Flusen in den Manteltaschen der Welt
Judith Schalansky kartografiert das Abgelegene
Ärgerlich ist an diesem Buch höchstens, dass man es selbst hätte schreiben wollen. Das jedenfalls meinte mein Bruder, mit dem ich mir vor einigen Monaten, via Twitter und GoogleEarth, kleine und unbekannte Inseln hin und her geschickt hatte, ohne dass wir von diesem Atlas etwas wussten. Das Schönste an diesem Buch sind vielleicht nicht die vielen aufwendig schlicht gestalteten Karten, nicht der orange gefärbte Schnitt, nicht der so überzeugend einfache und neu schon alt wirkende Einband, auch nicht die sorgsam gestaltete Typografie, die schon an Stevensons Schatzinsel denken lässt, bevor man überhaupt eine Zeile gelesen hat — das Schönste ist die Geste selber, mit der sich der Atlas der abgelegenen Inseln dem Kleinen und Vergessenen, gemeinhin so Unwichtigen nähert. Die spielerische Gewissenhaftigkeit, mit der zu jeder Insel Angaben zu Größe, Einwohnern und Entfernungen gemacht werden, und die strenge Großzügigkeit, mit der dies dann alles grafisch umgesetzt ist.
Denn auf die Frage, “wozu braucht man dieses Buch eigentlich?”, ist nur zweitrangig die Antwort, dass man mit ihm seinen Wissenshorizont um diese oder jene mehr oder weniger kleine Inseln erweitern könnte und sich nebenher noch einiges Historisches oder Literarisches hinzuerfahren ließe. Sondern eher, Den ganzen Beitrag lesen »
Die Deutschen und ihre nationale Identität, das ist eine Frage, die seit der WM 2006 vor allem mit Fußball verbunden wird. Gut drei Jahre später will Thomas von Steinaecker dazu auch noch was sagen. Er stellt seine Überlegungen in der unruhigen Lounge des Berliner „Kulturkaufhaus” Dussmann an, wo er zum ersten Mal aus „Schutzgebiet” liest. Steinaecker sagt, dass er mit „Schutzgebiet” einen Deutschlandroman schreiben wollte, einen Roman, mit dem er der deutschen Identität auf die Spur kommen wollte. Warum auch immer. Zwei Dussmann-Angestellten klatschen dazu, so laut sie müssen.
“Berlin ist die schönste, die bildungsreichste Stadt der Welt. Ich wäre abscheulich, wenn ich hiervon nicht felsenfest überzeugt wäre”, schreibt Robert Walser in Die kleine Berlinerin. Felix, der Protagonist in Florian Voß’ “Bitterstoffen”, hat solche naiv-ironische Berlin-Begeisterung irgendwie verpasst, ist irgendwie “abscheulich”. Seine Berlin-Bewunderung ist zerbröckelt, von seiner Berlin-Überzeugung kaum etwas übrig, noch nicht einmal Berlin-Hass will aufkommen. Stattdessen Indifferenz, Abhängen im volksbühnigen “Blauen Salon”, mal auf’ne Demo gehen, und dabei will Felix immer noch irgendwie Schriftsteller werden.
Wenn Autoren andere Autoren lesen und darüber schreiben, kann daraus ein Verkaufsschlager werden. Zum Beispiel Jochen Schmidts Schmidt liest Proust
Im Hochhaus der „Almatastr.“ bewohnt Rehlein das 18. Stockwerk, er sammelt neben Büchern auch Anekdoten und gebrauchte Tampons. Wenn nicht um sich, dreht sich sein Leben um Literatur und Ekligkeiten; verliebt er sich, dann hoffnungslos. Weder mag Rehlein das Leben und seine Mitmenschen, noch mögen die ihn. „Befremdlich und befremdet“ beobachtet er Bremen-Walle und sieht sich täglich mit Fragen wie dieser konfrontiert: „Warum kommt BILD nicht damit hin, im Abstand einer Olympiade stets identische Ausgaben zu drucken? Weil es billiger ist, alles ‚neu’ zu machen? Oder tut BILD das doch und ist es der rechte Fußtritt gegen das ‚neu’, daß es im Boulevard im ewig gleichen Einerlei aufgeht und ist BILD das einzig adäquate Blatt?“
Also alles ganz schlimm: Die Leute haben Chips in den Armen, warten auf ihre »Abschaltung«, die abweichendem Verhalten folgt, werden von allen Seiten überwacht und beobachtet, liegen im Müll oder sitzen in unerfreulichen Wohnung voller »Gelsen« (man spricht Wienerisch) und hauen sich mit diversen Narkotika zu. Es gibt verrückte Doktoren, elitäre Geheimgesellschaften und Filmemacher, die ihre Splattermovies mit eigens dafür zusammengestoppelten Retortenmenschen bestücken. Über allem liegt ein gesamtgesellschaftlicher Firnis aus Abgasen und Faschismus, und wo es zu zwischenmenschlich relevanten Begegnungen kommt, sind sie meist von Mobiliarzertrümmerung geprägt (»WAMM!WAMM!WAMM!«). Der davon berichtet ist ein bisschen schizophren, etwas paranoid, aber das macht nichts, das Buch ist es auch: In Kurz- und Kürzestepisoden erzählt Lukas Kollmer in Anomia brachial und konzentriert aus einem kaputten Kopf einer kaputten Welt, die vielleicht Zukunft, vielleicht parallele Gegenwart ist.
Junge studierte Männer sind komisch, albern und pathetisch, wie ich aus persönlicher Erfahrung weiß, und ein Buch über diesen Typus zu schreiben, stellt den Autor vor die Herausforderung, um Sympathie für seine Figuren zu werben, ohne ihre notwendig komischen, albernen und pathetischen Gedanken und Ambitionen allzu ernst zu nehmen, sonst wird daraus ein komisches, albernes und pathetisches Buch. Verlacht er sie nur und stellt sie bloß, kann man sich die Lektüre ohnehin gleich sparen: zum Blamieren bräuchten die nämlich keine Hilfe.
Es gibt ein neues Buch des Berliner Autors Tobias O. Meißner; es heißt Der Mann der nicht geboren wurde. Komischer Name, Tobias O. Meißner. Middle-Initials haben doch eigentlich nur texanische Politiker, die nicht für ihren guten Literaturgeschmack bekannt sind, und noch im Moment weltpolitischer Katastrophen Lesungen über kleine Ziegen lauschen. Und halt Fantasy und Science-Fiction-Autoren, wie John R. R. Tolkien oder Ursula K. LeGuin. Teile seines Namens durch Punkte zu verdecken, ist so sehr zum Insignium der Schwert-und-Zauberei-Schreiberei geworden, dass ein anderer Berliner Autor, Boris Koch, seine Fantasy-Parodie Die Anderen unter dem Namen „Boris B. B. B. Koch“ veröffentlicht hat. Diese Punktbuchstabennamen verraten sofort, dass Fantasy Schund ist – welcher ehrliche Autor, welche ehrliche Autorin würde freiwillig den Namen auf dem Cover derart verstümmeln? Die schämen sich doch für was, diese Groschenromanschreiber! Für ihre halbgaren Geschichtchen nämlich, die dann auch nur den halben Namen verdienen.
„bieder sind wir, / doch verschwommen schön“ — so beginnt das erste Gedicht, und so lautet der Titel des ersten Abschnitts von Andre Rudolphs Gedichtband. Ein schöner Titel. Enthält er nicht, bei aller Ironie, eine Wahrheit? Wenn er, nicht zu Unrecht, das Biedere für Unschön erklärt, dann aber zu bedenken gibt, dass man manchmal, mit zugekniffenen Augen, dem Grau des Alltags-Biederen (und uns selbst darin) etwas Ästhetisches abverlangen kann? Das Gedicht endet: „fehlen nur die obligatorischen / krähen. pilger des lichts“.