Alle Beiträge in: „Stadt aus Gold“

29 Sep

Neue Perspektiven

Von Nikolai Preuschoff

»Wenn man nicht mehr weiter weiß, hört man einfach auf«, hat Konrad Bayer, der tragische Held der Wiener Gruppe, einmal gesagt. Das ist ein klasse Spruch, weil er dem Hoffnungslosen suggeriert, dass das Aufhören eine leichte Sache sei. Als Alternative gibt es meistens nur eins: Man sucht und entdeckt schließlich – eine neue Perspektive.
Eine von diesen neuen Perspektiven gab es vor einigen Tagen auf der Titelseite der Bildzeitung zu sehen: Ein Foto des Managers Klaus Kleinfeld, ungewöhnlich so von unten aufgenommen, dass Bauchansatz und Doppelkinn des sonst schlank wirkenden Sanierers deutlich hervortreten. Und das passte hervorragend zur Schlagzeile: 30% mehr Gehalt hat der „Boss“ sich und seinen Vorstandskollegen genehmigt. Den ganzen Beitrag lesen »

14 Aug

There’s no business like show business

Von Elena

(Liebe Leserinnen und Leser. Aus gegebenem Anlass findet die Kolumne “Stadt aus Gold” heute in englischer Sprache statt. Für unser ungeschliffenes Englisch möchten wir uns bei den native speakers entschuldigen. Wer die Kolumne ohnehin lieber auf Deutsch lesen möchte, findet untenstehend eine Übersetzung.)I do like Americans. They are amazing people. One of them sat next to me in the subway. He was quite young, had an astonishing self-esteem, an interesting haircut, Converse Chucks on and two sticks in his hands with which he demonstrated his astounding ability as a drummer. He was American, and so his favourite word was ‘amazing’. Den ganzen Beitrag lesen »

05 Aug

Alte Meister

Von Hannes Becker

Ich werde so tun, als könnte ich es mir leisten. Ich werde was übers Wetter erzählen: Das ist aktuell und interessiert viele, im Moment. Ich erinnere mich noch, wie mein alter Freund Björn zu mir sagte – es war wohl Anfang Juni und regnete seit Tagen: „Mit dem Sommer wird es nichts mehr. Noch ein paar heiße Tage, dann fängt es wieder an zu regnen und wir haben Herbst.“ Den ganzen Beitrag lesen »

31 Jul

Der Weltmeisterbrötchen-Blues

Von Anne-Dore

… ist wieder vorbei: Mein Bäcker darf seine Brötchen endlich wieder beim Namen nennen. Die ganze WM lang hab ich den Blues geschoben, weil die Fifa alles verboten hat, was Weltmeister hieß. Auch die Brötchen. Mein Bäcker hat ein Pappschild aufstellen müssen, auf dem er die Brötchen mit dickem Edding-Strich zu “Meister-Brötchen” umtaufte.

Dabei sind Weltmeister-Brötchen die einzigen, die diesen Namen verdienen: Die Sonnenblumen-, Sesam- und Mohnkörner kleben nicht nur oben drauf, sondern auch untendrunter. Und das unterscheidet sie von Heerscharen anderer Brötchen: Ihre untere Hälfte ist ebenso begehrenswert wie die obere.

Aus Ärger, erzählt mein Bäcker mir, hätte er sie fast in “Italien” umgetauft. Aber nach einigem Nachdenken hat er nun doch vor den Meister wieder die Welt gesetzt.

26 Jul

Musik und Gewalt

Von Florian

Und noch eine kurze Episode aus den öffentlichen Verkehrsmitteln: Er saß mir gegenüber, bullig, breitnackig, wirklich finster, und sein kurzärmliges Hemd gewährte Aussicht auf seine beeindruckenden Unterarme: Auf ihnen je eine blankbrüstige Blondine sowie seine beiden Lebensmottos. Links: “Keine Frau ist so schön wie die Freiheit”, rechts: “Gewalt ist die Sprache, die jeder versteht”. Es gab gute Gründe, in diesem Moment lieber nicht aufzustehen und zu sagen, “Nein, mein Herr, da liegen sie ganz falsch: Nicht die Gewalt ist es, sondern die Musik!” – doch wenig später gingen die Türen auf und herein kamen zwei Männer mit Geige und Gitarre und machten mächtig Dampf. Trotz der Höllenhitze spielten sie über zwei Stationen lang, und wenn die Fahrgäste von den Temperaturen nicht so geschwächt gewesen wären, sie hätten laut applaudiert.

05 Jul

Schlagwort

Von Vanessa

Es ist ein kleines bisschen schwierig, hier nicht die dritte Kolumne über Fußball zu schreiben. In einer Zeit, wo beispielsweise „zum Sport gehen“ seine Bedeutung fast ins Gegenteil gekehrt hat und jetzt „Fernsehen und Biertrinken“ bedeutet. Ein relativ aussichtsloser Versuch, an etwas anderes zu denken, während die Kinder unten im Hof ihr Spiel unterbrechen, weil eins lautstark „Mannschaftsbesprechung!“ fordert und ein anderes „Teamgeist. Teamgeist!!!“ kräht. Es bedeutet eine ernsthafte Anstrengung, sich zu erinnern, was sonst noch so gerade stattfindet, schon ist sie da, die erste falsche Fährte: Ronaldo findet da vorne gar nicht statt. Das ist Beckmann-Deutsch. Den ganzen Beitrag lesen »

21 Jun

Das hässliche Fähnlein

Von Nikolai Preuschoff

Nein, nicht um Fußball soll es in dieser Kolumne gehen, auch nicht um das offiziellen WM-Maskottchen, das sich eigentlich schon deshalb eine Kolumne verdient hätte, weil niemand mehr spricht über diesen – wie hieß er noch gleich? – »Goleo«. Viel auffälliger, ja unübersehbar ist ja dieser Tage das Produkt, das die Fans mit sich führen, das selbst in den Feuilletons für einiges Aufheben sorgt und unter dem alles nun langsam zu versinken droht. Richtig, die Deutschlandfahne ist gemeint. In Form von Millionen Papier-Wimpelchen, Kunststoff-Fähnchen, aufblasbaren Würsten und großen Hänge-Tüchern ist sie – made in China – buchstäblich aus heiterem Himmel über uns gekommen, und alle empfangen sie wie ein neues Manna. Man steckt und spannt sie auf, man bindet sie sich um die Hüften, man malt sie sich auf die Backen und hisst und hängt sie aus dem Auto und vom Balkon. Den ganzen Beitrag lesen »

16 Jun

Ghettoblaster

Von Florian

Ich habe in letzter Zeit öfters einen Tagtraum: Ich stelle mir vor, ich gehe zum Flohmarkt in der Arena Treptow, um mir einen Kassettenrecorder zu kaufen. Nicht so einen für die Stereoanlage, sondern einen richtigen Ghettoblaster – einen, wie man ihn bei Mediamarkt oder Saturn schon lange nicht mehr bekommen kann. Den ganzen Beitrag lesen »

29 Mai

Football, votre amour

Von Elena

Alles ist Fußball und wo kein Fußball war, wird Fußball werden – das habe jetzt auch ich verstanden. Denn kürzlich wurde Fußball, wo ich ihn nicht vermutet hatte. Ja, es gibt 2006 natürlich jede Menge Fußballbücher – der Verlag der Süddeuschen Zeitung gibt ein kanonisches “Fußball unser” heraus, Ludwig Harig drechselt in “Die Wahrheit ist auf dem Platz” Fußballsonette und des alten Recken Ror Wolf Fußballhörspiele wurden gesammelt ins Buchhandelsregal geschubert. Ganz offenbar will eine fußball-affine geistige Elite nicht am Spielfeldrand stehen bleiben. Sie organisiert allerorten Fußball-Lesungen, -Inszenierungen und -Symposien, besetzt mit prominenten Rundleder-Literaten wie Péter Esterházy, Tim Parks und Feridun Zaimoglu. Gesponsert durch den Kulturfonds des DFB: Gute Zeiten für die Rasenpoesie. Selbst die taz bemüht sich zu verstehen, wie das mit dem Fußball und den Intellektuellen kam: “Wie ich lernte, Oliver Kahn zu lieben”, eine Serie zum Spiel. Den ganzen Beitrag lesen »

25 Apr

Vorsätzlich fahrlässig

Von Nikolai Preuschoff

Es gibt Leute, die gehen wirklich fahrlässig mit ihren Sachen um. Sie lassen ihr Fahrrad unangeschlossen vor dem Bäcker stehen, ihren Koffer unbeaufsichtigt am anderen Ende des Zugabteils oder ihr Notebook unangeschlossen in der Bibliothek. Meistens haben sie dann unerhörtes Glück, und es wird ihnen tatsächlich überhaupt nie etwas gestohlen.Es sind Leute, die gewissermaßen an das Gute im Menschen glauben. Eine Bekannte von mir zum Beispiel fuhr monatelang mit ihrem alten Fahrrad durch Berlin, ohne es jemals anzuschließen. Sie hatte lediglich einen Zettel angebracht, auf dem stand: „Bitte nicht klauen, ich habe kein Geld für ein Schloss”. Und es hat funktioniert.

Trotzdem gehören die meisten Menschen wohl zu den Normalvorsichtigen. Sie schließen ihr Fahrrad ab, achten auf ihren Koffer in der Bahn und haben ihr Notebook immer unter der Achsel klemmen. Eventuell haben sie auch eine Haftpflichtversicherung. Oder sie haben irgendwo noch eine Hausratsversicherung, beziehungsweise denken sie das, und wenn dann doch mal eingebrochen oder das Fahrrad vorm Bäcker oder das Notebook in der Bibliothek gestohlen wird – was in Berlin ja häufiger vorkommt – ist die Versicherung leider unnütz oder abgelaufen.

Dann ärgern sich die Normalvorsichtigen, und das mit Recht: schließlich waren sie ja nicht absolut unvorsichtig. Sie hatten ja eine Versicherung. Oder sie waren ja nur zwei Minuten beim Bäcker oder den Müll runterbringen oder auf dem Klo in der Bibliothek. Aber das bisschen Vorsicht hat leider nichts genützt und das Schicksal mit voller Wucht auf die Achillesferse geschlagen. Weshalb sie im Grunde genommen auch gleich total unvorsichtig hätten sein können.

Aber man muss deshalb nicht zwangsläufig zum total Unvorsichtigen werden. Es gibt ja noch die Übervorsichtigen. Die, die das Böse sozusagen hinter jeder Bäckerei und in jedem Zugabteil wittern. Einige sind so vorsichtig, weil bei ihnen mal eingebrochen worden ist, als sie noch klein waren. Andere sind ganz grundsätzlich paranoid. Diese Menschen jedenfalls schließen ihre Wohnungstür mehrmals von innen ab. Sie bringen ein oder zwei zusätzliche Schlösser an. Sie haben Versicherungen, Alarmanlagen, bergeweise Sicherheitskopien auf dem Dachboden, im Keller und bei ihren Eltern. Und sie haben Überwachungskameras montiert, im Flur und auf dem Balkon im ersten Stock.

Ein anderer Bekannter wollte seine kaputte Waschmaschine loswerden. Ohne viel Aufhebens zu machen, stellte er sie am helllichten Tag vor seine Haustür. Auch er befestigte einen Zettel, auf dem stand: „Bitte stehen lassen – ich ziehe um”. Innerhalb von fünf Minuten war die Waschmaschine verschwunden. Auch das hat funktioniert.