“Sein bisher persönlichstes Werk”
Ein Gastbeitrag von Jasper Nicolaisen
„Sie schläft ist Dietmar Daths bisher persönlichstes Werk“, schrieb der Rezensent. Das war gleich doppelt behämmert; einmal so für sich genommen als unsägliche Floskel und dann auch literaturdings, theoretisch. Es war schließlich auch nach der Revolution am Ende der Geschichte nicht de rigeur, die Person des Autors in die Werkbetrachtung mit einzubeziehen. Im Gegenteil, heute weniger denn je. Müde ironischer Realismus stand im Tausendjahresplan, immer von Bedeutung, nie von Konsequenz, razinkel, razunkel, razoing.
Aber da war der Dath ja immer ein unsicherer Kandidat gewesen. Hatte auf den letzten Metern der Geschichte noch rumgemöhrt von wegen Marxismus und Heavy Metal, und dann, als die neu vereinten Sozial-Liberal-Christbaumgrünen die Revolution über die Bühne gebracht hatten, war’s ihm auch wieder nicht recht gewesen. Hatte sich sang- und klanglos abgesetzt, in Alaska Militäreinrichtungen gekapert, sich genetisch zum Nasenbären aufpimpen lassen und zwischen Orgien in Israel und Kunstgemache im Kammerflimmer-Land auf irgendwie alles geschimpft.
Und jetzt das neue Buch: Überraschung, ganz anders. Der bekannte Dath-Sound, okay. Aber fast von Anfang an war es ein überaus komisches Buch, Den ganzen Beitrag lesen »
Katrin Marie Mertens Gedichte soll man laut lesen. Die je sechs bis acht Zeilen in ihrem Debütband »Salinenland«, mehr sind es meist nicht, stehen auf dem Papier wie die Meldungen unter »Vermischtes« in einer Lokalzeitung, jene lakonischen Marginalien, die Neuigkeiten zusammenfassen, denen nicht zugetraut wurde, genug für eine ganze Spalte herzugeben. Es gibt keine Titel, stattdessen sind nur einzelne Satzteile in Kapitälchen hervorgehoben; sie dienen bloß zur Orientierung und Identifizierung im Inhaltsverzeichnis. Man muss sie laut lesen, damit sich einem ihr Rhythmus erschließt, der wichtiger ist als das Marginale ihres Inhalts. Die Musikalität, die in diesen wenigen Zeilen liegt, ist bemerkenswert, und zweifellos steckt viel Arbeit in ihnen, die darauf aus gewesen sein muss, immer weiter zu reduzieren, immer mehr von dem abzuschaben, was vielleicht aus der Meldung eine Story und aus den wenigen Zeilen die vollen fünf Spalten der Seite drei gemacht hätte.
Das Material, das Wolfgang Hermann in seinem dünnen Prosaband vor dem Leser ausbreitet, ist, glaubt man der kursivgesetzte Vorrede, bereits in den späten Achtzigern, im alten Westberlin entstanden. Heute, gut zwanzig Jahre und einen Staatspreis für Literatur später, gibt der Autor seine frühen literarischen “Versuche” (so der Untertitel) nun im kleinen österreichischen
Ärgerlich ist an diesem Buch höchstens, dass man es selbst hätte schreiben wollen. Das jedenfalls meinte mein Bruder, mit dem ich mir vor einigen Monaten, via Twitter und GoogleEarth, kleine und unbekannte Inseln hin und her geschickt hatte, ohne dass wir von diesem Atlas etwas wussten. Das Schönste an diesem Buch sind vielleicht nicht die vielen aufwendig schlicht gestalteten Karten, nicht der orange gefärbte Schnitt, nicht der so überzeugend einfache und neu schon alt wirkende Einband, auch nicht die sorgsam gestaltete Typografie, die schon an Stevensons Schatzinsel denken lässt, bevor man überhaupt eine Zeile gelesen hat — das Schönste ist die Geste selber, mit der sich der Atlas der abgelegenen Inseln dem Kleinen und Vergessenen, gemeinhin so Unwichtigen nähert. Die spielerische Gewissenhaftigkeit, mit der zu jeder Insel Angaben zu Größe, Einwohnern und Entfernungen gemacht werden, und die strenge Großzügigkeit, mit der dies dann alles grafisch umgesetzt ist.
Die Deutschen und ihre nationale Identität, das ist eine Frage, die seit der WM 2006 vor allem mit Fußball verbunden wird. Gut drei Jahre später will Thomas von Steinaecker dazu auch noch was sagen. Er stellt seine Überlegungen in der unruhigen Lounge des Berliner „Kulturkaufhaus” Dussmann an, wo er zum ersten Mal aus „Schutzgebiet” liest. Steinaecker sagt, dass er mit „Schutzgebiet” einen Deutschlandroman schreiben wollte, einen Roman, mit dem er der deutschen Identität auf die Spur kommen wollte. Warum auch immer. Zwei Dussmann-Angestellten klatschen dazu, so laut sie müssen.
“Berlin ist die schönste, die bildungsreichste Stadt der Welt. Ich wäre abscheulich, wenn ich hiervon nicht felsenfest überzeugt wäre”, schreibt Robert Walser in Die kleine Berlinerin. Felix, der Protagonist in Florian Voß’ “Bitterstoffen”, hat solche naiv-ironische Berlin-Begeisterung irgendwie verpasst, ist irgendwie “abscheulich”. Seine Berlin-Bewunderung ist zerbröckelt, von seiner Berlin-Überzeugung kaum etwas übrig, noch nicht einmal Berlin-Hass will aufkommen. Stattdessen Indifferenz, Abhängen im volksbühnigen “Blauen Salon”, mal auf’ne Demo gehen, und dabei will Felix immer noch irgendwie Schriftsteller werden.
Wenn Autoren andere Autoren lesen und darüber schreiben, kann daraus ein Verkaufsschlager werden. Zum Beispiel Jochen Schmidts Schmidt liest Proust
Im Hochhaus der „Almatastr.“ bewohnt Rehlein das 18. Stockwerk, er sammelt neben Büchern auch Anekdoten und gebrauchte Tampons. Wenn nicht um sich, dreht sich sein Leben um Literatur und Ekligkeiten; verliebt er sich, dann hoffnungslos. Weder mag Rehlein das Leben und seine Mitmenschen, noch mögen die ihn. „Befremdlich und befremdet“ beobachtet er Bremen-Walle und sieht sich täglich mit Fragen wie dieser konfrontiert: „Warum kommt BILD nicht damit hin, im Abstand einer Olympiade stets identische Ausgaben zu drucken? Weil es billiger ist, alles ‚neu’ zu machen? Oder tut BILD das doch und ist es der rechte Fußtritt gegen das ‚neu’, daß es im Boulevard im ewig gleichen Einerlei aufgeht und ist BILD das einzig adäquate Blatt?“
Also alles ganz schlimm: Die Leute haben Chips in den Armen, warten auf ihre »Abschaltung«, die abweichendem Verhalten folgt, werden von allen Seiten überwacht und beobachtet, liegen im Müll oder sitzen in unerfreulichen Wohnung voller »Gelsen« (man spricht Wienerisch) und hauen sich mit diversen Narkotika zu. Es gibt verrückte Doktoren, elitäre Geheimgesellschaften und Filmemacher, die ihre Splattermovies mit eigens dafür zusammengestoppelten Retortenmenschen bestücken. Über allem liegt ein gesamtgesellschaftlicher Firnis aus Abgasen und Faschismus, und wo es zu zwischenmenschlich relevanten Begegnungen kommt, sind sie meist von Mobiliarzertrümmerung geprägt (»WAMM!WAMM!WAMM!«). Der davon berichtet ist ein bisschen schizophren, etwas paranoid, aber das macht nichts, das Buch ist es auch: In Kurz- und Kürzestepisoden erzählt Lukas Kollmer in Anomia brachial und konzentriert aus einem kaputten Kopf einer kaputten Welt, die vielleicht Zukunft, vielleicht parallele Gegenwart ist.