Alle Beiträge in: „Stadt aus Gold“

28 Jul

Hier ist Berlin nicht mehr in Ordnung (1)

Von Anne-Dore

italian4.jpgEs waren etwa 60 leerstehende Quadratmeter, die wir Vorbeiläufer täglich mit unseren Visionen und Hoffnungen füllen konnten. Wir warfen sie durch die schmierigen Schaufenster in den leeren Eckladen Schlesische-/ Falckensteinstraße: Ein neues Café, ein Bäcker, ein Reformhaus? Noch eine Kaffee-Bar? Schön gewesen wäre auch noch einer dieser Läden, die alles gleichzeitig sind, und zusätzlich noch selbstgemachte Marmelade, Postkarten und Haarschnitte verkaufen.

Seit einigen Tagen hängt jetzt ein neues, blendend gelbweißes Schild über dem Laden: “Subway”. Die weltweit zweitgrößte Fastfood-Kette hat sich als Trittbrettfahrer ins Fahrwasser der weltweit größten (McDonalds) gehängt und zieht still und leise in den Wrangelkiez. Die Chickenteriyakisierung wird bisher erstaunlich indifferent aufgenommen. Den ganzen Beitrag lesen »

08 Jul

Nicht von Pappe

Von Nikolai Preuschoff

Am kommenden Sonntag stimmen die Kreuzberger und Friedrichshainer über die Zukunft ihrer Spreeufer ab. Es geht dabei um deutlich mehr als noch beim Neubau der McDonald’s-Filliale in der Wrangel Ecke Skalitzer Straße (um die sich inzwischen kein großer Geist mehr schert). Während das Regionalmanagement mediaspree e. V. argumentiert, “Uferbereiche werden erstmals für die Allgemeinheit geöffnet und erlebbar gemacht”, dämmert den Anwohnern die Horrorvision eines mit Hochhäusern, Autobrücken, Hotels, Lofts und Büroblocks zubetonierten Business-Gürtels, der sie von all dem, was ihre Wohngegend lebenswert macht, abschnüren würde. Und die Befürchtungen sind nicht unbegründet: Man braucht nur einmal an den Potsdamer Platz zu gehen, um zu verstehen, wie fehlgeleitete Stadtplanung und leichtfertiger Aufgabe öffentlichen Raums aussehen kann. Die Parole der Bebauungsplan-Gegner lautet deshalb: “Mediaspree versenken!

Den besseren Werbefilm haben sie auf jeden Fall. Er soll dem geneigten Leser hier nicht vorenthalten werden:


Mediaspree Versenken – Pappsatt from Pappsatt on Vimeo

24 Jun

»Rote Fahnen sieht man besser«

Von Nikolai Preuschoff

Fahne deutsch-tuerkisch…so erklärt es der Augenarzt in einer alten Gerhard-Seyfried-Karikatur. Ob aus dieser Erkenntnis die türkischen Fans morgen Abend Kraft ziehen können, wenn Sie im Basler Stadion, vermutlich in leichter Unterzahl, das Winkelement schwenken?

Während die einen sich noch Sorgen ob dieser sportlichen Begegnung machen (das ZDF zeigte gestern – arg pädagogisch – versöhnliche Bilder einer deutsch-türkischen Werks-Fußballmannschaft), sieht die Wirklichkeit schon ganz anders aus. Der moderne Fan nämlich schlägt sich längst mit weitaus anspruchsvolleren Problemen herum. So hatte Feridun Zaimoglu, bereits bevor die Halbfinalgegner feststanden, bekannt, »ich habe dieses Podolski-Gefühl«.

Eine zeitgemäße und in sich schlüssige Fan-Ausstattung wurde derweil in Kreuzberg entwickelt: Dort jedenfalls, am Ufer des Landwehrkanals und kurz nach Bekanntwerden der deutsch-türkischen Halbfinalbegegnung, konnte man das folgendermaßen bedruckte T-Shirt sichten (s. Abb.). Sicher ein gutes Beispiel fortschrittlichen Fahnen-Mergings, dem weite Verbreitung zu wünschen ist!

15 Jun

Bezirksporträt mit zeithistorischen Allüren

Von Nikolai Preuschoff

HannemannRückblickend auf die jüngste Berliner Stadtentwicklung wird man vielleicht einmal sagen: “Und dann war Neukölln offen”. Der einst schützende Mythos vom Junkie- und Assi-Bezirk taugte nur noch als netter Witz, und die lange jede “Gentrifizierung” abwehrenden Wälle entlang des Maybachufers und Kottbusser Damms jagten bald niemanden mehr Ehrfurcht ein; spätestens seit das Unwort von “Kreuzkölln” die Runde machte. Gierig und von allen Seiten stürzten sie sich auf den einst so hermetischen Sonderbezirk, der trotz oder gerade wegen Rütli, Kampfhunddichte und Hasenheide plötzlich zum “aufregendsten Bezirk der Hauptstadt” geworden war.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, der Prenzlauer Berg war gerade neu verteilt und Friedrichshain mitten im Umbruch, da war ein beliebtes Kneipengespräch, über die Chancen von Neukölln vs. Wedding als nächster sogenannter “In-Bezirk” zu spekulieren. Zahlreiche Studenten konnten sich seitdem im Wedding günstig einmieten, Künstler bekamen riesige Ateliers zum Nebenkostenpreis, und auch das GOLDliteraturmagazin betrieb seinerzeit ja, im Verbund mit der Kolonie Wedding, einen Veranstaltungsraum, der junge, schöne, literarisch interessierte Menschen gen Nordwesten, in die Prinzenallee lockte.

Den ganzen Beitrag lesen »

05 Nov

Der Knotenpunkt der schlechten Laune

Von Anne-Dore

bvg2.jpgBerlins Knotenpunkt der schlechten Laune liegt am U-Bahnhof Kleistpark. Oben, am Ausgang Grunewaldstr./Potsdamer Str., in einem Gebäude der BVG hinter hohem Zaun, bündeln sich die obermiesen Stimmungen zweier Gruppen.

Die einen sind die Schwarzfahrer oder die vermeintlichen Schwarzfahrer, sie zahlen 40 Euro “erhöhtes Beförderungsentgelt” oder sieben Euro dafür, dass sie ihr Ticket nicht dabei hatten. Sie, die schon anderen Fahrgästen vorgeführt wurden (“So, dann steigen wir jetzt ma aus!”) müssen zum Kleistpark. Alle. Egal ob sie in Pankow oder Spandau wohnen. Sie müssen Nummern ziehen wie an der Fleischtheke. Auf unbequemen Plastikstühlen warten. Sich von BVG-Menschen hinter Plastikglas Satzteile ohne “Bitte” und ohne Lächeln und ohne irgend etwas außer Verachtung anhören. Satzteile wie “Sieben Euro. Aber passend” oder einfach nur: “Personalausweis!” Den ganzen Beitrag lesen »

11 Sep

Nag am Arm vom U-Bahn-Plan

Von Elena

Wer den Berliner S+U-Bahn-Plan bereits auswendig beherrscht, für den gibt es neue Unterhaltung beim Ruckelzugfahren: Die Anagramm-Version des guten alten BVG-Planes erstellt.

Abwassers Edler Rest versus Sachse hellrot. Wohnst Du noch in Rasta Crew’s Ruh oder lebst Du schon am Oberwulst? Lustiges Stationenraten macht wieder Sinn. Und ein Kiez-Battle wird zur DADA-Ballade.

Bild: Benny Nero

11 Aug

Sehen und sehen lassen

Von Nikolai Preuschoff

SehtestUm die Qualität einer klassischen 1A Sehhilfe wissen in Zeiten der Kontaktlinse und der Augenoperation immer weniger. Dagegen nimmt die Zahl jener, die mit XL-Einglassonnenbrillen herumlaufen, welche viel mit Stilverirrung, wenig aber mit Optikerkunst zu tun haben, beständig zu. Notwendig wird es da immer schwieriger, einen seriösen, die Feinmechanik des Brillenhandwerks beherrschenden Optiker zu finden, der um das Rätsel des menschlichen Auges weiß, und an den wir uns deshalb vertrauensvoll wenden können.

Doch noch kann aufgeatmet werden. Am Kottbusser Damm, wo vor kurzem diese Aufnahme entstanden ist, hat es den Augenschein, gibt es ihn noch, den Augenoptikermeister alter Schule, den freundlich-seriösen Onkel, der die neue Sehhilfe per Hand – “sehen Sie mal Fräulein, es geht doch” – und nicht ohne Lokalpatriotismus, vor einer gerahmten Karte Berlins, anpasst.

Foto: Nikolai Preuschoff

22 Jul

Hier ist Berlin noch in Ordnung (1): Die Wartehalle am ZOB

Von Nikolai Preuschoff

berliner zobAn der äußersten westlichen Peripherie Berlins, nahe des Funkturms (oder “Funktürmchens“) betrat ich letztens die Wartehalle des ZOB, des so genannten “Zentralen” Omnibus-Bahnhofs, ein architektonisches, kaum mehr beachtetes Relikt aus den 60er Jahren.
Dem Besucher fällt die Komposition aus Glas und warmen Gelbtönen sogleich angenehm ins Auge. Dabei verdient, unterhalb des Fensterbandes von Abfertigungsschaltern, eine Reihe formschöner Kunstoffmodule, die an Sitzbänke von Playmobil-Fahrzeugen erinnern, besondere Aufmerksamkeit. Oberhalb der Schalterfenster ist die Beschriftung etwas bürokratisch, aber klar, charaktervoll und wie handgeklebt die Typografie.

Es ist morgens um sieben, vor den zwei Abfertigungsschaltern haben sich lange Schlangen gebildet. Die Wartenden am hinteren Ende, viele davon Senioren, sind, obgleich es durchaus voran geht, hochgradig nervös. Sie wollen nach Braunschweig, Lüneburg, Frankfurt, zu einer Hochzeit, die Enkelkinder besuchen. Der Schalter “Auskunft” ist nicht besetzt, dezent schließen ihn die Lamellen eines Sichtvorhangs. Neben an, bei der “Verkehrsleitung”, ist vorsichtshalber ein mit Farbtintenstrahldrucker improvisierter Hinweis angebracht: “Hier keine Tickets”. Dafür flackern über die erst kürzlich montierten Anzeigetafeln die Abfahrtzeiten und Zielorte: Hamburg, Bremen, Eckernförde. Die Abfahrten finden pünktlich statt, penibel wird unterwegs jede Kleinstadt abgeklappert, und die Preise sind, noch fast, wie aus der Vorwendezeit.

Foto: Nikolai Preuschoff

22 Mai

Was der Touri so liest

Von Nikolai Preuschoff

i wie ick bin touriÜber den letzten Winter mit seinen milden Temperaturen, niedrigen Heizkostenrechnungen, Arbeitslosenzahlen usw. ist ja schon viel geschrieben worden. Nicht aber über seine Touristen. Touristen? Ja, denn die strömen nicht nur immer zahlreicher, sondern in diesem Jahr auch deutlich früher nach Berlin. Daraus soll jetzt keine neue Bauernregel abgeleitet werden (“Kommt der Touri schon im Märzen, war der Winter zu verschmerzen”). Aber man fragt sich doch, was die Besucher so in die Stadt zieht. Also z.B., was sie über Berlin so lesen. Oder lesen müssen.

Entspricht die Erwartungshaltung des durchschnittlichen Berlin-Touristen dem, was er vorab so im Netz finden konnte, wären die hohen Besucherzahlen in der Tat ein Phänomen. Denn die Beschreibungen der einschlägigen Seiten sagen über Berlin in etwa so viel aus wie der Möbel-Hübner-Prospekt.

Den ganzen Beitrag lesen »

27 Okt

AutoZusammenfassen

Von Vanessa

Die letzte Zeit habe ich leider hauptsächlich am Schreibtisch verbracht, weil ich mich mal wieder durch Verdrängung verschiedener Aufgaben in eine gewisse Zeitnot gebracht hatte. Deshalb habe ich nur von Abenteuern zu berichten, die ich innerhalb meines Computers erlebt habe. Eins davon möchte ich trotzdem teilen.Es ist ja so, dass jeder, der dringend etwas Wichtiges zu arbeiten hat, irgendein Ablenkungsprogramm absolviert. Blumengießen. Fensterputzen. Sudokus lösen. Exfreunde googeln. Den ganzen Beitrag lesen »