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	<title>goldmag.de &#187; Rezensionen</title>
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		<title>Ransmayrs Reisen</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Jul 2010 03:08:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Elena</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literaturbetrieb]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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<p><strong>Peter Szondi-Vortrag 2010 &#8211; Christoph Ransmayr schultert in „Atlas eines &#228;ngstlichen Mannes“ die Welt</strong></p>
<p><a href="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/atlas_wuestenfux_pixelio.jpg"><img class="size-full wp-image-3856   alignleft" title="Atlas und die B&#252;cherwelt" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/348144_R_B_by_wuestenfux_pixelio_kleinhochklein.jpg" alt="" width="126" height="221" /></a></p>
<p>Die Welt ist f&#252;r Christoph Ransmayr eine unendliche Anh&#228;ufung von Geschichten. Zwischen (Ant)Arktis und &#196;quator findet der &#246;sterreichische Autor den Stoff f&#252;r seine Prosaminiaturen, die er im “Atlas eines &#228;ngstlichen Mannes” gesammelt hat. “Bilder der Welt” nennt Ransmayr die Episoden, deren Reihenfolge immer neu zusammengesch&#252;ttelt werden kann. Mit einer Lesung aus dem noch unver&#246;ffentlichten Manuskript bestritt der 56-J&#228;hrige den Peter Szondi-Vortrag 2010 an der Freien Universit&#228;t Berlin. <!--more--></p>
<p>Jede der Geschichten im Atlas beginnt mit der Formel “Ich sah&#8230;”, die den radikal subjektiven Blick des Erz&#228;hlenden markiert. Einen einsamen Golfer am Nordpol stellt Ransmayr den Zuh&#246;rern in eineinhalb Stunden ebenso vor wie eine US-amerikanische Christensekte, die in New Mexico jeden Karfreitag eines ihrer Mitglieder kreuzigt – falls es den Cops nicht gelingt, sie davon abzuhalten. Ransmayrs Reisen f&#252;hren ihn an die Fl&#252;sse Indiens, zur Buckelwal-Beobachtung siebzig Seemeilen vor die Dominikanische Republik, zum Stierkampf nach Sevilla.</p>
<p>Unz&#228;hlige Episoden, beobachtend herausgetrennt aus dem Gewebe der Welt. Der Blick des Erz&#228;hlenden schweift ab. Authentisch und unmittelbar wirkt dadurch das Geschilderte. Verfolgt der Erz&#228;hler in Indien anfangs noch den Kampf zweier Hunde, wird er einen Moment sp&#228;ter vom Anglergl&#252;ck eines kleinen M&#228;dchens abgelenkt. Als er sich wieder den Tieren zuwenden will, sind sie verschwunden. Die F&#252;lle des Geschehens &#252;berfordert, der allm&#228;chtige Erz&#228;hler ist Vergangenheit.</p>
<p>Mit einer zweiten, gegenl&#228;ufigen Textbewegung schafft der Autor einen weiteren Abstand zum unmittelbaren Geschehen: Der als subjektiv inszenierte Blick wird durch Faktenrecherche und Fachtermini objektiviert. Wenn der Erz&#228;hler die rituelle indische Totenverbrennung beschreibt &#8211; das Aufplatzen der Ged&#228;rme, das Absprengen der Gliedma&#223;en &#8211; steigert sich der Text in einen Furor der Details, der das Gesehene im Nachhinein pr&#228;zisiert und &#252;berformt erscheinen l&#228;sst. Der Atlas wird so auch zum Lehrbuch.</p>
<p>Neben Beobachtung und Beschreibung tritt im “Atlas eines &#228;ngstlichen Mannes” auch die Bewertung. Ransmayr schildert einen Tauchgang nahe der dominikanischen Silver Bank. Die “wei&#223;en Wolkenf&#228;uste der Tropen” korrespondieren mit der “schneeigen Gischt”, der Erz&#228;hler wird zum epischen Heros, wenn er um sich “f&#252;nf schnorchelnde Schwimmer, meine Gef&#228;hrten” wei&#223;. Statt einer Schlacht hat der Held eine Begegnung mit ‘dem Anderen’ zu bestehen: Neben ihm taucht eine Walkuh zum Luftholen auf.</p>
<p>In den Augen des gigantischen S&#228;ugetiers, das dem auf der Wasseroberfl&#228;che treibenden Winzling mit einer kaum merklichen Bewegung ausweicht, meint die Autorfigur eine “tiefe Gleichg&#252;ltigkeit” zu erkennen. Sie vermittelt ihm das “Gef&#252;hl, ich m&#252;sste mich aufl&#246;sen”. Dem&#252;tig erkennt er, dass die Welt auch ohne ihn vollst&#228;ndig ist. Das Subjekt ist verzichtbar. So bricht bei Ransmayr das Zentrum zusammen, von dem das Erz&#228;hlen ausgeht &#8211; und paradoxerweise ist dem Interpretierenden die Welt genau in diesem Moment vollst&#228;ndig verf&#252;gbar. Es ist noch immer das Textsubjekt selbst, das seine Verzichtbarkeit behauptet. Eine souver&#228;ne Geste der Entmachtung.</p>
<p>Der Erz&#228;hler, &#252;berforderter Chronist und kosmische Randerscheinung, schultert seine unbew&#228;ltigbare Aufgabe wie der Titan Atlas das Gewicht der Welt. Vielleicht l&#228;dt er sich dabei manches Mal zu viel auf. Wer eine Corrida in Sevilla beschreibt, misst sich mit einem literarischen Vorg&#228;nger wie Hemingway. Ransmayr, um die originelle Perspektive auf einen kulturellen Topos bem&#252;ht, findet Erwartbares. Er konstruiert auch hier wieder eine Konfrontation zwischen Mensch und Tier, die er effektvoll auf dem H&#246;hepunkt abbricht: Der Stier, “unaufhaltsam”, rennt ein letztes Mal gegen den berittenen Rejoneador an, der die Lanze zum Todessto&#223; erhoben h&#228;lt.</p>
<p>Vor das Bild schiebt sich, fast penetrant, immer wieder die Erz&#228;hlerstimme. Sie imaginiert f&#252;r den Bullen ein “friedvolles Dasein auf den Weiden seiner Herkunft” und seziert die strenge, t&#228;nzerischen Regeln gehorchende Todesarbeit des Torero, bis f&#252;r die Vorstellungskraft des Zuh&#246;renden kaum mehr Raum ist. Alles ist ausbuchstabiert, die hermeneutische Arbeit wir dem Lesenden abgenommen.</p>
<p>Ber&#252;hrend hingegen ist die Prosaminiatur &#252;ber den Insassen einer Irrenanstalt in Griechenland, der vielleicht verr&#252;ckt, vielleicht aber auch ein Opfer der Milit&#228;rdiktatur ist, das die Junta im Hospital verschwinden lie&#223;. Der Mann schreit, wimmert, lallt in unverst&#228;ndlichen Lauten und verstummt in einem offenbar genau festgelegten Rhythmus, dessen Gestaltungsregeln dem Erz&#228;hler verborgen bleiben. Das befremdliche Ritual ist der kleine, komprimierte Rest Leben, den sich der Gefangene bewahrt.</p>
<p>&#220;bersetzt hat sich die Isolierung des Individuums auch in eine k&#246;rperliche Bewegung: Der Gefangene sitzt in einer kleinen Schatteninsel. Fast automatisch rutscht er dem Schatten nach, der Sonne ausweichend und ihr zugleich gehorchend wie der Zeiger einer Sonnenuhr. Immer n&#228;her r&#252;ckt er so an das Geb&#228;ude der Heilanstalt heran, bis sein Schattenfleck mit dem Dunkel um den Bau herum verschmilzt. Entsetzt hebt das verst&#246;rte Wesen zu schreien an, schreit unaufh&#246;rlich, bis zwei Pfleger es ins Geb&#228;udeinnere schleifen. Der Erz&#228;hler kann nur vermuten: Der Gefangene hat den eigenen Schatten verloren, “f&#252;hlte sich in Ewigkeit gefangen”. Dem zerscherbten Individuum mag nun “alles f&#252;r immer”, ausweglos erscheinen.</p>
<p>Hier findet Ransmayr eine Ebene, die das Erlebte zwischen Sehen und Verstehen in der Schwebe h&#228;lt. Der Verlust der Identit&#228;t wird in ein eindringliches Bild gebannt, vorsichtig und einf&#252;hlsam umkreist. Dieser Mensch ist nicht interpretierbar, seine radikal subjektive Geschichte will sich nicht mitteilen. Die Schilderung ist von staunenswerter Komplexit&#228;t, hallt lange nach. Abseits der g&#228;ngigen Reiseziele findet sich das Unerh&#246;rte, der unbekannte Text. Davon, so w&#252;nscht man sich, soll der ‘&#228;ngstliche Mann’ beherzt noch viel, viel mehr auflesen.</p>
<p><em>Bild: © wuestenfux / PIXELIO</em></p>
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		<title>»Ich«-Sagen als privilegierte Ausdrucksform</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Apr 2010 08:39:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Lüttge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[90er]]></category>
		<category><![CDATA[Anthologie]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Krystian Wocknicki]]></category>
		<category><![CDATA[Neunziger]]></category>
		<category><![CDATA[verbrecher verlag]]></category>
		<category><![CDATA[Vernetzt]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2010%2F04%2Fich-sagen-als-privilegierte-ausdrucksform%2F&amp;text=%C2%BBIch%C2%AB-Sagen+als+privilegierte+Ausdrucksform&amp;lang=de&amp;count=horizontal" style="" class="twitter-share-button">Tweet</a></div>
<p><strong>Eine Anthologie baut Br&#252;cken in die j&#252;ngere Vergangenheit</strong></p>
<p><a href="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/Cover_Vernetzt.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-3584" title="Cover_Vernetzt" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/Cover_Vernetzt.jpg" alt="" width="160" height="231" /></a>Kinder, wie die Zeit vergeht! Neunzehnhundertneunundneunzig: Deutschland wird von Basta!-Kanzler Gerhard Schr&#246;der und den Gr&#252;nen regiert; in den USA legt sich langsam die Aufregung um einen Fleck auf Frau Lewinskys Kleid; die sp&#228;ter sogenannten »westlichen Werte« scheren sich einen Dreck um die Taliban, weil die Twin Towers noch stehen und Terrorismus &#252;berhaupt allerh&#246;chstens ein tschetschenisch-russisches Problem ist. Musik wird im Gesch&#228;ft gekauft oder illegal bei Napster runtergeladen, an WLAN und YouTube ist noch nicht zu denken, zu Google gibt es Alternativen. Erinnert sich jemand?<!--more--></p>
<p>Auch 1999 gr&#252;ndet Krystian Woznicki in Berlin das Mini-Feuilleton <a href="http://berlinergazette.de" target="_blank">»Berliner Gazette«</a> und zeigt dabei einen sicheren Blick f&#252;r Zuk&#252;nftiges: Als andere Zeitungen gerade erst anfangen, &#252;ber eine eigenst&#228;ndige Internetpr&#228;senz nachzudenken, verzichtet die Gazette ganz auf Papier und erscheint ausschlie&#223;lich im Internet. Woznicki hat im letzten Jahr von der Chefredaktion des Blattes in den Vorstand des dahinterstehenden Vereines (»Berliner Gazette e.V.«) gewechselt. Zum Abschied gab er noch eine Anthologie heraus, die unter dem Titel <em>Vernetzt</em> Beitr&#228;ge aus zehn Jahren Gazettengeschichte versammelt. Die Texte sind kurze Ich-Erz&#228;hlungen, Antworten auf eine meist per E-Mail gestellte Frage (die den Lesern allerdings verborgen bleibt), und so unterschiedlich wie ihre Autoren. Graffitispr&#252;hende oder Counterstrikezockende Teenager, deren erstes Ausdrucksmedium offensichtlich nicht die geschriebene Sprache ist, berichten ebenso aus ihrem Lebensalltag wie Schriftsteller oder Professoren, die in der Schrift zu Hause sind. Immer um Aktualit&#228;t bem&#252;ht, tun die einzelnen Beitr&#228;ge kund von einer Zeit, in der Privatpersonen <a href="http://www.youtube.com/watch?v=4X11JCrq1V0" target="_blank">mit Boris Becker das Internet entdeckten</a> und manchmal jemand vorbeikam, um seine E-Mails zu checken.</p>
<p>Diese Zeugenschaft ist zugleich St&#228;rke und Schw&#228;che des Bandes. Denn was vor zehn Jahren aktuell war, ist es heute nicht notwendig auch noch. Kann sein, dass die meisten Texte lustig sind. Vielleicht sind sie sogar gut. Dann jedenfalls, wenn man sie als Kolumnen in einer Zeitung liest, als flotte Gegenwartskritik (»Kapitalismus!« »Neoliberalismus!« »Egoismus!«) zwischen l&#228;ngeren Artikeln. Wenn aber 45 von ihnen gesammelt in einem Band auftauchen und weniger Momentaufnahmen aus dem Jetzt sind als Relikte einer Zeit, an die wir uns heute ein wenig sp&#246;ttisch erinnern, wirken sie schnell &#246;de. Doch wird man den Texten damit nicht gerecht. Sicherlich, einige sind f&#252;rchterlich schlecht geschrieben. Aber vielleicht ist das gerade Ausdruck der <a href="http://www.buchmarkt.de/content/41393-axolotl-roadkill-helene-hegemann-und-ullstein-verlegerin-dr-siv-bublitz-antworten-auf-plagiatsvorwurf.htm">von Frau Hegemann postulierten Echtheit</a> (auch hier entpuppt sich die »Berliner Gazette« in gewisser Weise als vision&#228;r). Denn in allen Texten teilt sich ein Autor mit, <em>vernetzt</em> seine Lebenswelt mit denen seiner Leser, erkl&#228;rt sie ihnen ein bisschen. Wie steht man zu der Heimat, aus der man vor einem V&#246;lkermord geflohen ist (Hok Dany), welche Rolle spielt Nationalit&#228;t f&#252;r einen Jugendlichen, dessen Vater aus einer franz&#246;sischen Kolonie stammt (Paul Thérésin), oder, ganz banal: Wie sieht ein Philosoph die Welt (Jean-Luc Nancy)? Keine dieser Antworten wird direkt und abstrakt erteilt, vielmehr liegen sie unter den Texten und zeigen sich darin, wenn es um Kulturvereine, Rapmusik oder Aquariumsbesuche, kurz: ein St&#252;ck Alltag, geht.</p>
<p>Der j&#252;ngste Text ist vom Januar 2009. Langsam n&#228;hern sich Beitr&#228;ge also der Gegenwart, verlieren an zeitlicher Exotik, sind engmaschiger verkn&#252;pft mit dem Leben der Leser von heute. YouTube taucht doch noch auf, das Internet wird vom Spielplatz f&#252;r Technikabenteurer zum nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil des Alltags.</p>
<p>Am besten liest man Vernetzt vielleicht so wie einem die Texte in ihrer Erstver&#246;ffentlichung begegnet w&#228;ren – nicht am St&#252;ck, sondern immer mal wieder einen zwischendurch; nicht von vorn nach hinten, sondern ohne System. Und wenn man dann an einen schlechten ger&#228;t, darf man sich damit tr&#246;sten, dass er nur kurz und der n&#228;chste vermutlich wieder besser gelungen ist.</p>
<p><small>Krystian Woznicki (Hg.): Vernetzt, <a href="http://www.verbrecherei.de" target="_blank">Verbrecher Verlag</a> 2009, 176 Seiten 14 €.</small></p>
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		<title>&#8220;Sein bisher pers&#246;nlichstes Werk&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Feb 2010 19:29:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>goldmag</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2010%2F02%2Fsein-bisher-persoenlichstes-werk%2F&amp;text=%22Sein+bisher+pers%C3%B6nlichstes+Werk%22&amp;lang=de&amp;count=horizontal" style="" class="twitter-share-button">Tweet</a></div>
<p><em>Ein Gastbeitrag von Jasper Nicolaisen</em></p>
<p><img class="alignleft" title="Dietmar Dath Sie schl&#228;ft" src="http://www.edition-phantasia.de/grafik/cover/9783937897363.jpg" alt="" width="195" height="294" />„<em>Sie schl&#228;ft</em> ist Dietmar Daths bisher pers&#246;nlichstes Werk“, schrieb der Rezensent. Das war gleich doppelt beh&#228;mmert; einmal so f&#252;r sich genommen als uns&#228;gliche Floskel und dann auch literaturdings, theoretisch. Es war schlie&#223;lich auch nach der Revolution am Ende der Geschichte nicht de rigeur, die Person des Autors in die Werkbetrachtung mit einzubeziehen. Im Gegenteil, heute weniger denn je. M&#252;de ironischer Realismus stand im Tausendjahresplan, immer von Bedeutung, nie von Konsequenz, razinkel, razunkel, razoing.</p>
<p>Aber da war der Dath ja immer ein unsicherer Kandidat gewesen. Hatte auf den letzten Metern der Geschichte noch rumgem&#246;hrt von wegen Marxismus und Heavy Metal, und dann, als die neu vereinten Sozial-Liberal-Christbaumgr&#252;nen die Revolution &#252;ber die B&#252;hne gebracht hatten, war&#8217;s ihm auch wieder nicht recht gewesen. Hatte sich sang- und klanglos abgesetzt,  in Alaska Milit&#228;reinrichtungen gekapert, sich genetisch zum Nasenb&#228;ren aufpimpen lassen und zwischen Orgien in Israel und Kunstgemache im Kammerflimmer-Land auf irgendwie alles geschimpft.</p>
<p>Und jetzt das neue Buch: &#220;berraschung, ganz anders. Der bekannte Dath-Sound, okay. Aber fast von Anfang an war es ein &#252;beraus komisches Buch, <!--more-->das sich z.B. &#252;ber die weltweit geachteten Kultur- und Medienschaffenden des Deutschland sehr lustig machte, indem es best&#228;ndig so tat, als k&#246;nnten sie gar nicht richtig deutsch oder &#252;berhaupt irgendwie sprechen (denken? handeln?). Ein &#228;lterer Kollege hatte dem Rezensenten gesteckt, das sei von einem gewissen Eckhard Henscheid inspiriert; dessen Figur des „Kerzenh&#228;ndlers Lattern“ spuke da „durch jeden geistverachtenden Wortschwall“, so der Kollege. Lustig w&#228;re es aber auch so gewesen, ohne den Henscheid-Background, nichts Elit&#228;res. Soweit also unbedenklich.</p>
<p>Nur, zweitens, und das wog schwerer, war dieser neue Dath auch eine waschechte Liebesgeschichte. Die Hauptfigur des kleinen Buches, ein  Deutscher indischer Herkunft namens Ramji Iwein, arbeitete, von lauter Schwulen und Lesben umgeben, in einem hochalternativen Filmdings, Museum, Online-Irgendwas, das aus undurchsichtigen Gr&#252;nden nie Geld hatte. Schon das schmeckte irgendwie konterrevolution&#228;r, fand der Rezensent, Dath schien ungeheuerlicherweise andeuten zu wollen, dass diese Randexistenzen im weltoffenen Herzen des alten Europa nicht vollkommen willkommen w&#228;ren. Aber es waren keine Skinheads oder ungen&#252;gend integrierte Zuwanderer, die sie verkloppten, sondern ganz normale Leute. Dass eine Kultureinrichtung kein Geld haben sollte, das war nat&#252;rlich angesichts der Vollverstaatlichung der Kulturbetriebe durch die  Gr&#246;&#223;te Koalition aller Zeiten (Gr&#246;KoZ) grotesk. Wieder mal eine dieser geistreichen dath&#8217;schen Schnurren, freute sich der Rezensent. Aber zur&#252;ck zur Liebesgeschichte, der h&#246;chst bedenklichen.</p>
<p>Dieser Ramji Iwein verliebt, nein, verknallt sich, verf&#228;llt, vergeht fast vor einer Frau, und es ist wie Oper, nur noch sch&#246;ner und schrecklicher. Das ganze Leben dieser beiden Menschen ist in Frage gestellt, es gibt Mann und Kind bei der Frau, es gibt gutes Herz bei Ramji, und doch k&#246;nnen sie nicht voneinander lassen. Der Rezensent bl&#228;tterte heimlich in den neusten „Empfehlungen f&#252;r ordnungsgem&#228;&#223; mittelm&#228;&#223;iges Kulturschaffen“ der Gr&#246;KoZ nach, ob so was in zeitgen&#246;ssischen B&#252;chern eigentlich erlaubt war. War es nat&#252;rlich nicht. Einfach die Liebe als etwas schildern, was einem ungefragt ins Leben knallt, alles vollkommen ergreift, ungewiss macht und neu. Und wo man  gar nicht wei&#223;, wohin jetzt und was das soll und ob man sich von dem alten Partner trennen soll oder nicht oder ewiges Dreieck und ob man eifers&#252;chtig sein soll. Man wei&#223; nur: Es geht nicht ohne einander, man muss die Rede erg&#228;nzen und per Hautkontakt in gro&#223;e Geheimnisse vordringen, die die Sprache sprengen und als Seufzen und s&#252;&#223;esten Unsinn zur&#252;ck lassen.</p>
<p>Der Rezensent kratzte sich am Kopf. Unverst&#228;ndlich. Zumal sich die Frau dann auch noch als diejenige entpuppte, die die ganze Romanwelt tr&#228;umte, inklusive sich selbst, denn wenn sie nicht vork&#228;me, w&#252;rde sie ja nicht wirklich alles tr&#228;umen. Klar. Logisch <em>Dathman</em>. &#196;u&#223;erst sehr gar nicht ging es dieses Mal um alles, worum es sonst bei Dath immer ging (Marx und die Welt, gro&#223;es Ganzes an und f&#252;r sich, Buffy), nur um Film ziemlich viel. Im Zusammenhang mit Frau/Liebe auch darum, warum und wof&#252;r man diese ganze Kunst eigentlich produziert. Auch darauf war die Antwort erwartbar unkorrekt, aus Liebe n&#228;mlich, so der Dath des Buches. Weil er aber schlie&#223;lich der Dath war und blieb, <em>le</em> Dath, <em>el</em> Datho, ging es dann doch noch ansatzweise um Hirnforschung, Tr&#228;umen, Bilder vs. Sprache, ein bisschen griechische und indische Mythologie, Kunst und Schaffensprozesse und die Natur der Realit&#228;t, also ziemlich niedrig geh&#228;ngt, vergleichsweise. Blieb auch mehr Zeit f&#252;r die durch und durch verbotene Liebesgeschichte, was dem Buch, fand der Rezensent heimlich, schrieb es aber nicht, eigentlich auch ganz gut tat.</p>
<p>Irgendwie hatte er den Eindruck, dass  es trotz oder wegen der Abwesenheit fast aller dath´scher Lieblingsthemen diesmal immer nur um Dath selbst ging. Der hatte in verschiedenen Kassibern &#252;ber das Pheromonnetz verlauten lassen, er habe eine schwierige Zeit hinter sich gebracht, beruflich und privat, und der Rezensent spekulierte versonnen, ob jemand Tolles vielleicht die Kunstgaben des Dath nicht hatte annehmen wollen, dass der sich so wunderzarte und brachiale Liebestrouble aus dem Herz rei&#223;en musste. Nur schreiben durfte man das nicht, wussten die Gr&#246;KoZ-Richtlinien, denn Autoren gab es ja gar nicht mehr, nur noch Texte. Zur gro&#223;en Freude des Rezensenten hatte sich aber der Dath, Tr&#228;umer der Tr&#228;umerin, selbst ins Buch geschrieben, als DER Dietmar Dath, alberner Besserwisser und Feuilletonhecht, ewig nervender Marxologe und Lakai finsterer Mogule. Und damit war der strenge Textbezug ja wieder vollrohr gegeben, fand der Rezensent, und schrieb frohgemut-verzottelt, dies sei Daths bisher pers&#246;nlichstes Werk.</p>
<p><small>Dietmar Dath: <em>„Sie schl&#228;ft“</em>, Edition Phantasia 2009, 256 Seiten, 20,&#8211; Euro</small></p>
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		<title>Taktvoll Vermischtes</title>
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		<pubDate>Sat, 23 Jan 2010 16:14:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hannes Bajohr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2010%2F01%2Ftaktvoll-vermischtes%2F&amp;text=Taktvoll+Vermischtes&amp;lang=de&amp;count=horizontal" style="" class="twitter-share-button">Tweet</a></div>
<p>Katrin Marie Mertens Gedichtband <em>Salinenland</em> versammelt gekonnt Klassisches.</p>
<p><img src="http://www.allitera.de/dbfiles/covergross/9783869060798.jpg" alt="Merten, Salinenland" width="160"/>Katrin Marie Mertens Gedichte soll man laut lesen. Die je sechs bis acht Zeilen in ihrem Deb&#252;tband »Salinenland«, mehr sind es meist nicht, stehen auf dem Papier wie die Meldungen unter »Vermischtes« in einer Lokalzeitung, jene lakonischen Marginalien, die Neuigkeiten zusammenfassen, denen nicht zugetraut wurde, genug f&#252;r eine ganze Spalte herzugeben. Es gibt keine Titel, stattdessen sind nur einzelne Satzteile in Kapit&#228;lchen hervorgehoben; sie dienen blo&#223; zur Orientierung und Identifizierung im Inhaltsverzeichnis. Man muss sie laut lesen, damit sich einem ihr Rhythmus erschlie&#223;t, der wichtiger ist als das Marginale ihres Inhalts. Die Musikalit&#228;t, die in diesen wenigen Zeilen liegt, ist bemerkenswert, und zweifellos steckt viel Arbeit in ihnen, die darauf aus gewesen sein muss, immer weiter zu reduzieren, immer mehr von dem abzuschaben, was vielleicht aus der Meldung eine Story und aus den wenigen Zeilen die vollen f&#252;nf Spalten der Seite drei gemacht h&#228;tte.<br />
<!--more--></p>
<blockquote><p><span style="font-variant:small-caps">Im Zimmer streun wir den Zimt aus</span><br />
und warten.<br />
So sa&#223;en wir abends und a&#223;en das D&#246;rrobst,<br />
M&#252;ttern z&#252;ndeten Kerzen an, br&#252;hten den Tee.<br />
So sitzen wir abends an Tischen vor Tassen<br />
und lauschen, denn immer wei&#223; einer die alten<br />
Geschichten, wir lauschen dem Knistern<br />
und streichen einander die H&#228;ute so glatt.</p></blockquote>
<p>Merten beherrscht Metrik und Rhythmus, l&#228;sst sich von ihnen aber nie ganz ihr Schreiben vorschreiben. Sie spielt mit den Erwartungen an das Versma&#223;, l&#228;sst eine Folge von locker traben Amphibrachen abrupt ins Straucheln kommen, vermeidet gegl&#252;ckte Reime zugunsten von verfehlten und bringt so eine eigent&#252;mliche Form der Abschweifung zustande, in der Syntax und Semantik sich voneinander verabschieden: W&#228;hrend der Takt der Sprache in eine Richtung fortl&#228;uft, erkundet der Inhalt des Textes seinen Gegenstand in einer anderen Geschwindigkeit. Wo dieses Verfahren gelingt, ist es erstaunlich, verwirrend und auf eine unaufdringliche Weise gro&#223;artig.</p>
<p>»Takt« hei&#223;t auch der dritte Teil des Bandes, aber dieses Bewusstsein der eigenen F&#228;higkeiten steht nicht im Mittelpunkt, so wie der Titel den Gegenstand der Zyklen nur andeutet und nicht vorschreibt. Die anderen vier Teile des Bandes hei&#223;en »Stadt«, »Schlaf«, »Raum« und »Wach«; diese &#220;bertitel sind nicht zwingend, und so wie der letzte als Adjektiv aus der Reihung von Substantiven ausbricht, so k&#246;nnten die Gedichte jedes Teiles gut in andere einbrechen. </p>
<blockquote><p>»Oder sei Katze, / die schleicht und sich leicht schmiegt, gleich / str&#228;ubt, schreite aufrecht und auf / deinen eigenen Linien, komm und geh / lautlos, verrate dich nicht.«
</p></blockquote>
<p>Was nicht hei&#223;en soll, dass egal sei, wovon die Texte handeln. Denn es geht genau um solche auseinanderstrebenden Bewegungen wie die von Inhalt und Form, es geht um Wahrnehmungsfallen, das Problem festzustellen, wo Objekte im Raum beginnen und die eigene Haut endet, um Hoffnungen auf »greifbare Stoffe« und »dass sich etwas f&#252;gt und sich festsetzt, / wie unter den N&#228;geln <span style="font-variant:small-caps">die Reste vom Tag</span>«. Das titelgebende »Salinenland« ist eine bezeichnende Metapher f&#252;r diesen Ort voller flackernder Eindr&#252;cke und schwer feststellbarer Dinge: In einer Saline wird Salz gewonnen, durch verdunsten oder verkochen von Sole; sie ist bereits ein &#220;bergang,  nicht mehr nur Salzwasser und noch nicht Salzkristall, ein reines Zwischenstadium: »<span style="font-variant:small-caps">Etwas bleibt offen am Ende</span>«.</p>
<blockquote><p>»Leise, du kennst / doch die Nachbarn und langsam, du wei&#223;t um das Schallen / in allen Etagen beim schnellen Betreten der Stufen«</p></blockquote>
<p>Mertens Texte haben etwas Klassisches in ihrer Zur&#252;ckhaltung, ihrer reinen Verdichtung und dem Verzicht auf  jene alten Spielereien, mit der die Vertreter der »Lyrik von jetzt« sich voneinander abzuheben versuchen. Sch&#246;n daran ist, dass das Ergebnis nicht konservativ sein muss – sondern einfach gekonnt. Merten verzichtet auf jeglichen revolution&#228;ren Gestus, eben, weil sie es sich leisten kann. Ihre taktvollen Marginalien sind ein &#252;beraus gelungenes Deb&#252;t.</p>
<p>(Ein Wort noch zur Ausgabe: Der Band erscheint in der Lyrikedition 2000, die von Heinz Ludwig Arnold gegr&#252;ndet wurde und schon &#252;ber 150 Titel zu verzeichnet hat. Besonders ist an dieser Reihe aber nicht allein die Auswahl der Autorinnen und Autoren, sondern auch das Erscheinungsmodell: Alle Ausgaben werden im Digitaldruckverfahren erstellt und auf Bestellung produziert – keine Ausgabe wird je vergriffen sein. Vielleicht ist das ein Modell, das zwischen den finanziellen N&#246;ten der Kleinverlage und der technischen Unzul&#228;nglichkeit von eBooks vermitteln k&#246;nnte.)<br />
<em><small><a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/287630/" target="_blank">Beitrag &#252;ber die Lyrikedition 2000 im Deutschlandfunk</a></small><br />
</em><br />
<small><a href="http://katrin-marie-merten.de/" target="_blank">Katrin Marie Merten</a>: Salinenland. Gedichte, <a href="http://www.allitera.de/books.php?action=profil&#038;pubhouse=Lyrikedition+2000" target="_blank">Lyrikedition 2000</a>, M&#252;nchen 2009, 80 S., 8,50 Euro.</small></p>
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		<title>Jahresr&#252;ckblick auf das Westberlin der sp&#228;ten 80er, geschrieben von einem &#214;sterreicher</title>
		<link>http://www.goldmag.de/2009/12/jahresrueckblick-auf-das-westberlin-der-spaeten-80er-geschrieben-von-einem-oesterreicher/</link>
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		<pubDate>Thu, 31 Dec 2009 16:07:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolai Preuschoff</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2009%2F12%2Fjahresrueckblick-auf-das-westberlin-der-spaeten-80er-geschrieben-von-einem-oesterreicher%2F&amp;text=Jahresr%C3%BCckblick+auf+das+Westberlin+der+sp%C3%A4ten+80er%2C+geschrieben+von+einem+%C3%96sterreicher&amp;lang=de&amp;count=horizontal" style="" class="twitter-share-button">Tweet</a></div>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-2984" title="hermann-konstruktioneinerstadt" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/hermann-konstruktioneinerstadt.jpg" alt="hermann-konstruktioneinerstadt" width="174" height="289" />Das Material, das Wolfgang Hermann in seinem d&#252;nnen Prosaband vor dem Leser ausbreitet, ist, glaubt man der kursivgesetzte Vorrede, bereits in den sp&#228;ten Achtzigern, im alten Westberlin entstanden. Heute, gut zwanzig Jahre und einen Staatspreis f&#252;r Literatur sp&#228;ter, gibt der Autor seine fr&#252;hen literarischen &#8220;Versuche&#8221; (so der Untertitel) nun im kleinen &#246;sterreichischen <a href="http://limbusverlag.at/" target="_blank">Limbus-Verlag</a> heraus. Willkommener Anlass d&#252;rfte der kaum j&#252;ngere Jahrestag des Mauerfalls gewesen sein. Den unterschiedlichen Texten nimmt man ihr fr&#252;hes Entstehungsdatum durchaus ab. Die lose in Kapiteln geordneten Prosaminiaturen, -fragmente, dazu ein &#8220;Gedicht&#8221; und ein abschlie&#223;ender &#8220;Brief aus einer Winterstadt&#8221;, bilden keineswegs eine formale Einheit. Was damals schlicht unfertig liegen geblieben sein mag, wird nun Programm: Der Stadt kann man nicht habhaft werden, sie nicht begreifen, deshalb m&#252;ssen wir uns mit Ann&#228;herungen und Fragmenten begn&#252;gen. Getragen werden sie von einer verbindenden, melancholischen Stimmung. Einer, m&#246;chte man fast sagen, typischen Achtzigerjahre-Innerlichkeit. Mal &#252;berzeugt sie und mal ger&#228;t sie etwas &#252;berzeichnet. Man muss sich wohl &#8212; gerade als Berliner! &#8212; auf diese subjektiv-melancholischen Bilder und das mitunter surrealistische Pathos einlassen <!--more-->(und manche emphatische &#220;berzeichnung &#252;berlesen), will man mit das Buch mit Gewinn lesen.</p>
<blockquote><p><em>Dieses Buch schrieb ich im Bauch von Berlin, als die Stadt noch ein ummauertes, gefesseltes Tier war. Wenn man die Augen schloss, konnte man sein trauriges Knurren h&#246;ren. Wenn ich an meine Berliner Winter denke, umschlie&#223;t mich ein k&#246;rperloses Grau, in dem nichts leichter f&#228;llt als sich zu verlieren. Was ich schrieb, waren wohl Protokolle des Verlusts. […] Ich ver&#246;ffentliche meine tastenden Protokolle vom Nichtbegreifen des Tiers der Stadt mit gro&#223;er Versp&#228;tung, jetzt, wo das alte Westberlin als Chim&#228;re am Horizont verd&#228;mmert.<br />
</em></p></blockquote>
<p>Zu Beginn also diese doppelte Verlustbeschreibung: das (k&#246;rperlich empfundene) Verlorenheitsgef&#252;hl im deprimierenden Vorwende-Berlin zun&#228;chst, dann der Verlust der damals gekannten Stadt selbst, die solche Verlustgef&#252;hle auszul&#246;sen vermochte. In derartig melancholischer Konsequenz versammelt <em>Konstruktion einer Stadt</em> lose Eindr&#252;cke, Erinnerungen, Tr&#228;ume; und so sind die &#8220;Konstruktionen&#8221; dann auch eher zu verstehen: nicht als etwas Konkretes, Geplantes, Organisiertes, eher als Wolken, die sich um etwas legen. Die Eindr&#252;cke sind in altbew&#228;hrter Flaneur-Manier von der Peripherie, jenseits der Touristen-Pfade her geschrieben. Wohl deshalb fallen inhaltlich manches Mal &#8212; gerade dem Berliner Leser? &#8212; die Spree-Metropolen-Tr&#252;bsal-Klischees auf, bekannt &#8220;aus Filmen und Fotob&#228;nden&#8221;, wie es im Text selber hei&#223;t: die unz&#228;hligen Kr&#228;hen, das ewige Dunkel des Kanals, das ferne Kinderlachen und der &#8220;tiefgraue Wolkenhimmel&#8221;, der durch die Kriegsbrachen schneidende Wind, die vergessenen Alten vor ihren Fernsehern, die Enten, die kahlen B&#228;ume und Hochhaussilhouetten, nachts leuchtende Fenster, der &#8220;Wind in den Weiden und Pappeln&#8221;.</p>
<p>Aber, vieles von dem nimmt man dem inzwischen etablierten, hierzulande aber noch eher unbekannten Vorarlberger Autor ab (und will manches auf den Jugend-Text schieben). Das Bekannte mischt sich mit dem Unbekannten, Befremdlichen. Beeindruckend ist das Traum-St&#252;ck in der Mitte des Buches namens &#8220;Drau&#223;en&#8221;, das die Unzugeh&#246;rigkeit des Autors in der ihm fremden Stadt und so auch das Suchen und M&#228;andern des Textes aufzugreifen scheint. Es endet:</p>
<blockquote><p>Ist dort drau&#223;en? Ich bin einer von drau&#223;en, nicht wahr, sagt mir, bin ich einer von drau&#223;en, komme ich von drau&#223;en, sagt sagt sagt</p></blockquote>
<p>Und so schwankt auch Hermanns Stil best&#228;ndig suchend, experimentierend zwischen solch impulsiver Innerlichkeit und n&#252;chterner Au&#223;enbetrachtung. Die zahlreichen kurzen, sachlichen S&#228;tzen beginnen etwa: &#8220;Der Postbote stellt sein Rad ab…&#8221;, &#8220;Der Fischverk&#228;ufer kommt aus seinem Gesch&#228;ft…&#8221;, &#8220;Ein Alter stieg zu…&#8221;, &#8220;Das Schiff teilt jetzt den kleinen See…&#8221;, &#8220;Eine verschleierte Frau &#246;ffnet…&#8221;, &#8220;Ein dunkler Hund streckt…&#8221;, und so weiter. Andere S&#228;tze greifen dagegen munter in den Farbkasten der Adjektive: &#8220;die bunten Abendlichter mit den Bildern der eilig flatternden Wildenten&#8221;, &#8220;der pl&#228;tschernde Brunnen&#8221;, &#8220;im letzten, schon milchwei&#223;en Grau des Abendhimmels…&#8221; Die Unsicherheit, das Suchen und Schwanken zwischen Innen und &#8220;Drau&#223;en&#8221; wird so nicht retuschiert, sondern offen und mit Mut zu einer &#8212; f&#252;r Berlin mittlerweile v&#246;llig atypischen &#8212; Uncoolness ausgestellt. Das ist gut. Das ist lesenswert.</p>
<p>Abschlie&#223;end bleibt noch die Frage, die man sich beim Lesen immer wieder stellt: Ist das alles wirklich so von gestern? Verd&#228;mmert das alte Westberlin wirklich schon als Chim&#228;re? Oder ist Berlin &#8212; ein paar Orte im Zentrum mal abgezogen &#8212; nicht immer noch genau so? Eine deprimierende Insel? Auch was das alte Westberlin angeht, es ist, glaube ich, vielerorts immer noch da.</p>
<p><small>Wolfgang Hermann: <em>Konstruktion einer Stadt. Versuche</em>, Limbus Verlag 2009, 111 Seiten, 14,90 €.</small></p>
<p>(Kleiner Zusatz: F&#252;r den Titel verwendete der Limbus-Verlag, wie ich zuf&#228;llig entdeckte, ein <em>Flickr</em>-Foto. Es wirkt vielleicht etwas zu farbig, zu poliert f&#252;r Hermanns Texte. Lustig aber ist, dass man die Freude des Fotografen dar&#252;ber noch auf seiner Flickr-Seite <a href="http://www.flickr.com/photos/sunside/4014359876/in/set-72157607292003664/" target="_blank">nachlesen</a> kann.)</p>
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		<title>Flusen in den Manteltaschen der Welt</title>
		<link>http://www.goldmag.de/2009/10/flusen-in-der-manteltasche-der-welt/</link>
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		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 13:40:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolai Preuschoff</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2009%2F10%2Fflusen-in-der-manteltasche-der-welt%2F&amp;text=Flusen+in+den+Manteltaschen+der+Welt&amp;lang=de&amp;count=horizontal" style="" class="twitter-share-button">Tweet</a></div>
<p><strong>Judith Schalansky kartografiert das Abgelegene</strong></p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-2184" title="Atlas der abgelegenen Inseln" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/atlas-inseln-judith.jpg" alt="Atlas der abgelegenen Inseln" width="175" height="247" /> &#196;rgerlich ist an diesem Buch h&#246;chstens, dass man es selbst h&#228;tte schreiben wollen. Das jedenfalls meinte mein Bruder, mit dem ich mir vor einigen Monaten, via <em>Twitter</em> und <em>GoogleEarth</em>, kleine und unbekannte Inseln hin und her geschickt hatte, ohne dass wir von diesem Atlas etwas wussten. Das Sch&#246;nste an diesem Buch sind vielleicht nicht die vielen aufwendig schlicht gestalteten Karten, nicht der orange gef&#228;rbte Schnitt, nicht der so &#252;berzeugend einfache und neu schon alt wirkende Einband, auch nicht die sorgsam gestaltete Typografie, die schon an Stevensons Schatzinsel denken l&#228;sst, bevor man &#252;berhaupt eine Zeile gelesen hat — das Sch&#246;nste ist die Geste selber, mit der sich der <em>Atlas der abgelegenen Inseln</em> dem Kleinen und Vergessenen, gemeinhin so Unwichtigen n&#228;hert. Die spielerische Gewissenhaftigkeit, mit der zu jeder Insel Angaben zu Gr&#246;&#223;e, Einwohnern und Entfernungen gemacht werden, und die strenge Gro&#223;z&#252;gigkeit, mit der dies dann alles grafisch umgesetzt ist.</p>
<p>Denn auf die Frage, &#8220;wozu braucht man dieses Buch eigentlich?&#8221;, ist nur zweitrangig die Antwort, dass man mit ihm seinen Wissenshorizont um diese oder jene mehr oder weniger kleine Inseln erweitern k&#246;nnte und sich nebenher noch einiges Historisches oder Literarisches hinzuerfahren lie&#223;e. Sondern eher, <!--more-->dass sich hier lernen l&#228;sst, wie man sich auf die Suche begeben kann nach dem sonst &#220;bersehenen, scheinbar Wertlosen, und dass sich dieses Suchen lohnt. Es ist nat&#252;rlich eine Kinder-Freude und ein kindliches Entdecken, um das es hier geht. Und beidem kann man sich mit Schalanskys Atlas v&#246;llig hingeben. &#196;hnlich (ja noch mehr) wie bei dem ebenfalls biblio- und typophilen <em><a href="http://www.fraktur-mon-amour.com/de/" target="_blank">Fraktur mon Amour</a></em> ist es die reinste Lust (man muss dieses Wort hier gebrauchen), die Seiten aufzuschlagen, mit dem Finger die Buchmitte aufzufalzen, &#252;ber den Faden der Bindung und &#252;ber das Blau des Meeres hin zu den K&#252;stenlinien der Inseln zu fahren. 50 davon gibt es, sie sind nach Ozeanen geordnet, und jede hat ihre eigene, ganzseitige Karte &#8212; wenn sie auch noch so verschwindend klein ist (was dadurch besonders erfahrbar wird, dass der Ma&#223;stab von Insel zu Insel nicht gewechselt wird, so dass die Inseln beim Bl&#228;ttern zueinander in eine geschwisterliche Verbindung treten &#8212; so, als ob man sie zum Messen an den T&#252;rramen gestellt h&#228;tte). Das reinste Pantoffeltierchen ist z. B. die Howlandinsel, noch kleiner ist die nicht mal einen Quadratkilometer gro&#223;e Insel Tromelin. Die Rudolf-Insel dagegen ist so gro&#223;, dass sie kaum auf die Seite passt.</p>
<p><strong>&#8220;Das Paradies ist eine Insel. Die H&#246;lle auch&#8221;</strong></p>
<p>Auf eben dieses Kinder-Erleben legt es der Atlas sicher an, aber &#8212; und das hebt ihn &#252;ber die (sicher bereits verdienstvolle) Kategorie eines solchen Erlebnis- und Geschenkbuchs hinaus &#8212; er spielt mit der naiven Erwartungshaltung zugleich auf subtile Weise. &#8220;Ich bin mit dem Atlas gro&#223; geworden&#8221;, schreibt die Autorin im Vorwort (und hier mag man sich noch denken, &#8220;welches Schulkind ist das nicht?&#8221;), um sogleich hinzuf&#252;gen: &#8220;Und als Atlas-Kind war ich nat&#252;rlich nie im Ausland.&#8221; &#8220;Nat&#252;rlich nie&#8221; &#8212; auch wenn man an dieser Stelle von der DDR-Kindheit der Berliner Autorin noch nichts ahnt, die bereits Thema ihres ebenfalls nautischen &#8220;Matrosenroman&#8221; <a href="http://www.goldmag.de/2008/04/literatur-in-matrosenuniform/" target="_blank"><em>Blau steht dir nicht</em></a> gewesen ist, merkt man doch gleich, dass es hier nicht blo&#223; um Kinderfreude geht, sondern den ziemlich komplizierten Komplex von Sehns&#252;chten, die, erf&#252;llt oder unerf&#252;llt, dem einen zur Qual, dem anderen zur bald entt&#228;uschten Freude werden k&#246;nnen. Dazu liest sich die &#220;berschrift des Vorworts erkl&#228;rend: &#8220;Das Paradies ist eine Insel. Die H&#246;lle auch&#8221;.</p>
<p>Genauso unterschiedlich lesen sich auch die jeder Insel beigegebenen Texte: Da ist die sch&#246;ne wie unglaubliche Geschichte des <a href="http://www.tahiti-pacifique.com/Articles.divers/Marc%20Liblin.html" target="_blank">Marc Liblin</a>, der seit seiner Kindheit auf Polynesisch tr&#228;umt, als Aussteiger in die Bretagne zieht, wo ihm Wissenschaftler der Universit&#228;t Rennes das Ursprungsland seiner Traumsprache zu finden helfen: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rapa_Iti" target="_blank">Rapa Iti</a>. Und da ist die schreckliche Geschichte  des Seekadetten Henry Eld, der auf der australischen Macquarieinsel (beinahe) von abertausenden V&#246;geln gefressen wird. Gemeinsam ist den Geschichten, dass sie von dem Bem&#252;hen gezeichnet sind, ebenso abgelegen zu sein wie die Inseln, die sie beschreiben. Und das noch an den Stellen, an denen das Bekannte eigentlich unvermeidlich ist. So wird von den chilenischen Juan-Fernandez-Inseln nicht die Geschichte Robinson Crusoes erz&#228;hlt, sondern von der Behauptung, das Tagebuch des Crusoe-Vorbilds <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Selkirk" target="_blank">Selkirk</a>, der hier ausgesetzt worden ist, liege in der Berliner Staatsbibliothek.</p>
<p>Es mag zu diesem Konzept geh&#246;ren, dass der neugierig gewordene Leser anschlie&#223;end gezwungen wird, sich selbst auf die Suche nach weiterer, m&#246;glicherweise abgelegener Literatur zu begeben. Dass er sich das eine oder andere Mal sicher &#252;ber ein paar bibliographische Angaben gefreut  h&#228;tte, ist daher kein echter Kritikpunkt. Zumal er ja mit Stevenson gelernt hat: Nicht um den Schatz (oder so) geht es, sondern die Insel selber. F&#252;r seine <em>Schatzinsel</em> n&#228;mlich zeichnete Stevenson eine <a href="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8c/Treasure-Island-map.jpg" target="_blank">Phantasie-Karte</a>, deren Insel seine Vorstellungskraft dann, wie auch das Vorwort zum Atlas zitiert, ganz &#8220;au&#223;erordentlich&#8221; befruchtete und &#8220;entz&#252;ckte&#8221;.</p>
<p>Mein Bruder entschied sich damals &#252;brigens f&#252;r <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Tristan_da_Cunha" target="_blank">Tristan da Cunha</a>, dessen gr&#246;&#223;te Siedlung sich <em>Edinburgh of the Seven Seas</em> nennt und die im <em>Atlas</em> (mit  <a title="Johann Gottfried Schnabel" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Gottfried_Schnabel" target="_blank">Johann Gottfried Schnabel</a> und Arno Schmidt) als Insel der Utopien beschrieben wird  (S. 48). Weil Tristan schon vergeben war, hatte ich mir dann eine so gut versteckte Inselgruppe ausgesucht, dass ich sie nun (auch beim erneuten Nachsuchen nicht!) beim besten Willen nicht mehr finden kann. Ich glaube, sie fehlt im Atlas. Und das beruhigt mich irgendwie.</p>
<p><small>Judith Schalansky: <em>Atlas der abgelegenen Inseln. F&#252;nfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde</em>, mare Verlag, 144 Seiten, Halbleinen mit dreiseitigem Farbschnitt, 34.00 Euro</small></p>
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		<title>War es so gedacht?</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Oct 2009 16:01:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>goldmag</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2009%2F10%2Fwar-es-so-gedacht%2F&amp;text=War+es+so+gedacht%3F&amp;lang=de&amp;count=horizontal" style="" class="twitter-share-button">Tweet</a></div>
<p><em>Ein Gastbeitrag von Susanne Schmidt</em></p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-2198" title="schutzgebiet" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/schutzgebiet.jpg" alt="schutzgebiet" width="160" height="262" />Die Deutschen und ihre nationale Identit&#228;t, das ist eine Frage, die seit der WM 2006 vor allem mit Fu&#223;ball verbunden wird. Gut drei Jahre sp&#228;ter will Thomas von Steinaecker dazu auch noch was sagen. Er stellt seine &#220;berlegungen in der unruhigen Lounge des Berliner „Kulturkaufhaus&#8221; Dussmann an, wo er zum ersten Mal aus „Schutzgebiet&#8221; liest. Steinaecker sagt, dass er mit „Schutzgebiet&#8221; einen Deutschlandroman schreiben wollte, einen Roman, mit dem er der deutschen Identit&#228;t auf die Spur kommen wollte. Warum auch immer. Zwei Dussmann-Angestellten klatschen dazu, so laut sie m&#252;ssen.</p>
<p>Vorgelegt hat Steinaecker einen Bericht &#252;ber den Nicht-Aufstieg und Fall der Stadt Benesi, einer deutschen Festung in der fiktiven afrikanischen Kolonie Tola. In diesem „Schutzgebiet&#8221; b&#252;ndelt er Sehns&#252;chte und Tr&#228;ume, um unter der Lupe der Imagination einen Roman &#252;ber die Fiktionen der Kolonialzeit zu schreiben. Eine Mentalit&#228;tsgeschichte der Kolonialzeit soll es sein, die zugleich metaphorisch f&#252;r eine deutsche Idee im 21. Jahrhundert steht, f&#252;r Minderwertigkeitkomplexe und Selbst&#252;bersch&#228;tzung, sagt Steinaecker. Er nimmt sich mit „Schutzgebiet&#8221; nichts Geringeres vor, als das Verh&#228;ltnis zwischen Idee und Realit&#228;t zu untersuchen und gleichzeitig seine Vision eines sowohl epischen als auch analytischen Romans zu verwirklichen.<!--more--></p>
<p>Henry, Architekt und einziger &#220;berlebender eines Schiffsungl&#252;cks, gelangt nach Benesi und nimmt dort die Identit&#228;t seines verstorbenen Vorgesetzten Selwin an. Sein Name ist W.G. Sebalds <em>Ausgewanderten</em> entliehen, Henry steht symbolisch f&#252;r die Figur des Emigranten, der hofft, seinen Traum in einer anderen Welt verwirklichen zu k&#246;nnen. Das scheint zun&#228;chst m&#246;glich, denn die Bewohner der Festung glauben Henry den Identit&#228;tsschwindel. Von da an ist Henry Selwin und ist es gleichzeitig nicht. Die umbenannte und erfundene Wirklichkeit ist die bessere Realit&#228;t &#8211; eine Erkenntnis, die auch andere Bewohner der Festung zu nutzen wissen.</p>
<blockquote><p>‚Ein Estrello, gell&#8217;, sagt Gerber einige Tage sp&#228;ter am Mittagstisch zu Alfred Berner.<br />
‚Estrello? Nie geh&#246;rt&#8217;, erwidert der Pater. ‚Elefantenartig. Dickhaut mit R&#252;ssel. Dabei<br />
kleiner. Gr&#246;&#223;e und L&#228;nge eines Nilpferds. Wenn gereizt, dann gef&#228;hrlich&#8217;, kl&#228;rt Gerber ihn auf, der die Existenz des tolalesischen Tiers spontan erfindet, wer soll es &#252;berpr&#252;fen? Man h&#246;rt ihm zu.</p></blockquote>
<p>Dreh- und Angelpunkt aller Handlung in Benesi ist jedoch die Einsicht, dass sich die Wirklichkeit nicht beliebig manipulieren l&#228;sst. Die Festungsbewohner kapitulieren vor dieser Einsicht, sie scheuen sich davor, ihre Vorstellungen umzusetzen. Handlung ist darum in „Schutzgebiet&#8221; vor allem Nichthandlung.</p>
<blockquote><p>Unruhig w&#228;lzt sich Henry von einer Seite auf die andere. Das Essen hier in Benesi, das zwar aussieht wie das zu Hause, und von allen auch so genannt wird, Steak, Schnitzel, Bohnen, R&#252;ben, in Wirklichkeit jedoch von Tieren und Gew&#228;chsen stammt, die nur entfernt mit denen in Europa oder den USA verwandt sind, dieses Essen &#8211; Henry mag sich nicht so recht daran gew&#246;hnen, noch nicht. Es bl&#228;ht.</p></blockquote>
<p>Unt&#228;tig und ichversunken warten die Bewohner Benesis auf die Ankunft deutscher Siedler, genauso, wie sie darauf warten, dass sich ihre Tr&#228;ume von selbst verwirklichen. Abgetrennt von der Au&#223;enwelt hat Weltpolitik f&#252;r sie die Form und den Wert l&#228;ngst verj&#228;hrter Zeitungen und scheint ihnen so wenig von Bedeutung wie alles, das bereits vergangen und weit entfernt ist. In der Festung Benesi f&#252;hlen sich die Ausgewanderten sicher vor den unliebsamen Einfl&#252;ssen der Realit&#228;t und geben daf&#252;r die M&#246;glichkeit, an der Wirklichkeit teilzunehmen, auf. Die vollkommene Kontrolle der Wirklichkeit f&#252;hrt zum Stillstand, die Festung erweist sich als Zoo, ein Tierpark Hagenbeck, in dem die Besucher sich unversehens als Insassen wiederfinden, der Traum wird ein „Alptraumland&#8221;.</p>
<blockquote><p>In seinem Kopf hatte das alles ganz anders ausgesehen. Eine bittere Erkenntnis reift in ihm. Es gibt nur zwei M&#246;glichkeiten: Die Siedler sind tats&#228;chlich angekommen. Triumph. Alles ein gro&#223;es Missverst&#228;ndnis. Eine  afrikanische Operette. Die andere M&#246;glichkeit: Die Siedler treffen nicht ein. Die Bewohner Benesis werden mit ihm, ihrem Verwalter und Herren, untergehen. Mit aller Kraft werden sie zun&#228;chst noch am Gelingen des Projekts weiterarbeiten, obwohl er selbst wei&#223;, dass alles vergebens ist.</p></blockquote>
<p>Der Wirklichkeit sind solche &#220;berlegungen egal. Die Siedler erreichen Benesi und stampfen ohne R&#252;cksicht auf die Pl&#228;ne des Architekten Henry-Selwin eine Stadt aus dem Boden. Sie sind fast fertig, als in Benesi ein Brand und in Europa Krieg ausbricht. Der kommt bis nach Benesi, ganz egal, was man dort davon h&#228;lt. Wie Castorp im <em>Zauberberg</em> tritt Henry in einen Kugelhagel, und</p>
<blockquote><p>nur das Ende wird, mit einem Schlag und f&#252;r jedermann begl&#252;ckend einleuchtend, aus den lose zusammenh&#228;ngenden Episoden etwas Zusammenh&#228;ngendes formen. Etwas Sinnvolles.</p></blockquote>
<p>Steinaecker leiht sich f&#252;r „Schutzgebiet&#8221; mehr als nur Sinn und Schluss. Er montiert eine Erz&#228;hlung aus Geschehenem und Fiktionalem, historischer &#220;berlieferung und literarischen Querverweisen. Gro&#223; ist er dabei dort, wo er den Symbolgehalt, den fiktiven Charakter und die Absurdit&#228;t der Realit&#228;t herausstellt, wo er den eigentlichen Plot mit einer Geschichte der Gedanken unterwandert, statt in eine eindimensionale Beschreibung der Umst&#228;nde abzudriften. Es gelingt Steinaecker &#252;ber weite Strecken, seine ambitionierte Forderung nach einem gut lesbaren und zugleich vielschichtigen Roman einzul&#246;sen. Die Frage danach, was die Mentalit&#228;t des Kolonialismus mit deutschem Fu&#223;ball zu tun haben k&#246;nnte, beantwortet Steinaecker allerdings nicht. Aber es ist fast egal: Seiner Erz&#228;hlkunst tut es keinen Abbruch.</p>
<p><small>Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 2009, 381 Seiten, 19,90 Euro.</small></p>
<p><small>Elena hat Thomas von Steinaecker f&#252;r goldmag <a href="http://www.goldmag.de/2009/05/das-ich-als-bilderbeute/" target="_self">portraitiert</a>. Am 20. Oktober 2009 kann man <em>Schutzgebiet</em> kostenlos als eBook bei <a href="http://www.libreka.de" target="_blank">libreka.de</a> herunterladen.</small></p>
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		<title>Trauergesellschaft</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Sep 2009 15:08:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolai Preuschoff</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2009%2F09%2Ftrauergesellschaft%2F&amp;text=Trauergesellschaft&amp;lang=de&amp;count=horizontal" style="" class="twitter-share-button">Tweet</a></div>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-2088" title="voss-florian-bitterstoffe" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/voss-florian-bitterstoffe.jpg" alt="voss-florian-bitterstoffe" width="173" height="287" />&#8220;Berlin ist die sch&#246;nste, die bildungsreichste Stadt der Welt. Ich w&#228;re abscheulich, wenn ich hiervon nicht felsenfest &#252;berzeugt w&#228;re&#8221;, schreibt Robert Walser in <em>Die kleine Berlinerin</em>. Felix, der Protagonist in Florian Vo&#223;&#8217; &#8220;Bitterstoffen&#8221;, hat solche naiv-ironische Berlin-Begeisterung irgendwie verpasst, ist irgendwie &#8220;abscheulich&#8221;. Seine Berlin-Bewunderung ist zerbr&#246;ckelt, von seiner Berlin-&#220;berzeugung kaum etwas &#252;brig, noch nicht einmal Berlin-Hass will aufkommen. Stattdessen Indifferenz, Abh&#228;ngen im volksb&#252;hnigen &#8220;Blauen Salon&#8221;, mal auf&#8217;ne Demo gehen, und dabei will Felix immer noch irgendwie Schriftsteller werden.</p>
<p>Felix ist ungef&#228;hr Mitte Dreissig, schon etliche Jahre in der Hauptstadt und fragt sich dann doch langsam mal, was er hier so lange gemacht hat und wo er eigentlich hingeh&#246;rt. Ein paar pathetische Gedichte geschrieben hat er, und gekellnert. &#8216;Heimat&#8217; ist ihm die Stadt nicht geworden. Aber das merkt er reichlich sp&#228;t, denn in der s&#252;ddeutschen Provinz bzw. Heimatstadt, wohin er wegen eines Beerdigungstermins &#8212; eine Jugendfreundin ist gestorben &#8212; zur&#252;ckkehren muss, h&#228;lt er es, vor lauter Baggerseen und Resopaltischen, auch nicht mehr aus. Er trifft dort immerhin <!--more-->seine erste Freundin Julia, auf die er sogleich beginnt, seine lang vernachl&#228;ssigten Sehns&#252;chte und Begehren zu projizieren: nach verlorenem Jugendgl&#252;ck, geografischer Geborgenheit, Identit&#228;t usw. Mit anderen Worten: Felix verliebt sich erneut in seine Ex, die ihrerseits in Hamburg irgendwie verloren scheint. Die Ex aber hat auf Felix, zumindest dauerhaft, keinen Bock. Felix muss also schmachten, und seine melancholische Fixierung wird, so v&#246;llig ungebrochen in der ersten Person singular erz&#228;hlt, dem Leser dann mitunter etwas peinlich. Der Autor greift jedoch zum Kunstgriff des Perspektivwechsels und schildert einige Passagen im Anschluss noch einmal aus Julias Sicht (inklusive dem schlechten Sex hinter einer Provinz-Disko). Dadurch steht Felix dann noch d&#252;mmer da.</p>
<p>Es ist also tats&#228;chlich <em>bitter</em>, wie schonungslos der Protagonist bei seinen hilflosen Ann&#228;herungsversuchen entlarvt wird, hinter denen sich ein gescheiterter Lebensentwurf abzeichnet. Offensichtlich steckt er in einer handfesten <em>Midlife Crisis</em>. Und gerade das passt sehr zu Berlin und seinen vielen alt-neuen Bewohnern, die hier irgendwann mal sinnsuchend &#8212; oder so &#8212; hingezogenen sind. Fr&#252;her, als man auf der Insel Westberlin noch keinen Wehrdienst leisten musste. Und heute, weil es, im Grunde genommen, immer noch genauso ist in der Hauptstadt, die nach wie vor die Utopie eines kreativen Sichdurchwurstelns verspricht. Vo&#223; skizziert trefflich dieses planvoll plan- und bindungslose Leben, dessen raschem Zuendegehen sich die meisten irgendwann panikartig bewusst werden. Darin erinnert Vo&#223;&#8217; Prosa-Erstling an Sven Regeners (1989 angesiedelte) Kreuzberg-Episoden des <em>Herr Lehmann</em>. Und genauso wie Lehmanns Kreuzberg nicht typisch f&#252;r den Rest der Republik ist, ist Vo&#223;&#8217; Roman kein Generationen-, sondern eher ein auf nur 123 Seiten ziemlich dichtes Milieu-Portrait &#8212; und das durchaus treffende einer Gro&#223;stadt.</p>
<p><small>Florian Vo&#223;: Bitterstoffe, Rotbuch Verlag, 128 S., 16.90 €<br />
</small></p>
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		<title>Giwi liest Kurt</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Sep 2009 15:57:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Lüttge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[der kantakt]]></category>
		<category><![CDATA[giwi margwelaschwili]]></category>
		<category><![CDATA[rezension]]></category>
		<category><![CDATA[verbrecher verlag]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2009%2F09%2Fgiwi-liest-kurt%2F&amp;text=Giwi+liest+Kurt&amp;lang=de&amp;count=horizontal" style="" class="twitter-share-button">Tweet</a></div>
<p><strong> <!--StartFragment--> </strong></p>
<p><strong></strong></p>
<p><strong></strong></p>
<p class="MsoNormal"><strong>Giwi Margwelaschwili l&#228;sst in <em>Der Kantakt </em><span>Real- und Buchwelt erneut aufeinandertreffen. Eine kurze Leseaufforderung f&#252;r einen langen Roman.</span></strong></p>
<p><strong></strong></p>
<p><strong><!--EndFragment--> </strong></p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1900" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/der-kantakt.jpg" alt="der-kantakt" width="160" height="237" />Wenn Autoren andere Autoren lesen und dar&#252;ber schreiben, kann daraus ein Verkaufsschlager werden. Zum Beispiel Jochen Schmidts <em>Schmidt liest Proust</em><span>, mit dem Leute, die vor Proust kapituliert haben, die Chance erhalten, &#252;ber ihn zu lachen. Oder es kann daraus ein gutes, humorvolles, vielleicht sogar weises Buch wie </span><em>Der Kantakt </em><span>von Giwi Margwelaschwili werden. Das liest dann leider keiner, weil es 800 Seiten hat und mehr Essay als Roman ist und der Verbrecher Verlag zu klein, um es so zu bewerben wie es das Buch verdient h&#228;tte.<!--more--><br />
</span></p>
<p class="MsoNormal">Der Erz&#228;hler, vom Verlag als identisch mit dem Autor angek&#252;ndigt, ist Stadtschreiber in Rheinsberg – und liest dort, es liegt nahe, Tucholskys <em>Rheinsberg. Ein Bilderbuch f&#252;r Verliebte</em><span>. Wie schon in anderen Texten Margwelaschwilis wird die Welt im Buch zu einer Parallelwelt der realen Welt und vom Erz&#228;hler, der ihr Leser ist, betreten. Er versucht mit Clairchen und W&#246;lfchen, Tucholskys Helden, in „Kantakt“ zu treten. Kantakt, weil das O im russischen wie A ausgesprochen wird und ein bisschen vielleicht, weil Immanuel Kant der Philosoph der Synthese ist. Dabei entstehen Worte wie „Kataperestroikastrophe“ oder „Verlesestofflichung“: die &#220;bernahme eines Gegenstandes der realen Welt in die „Buchbezirkswelt“. Auch der Erz&#228;hler verlesestofflicht sich, St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck wird er selbst zu Figur der Buchbezirkswelt. Schlie&#223;lich &#252;bergibt er Clairchen und W&#246;lfchen das Bilderbuch, in dem sie selbst auftreten. Und wir lesen im </span><em>Kantakt</em><span> auch einiges Autobiographisches &#252;ber den deutsch-georgischen Autor mit der </span><a href="http://www.giwi-margwelaschwili.de/leben.html" target="_blank">Lebensgeschichte</a><span>, &#252;ber die fast mehr geschrieben wird als &#252;ber seine B&#252;cher. Herauskatapultiert aus der Verflechtung von Geschichte, Literatur und Politik wird man als Leser am Ende durch das beherzte Ziehen der Notbremse im Buchbezirksweltzug durch den Erz&#228;hlerleser. Beherzt sollte man auch zu diesem Ziegelstein von Buch greifen. Es ist ein Griff, der sich lohnt.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span>Giwi Margwelaschwili: Der Kantakt. </span><a href="http://www.verbrecherei.de" target="_blank">Verbrecher Verlag</a><span>, Berlin 2009, 800 Seiten, 36 Euro.</span></p>
<p class="MsoNormal">
<p><!--EndFragment--></p>
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		<title>In die W&#252;ste mit Carl Schmitt</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Aug 2009 18:43:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Lüttge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<div class="tw_button" style=""><a href="http://twitter.com/share?url=http%3A%2F%2Fwww.goldmag.de%2F2009%2F08%2Fin-die-wueste-mit-carl-schmitt%2F&amp;text=In+die+W%C3%BCste+mit+Carl+Schmitt&amp;lang=de&amp;count=horizontal" style="" class="twitter-share-button">Tweet</a></div>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1878" src="http://www.goldmag.de/wp-content/uploads/221-400x500.jpg" alt="Herz aus Sand" width="160" height="227" /><span>Also gut, wir haben ein Lager in der W&#252;ste, das einem UN-Camp nachempfunden ist, mit den dazugeh&#246;rigen Beobachtern, Soldaten und Fl&#252;chtlingen. Und wir haben einen rechtspopulistischen Schweizer Politiker und eine linke Juristin, die sich zu seiner Wahlkampfleiterin machen l&#228;sst und damit einen Konflikt mit ihrem Freund heraufbeschw&#246;rt. Aber macht das einen politischen Roman aus Daniel Goetschs <em>Herz aus Sand</em></span><span>? Erst einmal gibt es das Setting vor, in dem Goetsch seine Geschichte platziert. Der Erz&#228;hler dieser Geschichte ist Frank, einer der Beobachter in besagtem Camp, die darauf warten, dass ein Referendum durchgef&#252;hrt werden kann. Phlegmatisch und bisweilen anstrengend selbstherrlich berichtet er vom Alltag in der W&#252;ste, der f&#252;r die Beobachter vor allem aus Nichtstun und Drogensucht besteht; gelegentlich v&#246;geln sie eine der in der W&#252;ste gestrandeten Rucksacktouristinnen, die sie „Leilas“ nennen, weil sie nicht Nutten sagen wollen. <!--more-->W&#246;chentlich haben sie einen Bericht zu schreiben und nach Genf zu schicken, wo „die Organisation“ sitzt, die sie auf die „Mission“ in die W&#252;ste geschickt hat. Diese Organisation bleibt, wenn auch offensichtlich der UNO nachempfunden, namenlos und erinnert als Auftraggeber dieser immer sinnloser scheinenden Mission an eine Mischung aus Becketts abwesendem Godot und den anonymen Kontrollapparaten s&#228;mtlicher Dystopien: vom „Big Brother“ aus Orwells <em>1984 </em></span><span>zum biblisch-patriarchalischen Staat „Gilead“ aus Margaret Atwoods <em>Report der Magd</em></span><span>.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span>Eine Art Subplot bilden die Erinnerungen Franks an Duncker. Der war Franks bester Freund und Nachbar in dem W&#252;stencamp und als Architekt in das Camp gekommen, um die perfekte Fl&#252;chtlingsstadt zu bauen, die ihren Bewohnern eine neue Heimat werden sollte. Der Roman beginnt mit seiner Beerdigung. Die Umst&#228;nde von Dunckers Tod sind (und bleiben leider auch) unklar, interessieren aber ohnehin niemanden in der W&#252;ste ernsthaft. W&#228;hrend Duncker als Idealist in die W&#252;ste gekommen war und sich mit der Zeit zum sklaventreibenden Ideologen entwickelte, sind die Beobachter, die, wie sie sagen, kamen, um Fl&#252;chtlingen zu helfen, ihrerseits Fl&#252;chtige. Nur war es niemals ihr Leben, das in Gefahr war, sondern h&#246;chstens ihr gutes Gewissen. &#220;ber die Vergangenheit, so ein ungeschriebenes Gesetz in der W&#252;ste, spricht man nicht. F&#252;r Frank sind es die gescheiterte Beziehung mit Alma, die eingangs erw&#228;hnte Wahlkampfleiterin, und seine unvollendete Dissertation, die ihn in das Lager gebracht haben. </span></p>
<p class="MsoNormal"><span> </span></p>
<p class="MsoNormal"><span>In den ersten Kapiteln, die streng dem gleichen Aufbau folgen, werden die verschiedenen Handlungen ebenso streng durch Abs&#228;tze von einander getrennt. Sp&#228;ter verschwimmen sie mehr und mehr. Am Ende, man ahnt es fast, sind sie verschiedene Teile des Berichtes, den Frank an die Organisation schicken muss. Er sprengt dabei allerdings die Vorgaben f&#252;r den Bericht, der eigentlich nur die politische Arbeit dokumentieren soll. Das Schreiben ist Franks Art, das Erlebte zu verarbeiten, das best&#228;ndige Erinnern sein Versuch, zu vergessen:</span></p>
<p class="MsoNormal"><span> </span></p>
<blockquote>
<p class="MsoNormal"><span>„Noch aufreibender als Duncker ist nur Frank. Diese Datei ist mir ein Graus. Laufend muss ich sie &#252;berschreiben, immer wieder neue Fassungen abspeichern (…) Drei&#223;ig verschiedene Franks, drei&#223;ig Spielarten eines Frank, ein Kaleidoskop aus Franksplittern. Er h&#228;tte niemals Eingang in diesen Bericht finden d&#252;rfen. Schon vor Jahren habe ich mit ihm gebrochen, diesem j&#228;mmerlichen Versager. Obwohl ich gerade ihn nur allzu gern vergessen m&#246;chte, dr&#228;ngt er sich auf, &#252;berf&#228;llt mich mit der Heimt&#252;cke eines Virus. Na sch&#246;n, ich sehe es ein, er l&#228;sst sich nicht verdr&#228;ngen. Frank mein elender Wiederg&#228;nger.“</span></p>
</blockquote>
<p class="MsoNormal"><span> </span></p>
<p class="MsoNormal"><span><em>Herz aus Sand</em></span><span> ist, wie es der Titel suggeriert, ein Liebesroman. Und doch ist es mehr. Frank promovierte, als er in die W&#252;ste aufbrach, &#252;ber den Begriff des Ausnahmezustands bei Carl Schmitt. Goetsch, Jurist wie sein Protagonist, f&#252;hrt auch den Leser in das Thema ein. Und dies ist die Stelle, an der der Roman politisch wird. Nicht, weil er seitenlang &#252;ber den </span><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schmitt#Verfassung.2C_Souver.C3.A4nit.C3.A4t_und_Ausnahmezustand" target="_blank">Ausnahmezustand</a><span> bei </span><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schmitt" target="_blank">Carl Schmitt</a><span> referiert (er tut es nicht), sondern weil er eine literarische Verarbeitung von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Giorgio_Agamben" target="_blank">Giorgio Agambens</a><em> Homo sacer</em></span><span> ist. Der italienische Jurist und Philosoph nutzt ebenfalls Schmitts Ausnahmezustand, um seine Idee vom „nackten Leben“ darzustellen. Dieses Leben, „das nicht geopfert werden kann und dennoch get&#246;tet werden darf“ ist f&#252;r Agamben der Ursprung alles Politischen. Das Lager bezeichnet Agamben als „biopolitisches Paradigma der Moderne“, seine Bewohner sind die „homines sacri“, denen nicht mehr als ihr nacktes Leben bleibt. Frank, der ebenfalls in einem Lager lebt, f&#252;hlt ebenfalls, ihm sei nur das „nackte Dasein“ geblieben. Diese Einsch&#228;tzung ist, im Sinne des <em>Homo sacer</em></span><span>, v&#246;llig falsch. Denn die „homines sacri“, die Agamben meint, sind die im Lager internierten und nicht unabh&#228;ngige Beobachter, die ihr eigenes Camp aufgeschlagen haben. Und doch ist sie symptomatisch f&#252;r den egozentrischen Erz&#228;hler, der vor Selbstmitleid die Bigotterie nicht mehr erkennt, in der er sich eingerichtet hat.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span> </span></p>
<p class="MsoNormal"><span>Man kann das ein wenig platt finden, einfach einen Roman um diese Theorie zu spinnen. Man kann <em>Herz aus Sand</em></span><span> aber auch als Buch lesen, das Agambens Durcheinander und seinem Spa&#223; am Widerspruch eine lesbare Form gibt. Als einen philosophisch-politischen Roman also, f&#252;r den die Politik tats&#228;chlich nur Setting ist.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span> </span></p>
<p><!--EndFragment--><span style="font-size: 11px;">Daniel Goetsch: Herz aus Sand. <a href="http://www.bilgerverlag.ch/" target="_blank">Bilgerverlag</a>, Z&#252;rich 2009, 285 Seiten, 24,00 Euro</span></p>
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