Alle Beiträge in: „Sammeln & Seltenes“

26 Feb

Tausche David Foster Wallace gegen Thomas Pynchon

Von Felix Lüttge

Als ich sieben oder acht Jahre alt war, habe ich mein ganzes Taschengeld für Sammelkarten ausgegeben – erst Fußball, dann Basketball – und sie in der Schule mit ebenfalls sammelnden Freunden getauscht. Was für ein Moment des Glücks war es, als mir eine Tante eine ganze Kiste mit Basketballkarten aus den USA mitbrachte! Man stelle sich den Grundschüler vor, um dessen amerikanischen Schatz sich in den Pausen die ganze sammelbesessene Klasse drängt.
Das New Yorker Blog Vol. 1 Brooklyn hat diese Tradition der trading cards wieder aufgegriffen. Statt Sportler kann man mit ihren Karten aber Literaten sammeln. Wöchentlich soll nun eine neue Karte, entworfen von der Designerin Margarita Korol, im Blog erscheinen. Los geht es mit David Foster Wallace, der in der letzten Woche 49 Jahre alt geworden wäre. Weil sich Blogeinträge schlecht sammeln lassen, bietet Vol. 1 die Karten über Cafe Press zum Kauf an. Zum Schulhofphänomen werden die literary trading cards wohl schon des Preises wegen nicht werden. Ein Exemplar in Minipostergröße - limited edition naürlich, soll ja Sammlerwert haben – kostet stolze $14.99. Dabei wäre es eine großartige Vorstellung: GrundschülerInnen (vielleicht wären literarische Karten ein weniger vergeschlechtlichter Sammelgegenstand) tauschen in den Pausen David Foster Wallace gegen Thomas Pynchon oder Don DeLillo.
30 Dez

Wandliteratur

Von Felix Lüttge

Es ist alles eine Frage der Größe. Zweier Größen, um genau zu sein. Ob ein ganzes Werk – und ein richtiges ›Werk‹ muss es schon sein – auf eine einzige Seite passt, hängt von der Größe des Papiers ab, auf das man es druckt. Und von der Schriftgröße. Das Papier sollte dabei natürlich nicht unhandlich groß und die Schrift nicht unleserlich klein werden. Geht das?

Diese Frage stellte sich der Grafiker Ian Warner von blotto design. Er druckte den Ulysses von James Joyce (1040 Seiten in der Ausgabe von Penguin Classics) auf ein Papier und hängte es in seinem Büro an die Wand. Das Ergebnis war ein grauer Block. Den ganzen Beitrag lesen »

21 Jun

Faltbuch

Von Nikolai Preuschoff

Neues aus der Reihe: Bücher im Digitalen Zeitalter

In Wahrheit ist das Medium Buch ja noch lange nicht ausgereizt. Das obige Beispiel stammt aus dem französischen Verlagshaus éditions volumiques, das sich die Erforschung neuer Buchformen unter Berücksichtigung der Technologien des Digitalen Zeitalters zur Aufgabe gemacht hat.

Das Besondere an diesem Prototyp eines Buches ist seine sich beim Lesen ergebende, labyrinthische Struktur: Aus jeder neuen Seite ergeben sich drei Möglichkeiten, insgesamt gibt es, sagen sie, 3 hoch 6 = 729 Varianten.

Andere Ideen der éditions volumiques umfassen ein Buch, das nach dem Öffnen unlesbar wird, und eines, das von alleine umblättern kann.

(Via Papier Gaché)

21 Feb

“Kanikōsen” — japanische Arbeiterliteratur auf der Berlinale

Von Nikolai Preuschoff

Im “Forum” der heute zu Ende gegangenen Berlinale lief die Neuverfilmung eines Klassikers der japanischen Arbeiterliteratur: Takiji Kobayashis Krabbenfischer, von 1929.

Wie oft passiert das schon: Ein Buch wird zum Bestseller, 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung. So geschehen mit Takiji Kobayashis Kanikōsen (dt.: Krabbenfischer). In der grassierenden Wirtschaftskrise des Jahres 2008 war Kobayashis Revolutions-Parabel plötzlich so gefragt wie nie. Mit ausgelöst hatte das späte Revival ein Artikel in der Mainichi Shimbun vom 9. Januar 2008, der Kobayashis Aktualität beschwor. Etliche Medien zogen nach, und so wurde ein regelrechter “Kanikōsen-Boom” ausgelöst. (Vgl. hier.) Bis Mitte 2008 musste die Shinchosha Publishing Company daraufhin unerhörte 50000 Exemplare der Krabbenfischer nachdrucken, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Dieser Erfolgsgeschichte, die sich selbst liest wie eine kleine Revolution, trägt nun eine Neuverfilmung von Kanikōsen Rechnung. Nachdem der Roman erstmals 1953 verfilmt und 2006 eine Manga-Version publiziert wurde, stellte Regisseur Hiroyuki Tanaka, genannt Sabu, seine Version Anfang der Woche im “Forum” der diesjährigen Berlinale vor. (Ein kurzer Trailer findet sich hier.)

Die somit nun in Berlin angelangte Ereigniskette tangiert unmittelbar eine vor kurzem auf Gold aufgeworfene Frage: Ob in Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise und der stetigen Abnahme klassischer Arbeit wir nicht eine neue Arbeiterliteratur bräuchten, und wenn ja, wie diese aussehen und welche Formen diese annehmen könnte. In Japan scheint diese Frage bereits beantwortet: Den ganzen Beitrag lesen »

22 Nov

Notizen im Buch im digitalen Zeitalter: Warum sie verschwinden und was sie uns sagen können

Von Nikolai Preuschoff

knolleary_15528875a8Es ist ja allen klar, dass es in den USA mal wieder schneller abläuft. Und dass der Fortschritt mal wieder mit 1-2 Jahren Verspätung in Europa und dann noch später in Deutschland ankommen wird. Hier nämlich wird erstmal oberkritisch alles beäugt, bis man sich dann auch endlich traut. Das war ja schon immer so. Mit den Video-Kassetten. Mit den Comics. Mit den Mobiltelefonen. Mit den Social Networking-Plattformen. Und jetzt halt mit den E-Books. Zu allem Überfluss haben wir ja noch den Buchdruck erfunden, deshalb werden wir sie noch später bekommen. Aber egal. Irgendwann sind die E-Bücher da, und dann gewöhnen sich plötzlich alle daran, und viele werden ihre ollen, vergilbten Bücher auf den Kompost werfen. Oder halt beim nächsten Umzug auf der Straße stehen lassen.

Alle wissen auch, dass dann so was ähnliches passieren wird, wie mit den Schallplatten: Irgendwann wird es ein Buchdruck-Revival geben, und die Zahl der Gedrucktbuchliebhaber wird wieder zunehmen. Kleine Independent-Verlage werden aus dem Boden schießen und alte, verrostete Druckerpressen vom Schrottplatz holen, wieder flott machen und damit bibliophile Ausgaben im Tiefdruck-Verfahren ins handgeschöpfte Papier prägen, und die Seiten wird man seitlich aufschneiden müssen, um sie lesen zu können. Es wird wieder sein wie früher, nur irgendwie elitärer, luxuriöser und nosthalgischer.

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Was dann aber verschwunden sein wird, oder nur noch bei einer Handvoll Sammlern die Runde macht, ist eine Kategorie Buch, der heute kaum jemand Beachtung schenkt: das Buch mit alten Notizen darin. Ein besonderes Beispiel hält der Blogger Nick O’Leary schon jetzt bereit: eine Ausgabe des Spionage-Thrillers Den ganzen Beitrag lesen »

21 Jul

Mein Vorbild: Reiner Speck

Von Nikolai Preuschoff

Portrait eines Kölner Sammlers, wie es nur wenige gibt

reiner-speck-2Vor Tagen las ich in der Zeitung über Reiner Speck. Seitdem geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. Schon die Fotografie (die wir nebenstehend reproduziert haben) hatte es mir angetan. Dr. Speck, in einem karierten Sakko, sitzt in einer geräumigen Bibliothek (nicht auf dem Bild), in einem Leder-Fauteuil. Die rechte Hand in einem Buch. Zu seinen Füßen: ein großer Dobermann/ Dogge/ Gefährlicher Schlosshund (da kenne ich mich nicht so aus). Beide blicken lässig, Speck aber auch irgendwie unsicher in die Kamera (der Hund an ihr vorbei, vielleicht auf eine Wurst). Specks Augen sind, auf diesem Foto, bemerkenswert schwarz, und er trägt einen Schnurrbart wie Marcel Proust. Und das ist kein Zufall. Speck ist Sammler — Sammler und Publizist. “Gleich zwei Traumberufe”, dachte ich mir.

Reiner Specks Bibliothek, soweit auf dem Foto zu sehen (bzw. auf unserer Reproduktion leider nicht zu sehen — wir müssen sie uns vorstellen), enthält große Bildbände, edel gebundene Prachtausgaben und Den ganzen Beitrag lesen »

15 Jul

Tipps für den armen Leser

Von goldmag

Eine antiquarische Stadtteilforschung in Friedrichshain

Ein Gastbeitrag von Alex Dubilet

buchladen-fuer arme 1_22Um 1700 gab es in Berlin nur eine Buchandlung (so der Historiker Jonathan Israel in seinem Werk “Radical Enlightenment”, das vom Aufstieg der modernen, rationalistischen Philosophie, und insbesondere des Cartesianismus und Spinozismus handelt). Heute, Gott sei Dank, haben wir mehr Buchandlungen! Tatsächlich scheint es, als ob jeder Berliner Bezirk ein paar Dutzend von ihnen hätte. Also bin ich aufgebrochen, um in all diesen Bezirken all diese Buchandlungen zu besuchen und zu erforschen — allerdings nur die Antiquariate und Gebrauchtbuchläden, denn ich habe nicht so viel Geld. Und außerdem kann man nicht die “Gesamelten Werke” von Lenin (ungefähr 45 Bände) auf Russisch für 25 Euro in einer normalen Buchhandlung finden. Zuerst war ich in Friedrichshain (ich weiss nicht warum, da ich in Kreuzberg wohne, wo es mehr als genug Antiquariate gibt: Einen Überblick über Kreuzberg werde ich das nächtes Mal liefern, falls mein Rücken und meine Füße die unglaublich harten Berliner Steine überleben — und das ist nicht sicher). Mein Gesamteindruck von Friedrichshain vorab: Es gibt eine hohe Quantität, aber nicht genug bezahlbare Qualität. Hier sind meine Resultate im Einzelnen: Den ganzen Beitrag lesen »

02 Jan

Der Simmel und sein Autobus

Von Anne-Dore

autobus1.jpegWenn ihm mal wieder einer Trivialität vorwarf, hatte er eine selbstbewußte Antwort: “In Deutschland bedeutet Erfolg das Abonnement auf schlechte Kritiken.”

Hm. Na ja. Ob das bei seinen Büchern nicht ein bisschen zu optimistisch interpretiert war?

Jetzt ist Johannes Mario Simmel gestorben, und ich habe einen Moment gestutzt, weil ich plötzlich an das einzige Buch denken musste, das ich von ihm gelesen habe. Das war lange bevor ich seinen Namen mit Eichenholzfurnier und Fernseherschrankwand und Vitrinen und Wirtschaftswunderfamilien mit gehäkelten Gläseruntersetzern in Verbindung brachte, also lange, bevor ich eine rein sekundär angelesene Haltung zu ihm entwickelt hatte.

Das Buch, das ich von ihm gelesen habe, hieß “Ein Autobus groß wie die Welt”. Das Buch ist ab acht, ich war vielleicht neun, als ich es aus der Stadtbibliothek auslieh. Den ganzen Beitrag lesen »

31 Aug

Sammeln & Seltenes: Rare Mangas Man Gatarous

Von Nikolai Preuschoff

mangataro-1.jpgAlso. Ich will ja nicht dick auftragen, aber Man Gatarou kennt, außerhalb Japans, wirklich niemand. Google nicht, Wikipedia nicht, Amazon nicht. Auch nicht der gut sortierte Comic-Laden um die Ecke oder die japanische Buchhandlung in Hamburg oder Paris. Das kann man gerne nachprüfen (und ich lasse mich da auch gerne eines Besseren belehren [1]). Somit wird das hier, sobald ich es fertig geschrieben habe, der erste informative Man-Gatarou-Eintrag im Netz sein, der in lateinischen Buchstaben verfasst ist.

Man Gatarou (eigentlich 漫☆画太郎) ist Comic- oder, richtiger gesagt, Manga-Zeichner. Daher sein Pseudonym: Manga-Taro (wobei der ☆ im Namen fester Bestandteil dieses Pseudonymns zu sein scheint). Die drei Bände, die ich hier vorstellen möchte, sind zwischen ’96 und ’97 als Band 1, 2 und 3 der Reihe Hell Koshien bei Jump Comics erschienen. Ich habe sie geschenkt bekommen. Den ganzen Beitrag lesen »

09 Nov

Sammeln & Seltenes: Lindworskys Seelenleben

Von Nikolai Preuschoff

Johannes Lindworsky versucht eine Einführung in die Psychologie und will nebenher katholische und moderne Philosophie ins Einvernehmen bringen.

Lindworsky SeelenlebenDas Buch oder Büchlein, das ich um das Jahr 1999 an einem Stand der Freiburger Heilsarmee für vermutlich eine Mark kaufte, trägt den Titel Das Seelenleben des Menschen. Der Titel hat mich sofort fasziniert. Sowas würde man irgendwo in der Esoterik-Ecke vermuten, Unterkategorie Reinkarnation. Lindworsky aber bietet eine Einführung in die Psychologie (so der Untertitel). “Einigermaßen unerhört”, dachte ich. Gelesen habe ich seitdem allerdings nicht wirklich darin.

Das liegt wohl daran, dass mir der Name Lindworsky, der das Buch vor 73 Jahren verfasst hat, nirgendwo sonst mehr unterkam. Tatsächlich kennt heute niemand mehr Johannes Lindworsky (1875-1939), der als Professor der Psychologie an der deutschen Universität Prag lehrte. Nicht einmal die Wikipedia. Den ganzen Beitrag lesen »