Jasmin Seimann – Herr Peichel
“Einen schönen Nachmittag, liebe Literaturfreunde aller Altersstufen”, begrüßt uns Lektorin Christiane Schmidt, zur Kaffeekranzlesung über die Annäherung zwischen Jung und Alt. “Herr Peichel”, Rentner und sonderbar, gräbt sich seit Jahrzehnten in seiner Wohnung ein. Seit seiner Entlassung aus dem Lazarett 1946, genauer gesagt. Bücher schreibt er. Isoliert sich, vielleicht wegen einer Gesichtsverletzung. Einmal noch streckt er vorsichtig seine Fühler aus Richtung Außenwelt, nimmt Kontakt auf mit Martin, dem Zivi. Merkt, dass er den Gedanken nicht mehr erträgt, “wie er und sein Leben vielleicht auf andere wirken könnten”. Herr Peichel ist ein Déja-vue: Ein Rentner und seine beengte Welt, das Vergangene, das die Gegenwart zu ersticken droht – das erinnert an Inger-Maria Mahlkes Siegertext aus dem Vorjahr. Aber Peichel hat noch Potentiale, ist nicht so erstarrt oder bösartig wie Hermann M.: “Mit kindlichem Glanz in den Augen” schaut der alte Mann in den schneeigen Himmel. Blutig rot mischen sich Kriegserinnerungen mit dem fallenden Schnee, Thomas Manns “Der Zauberberg” und “Schneewittchen” tanzen Reigen. Doch leider sind die Dialoge trocken wie alter Keks, die Absichten des Textes – subtil! subtil! – drängen sich auf wie Fliegen, und die Figur des Herrn Peichel bleibt ein Pappkamerad.
Aufdringlichstes Zwischen-Den-Zeilen: “Die Haut spannte, machte den sinnlosen Versuch, sich auszudehnen, doch die Narben ließen das nicht zu.”
4. Wettbewerbsbeitrag beim open mike, 13.11.2010 – 15.00 Uhr