Alle Beiträge in: „Stadt aus Gold“

02 Aug

Brandenburger Fliegensäulenkrüppel

Von Hannes Bajohr

Es gibt Dinge, deren Vorhandensein man glaubt als einziger Mensch auf der Welt entdeckt zu haben, bis man sich die Mühe macht, mal wen anders darauf anzusprechen. Dann merkt man schnell, dass man eben nicht der einzige war, der es bemerkt hat, sondern vielmehr einer unter vielen, die glaubten, die einzigen zu sein. Den ganzen Beitrag lesen »

28 Nov

City of Gold

Von Nikolai Preuschoff

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In New York, so berichtet der BLDG-Blog, wird der Platz für Gold langsam knapp. Da sich der Gold-Preis in den letzten zehn Jahren vervierfacht habe, kaufen die Leute immer mehr der Edelmetall-Barren und horten sie — und zwar in solchen Mengen, dass der Speicherplatz in den Tresorräumen jetzt offenbar an seine Grenzen geraten ist. Von “Flotten gepanzerter Lastwagen”, berichtete das Wall Street Journal, die mit Goldbarren und Münzen beladen Midtown Manhattan verließen. Die Bank HSBC habe beschlossen, die Barren der Kleinanleger zu verlegen, um Platz für große institutionelle Kunden zu machen. Aber leichter gesagt als getan! Eine derartige Aktion, so die First Post, könne leicht in eine “militärische Operation” ausarten. “I have never seen any relocation like this,” soll der Direktor der Edelmetall-Handelsgesellschaft FideliTrade gesagt haben Den ganzen Beitrag lesen »

09 Nov

Vor 20 Jahren…

Von Nikolai Preuschoff

Trabbis Berlin… sagte unsere Grundschullehrerin, so, wir machen jetzt eine Exkursion, und wir sind dann an die Mauer gefahren. In meiner Erinnerung war es kalt, die Sonne schien, und man sah hauptsächlich Trabbis und manchmal Wartburgs mit knatternden Zweitaktmotoren durch eine winkende Menschenmenge fahren. Bei jedem Fahrzeug wurde gejubelt. Und einige reichten zur Begrüßung tatsächlich Bananen in die geöffneten Scheiben hinein. Dass dies nun das “Wunder von Berlin” war, verstanden wir damals natürlich nicht.

Der Tagesspiegel hat heute einen “Live-Blog” eingerichtet, und auf Carta fordert Tim Renner unter der Überschrift “Die Mauer muss Weg!” die Abschaffung der GEMA. Aber was machen die Literaten? Da ist z.B. Lars Gustafsson, der mit seinem heutigen Blog-Eintrag dem Tag ein schönes Motto verleiht: “Länge leve det fria Berlin!” Leider ist der Eintrag auf Schwedisch. Immerhin lernen wir von Gustafsson, der in den 70er Jahren mal in Westberlin gelebt hat, dass “Mauerfall” bzw. “Mauerbruch” auf schwedisch “murgenombrottet” heißt. Murgenombrottet. Von Volker Braun gibt es zum 9. November ein (schon älteres) Gedicht, das man sich von ihm auf lyrikline vorlesen lassen kann (es wittert neue Gefahren). Und der stets zuverlässige Literary Saloon bringt heute eine Übersicht zur englischsprachigen Mauerfall-Anthologie The Wall in my Head, die anlässlich des Jubiläums von  Words without Borders und Open Letter herausgebracht wird.

Foto: emilime

12 Jul

Kreuzberger Karma

Von goldmag

Ein Gastbeitrag von Kati Sprung

„Haste mal ’ne Kippe für mich?“

Ich sitze auf einer Bank am Kanalufer. Auf dem Schiff gegenüber wird eine Hochzeit vorbereitet. „Weine nicht, kleine Eva“ schallt es aus den Lautsprechern. Die Frau fragt oft nach Zigaretten und Geld. Ein bisschen verwahrlost sieht sie aus. Ihr Haar ist grau und strähnig, sie trägt viele Ketten und hatte früher bestimmt eine schöne Haut. Ich halte ihr den Tabakbeutel hin, sie dreht sich zittrig eine Zigarette. Den ganzen Beitrag lesen »

09 Jul

Seelenfänger

Von Nikolai Preuschoff

Schrecken des Alltags (2)

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Es war letzten Sommer, und es müssen wohl ähnlich schwüle Tage gewesen sein wie die heutigen, als sich mir beim Spazieren nahe des Urbanhafens plötzlich ein unheimlicher Anblick bot. Auch jetzt noch, ein Jahr später, weiß ich nicht, wie ich diese seltsamen Zeichen einordnen oder benennen soll, in deren Bannkreis ich geraten war. Spaziergänger, Jogger und Radfahrer haben die besagte Stelle wohl einfach passiert, ohne sich Gedanken zu machen oder auch nur das Geringste bemerkt zu haben. Wer dagegen die Kronen der Bäume aufmerksamer betrachtete, wurde unweigerlich von einem sich plötzlich Den ganzen Beitrag lesen »

01 Jul

Nichts als Lesergespenster

Von Anne-Dore

Der Berliner Autor Giwi Margwelaschwili las aus “Der Kantakt”

g_margwelaschwili_swEr beugt sich beim Lesen nach vorne und stützt sich mit den Ellbogen ab, als würde der schwere Stoff auch auf seinen Schultern liegen. “Der Kantakt”, sein jüngstes Buch, ist 800 Seiten dick, ein Wackerstein in zartgrünem Einband, der sich da vor ihm auf der Tischplatte erhebt. Ein Monument wie sein Autor.

Giwi Margwelaschwili, der Sohn eines georgischen Intellektuellen, hat 18 Jahre in Berlin gewohnt, dann wurde er vom Sowjetischen Geheimdienst nach Tiflis verschleppt. Nach über vier Jahrzehnten zog er wieder zurück in seine Sprachheimat. Margwelaschwili ist jetzt 81 Jahre alt, er wohnt im Wedding, und als er das erste Mal im Club Monarch am Kottbusser Tor stand, in dieser raumgewordenen Definition des Wortes “trashig”, hat er gesagt: “Tollen Jazzclub habt ihr hier”. Den ganzen Beitrag lesen »

07 Feb

Stadt aus Jold

Von Nikolai Preuschoff

Suhrkamp kommt!

Was wurde im Vorfeld gemunkelt und gezetert. Wie viele Argumente fielen den Frankfurt-Fans nicht ein: Tradition, Kultur, man solle sich nicht so modischen Trends beugen usw. Florian Illies, bekanntermaßen ein Freund der Provinz, besserwusste in der ZEIT, “warum Berlin keine neue Heimat für den Suhrkamp Verlag sein kann”. Völliger Quatsch. Denn es gibt doch keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, da Frankfurt von seinen maroden Banken nach unten gezogen wird, dieses sinkende Schiff zu verlassen (s. Grafik). Jetzt, so scheint es, wo das goldene Kalb des Casino-Kapitalismus entzaubert und vom Sockel gestoßen ist, kann Berlin, ohne Börse, nur mit Schulden, auf einmal wieder glänzen.

Gut, Suhrkamp wird Frankfurt nicht komplett den Rücken kehren, und in Berlin hatte der Verlag auch vorher schon eine repräsentative Dependance. Aber mal abgesehen von den guten Argumenten, die tatsächlich für Berlin sprechen, und die Ulla Unseld-Berkéwicz heute im FAZ-Interview nochmal Revue passieren lässt, gibt’s jetzt erstmal Grund zur Freude. Bittesehr, ungebrochen und lokalpatriotisch! Benjamin! Scholem! Brecht! Weiss! — allet alte Berliner! Kommen die jetze nich alle wieder nach Hause? Janz klar: die Stadt wird joldener.

Zeichnung: Nikolai Preuschoff. Zu sehen sind (von links nach rechts): Nelly Sachs, Samuel Beckett, Peter Weiss, Hermann Hesse, Walter Benjamin, Thomas Bernhard, Theodor W. Adorno

01 Feb

Sind wir nicht alle ein bisschen to go (2)?

Von Anne-Dore

coffeecup.jpgNochmal zu den Pappbechern des Alltags. Am nettesten hat das ganze to-go-Dings mal die FAZ auf den Punkt gebracht, mit einem Comic, in vier einfachen Bildern:

Bild 1: Mann geht in eine Kaffeebar
Bild 2: Mann in der Kaffeebar, Sprechblase: “Einmal Coffee to go, bitte!”
Bild 3: Mann entfernt sich von der Kaffeebar, Gesicht leicht verzogen
Bild 4: Mann entfernt sich noch weiter von der Kaffeebar, Gesicht komplett verzogen, Sprechblase: “Wenn man nur wüßte, wohin man mit dem Kaffee immer gehen soll.”

30 Jan

Sind wir nicht alle ein bisschen to go?

Von Anne-Dore

gold_cof2.jpgSeit man überall Kaffee zum Mitnehmen bekommt (jetzt nicht diese geriffelten Plastikbecher, die einem die Finger verbrennen), ist so ein Pappbecher mit Deckel zum Accessoire von Metropolenbewohnern geworden. Tasche über der Schulter, Handy am Ohr, andere Hand um den Pappbecher, das signalisiert so etwas wie: Ich bin unterwegs, ich habe zu tun, ich habe es eilig, aber ich lasse mir doch meinen Latte Macchiato nicht entgehen. Ich, mein Leben und mein Kaffee – wir sind to go.

Neulich habe ich eine Frau gesehen, die um den Hals eine silberne Kette trug, mit einem winzigen baumelnden to-go-Becher dran. Manche tragen ja auch Kreuze um den Hals.

Auch die kleinsten Bäcker und entlegensten Cafés versuchen, sich diesem Lebensgefühl zu öffnen und hängen Schilder ins Schaufenster, damit die Welt sieht, dass sie mittendrin sind:

  • Koffie to go
  • Cappuschino zum Mitnehmen
  • Latte Makkiato to go
  • Hier: Kaffée to go
  • Cafés zum Mitnehmen
  • Kaffee tu go
  • Alle Kaffees auch to goh!

Foto: cdwaldi

28 Jul

Hier ist Berlin nicht mehr in Ordnung (1)

Von Anne-Dore

italian4.jpgEs waren etwa 60 leerstehende Quadratmeter, die wir Vorbeiläufer täglich mit unseren Visionen und Hoffnungen füllen konnten. Wir warfen sie durch die schmierigen Schaufenster in den leeren Eckladen Schlesische-/ Falckensteinstraße: Ein neues Café, ein Bäcker, ein Reformhaus? Noch eine Kaffee-Bar? Schön gewesen wäre auch noch einer dieser Läden, die alles gleichzeitig sind, und zusätzlich noch selbstgemachte Marmelade, Postkarten und Haarschnitte verkaufen.

Seit einigen Tagen hängt jetzt ein neues, blendend gelbweißes Schild über dem Laden: “Subway”. Die weltweit zweitgrößte Fastfood-Kette hat sich als Trittbrettfahrer ins Fahrwasser der weltweit größten (McDonalds) gehängt und zieht still und leise in den Wrangelkiez. Die Chickenteriyakisierung wird bisher erstaunlich indifferent aufgenommen. Den ganzen Beitrag lesen »