Alle Beiträge in: „Rezensionen“

26 Apr

Heiliger Steve McQueen

Von Nikolai Preuschoff

Blutchs Kleiner Christian erzählt vom Leben in Bildern

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“Ich bin der einsame Rächer von Texas. / Ich habe zwei Pistolen. / (Wahnsinn, Banditen!) Wie ist Dein Name, Fremder? / Mein Name spielt keine Rolle!”

Doch, der Name spielt eine Rolle! Christian ist nämlich nicht nur der ‚Held‘ eines Comic-Buches über einen ganz normalen Jungen, der im Elsass in einer ganz normalen Phantasiewelt aufwächst. Christian (sprich: Christián) ist auch Christian Hincker (wie Blutch mit bürgerlichem Namen heißt), Autor und Zeichner der zwei Bände des kleinen Christian, die jetzt, in einem vereint, auf deutsch bei Reprodukt erscheinen. Und der kleine Christian wäre wohl nie zum großen Blutch geworden, wäre er nicht in einer Welt voller Comics (verbotener und erlaubter) aufgewachsen…

Von der ersten Seite an ist Christian ständig von Cowboys („Kaubeus“), von Lucky Luke, Micky Maus, Tim und Struppi und natürlich den Figuren aus dem „Pif“-Magazin (das bei uns „Yps“ hieß) umgeben. Mal unterhalten sie sich mit ihm, direkt aus dem Heft heraus, mal betritt Christian ihre Welt, mal werden sie ihm von der Mutter weggenommen, mal sitzt er selbst als einer von ihnen am Küchentisch. Den ganzen Beitrag lesen »

17 Apr

Aus purer Lust und einem wahren Bedürfnis

Von Hannes Becker

In der Romantrilogie Angriffe sucht Alban Lefranc die Nähe von Kunst und Terrorismus

lefranc-angriffe-1Sechzehn Jahre liegt der letzte Anschlag der RAF zurück, vor elf Jahren hat sie sich selbst aufgelöst. Ihre erste illegale Aktion war der Brandanschlag auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt am Main im April 1968, es folgten Überfälle, Attentate, Entführungen, Hungerstreiks bei denen über fünfzig Menschen starben. Es gab öffentliche Erklärungen der RAF und es gab die beiden Texte Das Konzept Stadtguerrilla (1971) und Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa (1971).

Diese unvollständige Zusammenfassung enthält das Material für zahlreiche Reaktionen und Kommentare – das was man die Wirkungsgeschichte der RAF nennen könnte. Den ganzen Beitrag lesen »

15 Dez

Was tun? Mal sehen.

Von Hannes Bajohr

Christian Kracht entfernt sich mit Ich werde hier sein, im Sonnenschein und im Schatten von seinen Anfängen

Ich werde hier sein»Soweit ich es beurteilen kann, ist es kein Buch erster Güte, aber es ist ohne Zweifel ein ungewöhnliches«, schreibt der Rezensent des Londoner Tribune im Jahre 1946 über den Roman Wir. Das Buch des russischen Schriftstellers Jewgeni Samjatin, dessen englische Übersetzung zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahrzehnte zurückliegt, zeichnet die düstere Zukunftsvision eines totalitären Staates, der seine Bürger durch permanente Überwachung und Gehirnwäsche in Unfreiheit hält. Wir begründete ein Genre und wurde zur Blaupause für all die großen dystopischen Gesellschaftsromane, die mit Huxley, Bradbury und Burgess folgen sollten. Der Rezensent vermutet dann auch richtig, dass Aldous Huxleys 1932 erschienene Schöne Neue Welt von Samjatin inspiriert worden sei. Und obwohl er Huxleys Buch literarisch weit höher einschätzt, bescheinigt er Wir, eine politische Bedeutung zu haben, die Huxley abgeht: Anders als Schöne Neue Welt sei Samjatins Buch für seine Leser tatsächlich relevant. Der Name des Rezensenten: George Orwell.
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11 Nov

Die zahllosen Augen von Varune, der über den Himmel von Makara reitet

Von Michael Duszat

Mit dem beim Berenberg Verlag erschienenen Das Wesentliche liegt jetzt die jüngste Essay-Sammlung des US-amerikanischen Autors Eliot Weinberger, der seit drei Jahrzehnten sehr eigenartige und wunderbar einleuchtende Essays schreibt, auch auf Deutsch vor.

zoom_berenberg_book_22325ff54944.jpgBei Das Wesentliche handelt es sich um »Nachrichten aus 4000 Jahren Natur- und Menschheitsgeschichte« (so der Klappentext); die Dinge, über die berichtet wird, kommen in der Tat aus großer Ferne, nicht nur in historischer, sondern auch in kultureller Hinsicht. Von New York aus, also sozusagen aus dem Zentrum der modernen Zivilisation kommend, begibt sich Eliot Weinberger in selten besuchte Gegenden der Welt. Es geht zum Beispiel um die »Lakandon-Indianer«, die »im Wald von Chiapas, in strohgedeckten Hütten ohne Wände, in sanft schaukelnden Hängematten« schlafen; um »Zaunkönige«, die »Widersacher des Adlers«; um den Weisen »Walmiki«, der sich, »von der Welt enttäuscht«, in den Wald zurückzieht und so lange regungslos sitzen bleibt, bis »um ihn herum ein Termitenhügel entstanden war«. Den ganzen Beitrag lesen »

07 Nov

Zufällige Schönheit beim Lesen

Von Hannes Becker

Steffen Popps Roman Ohrenberg oder der Weg dorthin gibt Anlass zu Vermutungen

OhrenbergVor zwei Jahren ist Ohrenberg oder der Weg dorthin erschienen, Steffen Popps erster Roman. Er wird hier mit Verspätung rezensiert, aber so ist es eben: Man wird dieses Buch seinen Lesern immer wieder empfehlen müssen, und wird auch in Zukunft nicht damit fertig werden, es angemessen gutzuheißen.
Ohrenberg oder der Weg dorthin ist eine Erzählung, mit allem, was dazugehört: Handlung, Figuren, tiefes Nachdenken und große Themen. Die Reise Aschmanns zu seinem ehemaligen Vorgesetzten Graf Ohrenberg sowie dessen, Graf Ohrenbergs, Warten auf seinen Gast, nebst allerlei Gedanken und Ausschmückungen und Ausflügen in Vergangenheit und Vorvergangenheit. Skurrile Nebenfiguren. Krise des Subjekts, Verfall der Ideologien, Zeitgeschichte und andere anerkanntermaßen relevante Verortungen – die Romanmaschine, das sieht man, läuft auf Hochtouren. Alles ist aber auf eine Weise ironisch gebrochen und exzessiv ausschwadroniert, die keinen Zweifel daran lässt: Die eigentliche Protagonistin, das eigentliche Ereignis ist die Sprache. Den ganzen Beitrag lesen »

25 Okt

Zacksaudel, Pfuschlglubb & Schattenfurz

Von Felix Lüttge

Die Wahlneuköllnerin Felicia Zeller schreibt mit Einsam lehnen am Bekannten Popliteratur für Große

Felicitas Zeller - Einsam lehnen am BekanntenEs ist noch nicht lange her, da tauchten im Prenzlauer Berg Plakate auf, die offensichtlich einem neuerlichen demographischen Wandel Rechnung trugen: „Schwaben raus aus Prenzlauer Berg“ forderten sie. Für Felicia Zeller ist zu hoffen, dass diese Plakate nicht irgendwann in Neukölln auftauchen. Die 1970 in Stuttgart geborene Dramatikerin und Autorin lebt nämlich dort und in ihrem Erzählband Einsam lehnen am Bekannten berichtet sie auch unablässig, dass sie das tut und wie es da so ist.
„Seit fast sieben Monaten wohne ich jetzt in Berlin-Neukölln. Warum tragen die Leute hier eigentlich alle Jogginganzüge, fragte ich mich, als ich herkam, bis ich merkte, man muss sportlich sein, um hier zu überleben. Nirgendwo sonst in Berlin muss man so flink und wendig sein wie am Herrmannplatz, wo man den allzeit schnell fliegenden Spuckebatzen ausweichen muss, die jederzeit von jedermann, ob vor, neben oder hinter dir, in überraschend großen Bögen ausgerotzt werden können. Neukölln ist ein besonderes Pflaster, es ist übersäht von frischgerotzter Spucke.“
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31 Aug

Sammeln & Seltenes: Rare Mangas Man Gatarous

Von Nikolai Preuschoff

mangataro-1.jpgAlso. Ich will ja nicht dick auftragen, aber Man Gatarou kennt, außerhalb Japans, wirklich niemand. Google nicht, Wikipedia nicht, Amazon nicht. Auch nicht der gut sortierte Comic-Laden um die Ecke oder die japanische Buchhandlung in Hamburg oder Paris. Das kann man gerne nachprüfen (und ich lasse mich da auch gerne eines Besseren belehren [1]). Somit wird das hier, sobald ich es fertig geschrieben habe, der erste informative Man-Gatarou-Eintrag im Netz sein, der in lateinischen Buchstaben verfasst ist.

Man Gatarou (eigentlich 漫☆画太郎) ist Comic- oder, richtiger gesagt, Manga-Zeichner. Daher sein Pseudonym: Manga-Taro (wobei der ☆ im Namen fester Bestandteil dieses Pseudonymns zu sein scheint). Die drei Bände, die ich hier vorstellen möchte, sind zwischen ’96 und ’97 als Band 1, 2 und 3 der Reihe Hell Koshien bei Jump Comics erschienen. Ich habe sie geschenkt bekommen. Den ganzen Beitrag lesen »

22 Aug

Die Schwerkraft begreifen

Von Hannes Bajohr

Ron Winkler legt mit Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers eine leider nur unzureichende Übersetzung des erstklassigen Lyrikers David Lerner vor.

David Lerner - Die anmutige Kurve eines MarschflugkörpersDer poetenladen, bisher her vor allem bekannt als virtuelle Anlaufstelle für Literatur im Netz, hat seit einiger Zeit auch einen sehr reellen Verlag. Bisher sind dort zwei Anthologien erschienen (von denen eine schon von uns besprochen wurde), nun kommt der erste Lyrikband hinzu: Eine Übersetzung der Gedichte David Lerners. Der poetenladen hat schon öfter, vor allen in seinem Magazin poet, fremdsprachige Lyrik zum Gegenstand gehabt, (beispielsweise liegt in der aktuellen, fünften Ausgabe der Schwerpunkt auf neuer italienischer Lyrik), und so ist es nur zu begrüßen, dass sich diese Entwicklung nun auch in Buchveröffentlichungen niederschlägt.
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15 Jun

Bezirksporträt mit zeithistorischen Allüren

Von Nikolai Preuschoff

HannemannRückblickend auf die jüngste Berliner Stadtentwicklung wird man vielleicht einmal sagen: “Und dann war Neukölln offen”. Der einst schützende Mythos vom Junkie- und Assi-Bezirk taugte nur noch als netter Witz, und die lange jede “Gentrifizierung” abwehrenden Wälle entlang des Maybachufers und Kottbusser Damms jagten bald niemanden mehr Ehrfurcht ein; spätestens seit das Unwort von “Kreuzkölln” die Runde machte. Gierig und von allen Seiten stürzten sie sich auf den einst so hermetischen Sonderbezirk, der trotz oder gerade wegen Rütli, Kampfhunddichte und Hasenheide plötzlich zum “aufregendsten Bezirk der Hauptstadt” geworden war.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, der Prenzlauer Berg war gerade neu verteilt und Friedrichshain mitten im Umbruch, da war ein beliebtes Kneipengespräch, über die Chancen von Neukölln vs. Wedding als nächster sogenannter “In-Bezirk” zu spekulieren. Zahlreiche Studenten konnten sich seitdem im Wedding günstig einmieten, Künstler bekamen riesige Ateliers zum Nebenkostenpreis, und auch das GOLDliteraturmagazin betrieb seinerzeit ja, im Verbund mit der Kolonie Wedding, einen Veranstaltungsraum, der junge, schöne, literarisch interessierte Menschen gen Nordwesten, in die Prinzenallee lockte.

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23 Apr

Niederländisches Kreolisch von den Jungfraueninseln

Von Michael Duszat

Ein schönes Geschenkbuch für alle Germanisten, die vergessen haben, was sie eigentlich zur Sprache hingebracht hat, ist das gerade bei Eichborn Berlin erschienene Babylonische Handbuch der Sprache von Olaus Faber.

Oleus FaberDer Autor heißt eigentlich Olaf Schmidt, wie der Klappentext verrät – und schon hat das Buch seinen Nutzen: Unter dem Eintrag »Pseudonym« steht nämlich, dass unter die Funktionen von solchen fingierten Namen auch die »Aufwertung eines Allerweltsnamens« zu rechnen ist. Unter dem Eintrag »Schmidt« erfährt man außerdem, dass »Faber« die latinisierte Form dieses zweithäufigsten deutschen Namens ist und weiß damit schon ziemlich gut bescheid.

Auch wenn sich so eine Frage mit diesem Handbuch leicht klären lässt, und auch wenn es alphabetisch geordnet ist, handelt es sich doch um kein echtes Nachschlagewerk: Dafür ist es viel zu dünn (und auch nicht ganz lupenrein, siehe unten). Es geht auch nicht, obwohl der Klappentext das so sagt, um die »Erschließung«, sondern eher um das punktuelle Fruchtbarmachen des »Kontinents der Sprache«, um das Bergen der interessantesten Schmuckstücke. Den ganzen Beitrag lesen »