Links gegen Herbstdepressionen — noch mehr!
Wenn heute wieder ein Großteil der westlichen Welt dem heidnischen Brauch irischer Auswanderer nacheifert, der um 1830 in die USA gebracht wurde, wo er sich seither zum reinsten Konsumschlager entwickelt hat, wird es Zeit (zumal, wenn man selbst auf keine Halloween-Party eingeladen ist) für neue “Links gegen Herbstdepressionen”: “Links gegen Herbstdepressionen — noch mehr”!
- Da ist zum Beispiel der Significant Objects Blog, von dem ich schon lange berichten wollte — dieser beruht nämlich auf einem sehr, sehr guten Einfall, der gute Laune macht: Jemand schreibt über einen bestimmten Gegenstand eine interessante Geschichte. Dadurch wird dieses Ding plötzlich interessant — und wertvoller! Der Beweis: Anschließend wird der Gegenstand bei eBay verkauft, und die Mehreinnahmen ergeben dann die Wertsteigerung. Den eigenen Angaben nach hat significantobjects.com bisher für 111$ Objekte eingekauft und diese dann für insgesamt 2718$ weiterverkauft. Das beweist: Schreiben lohnt sich! (Heute geht es um ein Cracker Barrel Ornament, und es ist Objekt 89 von 100.)
- Die Auferstehung des Pictorial Webster’s (ein Film, “Inspiration to Completion”) — ist der reinste Hardcore-Porno für Bibliophile! Hier kann man sehen, wie John Carrera von der Quercus Press in Waltham, Massachusetts, den Bildlexikon-Klassiker Webster’s Pictorial Dictionary (1898) nach allen Regeln der Buchmacherkunst neu auflegt! Die Luxus-Ausgabe kostet 4600$, was natürlich etwas deprimieren kann, aber es gibt auch Ausgaben für 2600$, 1800$ und eine günstige für 35$. Aber vor allem der Film lohnt sich! (Via matthewbattles.tumblr.com/)
- CA Conrads “(Soma)tic Poetry Exercises” — man könnte es “kreativitätsfördernde Schreibübungen” nennen, wozu der leicht schrullige Dichter CA Conrad da auf seinem Weblog anleitet. Auf jeden Fall ist es viel lustiger als es sich anhört! Conrads “Exercises” heißen z.B. “You in your soup”, “Let your toes know the truth!” oder “Your garbage spekas!” Bei einer weiteren Übung soll man auf einem Friedhof eine Fläche mit Gegenständen abstecken und dann, über einen der Gegenstände, Kontakt mit den Toten aufnehmen (oder so) — und das wäre dann auch der Moment, in dem mit dem Schreiben zu beginnen ist. Na gut, das klingt etwas gruselig. Aber es gibt auch andere Übungen, mit Bananen z.B., oder hier, die wirklich großartige Übung Nr. 17, die alte Klamotten und geraspelte Karotte in einem Nylonstrumpf miteinbezieht. Der Tag ist gerettet!
Foto: Odd and boring postcard von naslrogues

In den Zwanzigerjahren wettete der junge Journalist und Schriftsteller Ernest Hemingway um zehn Dollar, dass er eine Kurzgeschichte mit nur sechs Worten schreiben konnte. Der Text, mit dem er die Wette gewann, ging so:
Er beugt sich beim Lesen nach vorne und stützt sich mit den Ellbogen ab, als würde der schwere Stoff auch auf seinen Schultern liegen. “Der Kantakt”, sein jüngstes Buch, ist 800 Seiten dick, ein Wackerstein in zartgrünem Einband, der sich da vor ihm auf der Tischplatte erhebt. Ein Monument wie sein Autor.
Christopher Isherwood schrieb 1935/6 die Berlin Stories, aus denen 1951 John Van Drutens Stück I am a Camera wurde, aus dem 1966 das Musical Cabaret wurde, aus dem 1972 der Film Cabaret wurde. Nach 37 Jahren ohne Berlingeschichtenrecycling gibt es jetzt auch eine Website:
Sonntag Abend. Helene Hegemann ist in ein Taxi gestiegen. Wolfgang Müller steht auf der Bühne und singt. Einige der LAN-Veranstalter sitzen im Restaurant WAU und essen endlich mal was. Jochen Schmidt signiert, stehend, im Foyer.