Neues aus der Reihe: Bücher im Digitalen Zeitalter
In Wahrheit ist das Medium Buch ja noch lange nicht ausgereizt. Das obige Beispiel stammt aus dem französischen Verlagshaus éditions volumiques, das sich die Erforschung neuer Buchformen unter Berücksichtigung der Technologien des Digitalen Zeitalters zur Aufgabe gemacht hat.
Das Besondere an diesem Prototyp eines Buches ist seine sich beim Lesen ergebende, labyrinthische Struktur: Aus jeder neuen Seite ergeben sich drei Möglichkeiten, insgesamt gibt es, sagen sie, 3 hoch 6 = 729 Varianten.
Andere Ideen der éditions volumiques umfassen ein Buch, das nach dem Öffnen unlesbar wird, und eines, das von alleine umblättern kann.
Nagut, man könnte jetzt diskutieren, ob die Gedichte von Lorine Niedecker und Emily Dickinson, die Bill Murray dem guten Dutzend verblüffter Bauarbeiter im Rohbau des Poet’s House in Manhattan, Battery Park, vorträgt, strenggenommen tatsächlich in die Kategorie “Arbeiterliteratur” fallen. ABER: Sieht es nicht verdammt nach Arbeiterliteratur aus? Und schafft es der unübertreffliche Murray nicht am Ende, den zunächst abweisenden Gesichtern der Arbeiter ein Zeichen der Zustimmung zu entlocken? (Jedenfalls suggeriert die Kamera das.)
Vor knapp zwei Wochen saß ich unvermittelt in London fest. Die Britischen Inseln liegen ja sozusagen in direkter Nachbarschaft zu Island und so auch in der Einflugschneise der Aschewolken Eyjafjallajökulls, dem bekanntlich gerade “auszubrechen” beliebte. Obgleich ich den Flug am Folgetag von einem leeren Luton Airport problemlos antreten konnte, waren diese geheimnisvollen, von der Erde aus unsichtbaren Wolken natürlich aufregend. Zumal sich die Prognosen gleichsam im Stunden- oder Minutentakt widersprachen und so die einen vor übertriebener Hysterie warnten, während die anderen bereits ein düsteres Panorama für die kommenden Wochend und Monate ausmalten. Inzwischen hat die Ölpest vor der US-amerikanischen Küste den Vulkan mit dem archaischen Namen aus den Nachrichten verdrängt. Das ist schade, denn irgendwie war ich gerade dabei, mich mit ihm anzufreunden. Hierzu, und wie immer zu anderen literarischen Dingen, ein paar neue Links:
Mehr vom Eyjafjallajökull! — wem es ähnlich geht, wer also die Vulkan-Berichterstattung vermisst, der kann hier (auf boston.com) einige großformatige Bilder des Gletscherberges mit einer 800 000 Jahre alten “Eruptionsgeschichte” bewundern. Auch das Flickr-Album von michi_s, aus dem auch das obige Foto stammt, ist spektakulär und sehenswert! * Update 3.5. 2010: The Oatmeal, “How to name a volcano”
A Journey Round My Skull — “Unhealthy book fetishism from a reader, collector, and amateur historian of forgotten literature” gibt es hier zu bestaunen, “recent obsessions: illustration and graphic design”. Die ausgestellten Grafiken sehen zum Teil tatsächlich schrecklich oder zumindest gewöhnungsbedürftig aus, wobei man mit solch subjektiven Werturteilen ja immer vorsichtig sein sollte. Dennoch und gerade deswegen ist die Seite zu empfehlen! Speziell auch (um das einleitend angerissene Asche-Motiv wiederaufzugreifen): der kürzlich erschienene Blogpost Nicotine Chic: Writers as Smokers vom Gastautoren Gilbert Alter-Gilbert, illustriert mit zahlreichen Schwarz-Weiss-Portraitaufnahmen.
Letters of Note — ein wirklich herausragender Blog, eine “Perle” unter den literarischen Blogs, wenn man so will, auf den hier schon längst hätte hingewiesen werden sollen! Im Digitalen Zeitalter werden hier Briefe (zumeist) berühmterer Verfasser ausgestellt — der reinste Reliquienschrein also einer vom Aussterben bedrohten Kulturtechnik. Z.B. Albert Einstein am 25. 10. 1950 an Morton Berkowitz: “My position concerning God is that of an agnostic.”
Don Draper’s Bookshelf — Kenner der US-Serie Mad Men wissen um die historisch-genaue und detailverliebte 60er Jahre-Ausstattung der AMC-Produktion, für deren vierte Staffel die Dreharbeiten im April wieder angelaufen sind. Der New York-Magazine-Blog Vulture hat vor einiger Zeit das Buchprogramm des Protagonisten unter die Lupe genommen.
seenreading.com — in der U-Bahn auf das Buch des Nachbarn schielen und evtl. ein paar Zeilen mitlesen — jaja, das kennt man (war übrigens auch schon mal eine Artikel-Idee für goldmag.de). Julie Wilsons “literary voyeurism blog” basiert auf dieser Idee (wenn diese inzwischen auch inmitten zahlreicher Podcasts etwas untergeht). goldmag empfiehlt daher vor allem einen Blick die Archive.
Eine Anthologie baut Brücken in die jüngere Vergangenheit
Kinder, wie die Zeit vergeht! Neunzehnhundertneunundneunzig: Deutschland wird von Basta!-Kanzler Gerhard Schröder und den Grünen regiert; in den USA legt sich langsam die Aufregung um einen Fleck auf Frau Lewinskys Kleid; die später sogenannten »westlichen Werte« scheren sich einen Dreck um die Taliban, weil die Twin Towers noch stehen und Terrorismus überhaupt allerhöchstens ein tschetschenisch-russisches Problem ist. Musik wird im Geschäft gekauft oder illegal bei Napster runtergeladen, an WLAN und YouTube ist noch nicht zu denken, zu Google gibt es Alternativen. Erinnert sich jemand? Den ganzen Beitrag lesen »
Die Stärke des ZDF-Event-Zweiteilers „Dr. Hope“, der heute Abend zum Abschluss kam, liegt in den Dialogen. Das dazwischen ist eigentlich nicht so wichtig. Wichtig ist, dass man sich die Dialoge merkt, denn sie sind dem wahren Leben entnommen und können auch im wahren Leben ihre volle Entfaltung finden, wenn man sie dort gut zu plazieren versteht. Dazu hier eine repräsentative Auswahl der wichtigsten gesprochenen Sätze für diejenigen, die nicht live dabei sein konnten.
Otto und Carl gehen in den Bergen wandern, nachdem Otto Carl zusammen mit Hope gesehen hat.
Carl: „Das Wetter sieht mir unstet aus.“ Otto: „Wie das Herz einer Frau.“
Otto: „Bereit?“ Carl: „So bereit wie ich je sein werde.“
Otto: „Sie ist meine Frau. Ich würde für sie töten.“ Carl: „Und ich würde für sie sterben.“ Den ganzen Beitrag lesen »
Liebe Filmfreundinnen und liebe Filmfreunde! Die folgende Filmnacherzählung des ZDF-Zweiteilers „Dr. Hope – Eine Frau gibt nicht auf“ ist nicht nur für Frauen gedacht. Im Gegenteil, es geht die Männer genausoviel an, was damals geschehen ist. Denn es ist alles wahr, und die wahren Geschichten sind immer noch die besten.
England, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vater Bridges stirbt an Tuberkulose. Er gibt seiner Tochter Hope etwas mit auf den Weg: „In deinem Namen liegt Hoffnung“, sagt er. Mutter Bridges überlegt: „Hier in England gibt es nur Mitleid für uns. Wir gehen nach Deutschland.“ Hope: „Nach Deutschland?“ Mutter: „Ja.“ Den ganzen Beitrag lesen »
Neues aus der Reihe: Bücher im Digitalen Zeitalter
In der kunsthistorischen Kategorie der Akkumulation gibt es sicher interessantere Dinge, die man anhäufen kann: Uhren z.B. oder Rasierapparate. Bücher hingegen hat man ja schon immer irgendwie angehäuft und gestapelt.
Etwas Besonderes gibt es dennoch am Bücherturm, der vor einiger Zeit in der Kreuzberger Graefestraße aufgetaucht ist: Neben dem Umstand, dass die wacklig aussehende Konstruktion noch nicht umgefallen ist — steht er im Freien. Das wirft Fragen auf (was ein gutes Kunstwerk ja auszeichnet), Fragen, wie sie uns hier in der Reihe “Bücher im Digitalen Zeitalter” beschäftigen.
„Sie schläft ist Dietmar Daths bisher persönlichstes Werk“, schrieb der Rezensent. Das war gleich doppelt behämmert; einmal so für sich genommen als unsägliche Floskel und dann auch literaturdings, theoretisch. Es war schließlich auch nach der Revolution am Ende der Geschichte nicht de rigeur, die Person des Autors in die Werkbetrachtung mit einzubeziehen. Im Gegenteil, heute weniger denn je. Müde ironischer Realismus stand im Tausendjahresplan, immer von Bedeutung, nie von Konsequenz, razinkel, razunkel, razoing.
Aber da war der Dath ja immer ein unsicherer Kandidat gewesen. Hatte auf den letzten Metern der Geschichte noch rumgemöhrt von wegen Marxismus und Heavy Metal, und dann, als die neu vereinten Sozial-Liberal-Christbaumgrünen die Revolution über die Bühne gebracht hatten, war’s ihm auch wieder nicht recht gewesen. Hatte sich sang- und klanglos abgesetzt, in Alaska Militäreinrichtungen gekapert, sich genetisch zum Nasenbären aufpimpen lassen und zwischen Orgien in Israel und Kunstgemache im Kammerflimmer-Land auf irgendwie alles geschimpft.
Und jetzt das neue Buch: Überraschung, ganz anders. Der bekannte Dath-Sound, okay. Aber fast von Anfang an war es ein überaus komisches Buch, Den ganzen Beitrag lesen »
Im “Forum” der heute zu Ende gegangenen Berlinale lief die Neuverfilmung eines Klassikers der japanischen Arbeiterliteratur: Takiji Kobayashis Krabbenfischer, von 1929.
Wie oft passiert das schon: Ein Buch wird zum Bestseller, 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung. So geschehen mit Takiji Kobayashis Kanikōsen (dt.: Krabbenfischer). In der grassierenden Wirtschaftskrise des Jahres 2008 war Kobayashis Revolutions-Parabel plötzlich so gefragt wie nie. Mit ausgelöst hatte das späte Revival ein Artikel in der Mainichi Shimbun vom 9. Januar 2008, der Kobayashis Aktualität beschwor. Etliche Medien zogen nach, und so wurde ein regelrechter “Kanikōsen-Boom” ausgelöst. (Vgl. hier.) Bis Mitte 2008 musste die Shinchosha Publishing Company daraufhin unerhörte 50000 Exemplare der Krabbenfischer nachdrucken, um der Nachfrage gerecht zu werden.
Dieser Erfolgsgeschichte, die sich selbst liest wie eine kleine Revolution, trägt nun eine Neuverfilmung von Kanikōsen Rechnung. Nachdem der Roman erstmals 1953 verfilmt und 2006 eine Manga-Version publiziert wurde, stellte Regisseur Hiroyuki Tanaka, genannt Sabu, seine Version Anfang der Woche im “Forum” der diesjährigen Berlinale vor. (Ein kurzer Trailer findet sich hier.)
Die somit nun in Berlin angelangte Ereigniskette tangiert unmittelbar eine vor kurzem auf Gold aufgeworfene Frage: Ob in Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise und der stetigen Abnahme klassischer Arbeit wir nicht eine neue Arbeiterliteratur bräuchten, und wenn ja, wie diese aussehen und welche Formen diese annehmen könnte. In Japan scheint diese Frage bereits beantwortet: Den ganzen Beitrag lesen »
„Strobo“-Verleger Frank Maleu im Interview bei Spreeblick
Beim Lesen sind mir zwei Sachen aufgefallen: Frank Maleu ist alles in allem sehr entspannt und würde gerne „die Kirche im Dorf lassen“. Und Hegemann verzieht sich nicht reuig in die Ecke, sondern verteidigt recht selbstbewusst, warum ihre Art, mit anderer Leute Texten umzugehen, für sie selbstverständlich ist (von der fehlenden Quellenangabe einmal abgesehen):
Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, so ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.
Sollten die beiden Parteien das Thema ohne Anwalt, Textschwärzungen und böse Worte regeln, wäre das ein auffälliger Kontrast zur laufenden Urheberrechtsdebatte, wo manche am liebsten die Verwendung jedes Halbsatzes mit einem Aktenzeichen versehen würden.