Alle Beiträge in: „Rezensionen“

17 Dez

Leichte Fischkost

Von Susanne

Das erste Fischgedicht hat Arezu Weitholz im Urlaub über eine Forelle mit Delle geschrieben, um ihre Mutter zum Lachen zu bringen. Wahrscheinlich mit Erfolg. Weitholz begann also, jeden Freitag ein Fischgedicht zu schreiben und per E-Mail an ihre Freunde zu verschicken. Die Gedichte waren so beliebt, dass Weitholz sie Anfang dieses Jahres veröffentlichte (Mein lieber Fisch, weissbooks 2010). Das Buch ist mittlerweile vergriffen und soll bald in zweiter Auflage erscheinen. Pünktlich zum Weihnachtsfest legt Weitholz nun mit Merry Fishmas 44 neue Fischgedichte vor. Dazu gibt es Zeichnungen der Autorin. Der schmale Band ähnelt dem Fisch-Debüt in Inhalt und Gestaltung – nur dass Merry Fishmas in Gegensatz zum Vorgängerband nun in weihnachtlichem Rot daherkommt. Den ganzen Beitrag lesen »

01 Dez

Eintopf mit Herz

Von Susanne

In Schöner Irrsinn. Die Ahnung von der Unvollkommenheit verbrät Felix Wetzel die Welt und wird dabei nicht zufriedener.

Ein bisschen Hegel, ein bisschen Bibel, und schon lassen sich erstaunliche Parallelen zwischen Wissen und Essen ziehen. So hat es der Philosoph und Theologe Rubem Alves gemacht. Essen und Wissen sind für ihn beides Resultate des Hungers. Dementsprechend sind Ideen Rohkost, die durchdacht, zubereitet und verdaut werden muss. Die Welt ist da, um als Bankett angerichtet und verzehrt zu werden. Der Dichterin und Schriftstellerin kommt in diesem Bild die Rolle der Köchin zu.

Wie Alves macht es auch Felix Wetzel. Er lebt in Berlin und nicht wenige seiner Erzählungen aus Schöner Irrsinn. Die Ahnung der Unvollkommenheit spielen zwischen den Bratwurstständen am Alexanderplatz und einer Küche, die vermutlich nicht weit ab von der M2 liegt, die den Prenzlauer Berg hinaufkriecht. Von dem Leben, das sich vor seinen Augen abspielt, schneidet Felix Wetzel Scheiben für sein literarisches Bankett ab. Den ganzen Beitrag lesen »

03 Nov

In den Schuhen von September Nowak

Von goldmag

Der Erdmöbel-Sänger Markus Berges debütiert als Roman-Autor

Ein Gastbeitrag von Philipp Weber

Ein langer Brief an September NovakDieser Tage überall gelobt wird die Band Erdmöbel aus Köln, die in diesem Jahr Bandjubiläum feiern, ein neues Album herausbringen und obendrein noch ein stattliches Buch veröffentlichen. Genauer: Markus Berges, der Sänger der Band, hat kürzlich sein erstes literarisches Werk veröffentlicht. Ein langer Brief an September Nowak heißt sein Roman und ist eine Coming-of-Age-Geschichte um die neunzehnjährige Betti, die sich eines Tages aus ihrer westfälischen Einödenheimat aufmacht, um ihre exotische Brieffreundin im fernen Monaco zu besuchen. Dort entpuppt sich die mit allerlei Adoleszenz-Träumen aufgeladene Freundin (die titelgebende September Nowak) als übergewichtige Hochstaplerin aus einfachen Verhältnissen, die sich in den Briefen eine eigene Wunschexistenz zusammen gezimmert hat – nichts von den romantischen Schilderungen der Briefe entspricht der Realität. Den ganzen Beitrag lesen »

27 Sep

Nahaufnahme einer Paranoia

Von Elena

Inger-Maria Mahlkes Debütroman “Silberfischchen”

"Silberfischen" von Inger-Maria Mahlke - CoverAls Inger-Maria Mahlke mit einem Kapitel aus ihrem Roman “Silberfischchen” den open mike 2009 gewann, da mäkelten wir, allen voran ich, an ihrem Text etwas gelangweilt herum. Die Pressereferentin des Aufbau Verlags, in dem der Roman am 10. Juli 2010 erschien, nimmt das sportlich. Noch vor dem offiziellen Auslieferungstermin schickt sie uns das Buch mit einer wirklich netten Karte in die Redaktion. Und ich habe “Silberfischchen” noch am gleichen Abend gelesen. Ganz. Wegen des Einstiegs.

Eine lange Reihe abgasgeschwärzter Häuser, die sich in Pfützen spiegelten, trocknete an der Wäscheleine in der Küche, er stieß sie im Vorbeigehen an. Es schneite, die Autos krochen, die weißen Hauben auf den Mülltonnen waren noch unberührt. Den Tee hatte er bereits in die Thermoskanne gefüllt, ein Streufahrzeug bog um die Ecke. Der bleibt nicht liegen, dachte der alte Mann, prüfte nochmals, ob er den Verschluss fest genug zugedreht hatte, es wird wieder regnen, und die Bürgersteige werden knirschen vom Streusand.

Der alte Mann, dem man ins Hirn hört und beim Hantieren zusieht, ist der Berliner Rentner Hermann Mildt. Sein Leben ist in Routine erstarrt. Jeden Tag geht er fotografieren, die Motive sind ihm egal. Die Fotos entwickelt er selbst, hängt sie zum Trocknen in der Küche auf. Mit den immer gleichen Handgriffen bereitet er seine Verpflegung für die Ausflüge vor: Eine Thermoskanne Tee. “Die Brote, zwei Mett, zwei Schmelzkäse, hatte er in Wachspapier verpackt, sie gehörten in die Lücke zwischen Kanne und Taschenwand.” Den ganzen Beitrag lesen »

12 Sep

Nehmen wir mal an, er existierte

Von Nikolai Preuschoff

Dorothee Elmigers erstes Buch schildert eine Welt nach dem Ende der Arbeit und die Suche nach einem Fluss, den es nie gab.

Die Kohleminen brennen. Unterirdisch, so dass der Schwefeldampf an Stellen aus der Erde hervorbricht. Von diesem Phänomen hatte ich letztens tatsächlich in der Zeitung gelesen. Es war irgendwo in den USA. Ganze Kleinstädte mussten dort wegen der giftigen Gase umgesiedelt werden.

In Dorothee Elmigers “Roman” wird die Welt bevölkert von “der Jugend”. “Die Jugend”, das sind zwei Schwestern, Margarethe und Fritzi. Behütet und festgehalten von ihrem Vater, dem örtliche Sheriff. Unter ihnen brennt die Erde; mit der Ausbeutung der Bodenschätze ist es vorbei, an Arbeit nicht mehr zu denken. Soweit ein bekanntes Szenario: Zwei Adoleszente sitzen perspektivlos in einer verlassenen Kleinstadt fest. Wie schreibt Elmiger nun darüber? Die Ich-Erzählerin beginnt lakonisch, man könnte auch sagen: flapsig:

Meinerseits war ich oft allein mit Büchern. Mir war nichts anzusehen.

Kurze Absätze, Sätze, die halb aus dem Kontext gerissen sind, mittendrin anfangen, und dann unmittelbar enden. Etwas hochnäsig kommt das rüber. Lakonie, Ironie, die man mutig finden kann, die einem gefallen muss, die man der Autorin aber auch abkauft, weil sie nicht aufgesetzt wirkt.

“Waghalsig” ist daran bei Lichte betrachtet nichts. Den ganzen Beitrag lesen »

18 Jul

Ransmayrs Reisen

Von Elena

Peter Szondi-Vortrag 2010 – Christoph Ransmayr schultert in „Atlas eines ängstlichen Mannes“ die Welt

Die Welt ist für Christoph Ransmayr eine unendliche Anhäufung von Geschichten. Zwischen (Ant)Arktis und Äquator findet der österreichische Autor den Stoff für seine Prosaminiaturen, die er im “Atlas eines ängstlichen Mannes” gesammelt hat. “Bilder der Welt” nennt Ransmayr die Episoden, deren Reihenfolge immer neu zusammengeschüttelt werden kann. Mit einer Lesung aus dem noch unveröffentlichten Manuskript bestritt der 56-Jährige den Peter Szondi-Vortrag 2010 an der Freien Universität Berlin. Den ganzen Beitrag lesen »

12 Apr

»Ich«-Sagen als privilegierte Ausdrucksform

Von Felix Lüttge

Eine Anthologie baut Brücken in die jüngere Vergangenheit

Kinder, wie die Zeit vergeht! Neunzehnhundertneunundneunzig: Deutschland wird von Basta!-Kanzler Gerhard Schröder und den Grünen regiert; in den USA legt sich langsam die Aufregung um einen Fleck auf Frau Lewinskys Kleid; die später sogenannten »westlichen Werte« scheren sich einen Dreck um die Taliban, weil die Twin Towers noch stehen und Terrorismus überhaupt allerhöchstens ein tschetschenisch-russisches Problem ist. Musik wird im Geschäft gekauft oder illegal bei Napster runtergeladen, an WLAN und YouTube ist noch nicht zu denken, zu Google gibt es Alternativen. Erinnert sich jemand? Den ganzen Beitrag lesen »

23 Feb

“Sein bisher persönlichstes Werk”

Von goldmag

Ein Gastbeitrag von Jasper Nicolaisen

Sie schläft ist Dietmar Daths bisher persönlichstes Werk“, schrieb der Rezensent. Das war gleich doppelt behämmert; einmal so für sich genommen als unsägliche Floskel und dann auch literaturdings, theoretisch. Es war schließlich auch nach der Revolution am Ende der Geschichte nicht de rigeur, die Person des Autors in die Werkbetrachtung mit einzubeziehen. Im Gegenteil, heute weniger denn je. Müde ironischer Realismus stand im Tausendjahresplan, immer von Bedeutung, nie von Konsequenz, razinkel, razunkel, razoing.

Aber da war der Dath ja immer ein unsicherer Kandidat gewesen. Hatte auf den letzten Metern der Geschichte noch rumgemöhrt von wegen Marxismus und Heavy Metal, und dann, als die neu vereinten Sozial-Liberal-Christbaumgrünen die Revolution über die Bühne gebracht hatten, war’s ihm auch wieder nicht recht gewesen. Hatte sich sang- und klanglos abgesetzt, in Alaska Militäreinrichtungen gekapert, sich genetisch zum Nasenbären aufpimpen lassen und zwischen Orgien in Israel und Kunstgemache im Kammerflimmer-Land auf irgendwie alles geschimpft.

Und jetzt das neue Buch: Überraschung, ganz anders. Der bekannte Dath-Sound, okay. Aber fast von Anfang an war es ein überaus komisches Buch, Den ganzen Beitrag lesen »

23 Jan

Taktvoll Vermischtes

Von Hannes Bajohr

Katrin Marie Mertens Gedichtband Salinenland versammelt gekonnt Klassisches.

Merten, SalinenlandKatrin Marie Mertens Gedichte soll man laut lesen. Die je sechs bis acht Zeilen in ihrem Debütband »Salinenland«, mehr sind es meist nicht, stehen auf dem Papier wie die Meldungen unter »Vermischtes« in einer Lokalzeitung, jene lakonischen Marginalien, die Neuigkeiten zusammenfassen, denen nicht zugetraut wurde, genug für eine ganze Spalte herzugeben. Es gibt keine Titel, stattdessen sind nur einzelne Satzteile in Kapitälchen hervorgehoben; sie dienen bloß zur Orientierung und Identifizierung im Inhaltsverzeichnis. Man muss sie laut lesen, damit sich einem ihr Rhythmus erschließt, der wichtiger ist als das Marginale ihres Inhalts. Die Musikalität, die in diesen wenigen Zeilen liegt, ist bemerkenswert, und zweifellos steckt viel Arbeit in ihnen, die darauf aus gewesen sein muss, immer weiter zu reduzieren, immer mehr von dem abzuschaben, was vielleicht aus der Meldung eine Story und aus den wenigen Zeilen die vollen fünf Spalten der Seite drei gemacht hätte.
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31 Dez

Jahresrückblick auf das Westberlin der späten 80er, geschrieben von einem Österreicher

Von Nikolai Preuschoff

hermann-konstruktioneinerstadtDas Material, das Wolfgang Hermann in seinem dünnen Prosaband vor dem Leser ausbreitet, ist, glaubt man der kursivgesetzte Vorrede, bereits in den späten Achtzigern, im alten Westberlin entstanden. Heute, gut zwanzig Jahre und einen Staatspreis für Literatur später, gibt der Autor seine frühen literarischen “Versuche” (so der Untertitel) nun im kleinen österreichischen Limbus-Verlag heraus. Willkommener Anlass dürfte der kaum jüngere Jahrestag des Mauerfalls gewesen sein. Den unterschiedlichen Texten nimmt man ihr frühes Entstehungsdatum durchaus ab. Die lose in Kapiteln geordneten Prosaminiaturen, -fragmente, dazu ein “Gedicht” und ein abschließender “Brief aus einer Winterstadt”, bilden keineswegs eine formale Einheit. Was damals schlicht unfertig liegen geblieben sein mag, wird nun Programm: Der Stadt kann man nicht habhaft werden, sie nicht begreifen, deshalb müssen wir uns mit Annäherungen und Fragmenten begnügen. Getragen werden sie von einer verbindenden, melancholischen Stimmung. Einer, möchte man fast sagen, typischen Achtzigerjahre-Innerlichkeit. Mal überzeugt sie und mal gerät sie etwas überzeichnet. Man muss sich wohl — gerade als Berliner! — auf diese subjektiv-melancholischen Bilder und das mitunter surrealistische Pathos einlassen Den ganzen Beitrag lesen »