Alle Beiträge in: „Rezensionen“

18 Jul

Ransmayrs Reisen

Von Elena

Peter Szondi-Vortrag 2010 – Christoph Ransmayr schultert in „Atlas eines ängstlichen Mannes“ die Welt

Die Welt ist für Christoph Ransmayr eine unendliche Anhäufung von Geschichten. Zwischen (Ant)Arktis und Äquator findet der österreichische Autor den Stoff für seine Prosaminiaturen, die er im “Atlas eines ängstlichen Mannes” gesammelt hat. “Bilder der Welt” nennt Ransmayr die Episoden, deren Reihenfolge immer neu zusammengeschüttelt werden kann. Mit einer Lesung aus dem noch unveröffentlichten Manuskript bestritt der 56-Jährige den Peter Szondi-Vortrag 2010 an der Freien Universität Berlin. Den ganzen Beitrag lesen »

12 Apr

»Ich«-Sagen als privilegierte Ausdrucksform

Von Felix Lüttge

Eine Anthologie baut Brücken in die jüngere Vergangenheit

Kinder, wie die Zeit vergeht! Neunzehnhundertneunundneunzig: Deutschland wird von Basta!-Kanzler Gerhard Schröder und den Grünen regiert; in den USA legt sich langsam die Aufregung um einen Fleck auf Frau Lewinskys Kleid; die später sogenannten »westlichen Werte« scheren sich einen Dreck um die Taliban, weil die Twin Towers noch stehen und Terrorismus überhaupt allerhöchstens ein tschetschenisch-russisches Problem ist. Musik wird im Geschäft gekauft oder illegal bei Napster runtergeladen, an WLAN und YouTube ist noch nicht zu denken, zu Google gibt es Alternativen. Erinnert sich jemand? Den ganzen Beitrag lesen »

23 Feb

“Sein bisher persönlichstes Werk”

Von goldmag

Ein Gastbeitrag von Jasper Nicolaisen

Sie schläft ist Dietmar Daths bisher persönlichstes Werk“, schrieb der Rezensent. Das war gleich doppelt behämmert; einmal so für sich genommen als unsägliche Floskel und dann auch literaturdings, theoretisch. Es war schließlich auch nach der Revolution am Ende der Geschichte nicht de rigeur, die Person des Autors in die Werkbetrachtung mit einzubeziehen. Im Gegenteil, heute weniger denn je. Müde ironischer Realismus stand im Tausendjahresplan, immer von Bedeutung, nie von Konsequenz, razinkel, razunkel, razoing.

Aber da war der Dath ja immer ein unsicherer Kandidat gewesen. Hatte auf den letzten Metern der Geschichte noch rumgemöhrt von wegen Marxismus und Heavy Metal, und dann, als die neu vereinten Sozial-Liberal-Christbaumgrünen die Revolution über die Bühne gebracht hatten, war’s ihm auch wieder nicht recht gewesen. Hatte sich sang- und klanglos abgesetzt, in Alaska Militäreinrichtungen gekapert, sich genetisch zum Nasenbären aufpimpen lassen und zwischen Orgien in Israel und Kunstgemache im Kammerflimmer-Land auf irgendwie alles geschimpft.

Und jetzt das neue Buch: Überraschung, ganz anders. Der bekannte Dath-Sound, okay. Aber fast von Anfang an war es ein überaus komisches Buch, Den ganzen Beitrag lesen »

23 Jan

Taktvoll Vermischtes

Von Hannes Bajohr

Katrin Marie Mertens Gedichtband Salinenland versammelt gekonnt Klassisches.

Merten, SalinenlandKatrin Marie Mertens Gedichte soll man laut lesen. Die je sechs bis acht Zeilen in ihrem Debütband »Salinenland«, mehr sind es meist nicht, stehen auf dem Papier wie die Meldungen unter »Vermischtes« in einer Lokalzeitung, jene lakonischen Marginalien, die Neuigkeiten zusammenfassen, denen nicht zugetraut wurde, genug für eine ganze Spalte herzugeben. Es gibt keine Titel, stattdessen sind nur einzelne Satzteile in Kapitälchen hervorgehoben; sie dienen bloß zur Orientierung und Identifizierung im Inhaltsverzeichnis. Man muss sie laut lesen, damit sich einem ihr Rhythmus erschließt, der wichtiger ist als das Marginale ihres Inhalts. Die Musikalität, die in diesen wenigen Zeilen liegt, ist bemerkenswert, und zweifellos steckt viel Arbeit in ihnen, die darauf aus gewesen sein muss, immer weiter zu reduzieren, immer mehr von dem abzuschaben, was vielleicht aus der Meldung eine Story und aus den wenigen Zeilen die vollen fünf Spalten der Seite drei gemacht hätte.
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31 Dez

Jahresrückblick auf das Westberlin der späten 80er, geschrieben von einem Österreicher

Von Nikolai Preuschoff

hermann-konstruktioneinerstadtDas Material, das Wolfgang Hermann in seinem dünnen Prosaband vor dem Leser ausbreitet, ist, glaubt man der kursivgesetzte Vorrede, bereits in den späten Achtzigern, im alten Westberlin entstanden. Heute, gut zwanzig Jahre und einen Staatspreis für Literatur später, gibt der Autor seine frühen literarischen “Versuche” (so der Untertitel) nun im kleinen österreichischen Limbus-Verlag heraus. Willkommener Anlass dürfte der kaum jüngere Jahrestag des Mauerfalls gewesen sein. Den unterschiedlichen Texten nimmt man ihr frühes Entstehungsdatum durchaus ab. Die lose in Kapiteln geordneten Prosaminiaturen, -fragmente, dazu ein “Gedicht” und ein abschließender “Brief aus einer Winterstadt”, bilden keineswegs eine formale Einheit. Was damals schlicht unfertig liegen geblieben sein mag, wird nun Programm: Der Stadt kann man nicht habhaft werden, sie nicht begreifen, deshalb müssen wir uns mit Annäherungen und Fragmenten begnügen. Getragen werden sie von einer verbindenden, melancholischen Stimmung. Einer, möchte man fast sagen, typischen Achtzigerjahre-Innerlichkeit. Mal überzeugt sie und mal gerät sie etwas überzeichnet. Man muss sich wohl — gerade als Berliner! — auf diese subjektiv-melancholischen Bilder und das mitunter surrealistische Pathos einlassen Den ganzen Beitrag lesen »

27 Okt

Flusen in den Manteltaschen der Welt

Von Nikolai Preuschoff

Judith Schalansky kartografiert das Abgelegene

Atlas der abgelegenen Inseln Ärgerlich ist an diesem Buch höchstens, dass man es selbst hätte schreiben wollen. Das jedenfalls meinte mein Bruder, mit dem ich mir vor einigen Monaten, via Twitter und GoogleEarth, kleine und unbekannte Inseln hin und her geschickt hatte, ohne dass wir von diesem Atlas etwas wussten. Das Schönste an diesem Buch sind vielleicht nicht die vielen aufwendig schlicht gestalteten Karten, nicht der orange gefärbte Schnitt, nicht der so überzeugend einfache und neu schon alt wirkende Einband, auch nicht die sorgsam gestaltete Typografie, die schon an Stevensons Schatzinsel denken lässt, bevor man überhaupt eine Zeile gelesen hat — das Schönste ist die Geste selber, mit der sich der Atlas der abgelegenen Inseln dem Kleinen und Vergessenen, gemeinhin so Unwichtigen nähert. Die spielerische Gewissenhaftigkeit, mit der zu jeder Insel Angaben zu Größe, Einwohnern und Entfernungen gemacht werden, und die strenge Großzügigkeit, mit der dies dann alles grafisch umgesetzt ist.

Denn auf die Frage, “wozu braucht man dieses Buch eigentlich?”, ist nur zweitrangig die Antwort, dass man mit ihm seinen Wissenshorizont um diese oder jene mehr oder weniger kleine Inseln erweitern könnte und sich nebenher noch einiges Historisches oder Literarisches hinzuerfahren ließe. Sondern eher, Den ganzen Beitrag lesen »

18 Okt

War es so gedacht?

Von goldmag

Ein Gastbeitrag von Susanne Schmidt

schutzgebietDie Deutschen und ihre nationale Identität, das ist eine Frage, die seit der WM 2006 vor allem mit Fußball verbunden wird. Gut drei Jahre später will Thomas von Steinaecker dazu auch noch was sagen. Er stellt seine Überlegungen in der unruhigen Lounge des Berliner „Kulturkaufhaus” Dussmann an, wo er zum ersten Mal aus „Schutzgebiet” liest. Steinaecker sagt, dass er mit „Schutzgebiet” einen Deutschlandroman schreiben wollte, einen Roman, mit dem er der deutschen Identität auf die Spur kommen wollte. Warum auch immer. Zwei Dussmann-Angestellten klatschen dazu, so laut sie müssen.

Vorgelegt hat Steinaecker einen Bericht über den Nicht-Aufstieg und Fall der Stadt Benesi, einer deutschen Festung in der fiktiven afrikanischen Kolonie Tola. In diesem „Schutzgebiet” bündelt er Sehnsüchte und Träume, um unter der Lupe der Imagination einen Roman über die Fiktionen der Kolonialzeit zu schreiben. Eine Mentalitätsgeschichte der Kolonialzeit soll es sein, die zugleich metaphorisch für eine deutsche Idee im 21. Jahrhundert steht, für Minderwertigkeitkomplexe und Selbstüberschätzung, sagt Steinaecker. Er nimmt sich mit „Schutzgebiet” nichts Geringeres vor, als das Verhältnis zwischen Idee und Realität zu untersuchen und gleichzeitig seine Vision eines sowohl epischen als auch analytischen Romans zu verwirklichen. Den ganzen Beitrag lesen »

27 Sep

Trauergesellschaft

Von Nikolai Preuschoff

voss-florian-bitterstoffe“Berlin ist die schönste, die bildungsreichste Stadt der Welt. Ich wäre abscheulich, wenn ich hiervon nicht felsenfest überzeugt wäre”, schreibt Robert Walser in Die kleine Berlinerin. Felix, der Protagonist in Florian Voß’ “Bitterstoffen”, hat solche naiv-ironische Berlin-Begeisterung irgendwie verpasst, ist irgendwie “abscheulich”. Seine Berlin-Bewunderung ist zerbröckelt, von seiner Berlin-Überzeugung kaum etwas übrig, noch nicht einmal Berlin-Hass will aufkommen. Stattdessen Indifferenz, Abhängen im volksbühnigen “Blauen Salon”, mal auf’ne Demo gehen, und dabei will Felix immer noch irgendwie Schriftsteller werden.

Felix ist ungefähr Mitte Dreissig, schon etliche Jahre in der Hauptstadt und fragt sich dann doch langsam mal, was er hier so lange gemacht hat und wo er eigentlich hingehört. Ein paar pathetische Gedichte geschrieben hat er, und gekellnert. ‘Heimat’ ist ihm die Stadt nicht geworden. Aber das merkt er reichlich spät, denn in der süddeutschen Provinz bzw. Heimatstadt, wohin er wegen eines Beerdigungstermins — eine Jugendfreundin ist gestorben — zurückkehren muss, hält er es, vor lauter Baggerseen und Resopaltischen, auch nicht mehr aus. Er trifft dort immerhin Den ganzen Beitrag lesen »

03 Sep

Giwi liest Kurt

Von Felix Lüttge

Giwi Margwelaschwili lässt in Der Kantakt Real- und Buchwelt erneut aufeinandertreffen. Eine kurze Leseaufforderung für einen langen Roman.

der-kantaktWenn Autoren andere Autoren lesen und darüber schreiben, kann daraus ein Verkaufsschlager werden. Zum Beispiel Jochen Schmidts Schmidt liest Proust, mit dem Leute, die vor Proust kapituliert haben, die Chance erhalten, über ihn zu lachen. Oder es kann daraus ein gutes, humorvolles, vielleicht sogar weises Buch wie Der Kantakt von Giwi Margwelaschwili werden. Das liest dann leider keiner, weil es 800 Seiten hat und mehr Essay als Roman ist und der Verbrecher Verlag zu klein, um es so zu bewerben wie es das Buch verdient hätte. Den ganzen Beitrag lesen »

17 Aug

In die Wüste mit Carl Schmitt

Von Felix Lüttge

Herz aus SandAlso gut, wir haben ein Lager in der Wüste, das einem UN-Camp nachempfunden ist, mit den dazugehörigen Beobachtern, Soldaten und Flüchtlingen. Und wir haben einen rechtspopulistischen Schweizer Politiker und eine linke Juristin, die sich zu seiner Wahlkampfleiterin machen lässt und damit einen Konflikt mit ihrem Freund heraufbeschwört. Aber macht das einen politischen Roman aus Daniel Goetschs Herz aus Sand? Erst einmal gibt es das Setting vor, in dem Goetsch seine Geschichte platziert. Der Erzähler dieser Geschichte ist Frank, einer der Beobachter in besagtem Camp, die darauf warten, dass ein Referendum durchgeführt werden kann. Phlegmatisch und bisweilen anstrengend selbstherrlich berichtet er vom Alltag in der Wüste, der für die Beobachter vor allem aus Nichtstun und Drogensucht besteht; gelegentlich vögeln sie eine der in der Wüste gestrandeten Rucksacktouristinnen, die sie „Leilas“ nennen, weil sie nicht Nutten sagen wollen. Den ganzen Beitrag lesen »