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	<title>goldmag.de &#187; Rezensionen</title>
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		<title>Leichte Fischkost</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Dec 2010 12:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susanne</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a  href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2010%2F12%2Fleichte-fischkost%2F&#038;text=Leichte+Fischkost&#038;lang=de&#038;count=horizontal" class="twitter-share-button">Tweet</a></div><p><a  href="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/Cover_final_71.jpg" class="thickbox no_icon" rel="gallery-4738" title="Cover_final_71"><img class="alignnone size-full wp-image-4740" title="Cover_final_71" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/Cover_final_71.jpg" alt="" width="160" height="241" /></a>Das erste Fischgedicht hat Arezu Weitholz im Urlaub &#252;ber eine Forelle mit Delle geschrieben, um ihre Mutter zum Lachen zu bringen. Wahrscheinlich mit Erfolg. Weitholz begann also, jeden Freitag ein Fischgedicht zu schreiben und per E-Mail an ihre Freunde zu verschicken. Die Gedichte waren so beliebt,  dass Weitholz sie Anfang dieses Jahres ver&#246;ffentlichte (<em>Mein lieber Fisch</em>, weissbooks 2010). Das Buch ist mittlerweile vergriffen und soll bald in zweiter Auflage erscheinen. P&#252;nktlich zum Weihnachtsfest legt Weitholz nun mit <em>Merry Fishmas</em> 44 neue Fischgedichte vor. Dazu gibt es Zeichnungen der Autorin. Der schmale Band &#228;hnelt dem Fisch-Deb&#252;t in Inhalt und Gestaltung – nur dass <em>Merry Fishmas</em> in Gegensatz zum Vorg&#228;ngerband nun in weihnachtlichem Rot daherkommt.<!--more--></p>
<p>Der leicht pl&#228;tschernde Charakter der fr&#252;heren Gedichte wird in <em>Merry Fishmas</em> bewahrt. Neben Kugelfischschneem&#228;nnern, Kraken auf Tannenbaumspitzen und Zimtseesternen tummeln sich darin auch weniger festlich betrunkene blaue Karpfen, eigenbr&#246;tlerische Zander, nette und bei&#223;ende Fischschw&#228;rme. Hartn&#228;ckige Endreime vereinen die sehr menschlichen Fischschicksale, „Fischst&#228;bchen“ genannte Zweizeiler gliedern das Buch und locken aus der Versreserve:</p>
<blockquote><p>Was machstn du da, Barracuda?<br />
Ich wei&#223; nich. Ich bei&#223; dich</p></blockquote>
<p>Man kann das albern finden oder gef&#228;llig. Es geht diesen Gedichten aber nicht um Extravaganz, sondern – ganz wie am Anfang der Fischgedichte – um Komik. Dass Weitholz’ Mutter &#252;ber die Forelle mit Delle gelacht haben wird, kann niemand, der Merry Fishmas liest, bezweifeln.</p>
<p><object classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" width="425" height="344" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube-nocookie.com/v/aDrJF1sjr3Y?fs=1&amp;hl=de_DE" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="425" height="344" src="http://www.youtube-nocookie.com/v/aDrJF1sjr3Y?fs=1&amp;hl=de_DE" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object><br />
<small><em>Die blaue Forelle</em>, animiert vom Dortmunder K&#252;nstler Alexander Kersting.</small></p>
<p>Es sind der leichte Ton und eine verschmitzte Melancholie, mit denen <em>Merry Fishmas</em> seine Leser f&#252;r sich einnimmt. Nichts liegt schwer im Magen, selbst die traurigsten Schicksale m&#252;ssen sich dem Endreim beugen, wie der „Weihnachtskarpfen“ zeigt:</p>
<blockquote><p>Wenn junge Menschen<br />
ihre Lust in wildem Tanz versenken<br />
und andre ihren<br />
Geist der Weihnacht im Gebet ermessen<br />
dann treffen sie sich<br />
endlich in den Schatten und sie denken<br />
an ihre Br&#252;der<br />
Die wurden sch&#228;ndlich aufgegessen</p></blockquote>
<p>Wer schwere Schinken voller Weltgeist lesen oder verschenken will, sollte vielleicht zu einem anderen Buch greifen. Wer aber Heiligabend jemanden zum Lachen bringen will, kann  Weitholz‘ <em>Merry Fishmas</em> bedenkenlos unter den Weihnachtsbaum legen. Und vielleicht wird es dort in zw&#246;lf Monaten von dem Roman abgel&#246;st, an dem Weitholz gerade schreibt.</p>
<p>&#220;brigens: Wer bis dahin nicht warten m&#246;chte, kann sich an das Album <em>Mensch</em> von Herbert Gr&#246;nemeyer halten. An dessen Liedtexten hat Arezu Weitholz n&#228;mlich mitgeschrieben. Wenn sie die Fische weiter so humorvoll menscheln l&#228;sst, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ihre Leser singen: „Und der Fisch hei&#223;t Fisch…“.</p>
<p><small>Arezu Weitholz: <em>Merry Fishmas</em>. 44 Fischgedichte f&#252;rs Fest, <a  href="http://www.weissbooks.com/" target="_blank">weissbooks</a>, Frankfurt am Main 2010, 91 Seiten, 12,90 Euro.</small></p>
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		<title>Eintopf mit Herz</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 19:04:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susanne</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Felix Wetzel]]></category>
		<category><![CDATA[Kulinarisches]]></category>
		<category><![CDATA[NEON]]></category>
		<category><![CDATA[Rubem Alves]]></category>
		<category><![CDATA[Schöner Irrsinn. Die Ahnung von der Unvollkommenheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a  href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2010%2F12%2Feintopf-mit-herz%2F&#038;text=Eintopf+mit+Herz&#038;lang=de&#038;count=horizontal" class="twitter-share-button">Tweet</a></div><p><strong>In </strong><strong><em>Sch&#246;ner Irrsinn. Die Ahnung von der Unvollkommenheit</em> verbr&#228;t Felix Wetzel die Welt und wird dabei nicht zufriedener.</strong></p>
<p><a  href="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/schoener-irsinn.jpg" class="thickbox no_icon" rel="gallery-4710" title="schoener-irsinn"><img class="alignnone size-full wp-image-4712" title="schoener-irsinn" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/schoener-irsinn.jpg" alt="" width="160" height="262" /></a>Ein bisschen Hegel, ein bisschen Bibel, und schon lassen sich erstaunliche Parallelen zwischen Wissen und Essen ziehen. So hat es der Philosoph und Theologe Rubem Alves gemacht. Essen und Wissen sind f&#252;r ihn beides Resultate des Hungers. Dementsprechend sind Ideen Rohkost, die durchdacht, zubereitet und verdaut werden muss. Die Welt ist da, um als Bankett angerichtet und verzehrt zu werden. Der Dichterin und Schriftstellerin kommt in diesem Bild die Rolle der K&#246;chin zu.</p>
<p>Wie Alves macht es auch Felix Wetzel. Er lebt in Berlin und nicht wenige seiner Erz&#228;hlungen aus <em>Sch&#246;ner Irrsinn. Die Ahnung der Unvollkommenheit</em> spielen zwischen den Bratwurstst&#228;nden am Alexanderplatz und einer K&#252;che, die vermutlich nicht weit ab von der M2 liegt, die den Prenzlauer Berg hinaufkriecht. Von dem Leben, das sich vor seinen Augen abspielt, schneidet Felix Wetzel Scheiben f&#252;r sein literarisches Bankett ab.<!--more--> &#220;ber einen Mann, der ihm den runden Lederjackenr&#252;cken zuwendet, schreibt er:</p>
<blockquote><p>„Sein Nacken ist ein halbes Schwein dick. Und ich schneide mit meinen Blicken gro&#223;e St&#252;cke daraus. Sein Kopf blickt in Richtung der Museumsinsel.“</p></blockquote>
<p><em>Sch&#246;ner Irrsinn. Die Ahnung der Unvollkommenheit</em> versammelt achtunddrei&#223;ig Kurzgeschichten, von denen Wetzel viele bereits auf der Userseite des Lifestyle-Magazins NEON unter dem Pseudonym „<a  href="http://www.neon.de/user/hib" target="_blank">hib</a>“ ver&#246;ffentlicht hat. Diese Geschichten scheinen sich vor allem um Wetzel selbst zu drehen, der wahlweise als Beobachter des Gro&#223;stadtlebens, als Vater oder in einer Kindheitserinnerung auftritt. Neben Alltagsgeschehnissen, vor Lebensphilosophie strotzenden Aphorismen und surrealen Erz&#228;hlungen finden sich aber auch pers&#246;nliche W&#252;rdigungen, die Wetzel an Verwandte und Freunde adressiert.</p>
<p>Wetzels Texte verbindet ein melancholischer Beigeschmack. Ihr Autor begegnet der Welt ganz in Alves’ Sinn zugleich als Koch und als Essender. Sichtlich sind es Hunger und Durst nach einem unbekannten Mehr, die Wetzel zum Schreiben motivieren. Gern beschw&#246;rt er vergangene Momente herauf, nur um in der n&#228;chsten Erz&#228;hlung resigniert &#252;ber ihr baldiges Verfallsdatum zu sinnieren. In der titelgebenden Episode hei&#223;t es:</p>
<blockquote><p>„Die Tage werden einem eingeschenkt. Wie auf Festen, bei denen es nur eine Biersorte gibt. Nur bis sich der Schaum setzt, ist meist schon Nachmittag. Wer in einem Zug das Glas leert, der fragt sich oft, was es gewesen ist. Und wer zu langsam trinkt, dem wird die Zeit schnell schal. Zur&#252;ck bleibt ein unerkl&#228;rter Durst. Ich nenne das die Ahnung von der Unvollkommenheit.“</p></blockquote>
<p>Felix Wetzel kennt die Rezepte, mit denen die Welt so zubereitet wird, dass sie genie&#223;bar und bek&#246;mmlich wird. Alves’ Philosophenkoch kocht f&#252;r seine G&#228;ste, und wie der wei&#223; auch Wetzel nur zu gut, worauf seine Leserinnen und Leser Appetit haben. So hei&#223;t es gleich zu Beginn: „Vielleicht haben sie Durst. Dann gebe ich ihnen einen Schluck Wein, der sie gerade noch durstig zur&#252;ckl&#228;sst.“ Bei Wetzel werden „Schnitten mit Leberwurst und Banane“ zum Nachmittagsmahl von Vater und Tochter genauso aufgetischt wie frisches Herz an Plattit&#252;den, gew&#252;rzt mit „ein wenig Salz, das aus ihrem Gesicht f&#228;llt“:</p>
<blockquote><p>„Neben mich auf den Sitz lege ich die Plastikt&#252;te mit deinem frischen Herz. Das Messer hat die Folie an einer Stelle von innen mit der Spitze aufgeschlitzt. Ich muss aufpassen, das sich keine Flecken auf den Sitz mit deinem kirschroten Blut mache.“</p></blockquote>
<p>In den NEON-Userforen ernten Felix Wetzels Texte &#252;berwiegend Tr&#228;nen und Zustimmung. Das Identifikationspotenzial des Texte ist hoch, gerade weil sie sich als authentische Selbstzeugnisse pr&#228;sentieren: „Felix“, wie ihn manche vertraut nennen, „schafft den Seiltanz zwischen der Einladung zu einem Rundgang durch sein Leben und der Illusion, es w&#228;ren lesereigene Emotionen, die da aus den Seiten fallen.“ Es gibt aber auch Widerspruch. Manchen ist Wetzel zu intim oder zu aufdringlich, andere fordern: „Jetzt h&#246;rt mal auf zu flennen hier.“ Ein hartn&#228;ckiger Kritiker kn&#252;pft an die Durstmetapher an, er findet Wetzels Geschichten „so abgestanden wie ein Bier auf einer Abiparty nachts um zwei. Manche m&#246;gen denken: ,Geil, ein Bier, hier gibt’s sonst nur Wasser’, aber mir fehlt dem Bier die Kohlens&#228;ure, die Eier, das Pers&#246;nliche.“ Wetzels Antwort bleibt im Bild, wenn er darauf antwortet, seine Eier seien „dick und fett von &#220;berzeugung und Leidenschaft.“ Er, der sich noch daran erinnert wie Tante Edeltraud „morgens die Fr&#252;hst&#252;ckseier mit einem Tauchsieder gemacht hat und ich staunend daneben gestanden und sie bewundert habe“, m&#246;chte „aus der Authentizit&#228;t keinen Hehl machen und ohne k&#252;nstliche Barriere zwischen Wahrheit und Fiktion“ schreiben.</p>
<p>In Alves’ Philosophie entstehen Hunger und Begehren aus der fiktiven Vorstellung einer besseren Welt. Damit verglichen kann die Realit&#228;t nur unbefriedigend sein, und das ist die dominierende Grundstimmung in Wetzels kurzen Geschichten. Da hei&#223;t es beispielsweise:</p>
<blockquote><p>„Heute fuhr eine Frau im Supermarkt einen flotten Reifen. Sie umkurvte die Gefriertruhen und redete sich den Gummi von den Z&#228;hnen. Wen sie erwischte, mit dem ging sie drei, vier Runden um die Truhen und erkl&#228;rte, wie ungerecht die Welt sei. Dass sie gern viel Wurst essen w&#252;rde. Aber alles f&#252;r Brei draufgeht.“</p></blockquote>
<p>Felix Wetzel ist ein wenig wie diese Frau, die er beobachtet. Die Ahnung von der Unvollkommenheit, die Wetzel herumtreibt, speist sich aus dem Ungleichgewicht zwischen Schlaraffenland und den Bratwurstm&#228;nnern auf dem Alexanderplatz. Es wird irgendwann langweilig, wenn Wetzel immer wieder mit aufkl&#228;rerischer Geste erkl&#228;rt, dass es das Schlaraffenland nicht gibt. Der Bratwurstmann am Alex kann noch am wenigsten daf&#252;r, und es macht die Welt nicht besser, wenn man ihn zusammenschl&#228;gt. Sch&#246;ner ist der Irrsinn vielmehr dort, wo er unbefangen in gl&#252;cklichen Erinnerungen schwelgt oder sich ganz jenseits von prosaischen Lebensphilosophien bewegt. Leider zu selten zerschneidet Wetzel die Verbindung zwischen Ideal und Wirklichkeit. Tut er es doch, verwandelt sich die Welt in eine bunte G&#246;tterspeise, pl&#246;tzlich kriechen aus Flaschen kleine vertrocknete Seejungfrauen und M&#228;nnern, die an Fleischtheken Atembeschwerden haben, wachsen Kiemen und Flossen.</p>
<p><small>Felix Wetzel: <em>Sch&#246;ner Irrsinn. Die Ahnung von der Unvollkommenheit</em>, Worthandel Verlag, Dresden 2010, 170 Seiten, 14,90 Euro.</small></p>
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		<title>In den Schuhen von September Nowak</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Nov 2010 08:56:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>goldmag</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a  href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2010%2F11%2Fin-den-schuhen-von-september-nowak%2F&#038;text=In+den+Schuhen+von+September+Nowak&#038;lang=de&#038;count=horizontal" class="twitter-share-button">Tweet</a></div><p><strong>Der Erdm&#246;bel-S&#228;nger Markus Berges deb&#252;tiert als Roman-Autor</strong></p>
<p><em>Ein Gastbeitrag von Philipp Weber</em></p>
<p><a  href="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/september.jpg" class="thickbox no_icon" rel="gallery-4511" title="Ein langer Brief an September Novak"><img class="alignnone size-full wp-image-4513" title="Ein langer Brief an September Novak" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/september.jpg" alt="Ein langer Brief an September Novak" width="160" height="260" /></a>Dieser Tage &#252;berall gelobt wird die Band Erdm&#246;bel aus K&#246;ln, die in diesem Jahr Bandjubil&#228;um feiern, ein <a  href="http://www.erdmoebel.de/info/krokus.html" target="_blank">neues Album</a> herausbringen und obendrein noch ein stattliches Buch ver&#246;ffentlichen. Genauer: Markus Berges, der S&#228;nger der Band, hat k&#252;rzlich sein erstes literarisches Werk ver&#246;ffentlicht. <em>Ein langer Brief an September Nowak</em> hei&#223;t sein Roman und ist eine Coming-of-Age-Geschichte um die neunzehnj&#228;hrige Betti, die sich eines Tages aus ihrer westf&#228;lischen Ein&#246;denheimat aufmacht, um ihre exotische Brieffreundin im fernen Monaco zu besuchen. Dort entpuppt sich die mit allerlei Adoleszenz-Tr&#228;umen aufgeladene Freundin (die titelgebende September Nowak) als &#252;bergewichtige Hochstaplerin aus einfachen Verh&#228;ltnissen, die sich in den Briefen eine eigene Wunschexistenz zusammen gezimmert hat – nichts von den romantischen Schilderungen der Briefe entspricht der Realit&#228;t. <!--more-->Betti reagiert verst&#228;ndlicherweise ungehalten und will die Schwindlerin nachts im Hochbett zur Rede stellen:</p>
<blockquote><p>„September“, fragte sie.<br />
Die Fette bewegte sich, ihr Laken rauschte. Sie atmete lauter, antwortete aber nicht.<br />
„September?“<br />
„Ja.“<br />
Wieso sie sie September nannte und was sie fragen wollte, wusste Betti auf einmal nicht mehr. Sollte die Fette ihr etwa sagen, warum sie sie betrogen hatte? Hundertf&#252;nfzig Kilo Antwort schnauften &#252;ber ihr. Die Fette schwieg. Betti hatte schon wieder in ihren Gedanken wie in schlechten Tr&#228;umen gelegen, da begann sie. „Du bist naiv. Dass du wirklich k&#228;mest, habe ich nicht gedacht. Ich bin nur so zum Bahnhof gegangen. Als ich dich da sitzen sah, tatest du mir leid. Ich hatte schon so ein Gef&#252;hl, dass du es auf die Spitze treibst“.</p></blockquote>
<p>So hat man nun auch noch Mitleid mit Betti und das ist ihr dann endg&#252;ltig zuviel: Sie nimmt erneut Rei&#223;aus, startet einen Roadtrip durchs s&#252;dliche Frankreich und trifft unterwegs neue Gestalten, denen sie sich nun selbst als September Nowak pr&#228;sentiert. Abermals wird die verhei&#223;ungsvolle Existenz einem ganz durchschnittlichen M&#228;dchen &#252;bergest&#252;lpt und mit allerlei wunderbaren Geschichten nachkoloriert.</p>
<p>Das Markenzeichen des S&#228;ngers Markus Berges ist die bewusste Eigent&#252;mlichkeit – und dadurch zeichnet sich auch sein Erz&#228;hlstil aus. Er transportiert Worte in den Pop, die dort vermeintlich nix zu suchen haben („Nordrheinwestfalen“ hier als ein passendes Beispiel unter vielen) und schert sich wenig, ob das in manchen Ohren peinlich klingt: Ein sympathisches Achselzucken gegen&#252;ber aller angestrengten Hipness – dem eigenen Leben wird der Spiegel vorgehalten und nicht seinen etwaigen Posen. Nat&#252;rlich bleiben diese Posen die unumg&#228;ngliche Projektionsfl&#228;che allen kleinst&#228;dtischen Pops – und so wird auch September Nowak zur Projektionsfl&#228;che provinzieller Sehns&#252;chte. Das geht in beiden F&#228;llen nur schief zusammen, aber manchmal kommen dabei verschrobene Pointen zustande, die sehr nah am Leben und zugleich an schwelgender Poesie sind. In Berges’ Roman klingt das an guten Stellen dann etwa so:</p>
<blockquote><p>Die Sicht war gut, bis zum Yachthafen. Aber vergeblich hielt Betti Ausschau nach dem Stade Nautique. Auf den Wendeltreppen, die sie hinabstieg, begann sie zu zweifeln, fing an auch Septembers Stadionbad f&#252;r eine Erfindung zu halten. Betti kannte es besser als das Emsbad, das verfickte Emsbad in Warendorf, und sie schrie ihre viel zu kleine Stimme in die Schlucht, bis sie wehtat.</p></blockquote>
<p>Trotz mancher hinrei&#223;ender Passage bleibt Berges Sprache jedoch h&#228;ufig mutlos – das bewusst Unangestrengte seiner Haltung produziert dann ungewollt Langeweile. So wird ein Gro&#223;teil der Handlung nur munter heruntergeplaudert und daneben noch mit arg &#252;berstrapazierten Metaphern drapiert („Die H&#228;user waren hoch an den steilen H&#228;ngen, die Stra&#223;en eng, und Betti lief eingekesselt wie ein Meerschweinchen“). Zeichnet sich der Roman durch einen melancholischen, aufs Detail gehenden Alltagston aus, kippt diese Authentizit&#228;t zu schnell ins Biedermeierliche – da wird dann aus heimlicher Anklage unweigerlich g&#228;hnende Affirmation. Dabei gelingt Berges an anderen Stellen es sehr gekonnt, jene „l&#228;cherlichen Tr&#228;nen“ der entt&#228;uschten Betti mit gro&#223;er Darstellungskunst in seiner Erz&#228;hlung aufzufangen – die „l&#228;cherlichen Tr&#228;nen“ jugendlicher Kleinstadtsorgen, die dem &#252;blichen gesellschaftlichen Panorama zu bedeutungslos scheinen.</p>
<p><small>Markus Berges: Ein langer Brief an September Nowak, <a  href="http://www.rowohlt.de/verlag/rowohlt-berlin" target="_blank">Rowohlt Berlin</a> 2010, 208 S., 18,95 €.</small></p>
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		<title>Nahaufnahme einer Paranoia</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Sep 2010 12:50:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Elena</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a  href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2010%2F09%2Fnahaufnahme-einer-paranoia%2F&#038;text=Nahaufnahme+einer+Paranoia&#038;lang=de&#038;count=horizontal" class="twitter-share-button">Tweet</a></div><p><strong>Inger-Maria Mahlkes Deb&#252;troman “Silberfischchen”</strong></p>
<p><a  href="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/Cover_Silberfischchen-2.jpg" class="thickbox no_icon" rel="gallery-4154" title="Cover_Silberfischchen"><img class="alignleft size-full wp-image-4159" title="Cover_Silberfischchen" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/Cover_Silberfischchen-2.jpg" alt="&quot;Silberfischen&quot; von Inger-Maria Mahlke - Cover" width="220" height="293" /></a>Als Inger-Maria Mahlke mit einem <a  title="Inger-Maria Mahlke &quot;Silberfischchen&quot; - Kapitel 3" href="http://www.crespo-foundation.de/fileadmin/upload/pdf/open_mike/17._open_mike_2009/Inger-Maria_Mahlke.pdf" target="_blank">Kapitel</a> aus ihrem Roman “Silberfischchen” den open mike 2009 gewann, da <a  title="open mike 2009 - goldmag.de" href="http://www.goldmag.de/2009/11/open-mike_inger-maria-mahlke/" target="_blank">m&#228;kelten</a> wir, allen voran ich, an ihrem Text etwas gelangweilt herum. Die Pressereferentin des Aufbau Verlags, in dem der Roman am 10. Juli 2010 <a  title="Inger-Maria Mahlke &quot;Silberfischchen&quot; - Aufbau Verlag" href="http://www.aufbauverlag.de/index.php4?page=28&#038;show=20570" target="_blank">erschien</a>, nimmt das sportlich. Noch vor dem offiziellen Auslieferungstermin schickt sie uns das Buch mit einer wirklich netten Karte in die Redaktion. Und ich habe “Silberfischchen” noch am gleichen Abend gelesen. Ganz. Wegen des Einstiegs.</p>
<blockquote><p>Eine lange Reihe abgasgeschw&#228;rzter H&#228;user, die sich in Pf&#252;tzen spiegelten, trocknete an der W&#228;scheleine in der K&#252;che, er stie&#223; sie im Vorbeigehen an. Es schneite, die Autos krochen, die wei&#223;en Hauben auf den M&#252;lltonnen waren noch unber&#252;hrt. Den Tee hatte er bereits in die Thermoskanne gef&#252;llt, ein Streufahrzeug bog um die Ecke. Der bleibt nicht liegen, dachte der alte Mann, pr&#252;fte nochmals, ob er den Verschluss fest genug zugedreht hatte, es wird wieder regnen, und die B&#252;rgersteige werden knirschen vom Streusand.</p></blockquote>
<p>Der alte Mann, dem man ins Hirn h&#246;rt und beim Hantieren zusieht, ist der Berliner Rentner Hermann Mildt. Sein Leben ist in Routine erstarrt. Jeden Tag geht er fotografieren, die Motive sind ihm egal. Die Fotos entwickelt er selbst, h&#228;ngt sie zum Trocknen in der K&#252;che auf. Mit den immer gleichen Handgriffen bereitet er seine Verpflegung f&#252;r die Ausfl&#252;ge vor: Eine Thermoskanne Tee. “Die Brote, zwei Mett, zwei Schmelzk&#228;se, hatte er in Wachspapier verpackt, sie geh&#246;rten in die L&#252;cke zwischen Kanne und Taschenwand.”<!--more--></p>
<p>Diese Routine (zer)st&#246;rt Jana Potulski. Sie wird, wie Hermann, ohne Fahrkarte im Zug von Berlin nach Frankfurt/Oder erwischt. Die 50-j&#228;hrige Polin, ohne Unterkunft, die Papiere geklaut, quartiert sich ungebeten und v&#246;llig selbstverst&#228;ndlich bei dem ehemaligen Polizeibeamten ein. “‘Haben Sie jemand? Sorgt jemand f&#252;r Sie? Macht sauber, essen, einkaufen, Pflanzen gie&#223;en, redet mit Ihnen?’ ‘Nein’, antwortete er und ‘ich habe keine Pflanzen.’ ‘Gut’, sie nickte zufrieden, ‘so machen wir das.’” F&#252;r Hermann nat&#252;rlich eine Zumutung. “‘Frau Potulski’, er presste die Lippen aufeinander, seine Mundwinkel zitterten, ‘Frau Potulski.’”</p>
<p>N&#252;chtern und zugleich mit feiner, sich nie von den Figuren distanzierender Ironie beschreibt Mahlke die Provokationen und Perversionen, die von Anfang an die dysfunktionale WG-Beziehung pr&#228;gen. Hermann durchsucht Janas Habseligkeiten und zieht die Grenzen seiner Toleranz eng und enger: “‘Es ist Ihnen verboten, die Schuber zu &#246;ffnen, Frau Potulski’”. Einmal durchbl&#228;ttert er vor ihren Augen einen Bildband, den er zum reduzierten Preis gekauft und bislang nicht angesehen hat. “Pommern &#8211; die unvergessene Heimat in 216 historischen Gro&#223;fotografien”. Und als sie sich w&#228;hrend eines Ausflugs zum Berliner Alexanderplatz selbst&#228;ndig macht und davonl&#228;uft, statt den Schnee von seiner Kameralinse fern zu halten, br&#252;llt er ihr hinterher: “Parasit”, “polnische Geschmei&#223;fliege”.</p>
<p>S&#228;uerlich riecht es nach Schwei&#223; in &#8220;Silberfischchen&#8221;. Frau Potulskis Br&#252;ste, die Hermann abends im Bad manchmal anfassen darf, sind &#8220;zwei riesige Schl&#228;uche, blau ge&#228;dert&#8221;. Ein mit dem Jacken&#228;rmel weggewischter Schleimtropfen gl&#228;nzt silbrig, auf der Teetasse schillert regenbogenfarben der Kalk. Der Detailreichtum saugt den Leser tief hinein in die muffige, enge, verwahrloste Welt von Hermann Mildt. Scharf konturiert ist sie durch die exakte Sprache, wie herangezoomt das paranoide Denken von Mahlkes Protagonisten. Irgendwann glaubt Hermann, dass Frau Potulski ihn vergiften wolle und sucht nach Beweisen f&#252;r seine Vermutung. Verben wie sp&#228;hen, mustern, hochschrecken oder zucken verwandeln noch die nebens&#228;chlichste Alltagst&#228;tigkeit in einen kriminalistisch bedeutsamen Vorgang. Hermann leidet offensichtlich unter einer ins Zwanghafte gesteigerten déformation professionelle. Fr&#252;h pensioniert wurde der ehemalige Kriminaler, weil er den Schlaganfalltod seiner Gattin nicht meldete. Er lie&#223; ihre Leiche im Garten liegen, um ihren Verwesungsprozess fotografieren zu k&#246;nnen. Als Jana die Bilder findet, verd&#228;chtigt sie ihn entsetzt des Mordes. Der Schuldige ist Hermann selbst.</p>
<p>Inga-Maria Mahlke konstruiert das Unheimliche an den R&#228;ndern einer durchschnittlichen Rentnerexistenz mit abgr&#252;ndiger Sachlichkeit. (Hier darf nat&#252;rlich der Hinweis nicht fehlen, dass die Autorin studierte Juristin ist und am <a  title="FU - Lehrstuhl f&#252;r Kriminologie" href="http://www.jura.fu-berlin.de/einrichtungen/we2/professoren/ls_hoffmannholland/mitarbeiter/hoffmann-holland_klaus/publikationen.html" target="_blank">Lehrstuhl f&#252;r Kriminologie</a> der Freien Universit&#228;t Berlin an Projekten etwa zum Beschwerdemanagement der Polizei mitgearbeitet hat.) Bedr&#252;ckend genau, ist die Sprache staubgrau klebriges Mimikry &#8211; die pr&#228;zise Zeichnung einer sich entwickelnden Paranoia. Wenn man dem Buch etwas vorwerfen kann, dann vielleicht, dass der Text mitunter ein wenig zu sehr wie ein Uhrwerk abschnurrt und irgendwann allzu selbst&#228;hnlich wird. Mahlke steuert in “Silberfischchen” zudem zwei dramaturgisch recht &#228;hnlich gebaute H&#246;hepunkte an, in denen Hermanns Zwangsvorstellungen (lebens)bedrohlich werden. Aber die wenigen S&#228;tze zu Beginn des Romans haben eine immense Schubkraft, die durch die gesamten 200 Seiten wirkt. Wie schon nach dem open mike lautet das Fazit: gut gemacht. Aber ganz und gar nicht langweilig.</p>
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		<title>Nehmen wir mal an, er existierte</title>
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		<pubDate>Sun, 12 Sep 2010 16:26:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolai Preuschoff</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Einladung an die Waghalsigen]]></category>
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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a  href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2010%2F09%2Fnehmen-wir-mal-an-er-existierte%2F&#038;text=Nehmen+wir+mal+an%2C+er+existierte&#038;lang=de&#038;count=horizontal" class="twitter-share-button">Tweet</a></div><p>Dorothee Elmigers erstes Buch schildert eine Welt nach dem Ende der Arbeit und die Suche nach einem Fluss, den es nie gab.</p>
<p><a  title="Elmiger Einladung" href="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/Elmiger-Waghalsigen.jpg" target="_blank" class="thickbox no_icon" rel="gallery-3941"><img class="alignleft size-full wp-image-3940" title="Elmiger - Einladung an die Waghalsigen" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/Elmiger-Waghalsigen.jpg" alt="" width="217" height="339" /></a>Die Kohleminen brennen. Unterirdisch, so dass der Schwefeldampf an Stellen aus der Erde hervorbricht. Von diesem Ph&#228;nomen hatte ich letztens tats&#228;chlich in der Zeitung gelesen. Es war irgendwo in den USA. Ganze Kleinst&#228;dte mussten dort wegen der giftigen Gase umgesiedelt werden.</p>
<p>In Dorothee Elmigers &#8220;Roman&#8221; wird die Welt bev&#246;lkert von &#8220;der Jugend&#8221;. &#8220;Die Jugend&#8221;, das sind zwei Schwestern, Margarethe und Fritzi. Beh&#252;tet und festgehalten von ihrem Vater, dem &#246;rtliche Sheriff. Unter ihnen brennt die Erde; mit der Ausbeutung der Bodensch&#228;tze ist es vorbei, an Arbeit nicht mehr zu denken. Soweit ein bekanntes Szenario: Zwei Adoleszente sitzen perspektivlos in einer verlassenen Kleinstadt fest. Wie schreibt Elmiger nun dar&#252;ber? Die Ich-Erz&#228;hlerin beginnt lakonisch, man k&#246;nnte auch sagen: flapsig:</p>
<blockquote><p>Meinerseits war ich oft allein mit B&#252;chern. Mir war nichts anzusehen.</p></blockquote>
<p>Kurze Abs&#228;tze, S&#228;tze, die halb aus dem Kontext gerissen sind, mittendrin anfangen, und dann unmittelbar enden. Etwas hochn&#228;sig kommt das r&#252;ber. Lakonie, Ironie, die man mutig finden kann, die einem gefallen muss, die man der Autorin aber auch abkauft, weil sie nicht aufgesetzt wirkt.</p>
<p>&#8220;Waghalsig&#8221; ist daran bei Lichte betrachtet nichts. <!--more-->Schlie&#223;lich ist auch das wieder nur so ein Griff zu einem ausgefallenen Wort, poetische Hochstapelei, wie sie im Buch zum Prinzip erhoben wird. Um ein Beispiel zu geben: Da ist davon die Rede, ab wann die Kohle des Reviers &#8220;eifrig […] abgebaut&#8221; worden sei, und dass &#8220;in den Sechzigerjahren […] die Sch&#228;chte aufgrund des Feuers geschlossen&#8221; wurden. Die Erz&#228;hlerin merkt daraufhin naseweis an:</p>
<blockquote><p>Aha aha ah.</p></blockquote>
<p>Das ist frech, nervig, aber gut. Formulierungen und Bedeutungen werden hier offenbar ausprobiert. Auch Fragen werden mal probehalber gestellt, Zitate eingebaut und dann so stehen gelassen &#8212; wenn sie gut klingen.</p>
<blockquote><p>In der Mitte des Sommers stand ich auf und trat nach drau&#223;en.</p></blockquote>
<p>Aha aha ah. Unmittelbar darauf hei&#223;t es geheimnisumwoben:</p>
<blockquote><p>Man hatte uns den Beruf der Mutter nie genannt.</p></blockquote>
<p>Was wenige Seiten sp&#228;ter in einem Lamento wiederholt und variiert wird, diesmal im Plural: &#8220;Man hat uns die Berufe unserer M&#252;tter nicht genannt.&#8221; Der Leser m&#246;chte nun einstimmen: &#8220;Ja, man hat uns die Berufe unserer M&#252;tter nie genannt!&#8221; Immer wieder also dominiert die poetische Form den Inhalt. Um es mal frei mit Elmiger sowie dem beigegebenen Klappentext-Zitat von Peter Weber  zu formulieren:</p>
<blockquote><p>Dorothee Elmiger wagt angeblich, so der Klappentext, &#8220;das  gr&#246;&#223;te Abenteuer&#8221;, n&#228;mlich &#8220;jenes der poetischen Weltverwandlung&#8221;, so  der Klappentext, &#8220;ein Wunderwerk der Intonation&#8221;, so der Klappentext.  (Vgl. S. 60 und den Klappentext)</p></blockquote>
<p>Elmigers Buch enth&#228;lt pseudodokumentarische Interview-Sequenzen, in denen z.B. ein Arbeiter schildert, was er so gemacht hat (&#8220;Ich sass &#252;ber dem Trichter und habe hinabgestarrt, den Kohlen nachgeblickt, acht Stunden am Tag, im Stauungsfall habe ich das F&#246;rderband gestoppt.&#8221;), S&#228;tze werden unterstrichen (und so dann auch vor den Augen des Lesers ein Text zusammengesetzt), es wird kartografiert (oder so getan) und geraunt von einem sagenumwobenen Fluss namens <em>Buenaventura</em>, von dem <a  href="http://de.wikipedia.org/wiki/Buenaventura_River" target="_blank">man wirklich einmal glaubte, dass er existierte</a>, und gewichtig wird von &#8220;Erkundungen&#8221; gesprochen, die eingeholt w&#252;rden. Aber tats&#228;chlich entpuppt sich ein Gro&#223;teil dieser Unternehmungen als ein Witz:</p>
<blockquote><p>Ich suchte auf den Landkarten Italiens, die ich in der Wohnung fand, nach einem Fluss Bonaventura [sic].</p></blockquote>
<p>Es passiert nicht viel in der <em>Einladung an die Waghalsigen</em>. Und genau das ist es wohl, worum es geht. &#8220;Die Jugend&#8221; tobt herum in einer Welt ohne Arbeit, die unbewohnbar geworden ist. &#220;berall giftige Gase. &#8220;Handeln&#8221;, wie es die Eltern noch taten, scheint aussichtslos und weitaus surrealer als die Suche nach einem imagin&#228;ren Fluss. Anstelle dessen wird improvisiert, auch mal recherchiert, werden Listen angelegt, werden Dinge aufgez&#228;hlt, wird vermeintlich Bedeutungsvolles zusammengetragen. Auch mal probehalber ein bi&#223;chen politisiert (&#8220;h&#228;tte ich ein Kind, ich riefe es Ohnesorg&#8221;).</p>
<p>Das Besondere an Elmigers <em>Einladung</em> ist &#8212; man ahnt es schon &#8212; weniger der Inhalt, sondern das Experimentelle, die Form, die selbst schon die Suche, die Ratlosigkeit und die Notwendigkeit des Improvisierens deutlich macht. Das hebt das Buch von den vielen mehr oder minder autobiografischen Aufarbeitungen von mehr oder minder traumatischen Provinzjugenden ab, wie sie an Literaturinstituten so h&#228;ufig entstehen. Nat&#252;rlich kann man hinter dem Text Elmigers Kindheit im schweizerischen Kanton Appenzell Innerrhoden vermuten. Aber bitte, bitte, man sollte es nicht. Daf&#252;r sind die Metaphern zu durchsichtig, die Titulierung der Schwestern als &#8220;die Jugend&#8221; zu ironisch und &#252;berhaupt alles zu offen, variierbar und verspielt.</p>
<p>Man sollte auch bitte in dieses &#8220;waghalsige&#8221; Experimentieren nicht zuviel hineininterpretieren. Z.B. nicht gleich wieder von &#8220;Postmoderne&#8221; sprechen, nur weil das Spielerische den Text strukturiert, und auch nicht auf vermeintlich komplexe Intertextuellen Bez&#252;ge hereinfallen und dahinter Politisches oder die Selbstvergewisserung einer neuen Generation vermuten, nur weil die Autorin, wie ihre Ich-Erz&#228;hlerin, in ein paar B&#252;chern gebl&#228;ttert und sich hier und da eine Anregung geholt hat. Denn was Elmiger gerade gelingt, ist ihre Montagen unpr&#228;tenti&#246;s und wie selbstverst&#228;ndlich wirken zu lassen, und eben nicht kunsthandwerklich oder artifiziell. Aha aha ah.</p>
<p>&#220;ber Dorothee Elmiger ist ferner bekannt, dass sie in an diversen Literaturinstituten studierte, dass sie jetzt in Berlin lebt und k&#252;rzlich nicht nur in Klagenfurt gelesen hat, sondern von dort auch den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis mitnehmen durfte.</p>
<p><small>Dorothee Elmiger: <em>Einladung an die Waghalsigen,</em> DuMont, K&#246;ln 2010, 144 Seiten, 16,95  €</small></p>
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		<title>Ransmayrs Reisen</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Jul 2010 03:08:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Elena</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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<p><a  href="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/atlas_wuestenfux_pixelio.jpg" class="thickbox no_icon" rel="gallery-3820" title="Atlas und die B&#252;cherwelt"><img class="size-full wp-image-3856   alignleft" title="Atlas und die B&#252;cherwelt" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/348144_R_B_by_wuestenfux_pixelio_kleinhochklein.jpg" alt="" width="126" height="221" /></a></p>
<p>Die Welt ist f&#252;r Christoph Ransmayr eine unendliche Anh&#228;ufung von Geschichten. Zwischen (Ant)Arktis und &#196;quator findet der &#246;sterreichische Autor den Stoff f&#252;r seine Prosaminiaturen, die er im “Atlas eines &#228;ngstlichen Mannes” gesammelt hat. “Bilder der Welt” nennt Ransmayr die Episoden, deren Reihenfolge immer neu zusammengesch&#252;ttelt werden kann. Mit einer Lesung aus dem noch unver&#246;ffentlichten Manuskript bestritt der 56-J&#228;hrige den Peter Szondi-Vortrag 2010 an der Freien Universit&#228;t Berlin. <!--more--></p>
<p>Jede der Geschichten im Atlas beginnt mit der Formel “Ich sah&#8230;”, die den radikal subjektiven Blick des Erz&#228;hlenden markiert. Einen einsamen Golfer am Nordpol stellt Ransmayr den Zuh&#246;rern in eineinhalb Stunden ebenso vor wie eine US-amerikanische Christensekte, die in New Mexico jeden Karfreitag eines ihrer Mitglieder kreuzigt – falls es den Cops nicht gelingt, sie davon abzuhalten. Ransmayrs Reisen f&#252;hren ihn an die Fl&#252;sse Indiens, zur Buckelwal-Beobachtung siebzig Seemeilen vor die Dominikanische Republik, zum Stierkampf nach Sevilla.</p>
<p>Unz&#228;hlige Episoden, beobachtend herausgetrennt aus dem Gewebe der Welt. Der Blick des Erz&#228;hlenden schweift ab. Authentisch und unmittelbar wirkt dadurch das Geschilderte. Verfolgt der Erz&#228;hler in Indien anfangs noch den Kampf zweier Hunde, wird er einen Moment sp&#228;ter vom Anglergl&#252;ck eines kleinen M&#228;dchens abgelenkt. Als er sich wieder den Tieren zuwenden will, sind sie verschwunden. Die F&#252;lle des Geschehens &#252;berfordert, der allm&#228;chtige Erz&#228;hler ist Vergangenheit.</p>
<p>Mit einer zweiten, gegenl&#228;ufigen Textbewegung schafft der Autor einen weiteren Abstand zum unmittelbaren Geschehen: Der als subjektiv inszenierte Blick wird durch Faktenrecherche und Fachtermini objektiviert. Wenn der Erz&#228;hler die rituelle indische Totenverbrennung beschreibt &#8211; das Aufplatzen der Ged&#228;rme, das Absprengen der Gliedma&#223;en &#8211; steigert sich der Text in einen Furor der Details, der das Gesehene im Nachhinein pr&#228;zisiert und &#252;berformt erscheinen l&#228;sst. Der Atlas wird so auch zum Lehrbuch.</p>
<p>Neben Beobachtung und Beschreibung tritt im “Atlas eines &#228;ngstlichen Mannes” auch die Bewertung. Ransmayr schildert einen Tauchgang nahe der dominikanischen Silver Bank. Die “wei&#223;en Wolkenf&#228;uste der Tropen” korrespondieren mit der “schneeigen Gischt”, der Erz&#228;hler wird zum epischen Heros, wenn er um sich “f&#252;nf schnorchelnde Schwimmer, meine Gef&#228;hrten” wei&#223;. Statt einer Schlacht hat der Held eine Begegnung mit ‘dem Anderen’ zu bestehen: Neben ihm taucht eine Walkuh zum Luftholen auf.</p>
<p>In den Augen des gigantischen S&#228;ugetiers, das dem auf der Wasseroberfl&#228;che treibenden Winzling mit einer kaum merklichen Bewegung ausweicht, meint die Autorfigur eine “tiefe Gleichg&#252;ltigkeit” zu erkennen. Sie vermittelt ihm das “Gef&#252;hl, ich m&#252;sste mich aufl&#246;sen”. Dem&#252;tig erkennt er, dass die Welt auch ohne ihn vollst&#228;ndig ist. Das Subjekt ist verzichtbar. So bricht bei Ransmayr das Zentrum zusammen, von dem das Erz&#228;hlen ausgeht &#8211; und paradoxerweise ist dem Interpretierenden die Welt genau in diesem Moment vollst&#228;ndig verf&#252;gbar. Es ist noch immer das Textsubjekt selbst, das seine Verzichtbarkeit behauptet. Eine souver&#228;ne Geste der Entmachtung.</p>
<p>Der Erz&#228;hler, &#252;berforderter Chronist und kosmische Randerscheinung, schultert seine unbew&#228;ltigbare Aufgabe wie der Titan Atlas das Gewicht der Welt. Vielleicht l&#228;dt er sich dabei manches Mal zu viel auf. Wer eine Corrida in Sevilla beschreibt, misst sich mit einem literarischen Vorg&#228;nger wie Hemingway. Ransmayr, um die originelle Perspektive auf einen kulturellen Topos bem&#252;ht, findet Erwartbares. Er konstruiert auch hier wieder eine Konfrontation zwischen Mensch und Tier, die er effektvoll auf dem H&#246;hepunkt abbricht: Der Stier, “unaufhaltsam”, rennt ein letztes Mal gegen den berittenen Rejoneador an, der die Lanze zum Todessto&#223; erhoben h&#228;lt.</p>
<p>Vor das Bild schiebt sich, fast penetrant, immer wieder die Erz&#228;hlerstimme. Sie imaginiert f&#252;r den Bullen ein “friedvolles Dasein auf den Weiden seiner Herkunft” und seziert die strenge, t&#228;nzerischen Regeln gehorchende Todesarbeit des Torero, bis f&#252;r die Vorstellungskraft des Zuh&#246;renden kaum mehr Raum ist. Alles ist ausbuchstabiert, die hermeneutische Arbeit wir dem Lesenden abgenommen.</p>
<p>Ber&#252;hrend hingegen ist die Prosaminiatur &#252;ber den Insassen einer Irrenanstalt in Griechenland, der vielleicht verr&#252;ckt, vielleicht aber auch ein Opfer der Milit&#228;rdiktatur ist, das die Junta im Hospital verschwinden lie&#223;. Der Mann schreit, wimmert, lallt in unverst&#228;ndlichen Lauten und verstummt in einem offenbar genau festgelegten Rhythmus, dessen Gestaltungsregeln dem Erz&#228;hler verborgen bleiben. Das befremdliche Ritual ist der kleine, komprimierte Rest Leben, den sich der Gefangene bewahrt.</p>
<p>&#220;bersetzt hat sich die Isolierung des Individuums auch in eine k&#246;rperliche Bewegung: Der Gefangene sitzt in einer kleinen Schatteninsel. Fast automatisch rutscht er dem Schatten nach, der Sonne ausweichend und ihr zugleich gehorchend wie der Zeiger einer Sonnenuhr. Immer n&#228;her r&#252;ckt er so an das Geb&#228;ude der Heilanstalt heran, bis sein Schattenfleck mit dem Dunkel um den Bau herum verschmilzt. Entsetzt hebt das verst&#246;rte Wesen zu schreien an, schreit unaufh&#246;rlich, bis zwei Pfleger es ins Geb&#228;udeinnere schleifen. Der Erz&#228;hler kann nur vermuten: Der Gefangene hat den eigenen Schatten verloren, “f&#252;hlte sich in Ewigkeit gefangen”. Dem zerscherbten Individuum mag nun “alles f&#252;r immer”, ausweglos erscheinen.</p>
<p>Hier findet Ransmayr eine Ebene, die das Erlebte zwischen Sehen und Verstehen in der Schwebe h&#228;lt. Der Verlust der Identit&#228;t wird in ein eindringliches Bild gebannt, vorsichtig und einf&#252;hlsam umkreist. Dieser Mensch ist nicht interpretierbar, seine radikal subjektive Geschichte will sich nicht mitteilen. Die Schilderung ist von staunenswerter Komplexit&#228;t, hallt lange nach. Abseits der g&#228;ngigen Reiseziele findet sich das Unerh&#246;rte, der unbekannte Text. Davon, so w&#252;nscht man sich, soll der ‘&#228;ngstliche Mann’ beherzt noch viel, viel mehr auflesen.</p>
<p><em>Bild: © wuestenfux / PIXELIO</em></p>
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		<title>»Ich«-Sagen als privilegierte Ausdrucksform</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Apr 2010 08:39:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Lüttge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<category><![CDATA[Anthologie]]></category>
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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a  href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2010%2F04%2Fich-sagen-als-privilegierte-ausdrucksform%2F&#038;text=%C2%BBIch%C2%AB-Sagen+als+privilegierte+Ausdrucksform&#038;lang=de&#038;count=horizontal" class="twitter-share-button">Tweet</a></div><p><strong>Eine Anthologie baut Br&#252;cken in die j&#252;ngere Vergangenheit</strong></p>
<p><a  href="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/Cover_Vernetzt.jpg" class="thickbox no_icon" rel="gallery-3580" title="Cover_Vernetzt"><img class="alignnone size-full wp-image-3584" title="Cover_Vernetzt" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/Cover_Vernetzt.jpg" alt="" width="160" height="231" /></a>Kinder, wie die Zeit vergeht! Neunzehnhundertneunundneunzig: Deutschland wird von Basta!-Kanzler Gerhard Schr&#246;der und den Gr&#252;nen regiert; in den USA legt sich langsam die Aufregung um einen Fleck auf Frau Lewinskys Kleid; die sp&#228;ter sogenannten »westlichen Werte« scheren sich einen Dreck um die Taliban, weil die Twin Towers noch stehen und Terrorismus &#252;berhaupt allerh&#246;chstens ein tschetschenisch-russisches Problem ist. Musik wird im Gesch&#228;ft gekauft oder illegal bei Napster runtergeladen, an WLAN und YouTube ist noch nicht zu denken, zu Google gibt es Alternativen. Erinnert sich jemand?<!--more--></p>
<p>Auch 1999 gr&#252;ndet Krystian Woznicki in Berlin das Mini-Feuilleton <a  href="http://berlinergazette.de" target="_blank">»Berliner Gazette«</a> und zeigt dabei einen sicheren Blick f&#252;r Zuk&#252;nftiges: Als andere Zeitungen gerade erst anfangen, &#252;ber eine eigenst&#228;ndige Internetpr&#228;senz nachzudenken, verzichtet die Gazette ganz auf Papier und erscheint ausschlie&#223;lich im Internet. Woznicki hat im letzten Jahr von der Chefredaktion des Blattes in den Vorstand des dahinterstehenden Vereines (»Berliner Gazette e.V.«) gewechselt. Zum Abschied gab er noch eine Anthologie heraus, die unter dem Titel <em>Vernetzt</em> Beitr&#228;ge aus zehn Jahren Gazettengeschichte versammelt. Die Texte sind kurze Ich-Erz&#228;hlungen, Antworten auf eine meist per E-Mail gestellte Frage (die den Lesern allerdings verborgen bleibt), und so unterschiedlich wie ihre Autoren. Graffitispr&#252;hende oder Counterstrikezockende Teenager, deren erstes Ausdrucksmedium offensichtlich nicht die geschriebene Sprache ist, berichten ebenso aus ihrem Lebensalltag wie Schriftsteller oder Professoren, die in der Schrift zu Hause sind. Immer um Aktualit&#228;t bem&#252;ht, tun die einzelnen Beitr&#228;ge kund von einer Zeit, in der Privatpersonen <a  href="http://www.youtube.com/watch?v=4X11JCrq1V0" target="_blank">mit Boris Becker das Internet entdeckten</a> und manchmal jemand vorbeikam, um seine E-Mails zu checken.</p>
<p>Diese Zeugenschaft ist zugleich St&#228;rke und Schw&#228;che des Bandes. Denn was vor zehn Jahren aktuell war, ist es heute nicht notwendig auch noch. Kann sein, dass die meisten Texte lustig sind. Vielleicht sind sie sogar gut. Dann jedenfalls, wenn man sie als Kolumnen in einer Zeitung liest, als flotte Gegenwartskritik (»Kapitalismus!« »Neoliberalismus!« »Egoismus!«) zwischen l&#228;ngeren Artikeln. Wenn aber 45 von ihnen gesammelt in einem Band auftauchen und weniger Momentaufnahmen aus dem Jetzt sind als Relikte einer Zeit, an die wir uns heute ein wenig sp&#246;ttisch erinnern, wirken sie schnell &#246;de. Doch wird man den Texten damit nicht gerecht. Sicherlich, einige sind f&#252;rchterlich schlecht geschrieben. Aber vielleicht ist das gerade Ausdruck der <a  href="http://www.buchmarkt.de/content/41393-axolotl-roadkill-helene-hegemann-und-ullstein-verlegerin-dr-siv-bublitz-antworten-auf-plagiatsvorwurf.htm">von Frau Hegemann postulierten Echtheit</a> (auch hier entpuppt sich die »Berliner Gazette« in gewisser Weise als vision&#228;r). Denn in allen Texten teilt sich ein Autor mit, <em>vernetzt</em> seine Lebenswelt mit denen seiner Leser, erkl&#228;rt sie ihnen ein bisschen. Wie steht man zu der Heimat, aus der man vor einem V&#246;lkermord geflohen ist (Hok Dany), welche Rolle spielt Nationalit&#228;t f&#252;r einen Jugendlichen, dessen Vater aus einer franz&#246;sischen Kolonie stammt (Paul Thérésin), oder, ganz banal: Wie sieht ein Philosoph die Welt (Jean-Luc Nancy)? Keine dieser Antworten wird direkt und abstrakt erteilt, vielmehr liegen sie unter den Texten und zeigen sich darin, wenn es um Kulturvereine, Rapmusik oder Aquariumsbesuche, kurz: ein St&#252;ck Alltag, geht.</p>
<p>Der j&#252;ngste Text ist vom Januar 2009. Langsam n&#228;hern sich Beitr&#228;ge also der Gegenwart, verlieren an zeitlicher Exotik, sind engmaschiger verkn&#252;pft mit dem Leben der Leser von heute. YouTube taucht doch noch auf, das Internet wird vom Spielplatz f&#252;r Technikabenteurer zum nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil des Alltags.</p>
<p>Am besten liest man Vernetzt vielleicht so wie einem die Texte in ihrer Erstver&#246;ffentlichung begegnet w&#228;ren – nicht am St&#252;ck, sondern immer mal wieder einen zwischendurch; nicht von vorn nach hinten, sondern ohne System. Und wenn man dann an einen schlechten ger&#228;t, darf man sich damit tr&#246;sten, dass er nur kurz und der n&#228;chste vermutlich wieder besser gelungen ist.</p>
<p><small>Krystian Woznicki (Hg.): Vernetzt, <a  href="http://www.verbrecherei.de" target="_blank">Verbrecher Verlag</a> 2009, 176 Seiten 14 €.</small></p>
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		<title>“Sein bisher pers&#246;nlichstes Werk”</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Feb 2010 18:29:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>goldmag</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Dietmar Dath]]></category>
		<category><![CDATA[rezension]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a  href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2010%2F02%2Fsein-bisher-persoenlichstes-werk%2F&#038;text=%E2%80%9CSein+bisher+pers%C3%B6nlichstes+Werk%E2%80%9D&#038;lang=de&#038;count=horizontal" class="twitter-share-button">Tweet</a></div><p><em>Ein Gastbeitrag von Jasper Nicolaisen</em></p>
<p><img class="alignleft" title="Dietmar Dath Sie schl&#228;ft" src="http://www.edition-phantasia.de/grafik/cover/9783937897363.jpg" alt="" width="195" height="294" />„<em>Sie schl&#228;ft</em> ist Dietmar Daths bisher pers&#246;nlichstes Werk“, schrieb der Rezensent. Das war gleich doppelt beh&#228;mmert; einmal so f&#252;r sich genommen als uns&#228;gliche Floskel und dann auch literaturdings, theoretisch. Es war schlie&#223;lich auch nach der Revolution am Ende der Geschichte nicht de rigeur, die Person des Autors in die Werkbetrachtung mit einzubeziehen. Im Gegenteil, heute weniger denn je. M&#252;de ironischer Realismus stand im Tausendjahresplan, immer von Bedeutung, nie von Konsequenz, razinkel, razunkel, razoing.</p>
<p>Aber da war der Dath ja immer ein unsicherer Kandidat gewesen. Hatte auf den letzten Metern der Geschichte noch rumgem&#246;hrt von wegen Marxismus und Heavy Metal, und dann, als die neu vereinten Sozial-Liberal-Christbaumgr&#252;nen die Revolution &#252;ber die B&#252;hne gebracht hatten, war&#8217;s ihm auch wieder nicht recht gewesen. Hatte sich sang- und klanglos abgesetzt,  in Alaska Milit&#228;reinrichtungen gekapert, sich genetisch zum Nasenb&#228;ren aufpimpen lassen und zwischen Orgien in Israel und Kunstgemache im Kammerflimmer-Land auf irgendwie alles geschimpft.</p>
<p>Und jetzt das neue Buch: &#220;berraschung, ganz anders. Der bekannte Dath-Sound, okay. Aber fast von Anfang an war es ein &#252;beraus komisches Buch, <!--more-->das sich z.B. &#252;ber die weltweit geachteten Kultur- und Medienschaffenden des Deutschland sehr lustig machte, indem es best&#228;ndig so tat, als k&#246;nnten sie gar nicht richtig deutsch oder &#252;berhaupt irgendwie sprechen (denken? handeln?). Ein &#228;lterer Kollege hatte dem Rezensenten gesteckt, das sei von einem gewissen Eckhard Henscheid inspiriert; dessen Figur des „Kerzenh&#228;ndlers Lattern“ spuke da „durch jeden geistverachtenden Wortschwall“, so der Kollege. Lustig w&#228;re es aber auch so gewesen, ohne den Henscheid-Background, nichts Elit&#228;res. Soweit also unbedenklich.</p>
<p>Nur, zweitens, und das wog schwerer, war dieser neue Dath auch eine waschechte Liebesgeschichte. Die Hauptfigur des kleinen Buches, ein  Deutscher indischer Herkunft namens Ramji Iwein, arbeitete, von lauter Schwulen und Lesben umgeben, in einem hochalternativen Filmdings, Museum, Online-Irgendwas, das aus undurchsichtigen Gr&#252;nden nie Geld hatte. Schon das schmeckte irgendwie konterrevolution&#228;r, fand der Rezensent, Dath schien ungeheuerlicherweise andeuten zu wollen, dass diese Randexistenzen im weltoffenen Herzen des alten Europa nicht vollkommen willkommen w&#228;ren. Aber es waren keine Skinheads oder ungen&#252;gend integrierte Zuwanderer, die sie verkloppten, sondern ganz normale Leute. Dass eine Kultureinrichtung kein Geld haben sollte, das war nat&#252;rlich angesichts der Vollverstaatlichung der Kulturbetriebe durch die  Gr&#246;&#223;te Koalition aller Zeiten (Gr&#246;KoZ) grotesk. Wieder mal eine dieser geistreichen dath&#8217;schen Schnurren, freute sich der Rezensent. Aber zur&#252;ck zur Liebesgeschichte, der h&#246;chst bedenklichen.</p>
<p>Dieser Ramji Iwein verliebt, nein, verknallt sich, verf&#228;llt, vergeht fast vor einer Frau, und es ist wie Oper, nur noch sch&#246;ner und schrecklicher. Das ganze Leben dieser beiden Menschen ist in Frage gestellt, es gibt Mann und Kind bei der Frau, es gibt gutes Herz bei Ramji, und doch k&#246;nnen sie nicht voneinander lassen. Der Rezensent bl&#228;tterte heimlich in den neusten „Empfehlungen f&#252;r ordnungsgem&#228;&#223; mittelm&#228;&#223;iges Kulturschaffen“ der Gr&#246;KoZ nach, ob so was in zeitgen&#246;ssischen B&#252;chern eigentlich erlaubt war. War es nat&#252;rlich nicht. Einfach die Liebe als etwas schildern, was einem ungefragt ins Leben knallt, alles vollkommen ergreift, ungewiss macht und neu. Und wo man  gar nicht wei&#223;, wohin jetzt und was das soll und ob man sich von dem alten Partner trennen soll oder nicht oder ewiges Dreieck und ob man eifers&#252;chtig sein soll. Man wei&#223; nur: Es geht nicht ohne einander, man muss die Rede erg&#228;nzen und per Hautkontakt in gro&#223;e Geheimnisse vordringen, die die Sprache sprengen und als Seufzen und s&#252;&#223;esten Unsinn zur&#252;ck lassen.</p>
<p>Der Rezensent kratzte sich am Kopf. Unverst&#228;ndlich. Zumal sich die Frau dann auch noch als diejenige entpuppte, die die ganze Romanwelt tr&#228;umte, inklusive sich selbst, denn wenn sie nicht vork&#228;me, w&#252;rde sie ja nicht wirklich alles tr&#228;umen. Klar. Logisch <em>Dathman</em>. &#196;u&#223;erst sehr gar nicht ging es dieses Mal um alles, worum es sonst bei Dath immer ging (Marx und die Welt, gro&#223;es Ganzes an und f&#252;r sich, Buffy), nur um Film ziemlich viel. Im Zusammenhang mit Frau/Liebe auch darum, warum und wof&#252;r man diese ganze Kunst eigentlich produziert. Auch darauf war die Antwort erwartbar unkorrekt, aus Liebe n&#228;mlich, so der Dath des Buches. Weil er aber schlie&#223;lich der Dath war und blieb, <em>le</em> Dath, <em>el</em> Datho, ging es dann doch noch ansatzweise um Hirnforschung, Tr&#228;umen, Bilder vs. Sprache, ein bisschen griechische und indische Mythologie, Kunst und Schaffensprozesse und die Natur der Realit&#228;t, also ziemlich niedrig geh&#228;ngt, vergleichsweise. Blieb auch mehr Zeit f&#252;r die durch und durch verbotene Liebesgeschichte, was dem Buch, fand der Rezensent heimlich, schrieb es aber nicht, eigentlich auch ganz gut tat.</p>
<p>Irgendwie hatte er den Eindruck, dass  es trotz oder wegen der Abwesenheit fast aller dath´scher Lieblingsthemen diesmal immer nur um Dath selbst ging. Der hatte in verschiedenen Kassibern &#252;ber das Pheromonnetz verlauten lassen, er habe eine schwierige Zeit hinter sich gebracht, beruflich und privat, und der Rezensent spekulierte versonnen, ob jemand Tolles vielleicht die Kunstgaben des Dath nicht hatte annehmen wollen, dass der sich so wunderzarte und brachiale Liebestrouble aus dem Herz rei&#223;en musste. Nur schreiben durfte man das nicht, wussten die Gr&#246;KoZ-Richtlinien, denn Autoren gab es ja gar nicht mehr, nur noch Texte. Zur gro&#223;en Freude des Rezensenten hatte sich aber der Dath, Tr&#228;umer der Tr&#228;umerin, selbst ins Buch geschrieben, als DER Dietmar Dath, alberner Besserwisser und Feuilletonhecht, ewig nervender Marxologe und Lakai finsterer Mogule. Und damit war der strenge Textbezug ja wieder vollrohr gegeben, fand der Rezensent, und schrieb frohgemut-verzottelt, dies sei Daths bisher pers&#246;nlichstes Werk.</p>
<p><small>Dietmar Dath: <em>„Sie schl&#228;ft“</em>, Edition Phantasia 2009, 256 Seiten, 20,&#8211; Euro</small></p>
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		<title>Taktvoll Vermischtes</title>
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		<pubDate>Sat, 23 Jan 2010 15:14:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hannes Bajohr</dc:creator>
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<p><img src="http://www.allitera.de/dbfiles/covergross/9783869060798.jpg" alt="Merten, Salinenland" width="160"/>Katrin Marie Mertens Gedichte soll man laut lesen. Die je sechs bis acht Zeilen in ihrem Deb&#252;tband »Salinenland«, mehr sind es meist nicht, stehen auf dem Papier wie die Meldungen unter »Vermischtes« in einer Lokalzeitung, jene lakonischen Marginalien, die Neuigkeiten zusammenfassen, denen nicht zugetraut wurde, genug f&#252;r eine ganze Spalte herzugeben. Es gibt keine Titel, stattdessen sind nur einzelne Satzteile in Kapit&#228;lchen hervorgehoben; sie dienen blo&#223; zur Orientierung und Identifizierung im Inhaltsverzeichnis. Man muss sie laut lesen, damit sich einem ihr Rhythmus erschlie&#223;t, der wichtiger ist als das Marginale ihres Inhalts. Die Musikalit&#228;t, die in diesen wenigen Zeilen liegt, ist bemerkenswert, und zweifellos steckt viel Arbeit in ihnen, die darauf aus gewesen sein muss, immer weiter zu reduzieren, immer mehr von dem abzuschaben, was vielleicht aus der Meldung eine Story und aus den wenigen Zeilen die vollen f&#252;nf Spalten der Seite drei gemacht h&#228;tte.<br />
<!--more--></p>
<blockquote><p><span style="font-variant:small-caps">Im Zimmer streun wir den Zimt aus</span><br />
und warten.<br />
So sa&#223;en wir abends und a&#223;en das D&#246;rrobst,<br />
M&#252;ttern z&#252;ndeten Kerzen an, br&#252;hten den Tee.<br />
So sitzen wir abends an Tischen vor Tassen<br />
und lauschen, denn immer wei&#223; einer die alten<br />
Geschichten, wir lauschen dem Knistern<br />
und streichen einander die H&#228;ute so glatt.</p></blockquote>
<p>Merten beherrscht Metrik und Rhythmus, l&#228;sst sich von ihnen aber nie ganz ihr Schreiben vorschreiben. Sie spielt mit den Erwartungen an das Versma&#223;, l&#228;sst eine Folge von locker traben Amphibrachen abrupt ins Straucheln kommen, vermeidet gegl&#252;ckte Reime zugunsten von verfehlten und bringt so eine eigent&#252;mliche Form der Abschweifung zustande, in der Syntax und Semantik sich voneinander verabschieden: W&#228;hrend der Takt der Sprache in eine Richtung fortl&#228;uft, erkundet der Inhalt des Textes seinen Gegenstand in einer anderen Geschwindigkeit. Wo dieses Verfahren gelingt, ist es erstaunlich, verwirrend und auf eine unaufdringliche Weise gro&#223;artig.</p>
<p>»Takt« hei&#223;t auch der dritte Teil des Bandes, aber dieses Bewusstsein der eigenen F&#228;higkeiten steht nicht im Mittelpunkt, so wie der Titel den Gegenstand der Zyklen nur andeutet und nicht vorschreibt. Die anderen vier Teile des Bandes hei&#223;en »Stadt«, »Schlaf«, »Raum« und »Wach«; diese &#220;bertitel sind nicht zwingend, und so wie der letzte als Adjektiv aus der Reihung von Substantiven ausbricht, so k&#246;nnten die Gedichte jedes Teiles gut in andere einbrechen. </p>
<blockquote><p>»Oder sei Katze, / die schleicht und sich leicht schmiegt, gleich / str&#228;ubt, schreite aufrecht und auf / deinen eigenen Linien, komm und geh / lautlos, verrate dich nicht.«
</p></blockquote>
<p>Was nicht hei&#223;en soll, dass egal sei, wovon die Texte handeln. Denn es geht genau um solche auseinanderstrebenden Bewegungen wie die von Inhalt und Form, es geht um Wahrnehmungsfallen, das Problem festzustellen, wo Objekte im Raum beginnen und die eigene Haut endet, um Hoffnungen auf »greifbare Stoffe« und »dass sich etwas f&#252;gt und sich festsetzt, / wie unter den N&#228;geln <span style="font-variant:small-caps">die Reste vom Tag</span>«. Das titelgebende »Salinenland« ist eine bezeichnende Metapher f&#252;r diesen Ort voller flackernder Eindr&#252;cke und schwer feststellbarer Dinge: In einer Saline wird Salz gewonnen, durch verdunsten oder verkochen von Sole; sie ist bereits ein &#220;bergang,  nicht mehr nur Salzwasser und noch nicht Salzkristall, ein reines Zwischenstadium: »<span style="font-variant:small-caps">Etwas bleibt offen am Ende</span>«.</p>
<blockquote><p>»Leise, du kennst / doch die Nachbarn und langsam, du wei&#223;t um das Schallen / in allen Etagen beim schnellen Betreten der Stufen«</p></blockquote>
<p>Mertens Texte haben etwas Klassisches in ihrer Zur&#252;ckhaltung, ihrer reinen Verdichtung und dem Verzicht auf  jene alten Spielereien, mit der die Vertreter der »Lyrik von jetzt« sich voneinander abzuheben versuchen. Sch&#246;n daran ist, dass das Ergebnis nicht konservativ sein muss – sondern einfach gekonnt. Merten verzichtet auf jeglichen revolution&#228;ren Gestus, eben, weil sie es sich leisten kann. Ihre taktvollen Marginalien sind ein &#252;beraus gelungenes Deb&#252;t.</p>
<p>(Ein Wort noch zur Ausgabe: Der Band erscheint in der Lyrikedition 2000, die von Heinz Ludwig Arnold gegr&#252;ndet wurde und schon &#252;ber 150 Titel zu verzeichnet hat. Besonders ist an dieser Reihe aber nicht allein die Auswahl der Autorinnen und Autoren, sondern auch das Erscheinungsmodell: Alle Ausgaben werden im Digitaldruckverfahren erstellt und auf Bestellung produziert – keine Ausgabe wird je vergriffen sein. Vielleicht ist das ein Modell, das zwischen den finanziellen N&#246;ten der Kleinverlage und der technischen Unzul&#228;nglichkeit von eBooks vermitteln k&#246;nnte.)<br />
<em><small><a  href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/287630/" target="_blank">Beitrag &#252;ber die Lyrikedition 2000 im Deutschlandfunk</a></small><br />
</em><br />
<small><a  href="http://katrin-marie-merten.de/" target="_blank">Katrin Marie Merten</a>: Salinenland. Gedichte, <a  href="http://www.allitera.de/books.php?action=profil&#038;pubhouse=Lyrikedition+2000" target="_blank">Lyrikedition 2000</a>, M&#252;nchen 2009, 80 S., 8,50 Euro.</small></p>
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		<title>Jahresr&#252;ckblick auf das Westberlin der sp&#228;ten 80er, geschrieben von einem &#214;sterreicher</title>
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		<pubDate>Thu, 31 Dec 2009 16:07:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolai Preuschoff</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Limbus]]></category>
		<category><![CDATA[rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Hermann]]></category>

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<blockquote><p><em>Dieses Buch schrieb ich im Bauch von Berlin, als die Stadt noch ein ummauertes, gefesseltes Tier war. Wenn man die Augen schloss, konnte man sein trauriges Knurren h&#246;ren. Wenn ich an meine Berliner Winter denke, umschlie&#223;t mich ein k&#246;rperloses Grau, in dem nichts leichter f&#228;llt als sich zu verlieren. Was ich schrieb, waren wohl Protokolle des Verlusts. […] Ich ver&#246;ffentliche meine tastenden Protokolle vom Nichtbegreifen des Tiers der Stadt mit gro&#223;er Versp&#228;tung, jetzt, wo das alte Westberlin als Chim&#228;re am Horizont verd&#228;mmert.<br />
</em></p></blockquote>
<p>Zu Beginn also diese doppelte Verlustbeschreibung: das (k&#246;rperlich empfundene) Verlorenheitsgef&#252;hl im deprimierenden Vorwende-Berlin zun&#228;chst, dann der Verlust der damals gekannten Stadt selbst, die solche Verlustgef&#252;hle auszul&#246;sen vermochte. In derartig melancholischer Konsequenz versammelt <em>Konstruktion einer Stadt</em> lose Eindr&#252;cke, Erinnerungen, Tr&#228;ume; und so sind die &#8220;Konstruktionen&#8221; dann auch eher zu verstehen: nicht als etwas Konkretes, Geplantes, Organisiertes, eher als Wolken, die sich um etwas legen. Die Eindr&#252;cke sind in altbew&#228;hrter Flaneur-Manier von der Peripherie, jenseits der Touristen-Pfade her geschrieben. Wohl deshalb fallen inhaltlich manches Mal &#8212; gerade dem Berliner Leser? &#8212; die Spree-Metropolen-Tr&#252;bsal-Klischees auf, bekannt &#8220;aus Filmen und Fotob&#228;nden&#8221;, wie es im Text selber hei&#223;t: die unz&#228;hligen Kr&#228;hen, das ewige Dunkel des Kanals, das ferne Kinderlachen und der &#8220;tiefgraue Wolkenhimmel&#8221;, der durch die Kriegsbrachen schneidende Wind, die vergessenen Alten vor ihren Fernsehern, die Enten, die kahlen B&#228;ume und Hochhaussilhouetten, nachts leuchtende Fenster, der &#8220;Wind in den Weiden und Pappeln&#8221;.</p>
<p>Aber, vieles von dem nimmt man dem inzwischen etablierten, hierzulande aber noch eher unbekannten Vorarlberger Autor ab (und will manches auf den Jugend-Text schieben). Das Bekannte mischt sich mit dem Unbekannten, Befremdlichen. Beeindruckend ist das Traum-St&#252;ck in der Mitte des Buches namens &#8220;Drau&#223;en&#8221;, das die Unzugeh&#246;rigkeit des Autors in der ihm fremden Stadt und so auch das Suchen und M&#228;andern des Textes aufzugreifen scheint. Es endet:</p>
<blockquote><p>Ist dort drau&#223;en? Ich bin einer von drau&#223;en, nicht wahr, sagt mir, bin ich einer von drau&#223;en, komme ich von drau&#223;en, sagt sagt sagt</p></blockquote>
<p>Und so schwankt auch Hermanns Stil best&#228;ndig suchend, experimentierend zwischen solch impulsiver Innerlichkeit und n&#252;chterner Au&#223;enbetrachtung. Die zahlreichen kurzen, sachlichen S&#228;tzen beginnen etwa: &#8220;Der Postbote stellt sein Rad ab…&#8221;, &#8220;Der Fischverk&#228;ufer kommt aus seinem Gesch&#228;ft…&#8221;, &#8220;Ein Alter stieg zu…&#8221;, &#8220;Das Schiff teilt jetzt den kleinen See…&#8221;, &#8220;Eine verschleierte Frau &#246;ffnet…&#8221;, &#8220;Ein dunkler Hund streckt…&#8221;, und so weiter. Andere S&#228;tze greifen dagegen munter in den Farbkasten der Adjektive: &#8220;die bunten Abendlichter mit den Bildern der eilig flatternden Wildenten&#8221;, &#8220;der pl&#228;tschernde Brunnen&#8221;, &#8220;im letzten, schon milchwei&#223;en Grau des Abendhimmels…&#8221; Die Unsicherheit, das Suchen und Schwanken zwischen Innen und &#8220;Drau&#223;en&#8221; wird so nicht retuschiert, sondern offen und mit Mut zu einer &#8212; f&#252;r Berlin mittlerweile v&#246;llig atypischen &#8212; Uncoolness ausgestellt. Das ist gut. Das ist lesenswert.</p>
<p>Abschlie&#223;end bleibt noch die Frage, die man sich beim Lesen immer wieder stellt: Ist das alles wirklich so von gestern? Verd&#228;mmert das alte Westberlin wirklich schon als Chim&#228;re? Oder ist Berlin &#8212; ein paar Orte im Zentrum mal abgezogen &#8212; nicht immer noch genau so? Eine deprimierende Insel? Auch was das alte Westberlin angeht, es ist, glaube ich, vielerorts immer noch da.</p>
<p><small>Wolfgang Hermann: <em>Konstruktion einer Stadt. Versuche</em>, Limbus Verlag 2009, 111 Seiten, 14,90 €.</small></p>
<p>(Kleiner Zusatz: F&#252;r den Titel verwendete der Limbus-Verlag, wie ich zuf&#228;llig entdeckte, ein <em>Flickr</em>-Foto. Es wirkt vielleicht etwas zu farbig, zu poliert f&#252;r Hermanns Texte. Lustig aber ist, dass man die Freude des Fotografen dar&#252;ber noch auf seiner Flickr-Seite <a  href="http://www.flickr.com/photos/sunside/4014359876/in/set-72157607292003664/" target="_blank">nachlesen</a> kann.)</p>
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