Alle Beiträge in: „Sonst noch“

31 Okt

Links gegen Herbstdepressionen — noch mehr!

Von Nikolai Preuschoff

odd-and-boring-postcardWenn heute wieder ein Großteil der westlichen Welt dem heidnischen Brauch irischer Auswanderer nacheifert, der um 1830 in die USA gebracht wurde, wo er sich seither zum reinsten Konsumschlager entwickelt hat, wird es Zeit (zumal, wenn man selbst auf keine Halloween-Party eingeladen ist) für neue “Links gegen Herbstdepressionen”: “Links gegen Herbstdepressionen — noch mehr”!

  • Da ist zum Beispiel der Significant Objects Blog, von dem ich schon lange berichten wollte — dieser beruht nämlich auf einem sehr, sehr guten Einfall, der gute Laune macht: Jemand schreibt über einen bestimmten Gegenstand eine interessante Geschichte. Dadurch wird dieses Ding plötzlich interessant — und wertvoller! Der Beweis: Anschließend wird der Gegenstand bei eBay verkauft, und die Mehreinnahmen ergeben dann die Wertsteigerung. Den eigenen Angaben nach hat significantobjects.com bisher für 111$ Objekte eingekauft und diese dann für insgesamt 2718$ weiterverkauft. Das beweist: Schreiben lohnt sich! (Heute geht es um ein Cracker Barrel Ornament, und es ist Objekt 89 von 100.)
  • Die Auferstehung des Pictorial Webster’s (ein Film, “Inspiration to Completion”) — ist der reinste Hardcore-Porno für Bibliophile! Hier kann man sehen, wie John Carrera von der Quercus Press in Waltham, Massachusetts, den Bildlexikon-Klassiker Webster’s Pictorial Dictionary (1898) nach allen Regeln der Buchmacherkunst neu auflegt! Die Luxus-Ausgabe kostet 4600$, was natürlich etwas deprimieren kann, aber es gibt auch Ausgaben für 2600$, 1800$ und eine günstige für 35$. Aber vor allem der Film lohnt sich! (Via matthewbattles.tumblr.com/)
  • CA Conrads “(Soma)tic Poetry Exercises” — man könnte es “kreativitätsfördernde Schreibübungen” nennen, wozu der leicht schrullige Dichter CA Conrad da auf seinem Weblog anleitet. Auf jeden Fall ist es viel lustiger als es sich anhört! Conrads “Exercises” heißen z.B. “You in your soup”, “Let your toes know the truth!” oder “Your garbage spekas!” Bei einer weiteren Übung soll man auf einem Friedhof eine Fläche mit Gegenständen abstecken und dann, über einen der Gegenstände, Kontakt mit den Toten aufnehmen (oder so) — und das wäre dann auch der Moment, in dem mit dem Schreiben zu beginnen ist. Na gut, das klingt etwas gruselig. Aber es gibt auch andere Übungen, mit Bananen z.B., oder hier, die wirklich großartige Übung Nr. 17, die alte Klamotten und geraspelte Karotte in einem Nylonstrumpf miteinbezieht. Der Tag ist gerettet!

Foto: Odd and boring postcard von naslrogues

05 Aug

Ins Dunkle

Von Günne

Adrian Frutiger, einer der bedeutendsten Schriftgestalter des 20. Jahrhunderts, schreibt in der Einführung seines Buches “Der Mensch und seine Zeichen”:

Die weiße Oberfläche des Papiers nehmen wir als “leer” an, als inaktiv. Durch Hinzufügen von Schwarz wird das Weiß aktiv. Genau genommen fügen wir dem Blatt nicht Schwarz hinzu, sondern nehmen Licht weg, wie der Bildhauer z.B. dem Stein Materie wegmeißelt. Die endgültige Struktur ist das, was im Material stehen bleibt.

29 Jul

Etwas sehr kleines

Von goldmag

Eine Gast-Observation von Jasper Nicolaisen

Alle sprechen immer vom Mars. Gerade jetzt, wo Mondjubiläum ist. Aber es gibt viel kleinere Planeten. Sie sind näher dran. Sozusagen unter uns. Und spannender sind sie auch. Leider sieht sie aber niemand. Die Politik versagt! Und die Wissenschaft! Jetzt, wo bald wieder Wahl ist, können wir auf die nächste Legislaturperiode warten. Jetzt passiert sowieso nichts mehr. Dabei gibt es auf diesen kleinen Planeten alles. Gold, Edelsteine. Überreste jahrmillionenalter Alienkulturen, an denen man mit Zahnbürsten rumkratzen kann. Bier. Schnaps.

Hier ist ein Bewohner dieser sehr kleinen Planeten, ein Reisender, ein Forscher, ein Kara ben Nemsi der Mikroplanetenszene. Er heißt Girx. Das ist dort ein ganz normaler Name, wie hier Frank-Walter Steindingens, Girx gibt uns ein Interview. Er beißt dem Interviewer den Kopf ab und verknuspert die Kamera. Das ist dort ein ganz normales Verhalten, wie hier Lächeln und Auskunft geben. Girx ist sehr klein. Es wird noch Milliarden Jahre dauern, bis er den Interviewer gefressen hat. Und das Universum ist schon längst verglüht Den ganzen Beitrag lesen »

24 Jul

Von den Sorgen der Langsamkäufer

Von Felix Lüttge

bookseer.com

Ich bin einer von diesen Menschen, die Bücher schneller kaufen, als sie sie lesen können. Deshalb stehe ich nie vor dem Problem, ein Buch zu Ende gelesen zu haben und dann kein ungelesenes mehr im Regal zu finden. Die Frage, was ich als nächstes lese, stellt sich mehr aus der Qual der Wahl als aus Bucharmut.

Es soll, habe ich gehört, Menschen geben, die Bücher nicht schneller kaufen, als sie sie lesen können. Die stehen, wenn sie ein Buch zu Ende gelesen haben, vor dem Problem, kein ungelesenes mehr im Regal zu finden. Die Frage, was sie als nächstes lesen, stellt sich sowohl aus der Qual der Wahl als auch aus Bucharmut.

Wenn man es sich recht besieht, ist ihre Qual noch viel größer als meine: Niemals kann ich so viele Bücher besitzen, wie die Langsamkäufer nicht besitzen. Es kann einem ganz schwindlig werden bei dem Gedanken an alle Bücher, die sich ihnen als Folgelektüre anbieten. Den ganzen Beitrag lesen »

19 Jul

Schrumpfschreib

Von Felix Lüttge

twitteraturIn den Zwanzigerjahren wettete der junge Journalist und Schriftsteller Ernest Hemingway um zehn Dollar, dass er eine Kurzgeschichte mit nur sechs Worten schreiben konnte. Der Text, mit dem er die Wette gewann, ging so:

„For sale: baby shoes, never worn.”

Im November 2006 griff das amerikanische Magazin Wired diese Idee auf und ließ 35 Autoren in ebenfalls nur sechs Worten eine Science-Fiction-Geschichte schreiben.

Diese Sorte von Kürzestprosa hat, wenn nicht gerade von Magazinen eingefordert, ein gewisses Problem, veröffentlicht zu werden. Für ein Buch viel zu kurz, für eine Anthologie irgendwie auch: Wer druckt schon ganze Bücher mit Texten, die noch kürzer sind als Haikus? Jetzt, fast neunzig Jahre nachdem Hemingway seine Wette gewann, scheint es, ist das Medium für Literatur dieser Art geschaffen: Twitter. Den ganzen Beitrag lesen »

01 Jul

Nichts als Lesergespenster

Von Anne-Dore

Der Berliner Autor Giwi Margwelaschwili las aus “Der Kantakt”

g_margwelaschwili_swEr beugt sich beim Lesen nach vorne und stützt sich mit den Ellbogen ab, als würde der schwere Stoff auch auf seinen Schultern liegen. “Der Kantakt”, sein jüngstes Buch, ist 800 Seiten dick, ein Wackerstein in zartgrünem Einband, der sich da vor ihm auf der Tischplatte erhebt. Ein Monument wie sein Autor.

Giwi Margwelaschwili, der Sohn eines georgischen Intellektuellen, hat 18 Jahre in Berlin gewohnt, dann wurde er vom Sowjetischen Geheimdienst nach Tiflis verschleppt. Nach über vier Jahrzehnten zog er wieder zurück in seine Sprachheimat. Margwelaschwili ist jetzt 81 Jahre alt, er wohnt im Wedding, und als er das erste Mal im Club Monarch am Kottbusser Tor stand, in dieser raumgewordenen Definition des Wortes “trashig”, hat er gesagt: “Tollen Jazzclub habt ihr hier”. Den ganzen Beitrag lesen »

22 Jun

Berliner Geschichten

Von Hannes Bajohr

berlinstoriesChristopher Isherwood schrieb 1935/6 die Berlin Stories, aus denen 1951 John Van Drutens Stück I am a Camera wurde, aus dem 1966 das Musical Cabaret wurde, aus dem 1972 der Film Cabaret wurde. Nach 37 Jahren ohne Berlingeschichtenrecycling gibt es jetzt auch eine Website: berlinstories.org. Mit Isherwood hat das nicht mehr als den Namen gemein – der sagt aber genau, was drin steckt: Geschichten aus Berlin. Die strahlt amerikanische National Public Radio in einer Reihe aus und die bisherigen Sendungen finden sich hier. Neben zeitgenössischen Autoren wie Siri Hustvedt lassen sich auch Beiträge von Usern und kleine Ausschnitte aus Berlinbeschreibungen der Weltliteratur abrufen. Und ja, da ist Isherwood dann auch wieder dabei.
Bild: © Christoph Niemann via berlinstories.org.

15 Jun

Pleased to meet you…

Von Günne

…hope you guess my name. Möchte man sich denken. Aber was hat sich denn der Herr Jagger dabei gedacht?
Nicht viel möchte man glauben. Abgeschrieben hat er. Aus Meister und Margarita von Michail Bulgakov. Aber er befindet sich da in ausgezeichneter Gesellschaft. Denn auch andere Popgranden haben sich von Literatur inspirieren lassen. The Cure mit “Killing an arab” bei Albert Camus – Der Fremde oder The Police mit “Don’t stand so close to me” bei Lolita von Vladimir Nabokov oder Pink Floyd haben gleich ein ganzes Album (Animals) George Orwell mit seiner Animal Farm entliehen.
Das sind natürlich nur einige wenige Beispiele, die alle einer Datenbank entnommen sind mit dem Namen SIBL (Songs inspired by Literature).

Wer ein bisschen Zeit mitbringt kann auch diese etwas… wie soll ich sagen …. willkürliche aber doch umfangreiche Aneinanderreihung eines kleinen Werbefilms für SIBL ankucken:
(Was mich so ein bisschen an den Post von Anne-Dore mit Büchern und Filmen erinnert…)

10 Jun

Der Buchtrailer

Von Anne-Dore

Judith Hermann sagt jedenfalls nicht “Elliß” oder “Aliiß”, sondern “Aliße”, wenn sie über ihr neues Buch spricht. Das hört man auf der Homepage des Fischerverlages, bei dem “Alice” letzten Monat erschienen ist. Und weil die Verlage mit der Internetzeit gehen, kann man unter “Multimediales” aussuchen, wie man das Buch gerne vorgestellt bekommen möchte: a) mit einer Leseprobe, b) mit einer Hörprobe und c) mit einem Videotrailer.

c gehört zu den verzichtbarsten Marketingideen unserer Zeit. Buchtrailer versuchen, ein analoges Buch in etwas Kurzes, Animiertes, Digitales umzusetzen, sie wollen zum Lesen anregen, indem sie dem Leser das Visualisieren (vor)wegnehmen. Buchtrailer sind etwas unfassbar Unnötiges.

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01 Jun

Proust und Pasteten

Von Anne-Dore

ebert61Sonntag Abend. Helene Hegemann ist in ein Taxi gestiegen. Wolfgang Müller steht auf der Bühne und singt. Einige der LAN-Veranstalter sitzen im Restaurant WAU und essen endlich mal was. Jochen Schmidt signiert, stehend, im Foyer.

Jochen Schmidt ist alle. Total alle.

Es gibt zwei Frauen, die wissen das. Katja Weber und Jessica Ebert der Kreuzberger Buchhandlung ebert und weber standen drei Abende lang am Büchertisch, am Stimmungsknotenpunkt des LAN-Festivals. Während sie zusammenpacken, was übrig ist, fassen sie zusammen, was sie nicht mehr einpacken können.

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