Alle Beiträge in: „Sonst noch“

04 Okt

Erlebnispark Neuere Deutsche Literatur

Von Felix Lüttge

Übermorgen beginnt die Frankfurter Buchmesse. Im Vorfeld beweist die Stadt Frankfurt am Main eine ganze Menge Humor. Sie hat den Titanic-Mitherausgeber Oliver Maria Schmitt beauftragt, Typisches aus der Stadt in kurzen Videos vorzustellen. Nach Clips über die Frankfurter Würstchen und die  Wasserhäuschen geht es nun um das alte Suhrkampgebäude. Das alles hat mit den sonst so bierernsten Selbstpräsentationen deutscher Städte natürlich wenig gemein.

(via @litaffin)

28 Aug

Listige Sprachen?

Von Hannes Bajohr

Does Your Language Shape How You Think? In einem sehr schönen Artikel versucht das New York Times Magazine in seiner letzten Ausgabe diese Frage zu beantworten und kommt zu interessanten Ergebnissen. Unsere Auffassungen von Geschlecht, Zeit, sogar von Orientierung werden durch den Rahmen der Sprache geprägt, in dem wir diese Dinge das erste Mal erfahren. Der Autor, komischerweise ein Guy Deutscher, meint nicht, dass unsere (Landes-)Sprache unser Denken determiniert – schließlich können wir genauso Konzepte verstehen, für die es im Deutschen kein Wort gibt, wie wir die eine Zeitform durch eine andere ausdrücken können. Deshalb gibt es Fremdwörter und deshalb irritiert es niemanden, wenn ich sage: »Ich besuche dich morgen.« Aber auch wenn wir alle die Beschränkungen unserer Sprachen umgehen können, sorgen diese doch dafür, dass sich unsere Sicht der Welt in gewissen Bahnen bewegt.
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18 Aug

Fuck Me, Ray Bradbury

Von Felix Lüttge

Parodie darf fast alles und deshalb auch College-Rock. Wie The Androids einst Madonna den jüngeren Popsternchen vorzogen, will nun die New Yorker Komikerin Rachel Bloom von niemand anderem als Ray Bradbury, »the greates Sci-Fi-Writer in history« und Autor von Farenheit 451, etwas wissen. Von dem dafür richtig.

Vielleicht bräuchten wir in Deutschland auch eine attraktive Humoristin, die so einen Song für Günter Grass aufnimmt. Der müsste sich die Liebeserklärungen dann nicht mehr selber schreiben.

Edit: Großartig auch die Ohrfeige gegen Kurt Vonnegut bei 2:27.

via Gefühlskonserve/@literaturcafe/@cripple_me

07 Aug

Victorian Fight Club

Von Felix Lüttge

Es ist ja immer so eine Sache mit dem Verwursten von Dingen, die man anderswo gelesen hat. Aber manchmal kann man einfach nichts dafür, dass jemand anders schneller war. Oder es passt einfach so gut. Also los!

We were no longer good society heißt der Fake-Trailer, den Emily Janice Card und Keith Paugh gedreht haben. Wie schon bei den Zombie-Mash-Ups der Jane-Austin-Verfilmungen musste Austins Roman Stolz und Vorurteil (1813) für die Kreativität der jungen Wilden herhalten. Dieses Mal wird’s mit David Finchers Fight Club vermengt, ein bisschen politisches Bewusstsein dazu und dann ist es die Gewalt, die die jungen Frauen aus dem viktorianischen Phlegma befreit, das die »good society« für sie vorgesehen hat.

Bei Jezebel kommt’s an. »THIS NEEDS TO BE REAL RIGHT NOW. I’M WAITING« heißt es unter dem Video in den Kommentaren.

via taz / Jezebel

17 Jul

Dichten mit Google?

Von Nikolai Preuschoff

was sagte

was sagte anelka
was sagte anelka zu seinem trainer
was sagte anelka zu domenech
was sagte nicolas anelka
was sagte materazzi zu zidane
was sagte rene zu daniel
was sagte horst köhler
was sagte köhler
was sagte anelka in der kabine
was sagte der franzose zum trainer

*

Dieses Gedicht war heute eine echte Entdeckung für mich. Es gefällt mir sehr gut. Es ist ein Fussball-, ein WM-Gedicht, voller Tragik, Verzweiflung, großer Gefühle und Aktualität. Man könnte es auch “Fragen eines zweifelnden Fans” nennen, z. B. Es hat einen eigenen Rhythmus. Genial ist, wie beiläufig, spielerisch die Politik in die Welt des Sports hineingebracht wird (“was sagte horst köhler / was sagte köhler”).

Das Gedicht ist sozusagen von Google. Generiert aus Suchanfragen, die Google beim Eintippen der eigenen dann vorschlägt. Die Frage des Urheberrechts stellt sich hier natürlich ganz neu. A propos Urheberrecht: Auf dDie Idee, auf diese Weise Verse zu generieren, stammt von brachte mich Matthew Simmons, der am gestrigen Freitag einen ähnlichen Versuch unter der Überschrift “A Friday Poem?” bei den Htmlgiants vorstellte. Den ganzen Beitrag lesen »

22 Jun

Es reimt ein Mann in Wimbledon

Von Felix Lüttge

Über James Joyce sagte man, er sei ein großer Fan des Sports gewesen. Auch von Samuel Beckett weiß man das, er spielte recht passabel Cricket. Beide haben dann aber lieber mit dem Dichten angefangen. Übrigens hat Beckett niemals und Joyce nur am Rande über Sport geschrieben.

Intensiver verbindet Matt Harvey die Disziplinen und schreibt seit gestern und bis zum 4. Juli jeden Tag ein Gedicht über das Tennisturnier in Wimbledon. Die Süddeutsche Zeitung hat Harvey interviewt, der, wie man in der heutigen Ausgabe lesen kann, auch schon über Liebe, Teebeutel, Tomaten und Nacktheit gereimt hat und jetzt offizieller Wimbledon-Poet ist. Auf ›Wimbledon‹, sagt Harvey, reime sich ›simpleton‹, »wenn man es weich ausspricht.« Mit ›Roger Federer‹ sei das schwieriger, für ihn, den Profi, aber kein Problem. Reimproblemen begegnet Harvey abgebrüht: »Es ist nicht unbedingt nötig, dass ich einen Reim finde. Wenn nicht, pack ich den Namen in die Mitte einer Gedichtzeile, das geht auch.« Und er ist obendrein ein Kenner der modernen Lyrik, scheint aber kein Freund davon zu sein: »Viele moderne Gedichte reimen sich heute ja gar nicht mehr, aber ich bin da ein bisschen altmodisch.« Außerdem reimt er, ganz in der Tradition der viktorianischen Schriftsteller, lieber über die einfachen Leute beim Turnier als über die Tennisprofis. Susanne Klaiber, die Harvey interviewt hat, entlockt ihm denn auch die ersten beiden Verse eines Gedichtes über Balljungen:

Tact-enabled procedure perfecters
Designer labeled towel collectors

Dafür musste Klaiber übrigens Harveys Agentin überreden, denn die wollte erst nur eine Zeile zur Veröffentlichung freigeben. Aber dann wäre ja der Reim dahin gewesen.

09 Feb

Hegemann/Airen – Skandal oder normal?

Von Florian

Unter den vielen, vielen Beiträgen zu den Plagiatsvorwürfen gegenüber Helene Hegemann fand ich vor allem zwei Interviews interessant:

Beim Lesen sind mir zwei Sachen aufgefallen: Frank Maleu ist alles in allem  sehr entspannt und würde gerne „die Kirche im Dorf lassen“. Und Hegemann verzieht sich nicht reuig in die Ecke, sondern verteidigt recht selbstbewusst, warum ihre Art, mit anderer Leute Texten umzugehen, für sie selbstverständlich ist (von der fehlenden Quellenangabe einmal abgesehen):

Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, so ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.

Sollten die beiden Parteien das Thema ohne Anwalt, Textschwärzungen und böse Worte regeln, wäre das ein auffälliger Kontrast zur laufenden Urheberrechtsdebatte, wo manche am liebsten die Verwendung jedes Halbsatzes mit einem Aktenzeichen versehen würden.

Die Frage an die mitunter erstaunlich diskussionsfreudigen Goldleser: Ist der Fall Hegemann/Airen ein Skandal – oder eher ganz normal?

Fröhliches Diskutieren!

02 Feb

Im Namen des Vaters

Von Felix Lüttge

Die Schweizer haben es nicht leicht. Erst bauen die Muslime hohe Türme und singen davon herunter, dann wollen die Deutschen das Geld zurück, das andere ihnen geklaut und in der Schweiz versteckt haben, und nun sind auch noch die rumänischen Diktatorenkinder sauer. Auf  den Schweizer Journalisten und Theatermann Milo Rau.

Denn auch die Nachkommen von Diktatoren haben es nicht leicht. Ständig treten die in- und ausländischen Gutmenschen auf ihren Ahnen herum; wo sie hinkommen, verbreitet ihr Name Angst und Schrecken (Ausnahmen bestätigen die Regel: Alessandra Mussolini, die nicht nur den Namen, sondern auch die Politik ihres Großvaters weiterführt, ist sogar ins EU-Parlament gewählt worden); und nicht selten wird er sogar zum Synonym für ein Regime von Mord und Verfolgung. Von letzterem hatte der geschäftstüchtige Sohn des rumänischen Diktators Nicolae Ceauşescu die Nase so voll, dass er jetzt seinen Anwalt wegen des Stückes Die letzten Tage der Ceauşescus von Milo Rau (Verbrecher Verlag 2009) eingeschaltet hat. Den ganzen Beitrag lesen »

16 Jan

Orhan Pamuk im Audimax

Von Nikolai Preuschoff

Gestern las Orhan Pamuk im Rahmen der Berliner Mosse-Lectures (“Dichter und ihre Ortschaften”) im Audimax der HU. Aber es konnten, wie mir auch aus Kreisen der Gold-Redaktion bekannt ist, nicht alle den Worten des Nobelpreisträgers lauschen, zumal der Saal bald aus allen Nähten platzte. Und wer wollte sich schon mit einer im Nebenraum installierten Video-Live-Schaltung abspeisen lassen oder sich mit den Sternburg-Pils trinkenden Studenten auf den eilig herbeigeschafften Matratzen lümmeln (siehe obere Bildmitte)? Daher nun ein kurze Zusammenfassung des Geschehens.

Ich beginne vielleicht mit den drei deutsch-türkischen Schulmädchen, die neben mir saßen und ganz aufgeregt waren. Sie seien extra aus Tegel und Spandau angereist, erklärte eine von ihnen, und ganz entsetzt über den hier oben auf der Empore (wohl von den protestierenden Studenten) zurückgelassenen Müll. Sie habe auch schon etwas von Pamuk gelesen, aber auf Deutsch, sagte sie, Den ganzen Beitrag lesen »

11 Dez

“It is a truth universally acknowledged that a zombie in possession of brains must be in want of more brains.”

Von Hannes Bajohr

Zombie-Jane Hallo, du olle Postmoderne! Beim Lesen der “9th Annual Years In Ideas” der New York Times – die Ideen des immer noch nicht ganz verflossenen Jahres würdigt, wie die zukunftsweisende Batterie aus Papier oder den nur für PeTA-freie Nachbarschaften tauglichen Glow-In-The-Dark-Dog – traf ich auf ein Phänomen, das mir beim Vorbeigehen an einem Schaufenster eines englischsprachigen Buchladens schon einmal ein verwirrtes Runzeln auf die Stirne trieb: B-Movie-Jane-Austen-Mash-Ups. Dabei scheint es sich, so vermutet die Times, um einen Marketingtrick der die Napster-Panik der frühen Nullerjahre in der eigenen Sparte durchlaufende Buchbranche zu handeln: Man nehme einen Jane-Austen-Roman, der, so das Klischee, eher von Frauen (und da wohl auch eher in Filmform) goutiert wird, und vermische ihn (früher hieß das Cut-Up, dann irgendwann Mash-Up) mit dem laut Statistik eher männerdominierten Genre des Zombie-Splatter-Gore-Formats und mache hernach einen Reibach. Den ganzen Beitrag lesen »