Es ist alles eine Frage der Größe. Zweier Größen, um genau zu sein. Ob ein ganzes Werk – und ein richtiges ›Werk‹ muss es schon sein – auf eine einzige Seite passt, hängt von der Größe des Papiers ab, auf das man es druckt. Und von der Schriftgröße. Das Papier sollte dabei natürlich nicht unhandlich groß und die Schrift nicht unleserlich klein werden. Geht das?
Diese Frage stellte sich der Grafiker Ian Warner von blotto design. Er druckte den Ulysses von James Joyce (1040 Seiten in der Ausgabe von Penguin Classics) auf ein Papier und hängte es in seinem Büro an die Wand. Das Ergebnis war ein grauer Block. Den ganzen Beitrag lesen »
Im letzten Jahr erschien bei Suhrkamp ein kleines Buch des Literaturwissenschaflters Franco Moretti. InKurven, Karten, Stammbäume. Abstrakte Modelle für die Literaturgeschichte fordert er eine Literaturgeschichte, die nicht einzelne Werke in den Blick nimmt, sondern »die reale Vielfalt an literarischen Texten bewußt reduziert [...] und auf einer abstrakteren Ebene verhandelt«. Moretti nennt das Distant Reading und will die Literaturgeschichte methodisch und inhaltlich an die Sozialgeschichte annähern.
Als Moretti an seinem Buch schrieb (die amerikanische Originalausgabe erschien 2005), wusste er vermutlich noch gar nicht, was zeitgleich in den Google Labs ausgeheckt wurde. Eher nebenbei nämlich stellten die Entwickler letzte Woche Google ngram vor. Den ganzen Beitrag lesen »
Das erste Fischgedicht hat Arezu Weitholz im Urlaub über eine Forelle mit Delle geschrieben, um ihre Mutter zum Lachen zu bringen. Wahrscheinlich mit Erfolg. Weitholz begann also, jeden Freitag ein Fischgedicht zu schreiben und per E-Mail an ihre Freunde zu verschicken. Die Gedichte waren so beliebt, dass Weitholz sie Anfang dieses Jahres veröffentlichte (Mein lieber Fisch, weissbooks 2010). Das Buch ist mittlerweile vergriffen und soll bald in zweiter Auflage erscheinen. Pünktlich zum Weihnachtsfest legt Weitholz nun mit Merry Fishmas 44 neue Fischgedichte vor. Dazu gibt es Zeichnungen der Autorin. Der schmale Band ähnelt dem Fisch-Debüt in Inhalt und Gestaltung – nur dass Merry Fishmas in Gegensatz zum Vorgängerband nun in weihnachtlichem Rot daherkommt. Den ganzen Beitrag lesen »
Wir müssen reden. Über Sex. Und zwar schnell, bevor ein neuer Jugendmedienschutz-Staatsvertrag die deutsche Bloglandschaft in einen Schilderwald mit lauter Altersbeschränkungen verwandelt.
In der letzten Woche hat Rowan Somerville den ›Bad Sex in Fiction Award‹ bekommen, den das Literary Review in London alljährlich verleiht. (Diese Preisverleihung ist so ziemlich das Einzige, mit dem die Zeitschrift auf sich aufmerksam macht.) Nach der Verleihung wird in Großbritannien immer wieder über Sex in der Literatur diskutiert. Das sollten wir auch tun! Den ganzen Beitrag lesen »
In Schöner Irrsinn. Die Ahnung von der Unvollkommenheit verbrät Felix Wetzel die Welt und wird dabei nicht zufriedener.
Ein bisschen Hegel, ein bisschen Bibel, und schon lassen sich erstaunliche Parallelen zwischen Wissen und Essen ziehen. So hat es der Philosoph und Theologe Rubem Alves gemacht. Essen und Wissen sind für ihn beides Resultate des Hungers. Dementsprechend sind Ideen Rohkost, die durchdacht, zubereitet und verdaut werden muss. Die Welt ist da, um als Bankett angerichtet und verzehrt zu werden. Der Dichterin und Schriftstellerin kommt in diesem Bild die Rolle der Köchin zu.
Wie Alves macht es auch Felix Wetzel. Er lebt in Berlin und nicht wenige seiner Erzählungen aus Schöner Irrsinn. Die Ahnung der Unvollkommenheit spielen zwischen den Bratwurstständen am Alexanderplatz und einer Küche, die vermutlich nicht weit ab von der M2 liegt, die den Prenzlauer Berg hinaufkriecht. Von dem Leben, das sich vor seinen Augen abspielt, schneidet Felix Wetzel Scheiben für sein literarisches Bankett ab. Den ganzen Beitrag lesen »
Nicht auf alle Preise kann man stolz sein. Der irische Autor Rowan Somerville hat heute so einen Preis bekommen. Er ist der Sieger des Wettbewerbes um den »Bad Sex in Fiction Award«, den die Literary Review aus London jedes Jahr verleiht. Verdient hat er sich diesen Preis mit unpassender Insektenmetaphorik in seinem Roman The Shape of Her. Besonders beeindruckt zeigten sich die Juroren von einer Passage aus dem Buch, die Sex mit einem Schmetterlingsforscher verglich, der ein hartschaliges Insekt aufsteckt (»a lepidopterist mounting a tough-skinned insect«).
Somerville setzt sich damit durchaus gegen namhafte Konkurrenz durch. Nominiert für den Preis war unter anderem auch Jonathan Franzens viel gefeierter Roman Freiheit.
Der »Bad Sex in Fiction Award«, der zu allerlei Freud’schen Verschreibern einlädt, wird seit 1993 vergeben, um auf den angeblich groben, geschmacklosen und häufig lieblosen Gebrauch von Sexszenen in zeitgenössischen Romanen hinzuweisen. Preisträger im letzten Jahr war Jonathan Littell mit seinem Roman Die Wohlgesinnten. Ihm wurden die Sätze »Ich kam plötzlich. Es war ein Stoß, als ob jemand das Innere meines Kopfes mit einem Löffel auskratzen würde wie ein weichgekochtes Ei« zum Verhängnis. John Updike wurde 2008 von der Jury für sein Lebenswerk geehrt.
Rowan Somerville, in England geboren, nahm seinen Sieg mit Humor. Es sei eine Ehre, sich die Shortlist mit Autoren wie Jonathan Franzen und Christos Tsiolkas zu teilen. Und außerdem, fügte er hinzu, “gibt es nichts Englischeres als schlechten Sex.”
Die hier hatte Stanely Fish wahrscheinlich nicht im Sinn, als er den Begriff der interpretive communities erfand. Mit solchen Mutmachaktionen (“this book’s gonna be a good book”) wird in den USA jedenfalls versucht, Kindern das Lesen schmackhaft zu machen. Dass die Sängerin genauso klingt wie ihre Kollegin an einer anderen Schule soll uns nicht weiter stören. Wir haben ein anderes Problem mit der Aktion: Die lesen ja gar nicht!
Der zweite Tag des open mike wirkt abwechslungsreicher. Thematisch sind die Beiträge breitgefächert, der Gemütsballast, der die gestrigen Texte prägte, ist abgeworfen. Die Protagonisten sind quirliger, sie lassen sich nicht in Gedankenkäfigen und Wohnungen gefangen halten, sie lauern, phantasieren, gehen über Bord, reisen, beobachten, baden oder springen Seil.
Die drei Gewinner haben dennoch am ersten Tag gelesen: Janko Marklein, Jan Snela und Levin Westermann. Nur der taz-Publikumspreis wurde an einen Autor des zweiten Tages verliehen: Sebastian Polmans.
Gesamteindruck der beiden Tage: Handwerklich hohes Niveau, wenig begeisternde, überraschende Texte und ebenso wenig geht-gar-nicht-Beiträge. Insgesamt dadurch recht homogen. Schade eigentlich.
Eine normale Ehe, routiniert und ohne Überraschung. Doch dann sieht Er “eines Nachmittags” seine Frau Julia im Kaufhaus, alleine Torte essen, obwohl sie “den Süßkram“ sonst nicht mag. Seine Frau, eine Unbekannte? Das erregt ihn, er folgt ihr unauffällig, und in seiner Phantasie blüht die Beziehung neu und anders wieder auf. “‘Warum siehst Du mich so an?’ ‘Nichts’, sagte er, aber es fiel ihm schwer, seinen Blick von ihr zu wenden.” Das ist genau erzählt, schön im Spannungsaufbau, inhaltlich aber so interessant wie ein Kassenbrillengestell. Die verborgen-verklemmten Lüste des kleinen Mannes.
Schwelendstes Unwohlsein: “Aber es blieb ein Rest von Beunruhigung, der umso unangenehmer war, als er ihn sich selbst nicht recht erklären konnte.”
13. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 12.15 Uhr
Aus der Perspektive eines Mädchens ist die Welt eine große Verschwörung: Ihr Bruder fährt bestimmt mit ihr nach Schweden, sagt aber nichts, um sie zu überraschen. Die Nachbarin hat ihren Stundenplan auswendig gelernt, um sie vor dem Haus abzufangen: “Sag mal, ist der Simon wieder in der Klinik?” Simon ist depressiv, aber Louise verdrängt das und flüchtet sich in die „Göteborg“-Illusion. Im zweiten Teil der dysfunktionalen Familiengeschichte kontrastiert Katharina Hartwell Louises Perspektive mit der von Simon: „Manchmal reißt die Welt auf, dazu braucht es bloß einen Menschen, krank oder allein, eine tote Katze, dann stülpt sich der Raum um und ist fremd, und man kann nicht glauben, dass es irgendwann irgendwo wieder gut geht, das kann man nicht.“ Gelassen und genau erzählt, überträgt sich beim Hören und Lesen die Hilflosigkeit der Geschwister angesichts einer zerscherbten Welt. Von der Autoren-Jury wird der Text lobend erwähnt, und wir finden ihn auch ganz gut.
Unbeschwerteste Überzeugung: “Weiterwissen ist doch ganz einfach; Morgen ist Montag und dann Dienstag, und am Mittwoch haben wir Projekttag, da komme ich erst spät am Abend nach Hause.”
14. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 12.30 Uhr