird höchste Zeit, hier endlich mal auf das zweite LAN-Festival hinzuweisen. Noch knapp sechs Wochen sind es bis zum letzten Mai-Wochenende. Wie schon vor zwei Jahren treten an drei Tagen 18 Autoren ans Podium und eine gute Handvoll Musiker auf die Bühne. Mehr Informationen gibt es auf der neuen LAN-Website und außerdem demnächst bei Goldmag. Wir freuen uns, dass wir dieses Jahr, zusammen mit Kook, wieder als Veranstalter dabei sind.

28 Mrz

Regal-Spannern war gestern. Oder: Buch-Voyeurismus global

Von Nikolai Preuschoff

Buchmarkt Porno gobal

Das “It’s happy bunny — Ultimate Sticker Book” geht nach Schweden, nördlich von Stockholm. In Israel kauft jemand den Lonely Planet “Ireland”. Dort, also in Irland, hat jemand soeben “Excel X for Dummies” erworben. Nun bestellt ein britischer Haushalt das Kochbuch “Kid’s Birthday Cakes”. Und jetzt in Italien, “Your Inner Fish: A Journey into the 3.5 Billion-Year History of the Human Body”. In Griechenland hat sich derweil schon zweimal “Green to Gold” verkauft, Untertitel: “How Smart Companies do dies und das”. Auf Malta greift jemand zum Thriller, “The Rock Rats”. Und in den Niederlanden will in diesem Moment jemand wissen: “How to be an Explorer of the World”.

Keine Frage: Voyeurismus kann sich auch auf Bücher richten. Fremde Bücherregale, zum Beispiel, versprechen Den ganzen Beitrag lesen »

14 Mrz

E-Books: Das schrille Gebrüll des Börsenvereins des deutschen Buchhandels

Von Florian

Leere RegaleVor zwei Tagen hat der Börsenverein des deutschen Buchhandels die digitale Buchplattform libreka eröffnet. Das Angebot und die Stoßrichtung des Börsenvereins sind eine Enttäuschung.

Dabei klingt der Text auf der Startseite von libreka fast schon wie eine Verheißung: Über hunderttausend Bücher seien dort durchsuchbar, vollmundig wünscht man “viel Vergnügen beim Volltext-Finden, E-Book-Kaufen – und beim Lesen!” Pustekuchen: Durchsuchen – vielleicht. Kaufen – meistens nein. Nur ein geringer Teil der Titel ist tatsächlich als E-Book verfügbar, und selbst diese findet man höchstens per Zufall. Belletristik fand ich gar keine. Eine gezielte Suche nach digital erwerbbaren Büchern fehlt. Das ist soweit nur zum Teil die Schuld des Börsenvereins, denn ob ein Buch dort digital zu erstehen ist, entscheiden die Verlage – und die fanden das offenbar erst einmal keine so gute Idee. Vielleicht ändert sich das. Vielleicht wird an der schlechten Benutzbarkeit von libreka noch geschraubt. Vielleicht bleibt libreka aber auch das limonengrün web-zwo-nullig anmutende Alibiprojekt eines Verbandes, der sich offenbar nach Kräften bemühen will, die Fehler der Musikindustrie im Internet zu wiederholen. Den ganzen Beitrag lesen »

04 Mrz

Gibert Joseph, rez-de-chaussée

Von Nikolai Preuschoff

Gibert JosephBetritt man die Buchhandlung Gibert Joseph auf dem Boulevard St. Michel in Paris, kann man sich schon wundern. Zwar gibt es im Eingangsbereich ein Bestseller-Regal und auch ein paar der üblichen Küchen- und Reiseführer. Also reguläre Bücher. Aber ansonsten wird das komplette Erdgeschoss vom Bande Desinée (BD) ausgefüllt — auf ‘deutsch’ also: von Comics.

Den Besucher begrüßt zunächst ein umgehbarer Pfeiler, der “Angoulême 2009” gewidmet ist, dem wichtigsten französischen Comic-Festival. Hier ist der eigenartige Pinocchio von Winshluss ausgestellt, der vor einigen Wochen den Preis für das beste Album erhalten hat. Daneben hängen mindestens drei Alben von Blutch, in diesem Jahr ausgezeichnet mit dem “Grand Prix de la Ville d’Angoulême”: le petit christian, erschienen im Independent-Verlag L’Association, sowie zwei Bände, die La Volupté und La Beauté heißen und mit verstörend-expressiven Pastellkreidestrichen (vermutlich eigentlich geheime) Phantasien des Autors in dunkle Szenen setzen. Den ganzen Beitrag lesen »

07 Feb

Stadt aus Jold

Von Nikolai Preuschoff

Suhrkamp kommt!

Was wurde im Vorfeld gemunkelt und gezetert. Wie viele Argumente fielen den Frankfurt-Fans nicht ein: Tradition, Kultur, man solle sich nicht so modischen Trends beugen usw. Florian Illies, bekanntermaßen ein Freund der Provinz, besserwusste in der ZEIT, “warum Berlin keine neue Heimat für den Suhrkamp Verlag sein kann”. Völliger Quatsch. Denn es gibt doch keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, da Frankfurt von seinen maroden Banken nach unten gezogen wird, dieses sinkende Schiff zu verlassen (s. Grafik). Jetzt, so scheint es, wo das goldene Kalb des Casino-Kapitalismus entzaubert und vom Sockel gestoßen ist, kann Berlin, ohne Börse, nur mit Schulden, auf einmal wieder glänzen.

Gut, Suhrkamp wird Frankfurt nicht komplett den Rücken kehren, und in Berlin hatte der Verlag auch vorher schon eine repräsentative Dependance. Aber mal abgesehen von den guten Argumenten, die tatsächlich für Berlin sprechen, und die Ulla Unseld-Berkéwicz heute im FAZ-Interview nochmal Revue passieren lässt, gibt’s jetzt erstmal Grund zur Freude. Bittesehr, ungebrochen und lokalpatriotisch! Benjamin! Scholem! Brecht! Weiss! — allet alte Berliner! Kommen die jetze nich alle wieder nach Hause? Janz klar: die Stadt wird joldener.

Zeichnung: Nikolai Preuschoff. Zu sehen sind (von links nach rechts): Nelly Sachs, Samuel Beckett, Peter Weiss, Hermann Hesse, Walter Benjamin, Thomas Bernhard, Theodor W. Adorno

28 Jan

Stop spam, read books!

Von Günne

Tolles Motto! Und so kann man das eine schaffen, indem man das andere macht:
Problem: Schon bevor es digitale Datenverarbeitung gab, wurden im großen Stil Bücher produziert. So weit, so allgemein bekannt.
Die gute Frage ist allerdings: Wie kommen diese Unmengen Bücher jetzt in die digitale Welt? Und dafür gibt es eine ganz einfache Lösung: das Buch Seite für Seite scannen, eine sogenannte OCR-Software einsetzen und diese dechiffriert die Zeichen in wirkliche Buchstaben. Was anderes bleibt einem kaum übrig. Und jeder der das gemacht hat kennt die gängige Schwierigkeit: Soooo sauber ist das dann doch nicht und eigentlich muss man über alles nochmal per Hand drüber lesen. Was aber wenn man nicht die drei kopierten Seiten aus dem Script oder einem Magazin scannt, sondern wenn man Millionen Bücher mit Abermillionen Seiten hat? Wenn ein einzelner den Kontext gar nicht mehr erfassen kann oder den Inhalt kennt? Wenn man von wahren Unmengen an Wörtern ausgehen kann und keine Leute hat?

Es ist erstaunlich simpel: Man nutze das Internet. Den ganzen Beitrag lesen »