14 Nov
Von goldmag
Auf hoher See, ein Mann gegen das Meer und die Crew und das Leben an sich. Als Deckhand auf einem Containerschiff von Hamburg nach Kuba, am Limit, drei Nächte ohne Schlaf. Doch Mann, merke: “Schwäche zeigen? Aufgeben? Wie geht das?” Christian Schichs Text ersäuft in Testosteron. Sogar die Kaffeebecher dampfen mit Druck. Bis ein Arbeitsunfall dem Protagonisten seine Grenzen zeigt. Er geht über Bord. “Und über mir schimmerte mein Leben, stahlgrau, durch eine Schicht aus unüberwindbarer Dunkelheit, ein Leben, auf das ich in diesem Moment wirklich keinen Bock mehr hatte.” Drown-Out statt Burn-Out? Aufgeben oder was? Christian Schich knallt beim Lesen die Wörter raus wie Kirschkerne beim Weitspucken. Bleibt unironisch kernig selbst dann, als sein Protagonist absäuft. Für Steuermann Vitali – Ex-Soldat, “ein Riese und dazu hart und kalt wie ein Stück Fels” – mimt er einen ukrainischen Akzent. Das ist wie Kasperletheater. Für richtige Kerle, versteht sich. Nix für uns.
Endgültigster Anfang: “In der ersten Nacht, schon nach den ersten Stunden, war es bitterkalt zwischen uns gewesen.”
15. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 12.30 Uhr
14.11.10, 21:11 | Kommentare deaktiviert
14 Nov
Von goldmag
Ein Roadmovie: Ins australische Outback, vom Schlachthof aus. “Es war die gottgewollte Ordnung, [...] Schenkel und Keulen wurden nach links – von Brat aus gesehen -, Lende, Schulter und Nacken nach rechts gegeben.” Dann lieber ein paar Lendchen im Kofferraum, und ein Stück Fleisch auf dem Beifahrersitz. Er nennt es Christiane. Tom Müller klemmt seinen Protagonisten zwischen “Himmel und Fleisch”. Ficken im “Hyperraum”, einem Klohäuschen an der Straße; das Kondom fliegt wie ein Propeller in die Wüste. Auf dem Rücksitz zwei Abiturienten mit identischen T-Shirts: “Abi-rigines”. Komisches Coming of Age. Die Reise läuft ins Leere, das Benzin geht zur Neige, ‘Christiane’ steigt zu einem Fettwanst ins Auto. Into the Wild II? Zwischen der Prophezeiung einer Sintflut und dem Rest Lende im Sand versickert der Text. Schon wieder eine ‘Ja-aber’-Erfahrung.
Bemühteste Coolness: “sag ich: che c’è? / sagt sie: erst mal nen Kaffee, wa / sag ich: dschäzzz / sagt sie: che c’è? / sag ich: erst mal nen Kaffee, wa”
Skurrilster Unsterblichkeitsversuch: “Aber in dem Latexschlauch würde unsere Spur noch eine Ewigkeit überdauern.”
16. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 12.45 Uhr
14.11.10, 21:11 | Kommentare deaktiviert
14 Nov
Von goldmag
Gewinner des taz-Publikumspreises
Kobe Bryant wartet auf den Bus, 15 Minuten bis die 3 kommt. Neben ihm eine Nonne, die Erdnüsse isst. Um den Hals ein Jesus am Kreuz mit leuchtendem Heiligenschein. “Bling, bling … Damit wahrscheinlich keiner mehr Angst hat”. Wenig geschieht, außer Warten, Beobachten, Denken. Die Nonne mit der souligen Stimme wippt “so ganz smooth” im Rhythmus des Kauens. “[W]enn ich meinen Arm ausstrecke, würde meine Hand ungefähr auf ihrer Schulter liegen. Natürlich mach ich das nicht. Can’t touch this…” Songtexte durchschießen den Text, die Erinnerung an den Tod der Mutter. Wortlose Annäherung, bis der Bus kommt. “Und ich sehe die Nonne, wie sie wie so ein Monstermagicmushroom auf den Gehweg und hinaus in diesen Höllenguss tippelt und verschwindet.” Den Kontrast zwischen der nervösen Spannung im Inneren Protagonisten und der ruhigen, fast statischen Situation lobte auch der Lektor. Respekt vor Sebastian Polmans, der in einem so winzigen Stück Welt eine so komplexe, eigenständige Figur schafft. Noch ein GOLD-Favorit.
Existentiellster Wortwitz: “Weißwaschschiss”
Sehnlichster Wunsch: “Und jetzt weiß ich auch, was ich sie fragen will, nämlich ob sie mir nicht auch eine Erdnuss unter ihrer Kutte hervorzaubern kann.”
17. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 14.15 Uhr
14.11.10, 21:11 | Kommentare deaktiviert
14 Nov
Von goldmag
Von Sebastian Polmans Peanuts zu den Erdnüssen. Dieses Mal werden sie allerdings im Nebenzimmer gegessen, von Paul, oder Klaus, oder Karl, ihrem Mann. Oder Freund? Wie eine “übermüdete Göttin” liegt sie in der Badewanne und denkt nach. “Seit drei Tagen haben wir nicht miteinander gesprochen. Ich glaube, wir lieben uns nicht mehr.” Statt mit Türen zu knallen, verspeist sie lieber ein paar Pillen und steigt ins Badewasser. “Träume sind Schäume”, alles gut, aber irgendwie telefoniert Paule zu laut. “Was hat der.” Keine Ahnung. Vielleicht ein paar Pillen zu viel, hm. Das “Schäfchen macht mäh”, und wir machen “hä?”.
Banalstes Selbstbild: “Ich bin auch nett. Meine Figur ist top und ich kann Klavier spielen.”
18. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 14.45 Uhr
14.11.10, 21:11 | Kommentare deaktiviert
14 Nov
Von goldmag
Interessant sind die Querverbindungen, die Maroldt zur Einleitung zwischen den Wettbewerbstexten zieht: Während bei Anne Krüger die Schafe blöken, werden sie in seinen Gedichten zu Labortieren, beim Autorenkollegen Tom Müller schließlich geschlachtet. Bemerkenswert. – Aber nun zum Text.
Routiniert gereihte Wortkaskaden, vertikal getürmte Wortungetüme. “& du, meine tandaradeimaschine, ihr / schlagt eure körperöffnungen auf / einander, jetzt kommt gesang – ich hör es genau / mit der wunden mundschlucht”. Je fremder ein Wort, desto sicherer ist’s gesetzt in Philip Maroldts Gedichten. Bedeutung? Überschätzt. “1 1 / strom”, sinn sinn los, in allerdings glasklarem Vortrag. Man hört es deutlich, nur verständlich wird das Sprachgehäufe nicht. “eden dekontaminieren / & andere worthülsen”.
Mühsehligstes Hobby: “ich-reste auflesen”
19. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 14.45 Uhr
14.11.10, 21:11 | Kommentare deaktiviert
14 Nov
Von goldmag
Madame Perignan, die Lehrerin, steht am Fenster, “da strömten die Kinder in den Hof, übergossen die Pflastersteine mit ihrem Geschrei”. Es ist heiß, es ist Sommer, von Beginn an kündigt sich etwas an, “etwas Anderes, Neues, Fremdes”. Was, ahnt man, sobald Claire vorgestellt wird, die als einziges Mädchen bei den Jungs steht. Jennifer de Negri beschreibt ein Schulhofritual: Die Jungs picken sich ein Mädchen heraus, das schließlich im Kreis der Mädchen den Namen ihres Liebsten preisgeben muss. “Kinderspiel, gleichzeitig Spaß und Ernst”. Ein stampfender Tanz (“Sacre du printemps” lässt grüßen), und Marie-Luise gesteht: “Claire!” Keine Reaktion im Publikum auf das schwülstig auserzählte Coming Out. “Der Rock rutschte nach oben, feingliedrige Knie” – in der Geschichte verrutscht das Sujet wie ein Toupé.
Abgenudeltstes Heile-Welt-Bild: ”Claire war anders als die anderen Mädchen, sie dachte nicht an ihr Haar und machte sich nichts aus den neuesten Pferdebildern, sie wollte rennen und raufen und zeigen, wie stark sie war, und dabei war sie so fröhlich und liebenswert, dass Madame Perignon sich bemühen musste, das Lächeln hinter ihrer Strenge zu verbergen.”
20. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 14.11.2010 – 15.15 Uhr
14.11.10, 21:11 | Kommentare deaktiviert
13 Nov
Von goldmag
Zwanzig Autorinnen und Autoren unter 35 Jahren lesen beim diesjährigen open mike der Literaturwerkstatt Berlin. Aus 700 Einsendungen hatten fünf Lektorinnen und Lektoren die Finalisten ausgewählt, die an zwei Tagen je 15 Minuten Zeit haben, ihre Texte vorzustellen. Wie in den Vorjahren, platzt die Wabe aus allen Nähten – an Publikum mangelt es dem Nachwuchswettbewerb wahrlich nicht. Agenten auf der Suche nach Talenten, Verleger, die sich informieren, Schreibende, die ihren Kollegen die Daumen drücken. Den ganzen Beitrag lesen »
13.11.10, 23:11 | 2 Kommentare »
13 Nov
Von goldmag
Rhythmisch gestaut ist der Sprachstrom in Stephan Reichs Gedichten, ein Wellen und Wogen, Anhalten und Fließen. Gebunden-gebrochen: “keep / me logged in log / me out”. Rauh ist die Stimme, sanft der Klang, mild die Klage. “zu / grabe geht wer & wer denkt / dass das leben nicht mehr sei / als schier nur die summe der teile”. Handrückenhügel, “die / nach der wahrheit lesen / & tasten”, knorrig verwachsen. Sex als Seestück: “muss forschen nach / heim & nach ruhe der see / gang deiner metronomischen brust”. Stephan Reich produziert live das behutsam tastende Denken – ein Stottern, ein schwerer Atemstoß. ‘Schön’, mag man sagen, ‘und’…
Behaglichste Ruhe: “so entstunden sich tage im mull”
1. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 13.11.2010 – 14.15 Uhr
13.11.10, 23:11 | Kommentare deaktiviert
13 Nov
Von goldmag
“[D]er Fuchs betrat schließlich die Stadt wie ein Schatten, wie ein stiller Bote aus einer älteren Welt.” Das Tier zieht geisterhaft durch die Menschenwelt, unbeeinflusst verlässt es sie wieder. Doch auf seinem Weg blickt es einem Menschen “bis ins Innerste”. Hans Jäger (!) stürzt durch die Begegnung mit dem Anderen, “rein und ursprünglich”, in einen Strudel der Vergeblichkeit: Das Leben, gescheitert! Uneigentlich und falsch das alles. Den verdichteten Moment der Erkenntnis gestaltet Martina Bögl als klassische Short Story. Well made. Und well known.
Cartesianischste Alltäglichkeit: “Er sah seine Hände an, die den Teller unter den Wasserstrahl hielten, und er sagte noch einmal, meine Batterie ist leer, und jetzt hatte er schon zwei Indizien dafür, wirklich hier zu sein, seine Stimme und seine Hände, die unter dem heißen Wasserstrahl brannten.”
2. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 13.11.2010 – 14.30 Uhr
13.11.10, 23:11 | Kommentare deaktiviert
13 Nov
Von goldmag
“menschenscheue hotels, / die sich von ihren zugewiesenen / badeorten längst losgesagt haben” – ein markant gelesener Auftakt. Doch dann presst ein bedächtiger ‘buulldooozer’ die Sprache zu Inhaltseinerlei. “mein kopf ist ein steakrestaurant, in dem / man seine henkersmahlzeit zu sich / nimmt”. Aha. “mein körper ist sand / im getriebe der stadt“. Gähn (unterdrückt). Die Unwirtlichkeit der Städte und die Liebe im Neonzeitalter: “meine adams-augen / sind leuchtreklamen und du bist mein strom / ausfall”. Hach. Man wird den Eindruck nicht los, dass Jan Skudlarek “die gitterstäbe der wahrnehmung” den Blick verstellen. Zu bedacht sind die Texte auf “die eingelochten kalauer”. “heute wenden wir / unsere wörter drehen sie bis sie passen / durch den fleischwolf (eine märchenfigur).” Hm ja, ist das Selbstironie? Ein Geständnis?
Ästhetischste Melancholie: “blättert rost von den schalen der personen”
3. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 13.11.2010 – 14.45 Uhr
13.11.10, 23:11 | Kommentare deaktiviert