Alle Beiträge in: „Sonst noch“

09 Feb

Hegemann/Airen – Skandal oder normal?

Von Florian

Unter den vielen, vielen Beiträgen zu den Plagiatsvorwürfen gegenüber Helene Hegemann fand ich vor allem zwei Interviews interessant:

Beim Lesen sind mir zwei Sachen aufgefallen: Frank Maleu ist alles in allem  sehr entspannt und würde gerne „die Kirche im Dorf lassen“. Und Hegemann verzieht sich nicht reuig in die Ecke, sondern verteidigt recht selbstbewusst, warum ihre Art, mit anderer Leute Texten umzugehen, für sie selbstverständlich ist (von der fehlenden Quellenangabe einmal abgesehen):

Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, so ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.

Sollten die beiden Parteien das Thema ohne Anwalt, Textschwärzungen und böse Worte regeln, wäre das ein auffälliger Kontrast zur laufenden Urheberrechtsdebatte, wo manche am liebsten die Verwendung jedes Halbsatzes mit einem Aktenzeichen versehen würden.

Die Frage an die mitunter erstaunlich diskussionsfreudigen Goldleser: Ist der Fall Hegemann/Airen ein Skandal – oder eher ganz normal?

Fröhliches Diskutieren!

02 Feb

Im Namen des Vaters

Von Felix Lüttge

Die Schweizer haben es nicht leicht. Erst bauen die Muslime hohe Türme und singen davon herunter, dann wollen die Deutschen das Geld zurück, das andere ihnen geklaut und in der Schweiz versteckt haben, und nun sind auch noch die rumänischen Diktatorenkinder sauer. Auf  den Schweizer Journalisten und Theatermann Milo Rau.

Denn auch die Nachkommen von Diktatoren haben es nicht leicht. Ständig treten die in- und ausländischen Gutmenschen auf ihren Ahnen herum; wo sie hinkommen, verbreitet ihr Name Angst und Schrecken (Ausnahmen bestätigen die Regel: Alessandra Mussolini, die nicht nur den Namen, sondern auch die Politik ihres Großvaters weiterführt, ist sogar ins EU-Parlament gewählt worden); und nicht selten wird er sogar zum Synonym für ein Regime von Mord und Verfolgung. Von letzterem hatte der geschäftstüchtige Sohn des rumänischen Diktators Nicolae Ceauşescu die Nase so voll, dass er jetzt seinen Anwalt wegen des Stückes Die letzten Tage der Ceauşescus von Milo Rau (Verbrecher Verlag 2009) eingeschaltet hat. Den ganzen Beitrag lesen »

16 Jan

Orhan Pamuk im Audimax

Von Nikolai Preuschoff

Gestern las Orhan Pamuk im Rahmen der Berliner Mosse-Lectures (“Dichter und ihre Ortschaften”) im Audimax der HU. Aber es konnten, wie mir auch aus Kreisen der Gold-Redaktion bekannt ist, nicht alle den Worten des Nobelpreisträgers lauschen, zumal der Saal bald aus allen Nähten platzte. Und wer wollte sich schon mit einer im Nebenraum installierten Video-Live-Schaltung abspeisen lassen oder sich mit den Sternburg-Pils trinkenden Studenten auf den eilig herbeigeschafften Matratzen lümmeln (siehe obere Bildmitte)? Daher nun ein kurze Zusammenfassung des Geschehens.

Ich beginne vielleicht mit den drei deutsch-türkischen Schulmädchen, die neben mir saßen und ganz aufgeregt waren. Sie seien extra aus Tegel und Spandau angereist, erklärte eine von ihnen, und ganz entsetzt über den hier oben auf der Empore (wohl von den protestierenden Studenten) zurückgelassenen Müll. Sie habe auch schon etwas von Pamuk gelesen, aber auf Deutsch, sagte sie, Den ganzen Beitrag lesen »

14 Dez

Für eine neue Arbeiterliteratur!

Von Nikolai Preuschoff

Wir leben in einer Zeit ohne Arbeit und ohne Arbeiter! Wohin man schaut, überall sind nur noch Dienstleister, Studenten und Arbeitslose. Die Fabrik, die Zeche, das Werk — wo gibt es sie noch? Längst schwächeln die Gewerkschaften und ist der Begriff des Proletariers zum Schimpfwort verkommen und hat seine einst revolutionäre Strahlkraft eingebüßt. Aber was ist mit dem Arbeiter? Und was mit seiner Literatur? Wo sind die 70er Jahre? Und wo sind die Wissenschaftler, die sie untersuchen? (Vergessen etwa Rüdiger Safranskis Dissertation Studien zur Entwicklung der Arbeiterliteratur in der Bundesrepublik!) Kurz: Wird es nicht Zeit für eine neue Arbeiterliteratur?

Ja, hat die Arbeiterliteratur nicht gerade heute, wo sie frei des Verdachts ist, eine politisch oktroyierte zu sein, eine neue Chance verdient? Gerade weil die ‘echte’ Arbeit heute eine Seltenheit geworden ist? Weil es den ‘echten’ Arbeiter, die ‘echte’ Arbeiterin nicht mehr gibt? Und verkörperte er/sie nicht als einzige(r) glaubhaft den “Kleinen Mann”? Wo ist die Stimme des Kleinen Mannes? Wer arbeitet heute noch mit den eigenen Händen? Wer hat noch Dreck unter den Nägeln? Wer noch Ruß Den ganzen Beitrag lesen »

11 Dez

“It is a truth universally acknowledged that a zombie in possession of brains must be in want of more brains.”

Von Hannes Bajohr

Zombie-Jane Hallo, du olle Postmoderne! Beim Lesen der “9th Annual Years In Ideas” der New York Times – die Ideen des immer noch nicht ganz verflossenen Jahres würdigt, wie die zukunftsweisende Batterie aus Papier oder den nur für PeTA-freie Nachbarschaften tauglichen Glow-In-The-Dark-Dog – traf ich auf ein Phänomen, das mir beim Vorbeigehen an einem Schaufenster eines englischsprachigen Buchladens schon einmal ein verwirrtes Runzeln auf die Stirne trieb: B-Movie-Jane-Austen-Mash-Ups. Dabei scheint es sich, so vermutet die Times, um einen Marketingtrick der die Napster-Panik der frühen Nullerjahre in der eigenen Sparte durchlaufende Buchbranche zu handeln: Man nehme einen Jane-Austen-Roman, der, so das Klischee, eher von Frauen (und da wohl auch eher in Filmform) goutiert wird, und vermische ihn (früher hieß das Cut-Up, dann irgendwann Mash-Up) mit dem laut Statistik eher männerdominierten Genre des Zombie-Splatter-Gore-Formats und mache hernach einen Reibach. Den ganzen Beitrag lesen »

11 Nov

17. open mike – GOLD live

Von Elena

open-mike_logoAm Wochenende in Berlin: der 17. open mike – Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik. Die Teilnehmer: 21 Autorinnen und Autoren bis 35 Jahre, die noch keine eigene Buchpublikation vorweisen können. Ihr Ziel: den open mike und damit ihre Einlasskarte für den Literaturbetrieb zu gewinnen. Die Bedingung: In 15 Minuten die Jury (Ursula Krechel, Kathrin Röggla, Jens Sparschuh) und das Publikum von der eigenen literarischen und performerischen Qualität überzeugen. Live vor Ort: GOLD.

Berichte auf goldmag.de ab Freitag Samstag Abend. Mehr über den 17. open mike im Literaturkalender Berlin und auf den Seiten der Literaturwerkstatt Berlin.

31 Okt

Links gegen Herbstdepressionen — noch mehr!

Von Nikolai Preuschoff

odd-and-boring-postcardWenn heute wieder ein Großteil der westlichen Welt dem heidnischen Brauch irischer Auswanderer nacheifert, der um 1830 in die USA gebracht wurde, wo er sich seither zum reinsten Konsumschlager entwickelt hat, wird es Zeit (zumal, wenn man selbst auf keine Halloween-Party eingeladen ist) für neue “Links gegen Herbstdepressionen”: “Links gegen Herbstdepressionen — noch mehr”!

  • Da ist zum Beispiel der Significant Objects Blog, von dem ich schon lange berichten wollte — dieser beruht nämlich auf einem sehr, sehr guten Einfall, der gute Laune macht: Jemand schreibt über einen bestimmten Gegenstand eine interessante Geschichte. Dadurch wird dieses Ding plötzlich interessant — und wertvoller! Der Beweis: Anschließend wird der Gegenstand bei eBay verkauft, und die Mehreinnahmen ergeben dann die Wertsteigerung. Den eigenen Angaben nach hat significantobjects.com bisher für 111$ Objekte eingekauft und diese dann für insgesamt 2718$ weiterverkauft. Das beweist: Schreiben lohnt sich! (Heute geht es um ein Cracker Barrel Ornament, und es ist Objekt 89 von 100.)
  • Die Auferstehung des Pictorial Webster’s (ein Film, “Inspiration to Completion”) — ist der reinste Hardcore-Porno für Bibliophile! Hier kann man sehen, wie John Carrera von der Quercus Press in Waltham, Massachusetts, den Bildlexikon-Klassiker Webster’s Pictorial Dictionary (1898) nach allen Regeln der Buchmacherkunst neu auflegt! Die Luxus-Ausgabe kostet 4600$, was natürlich etwas deprimieren kann, aber es gibt auch Ausgaben für 2600$, 1800$ und eine günstige für 35$. Aber vor allem der Film lohnt sich! (Via matthewbattles.tumblr.com/)
  • CA Conrads “(Soma)tic Poetry Exercises” — man könnte es “kreativitätsfördernde Schreibübungen” nennen, wozu der leicht schrullige Dichter CA Conrad da auf seinem Weblog anleitet. Auf jeden Fall ist es viel lustiger als es sich anhört! Conrads “Exercises” heißen z.B. “You in your soup”, “Let your toes know the truth!” oder “Your garbage spekas!” Bei einer weiteren Übung soll man auf einem Friedhof eine Fläche mit Gegenständen abstecken und dann, über einen der Gegenstände, Kontakt mit den Toten aufnehmen (oder so) — und das wäre dann auch der Moment, in dem mit dem Schreiben zu beginnen ist. Na gut, das klingt etwas gruselig. Aber es gibt auch andere Übungen, mit Bananen z.B., oder hier, die wirklich großartige Übung Nr. 17, die alte Klamotten und geraspelte Karotte in einem Nylonstrumpf miteinbezieht. Der Tag ist gerettet!

Foto: Odd and boring postcard von naslrogues

05 Aug

Ins Dunkle

Von Günne

Adrian Frutiger, einer der bedeutendsten Schriftgestalter des 20. Jahrhunderts, schreibt in der Einführung seines Buches “Der Mensch und seine Zeichen”:

Die weiße Oberfläche des Papiers nehmen wir als “leer” an, als inaktiv. Durch Hinzufügen von Schwarz wird das Weiß aktiv. Genau genommen fügen wir dem Blatt nicht Schwarz hinzu, sondern nehmen Licht weg, wie der Bildhauer z.B. dem Stein Materie wegmeißelt. Die endgültige Struktur ist das, was im Material stehen bleibt.

29 Jul

Etwas sehr kleines

Von goldmag

Eine Gast-Observation von Jasper Nicolaisen

Alle sprechen immer vom Mars. Gerade jetzt, wo Mondjubiläum ist. Aber es gibt viel kleinere Planeten. Sie sind näher dran. Sozusagen unter uns. Und spannender sind sie auch. Leider sieht sie aber niemand. Die Politik versagt! Und die Wissenschaft! Jetzt, wo bald wieder Wahl ist, können wir auf die nächste Legislaturperiode warten. Jetzt passiert sowieso nichts mehr. Dabei gibt es auf diesen kleinen Planeten alles. Gold, Edelsteine. Überreste jahrmillionenalter Alienkulturen, an denen man mit Zahnbürsten rumkratzen kann. Bier. Schnaps.

Hier ist ein Bewohner dieser sehr kleinen Planeten, ein Reisender, ein Forscher, ein Kara ben Nemsi der Mikroplanetenszene. Er heißt Girx. Das ist dort ein ganz normaler Name, wie hier Frank-Walter Steindingens, Girx gibt uns ein Interview. Er beißt dem Interviewer den Kopf ab und verknuspert die Kamera. Das ist dort ein ganz normales Verhalten, wie hier Lächeln und Auskunft geben. Girx ist sehr klein. Es wird noch Milliarden Jahre dauern, bis er den Interviewer gefressen hat. Und das Universum ist schon längst verglüht Den ganzen Beitrag lesen »

24 Jul

Von den Sorgen der Langsamkäufer

Von Felix Lüttge

bookseer.com

Ich bin einer von diesen Menschen, die Bücher schneller kaufen, als sie sie lesen können. Deshalb stehe ich nie vor dem Problem, ein Buch zu Ende gelesen zu haben und dann kein ungelesenes mehr im Regal zu finden. Die Frage, was ich als nächstes lese, stellt sich mehr aus der Qual der Wahl als aus Bucharmut.

Es soll, habe ich gehört, Menschen geben, die Bücher nicht schneller kaufen, als sie sie lesen können. Die stehen, wenn sie ein Buch zu Ende gelesen haben, vor dem Problem, kein ungelesenes mehr im Regal zu finden. Die Frage, was sie als nächstes lesen, stellt sich sowohl aus der Qual der Wahl als auch aus Bucharmut.

Wenn man es sich recht besieht, ist ihre Qual noch viel größer als meine: Niemals kann ich so viele Bücher besitzen, wie die Langsamkäufer nicht besitzen. Es kann einem ganz schwindlig werden bei dem Gedanken an alle Bücher, die sich ihnen als Folgelektüre anbieten. Den ganzen Beitrag lesen »